special:

Halloween mit
ANTIMATTER & AUTUMNBLAZE (unplugged)

31. Oktober, Berlin, Kalkscheune

Am Vorabend von Halloween lief auf Pro7 der ziemlich nervenzehrende Film "Experiment". Gedreht nach einem wahren soziologischen Versuch, bei dem die Probanten wahllos in Wärter und Gefangene eingeteilt wurden. Letztlich läuft das Experiment total aus der Bahn und muss als gescheitert angesehen werden…

Ähnlich experimentell das Vorhaben diverser Veranstalter und Sponsoