interview:

Marc Almond
"... ich warte einfach was kommt
und was passiert, dass passiert eben."

Marc AlmondFast pünktlich zum Erscheinen des neuen Albums von Marc Almond "Heart On Snow" fiel der erste Schnee in Europa. Auch wenn er nicht liegen blieb, es nur für einen kurzen Moment war... Mr. Almond schlägt sich nach eigener Aussage mit einer Erkältung herum, der Winter ist also auch hier angekommen... stimmungsvoll genug um sich in eine Decke zu kuscheln, heißen Tee aus dem Samowar zu trinken, den Klängen dieses Albums zu lauschen und mit einer "lebenden Legende" (zumindest für mich, der ich das Schaffen dieses Künstlers schon seit über 20 Jahren verfolge!) ein paar Worte zu wechseln ...


GW: Wenn man dem Album "Heart On Snow" vielleicht den Untertitel "Eine Reise tief in die russische Seele" geben würde... Wie würdest Du in Deinen eigenen Worten den "Geist der russischen Seele" beschreiben?

Marc: Ich denke das ist sehr schwer zu beschreiben, für einen Westeuropäer. Dieses Album ist mehr eine Beschreibung, meiner persönlichen Eindrücke der russischen Musik. Es ist sehr schwer für mich, wirklich nachzuvollziehen was "die russische Seele" ist. Die meisten Leute in Russland haben ein sehr schweres Leben, viele sind sehr arm. Aber trotzdem sind die Leute voller Hoffnung und Stolz. In ihrer Vergangenheit sind sie sehr oft unterdrückt worden. Es gab sehr viele Kriege. Und so ist es sehr schwer für einen Westeuropäer nach zu empfinden, was das russische Gefühl ist. Aber für mich war wichtig was die Musik dieses Landes in mir auslösen kann. Die Inspiration für mein Leben, meine künstlerische Arbeit die diese Musik für mich sein kann. Etwas das meine Reise in diese Musik beschreibt. Und es war eigentlich mehr als eine Reise. Es begann vor ca. 10, 11 Jahren als ich das erste Mal in Russland war. In der Zwischenzeit hat sich so viel verändert. Aber ich kann natürlich nicht richtig nachvollziehen was ein russischer Mensch empfindet.

Marc AlmondGW: Ich habe schon einige moderne, junge, russische Autoren gelesen und dabei hatte ich das Gefühl, das ein sehr bestimmender Punkt der "russischen Seele" diese seltsame Mischung aus Tragik und fast sarkastischer Ironie ist.

Marc: Das ist wahr. Wie soll man das beschreiben? Dieses Volk hat soviel verloren in seiner Geschichte, so viel Unterdrückung, so viele Kriege, soviel Hunger und Armut, aber trotzdem sind die Menschen dort sehr stolz. Sehr stolz darauf wie sich ihr Land verändert hat. Aber genauso sind sie auch sehr stolz auf ihre Geschichte. Und ich denke das ist eine wichtige Grundlage für diesen seltsamen zynischen, sarkastischen Humor. Ein wenig scheinen sie aber auch die Beziehung zu ihren Wurzeln zu verlieren. Als wir an dem Album arbeiteten, viel mir auf das viele junge, sehr junge Menschen in Russland ihre Wurzeln, ihre Geschichte nicht mehr kennen, sie verlieren. Sie nehmen sich jetzt soviel von der westlichen Kultur, für ihr Leben, für ihre Inspiration und ich denke das ist ein wenig tragisch für ein Land in dem sich so viel verändert. Aber vielleicht ist das ein Weg den Russland gehen muss, bevor es sich wieder seiner eigenen Geschichte annähert.

GW: In deiner mittlerweile mehr als zwanzigjährigen Karriere, hast Du Dich immer wieder von verschiedenen Musikstilen, untypischen Musikstilen inspirieren lassen. Mitte der 80er waren es sehr starke spanische Einflüsse, später der französische Chanson, jetzt die russische Musik... was macht es für Dich so interessant mit diesen verschiedenen Musikstilen zu arbeiten?

Marc: Ich habe mich schon immer für andere Musikstile interessiert. Gerade spanische Musik oder der französische Chanson, waren Dinge die ich gehört habe als ich jung war. Die mich berührt haben, die etwas in mir ausgelöst haben. Ich versuche einfach all die Dinge in der Musik zu verwenden, die mich inspirieren, die ein Gefühl in mir wecken. Als ich Anfang der 80er damit anfing, die spanischen Einflüsse in meine Musik zu bringen, da war es etwas Neues. Es gab nicht viele Leute damals, die so etwas gemacht haben. Genau das Selbe war es damals, zumindest in Groß Britannien, als ich begann französische Chansons in Englisch zu übertragen und zu singen. Kaum einer verstand mich damals. Aber für mich ist es die normalste Sache der Welt, Einflüsse aus verschiedenen Ländern in meine Musik zu nehmen. Inzwischen ist das ja auch gar nichts Besonderes mehr. Viele Musiker tun das... RnB wird mit arabischen Rhythmen gemischt, mit Flamenco, mit Akkordeon... Ich denke einfach, Musik ist ein großer Schmelztiegel und es ist nicht mehr so ungewöhnlich. Bei diesem Album ist die Ausnahme vielleicht, das kaum ein westlicher Künstler wirklich in Russland war. Für eine sehr lange Zeit. Um so ein Album zu machen. Mit russischen Musikern, russischen Liedern etc. Es war sehr schwer für westliche Künstler so etwas zu tun. Es war ebenso schwer für mich, aber ich bin sehr glücklich dass ich die Chance hatte dies zu tun. Es ist auch mehr das Album des Produzenten (Micha Kucherenko) als es mein Album ist. Dies war sein Traum. Ein Album voller russischer Musiker und russischer, romantischer Lieder mit einem westlichen Sänger zu machen... und ich habe ihm einfach nur geholfen diesen Traum zu realisieren.

GW: Würdest Du sagen, dass es schwierige ist, dieses Album nun in Westeuropa... sagen wir mal zu promoten? Die Leute darauf aufmerksam zu machen...

Marc: Es ist eine seltsame Sache. Die Art wie dieses Album entstanden ist... so etwas ist normalerweise für die Leute nicht relevant. Das fertige Produkt zählt bisher immer. Aber hier scheint das irgendwie anders zu sein. Vielleicht ist das auch der Grund... Ich war sehr überrascht... Micha hat das ganze Album bezahlt, es ist sein Geld und ich habe zu ihm gesagt: "Du willst ja Dein Geld auch nicht in einen Fluß werfen! Ich weiß nicht wie die Leute auf dieses Album reagieren werden, ob sie es überhaupt annehmen, besonders im Westen..." und ich war sehr überrascht, sehr glücklich das dieses Album auf so starkes Interesse gestoßen ist. Überall. Ich denke das hat auch etwas damit zu tun, dass die Leute eigentlich gar nichts über Russland wissen. Es ist einfach ein großes Mysterium. Aber die Leute sind fasziniert davon und ich habe überhaupt keine Probleme dass Interesse an diesem Album zu wecken.

Marc AlmondGW: In einem anderen Interview hast Du gesagt, dass Du während der Arbeit an "Heart On Snow" in Russland gelebt hast. Nicht einfach in einem Hotel oder so, sondern richtig in einer Wohnung. Ich erinnere mich, dass Du auch eine Zeitlang in Spanien gelebt hast, damals als Deine Musik noch sehr spanisch beeinflusst war. Ist es wichtig für Dich, wenn Du mit der Musik anderer Länder arbeitest, dort auch zu leben. Sozusagen in das wirkliche Leben dieser Kulturen einzutauchen?



Marc: Ja, für mich ist das sehr wichtig. Ich versuche immer den Geist der jeweiligen Musik zu erfassen... wenn wir vorhin über die "russische Seele" gesprochen haben, ich denke, dass man dies überhaupt nicht begreifen kann, wenn man einfach nur ein Tourist ist. Man sollte schon einige Zeit dort verbringen. Ich habe im letzten halben Jahr sehr viel Zeit dort verbracht und mir deshalb eine Wohnung genommen. Weil es auch einfach zu teuer war, ständig hin und her zu fliegen, oder andauernd zwei Wochen in irgendeinem Hotel zu verbringen. Aber selbst als das Album fertig war, habe ich das Appartement behalten, denn ich habe inzwischen sehr viele Freunde dort und ich werde auch immer mal wieder dort hingehen. Ich habe auch immer wieder mit den Leuten dort richtig zusammengelebt. Nicht einfach nur wie ein Tourist, der zum Roten Platz geht, sich den Kreml anschaut und dann wieder ins Hotel geht. Und so hatte ich natürlich einen sehr genauen Einblick in das wirkliche Leben dort. Auch in die verschieden Gesellschaftsschichten dort. Manchmal war ich bei Leuten in ihren Wohnungen zum Essen eingeladen, dann habe ich auch hin und wieder mit Leuten zusammen gesessen die auf der Strasse leben... so habe ich diese beiden grundsätzlich verschiedenen Lebensweisen in Russland kennen gelernt. Und die Unterschiede sind sehr groß dort. Das gab mir aber auch eine Menge Inspiration für dieses Album. Eindrücke die ich aber nicht nur in diese Platte einfließen ließ, sondern die mich weiterhin begleiten werden. In meinem eigenen Leben.

GW: Wie muss man sich eigentlich die Arbeit an den Texten vorstellen? Im Original waren sie ja logischerweise in Russisch, dann hat sie Dir jemand übersetzt, oder nur den Inhalt erzählt und Du hast sie übersetzt...

Marc: Ja. Das ist auch so eine Sache, die bei diesem Album so ungewöhnlich war. Eine Auswahl aus all den Songs zu treffen, die mir Micha vorstellte, von denen er mir erzählte. Wie sollte man die richtigen Lieder finden? Es waren ungefähr hundert Songs und wie sollte man da eine Auswahl treffen? Vor allem ich, der ja nicht einmal wusste worum es in den Liedern eigentlich geht. Aber Micha war sozusagen mein Führer durch diese Lieder, diese Welt und wir versuchten Songs zu finden, die so etwas wie einen "Marc Almond Style" hatten. Micha hat sie dann übersetzt, was aber auch wieder so eine Sache war. Denn eigentlich funktionieren die Songs nicht in Englisch. Und so nahm ich dann meistens seine Übersetzung, und versuchte sie wieder in eine neue Übersetzung zu bringen, die mehr den Sinn und das Gefühl hinter den einzelnen Stücken transportierte, denn Wort für Wort. So dass sie für mich einfach besser passten, aber ohne die grundsätzliche Bedeutung zu verlieren. Ja, auch um ihnen so ein wenig einen "Poptouch" zu geben. Es war schon ziemlich seltsam. Manchmal kam ich mit der endgültigen Übersetzung erst zwei Stunden bevor wir ins Studio gegangen waren, an. Das war schon sehr verrückt und auch das harte an der Arbeit bei diesem Album. Es klingt wie eine Platte voller einfacher Lieder, dabei ist soviel dahinter.

GW: War es eigentlich schwierig für Dich die verschiedenen russischen Passagen zu lernen? Russisch ist ja doch eine komplett andere Sprache als z.B. Englisch.

Marc: Naja, es ging so. Ich habe diese Zeilen eher phonetisch gelernt, sie mir also so aufgeschrieben wie sie klingen und nicht wie sie wirklich buchstabiert werden. Micha hat auch sehr intensiv mit mir an der Aussprache gearbeitet und er sagte mir, dass die Leute schon verstehen was ich da singe, wovon ich nicht unbedingt ausgegangen bin. Aber es gab einige Konzerte die ich in Russland gab, wo ich die ersten Male in Russisch sang, und es gab standing Ovations und die Leute stürmten die Bühne, bewarfen mich mit Blumen... das war ein großartiges Gefühl für mich, zu erkennen dass die Leute mich akzeptierten wie ich russisch sang.

GW: Du hast damals ja auch "Cara a Cara" in spanisch gesungen, auf dem "Absiynthe" Album einige französische Zeilen...

Marc: Ja. Obwohl ich nicht einmal denke, dass ich besonders gut darin bin, fremde Sprachen zu lernen. Das habe ich vor allem jetzt auch in Russland gemerkt. Ich muss schon einige Zeit in einem Land verbringen, um auch nur ein kleines Stück der Sprache zu begreifen, geschweige dann zu lernen. Und nicht einfach irgendwelche Kassetten oder Bücher mit diesen Lernprogrammen zu nehmen. Mein Problem ist, das ich mich bei solchen Sachen nie gut daran erinnern kann, dieses reine auswendig lernen von Wörtern, das liegt mir nicht. Am Anfang klang es auch in meinen Ohren sehr komisch, mich russisch singen zu hören. Aber es musste auch sein. Z.B. bei Alla Bayanova, sie ist eine lebende Legende in Russland und sie hasst Englisch, so musste ich also diese Lieder mit ihr in ihrer Sprache singen. Sie hat niemals in ihrem Leben auch nur eine Zeile in Englisch gesungen und bei unserem Lied hat sie dann zum ersten mal ein, zwei Zeilen Englisch gesungen. Als wir dieses Lied live gesungen haben, sie eine absolute Legende in der russischen Musik, sie ist 96 Jahre alt und steht immer noch auf der Bühne... sind die Leute komplett ausgerastet. Sie hatten noch nie zuvor auch nur ein englisches Wort in ihrer Musik gehört und plötzlich funktionierte es. Das war ein sehr großartiges Erlebnis, wie Musik dann doch Grenzen überschreiten kann.

Marc AlmondGW: Würdest Du eigentlich sagen, dass die sehr erfolgreiche Reunion von Soft Cell, das Publikum hier etwas mehr aufmerksam auf Deine Soloarbeiten macht. Ich frage das, weil ich immer wieder erlebt habe, das Leute auf Deinen Solokonzerten waren, und ständig darüber meckerten dass Du "Tainted Love" nicht spielst.

Marc: Ich denke so gar nicht über diese Dinge nach. Es sind zwei komplett verschiedene Sachen. Ich denke Soft Cell und meine Soloarbeiten haben ein total anderes Publikum. Das Publikum das Soft Cell mag, kann nicht unbedingt soviel mit meinen anderen Sachen anfangen. Das ist dass was Du erlebt hast. Ich musste es auch erst lernen, dass die Leute dann doch "Tainted Love" oder "Say Hallo Wave Goodby" hören wollten. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass diese Lieder einfach zu mir gehören, obwohl ich mich wirklich lange, lange Zeit gegen diese Songs gewehrt, dagegen angekämpft habe. So musste ich erst selbst wieder den Spaß daran entdecken. Ich kann nicht ständig diese Lieder singen. Aber trotzdem denke ich dass es zwei verschiedene Sachen sind. Ich glaube auch nicht, dass die Leute die jetzt Soft Cell hören sich groß für "Heart On Snow" interessieren werden. Leute die auf diese elektronische Musik stehen, werden wohl kaum ihr Interesse für eine traurige, dunkle, russische Platte entdecken. Umgekehrt halte ich es für wahrscheinlicher. Aber im Endeffekt sind das keine Dinge über die ich mir den Kopf zerbreche. So etwas passiert oder passiert eben nicht. Ich tue einfach das was mir Spaß macht. Es war genauso erstaunlich in Deutschland dieses Lied mit ROSENSTOLZ zu machen und es hat mir auch ziemlichen Spaß gemacht. Aber es hat nicht unbedingt meinem Album "Stranger Things" geholfen. Ich hatte mit diesem Album ziemliche Verluste... manchmal bedingen einige Sachen andere, manchmal eben nicht. Aber ich warte einfach was kommt und was passiert, dass passiert eben.

GW: Gibt es eigentlich irgendwelche Pläne zumindest einen Teil von "Heart On Snow" hier in Europa live zu spielen? Ich meine von Auftritten in Russland gehe ich einfach mal aus.

Marc: Marc Almond
Wir haben so eine Art Dokumentation über dieses Album gemacht. Es gab einige Konzerte im Februar in Russland, mit vielen musikalischen Gästen, die wir aufgezeichnet haben. Das ganze wird dann eben mit dieser Dokumentation auf DVD erscheinen. Es ist einfach sehr schwierig, all diese Leute, die an dem Album mitgewirkt haben, zusammen zu bekommen und dann auch noch quer durch Europa zu schleppen. Selbst wenn z.B. Alla mit ihren 96 Jahren noch auf der Bühne steht, so ist es doch unmöglich sie und noch ca. 40 - 50 russische Musiker mit auf eine Tour quer durch Europa zu nehmen. So werden wir halt diese DVD machen. Natürlich werde ich das eine oder andere Lied mit meiner Band, bei meinen Soloauftritten spielen, aber das war es dann auch schon.

GW: Puuuh, das waren eigentlich auch schon alle meine Fragen.

Marc: (lacht) Keine Fragen mehr?

GW: Nein, eigentlich nicht, das war so ziemlich alles was ich wissen wollte.

Marc: (immer noch lachend) Naja, wahrscheinlich liegt das auch daran, dass ich andauernd drei, vier Fragen in einer beantworte.

GW: Ja aber das ist ja auch kein Problem, so kannst Du Dich einfach noch ein wenig um Deine Erkältung kümmern.

Marc: Ja auf jeden Fall. Danke. Ich hoffe aber auch das ich in absehbarer Zeit mal wieder ein paar Konzerte in Deutschland geben werde, es wäre langsam an der Zeit....

GW: Das wäre schön, dann...

Marc: Es hat sehr viel Spaß gemacht mit Dir zu sprechen, danke für das Interview.

GW: Wir haben zu danken für das Interview. Dann wünsche ich Dir alles Gute und bis bald.

Marc: Thanks, by!


Thomas Sabottka für GOTHICWORLD



Review zu "Heart On Snow"

Homepage (von der auch die Fotos sind): www.marcalmond.boom.ru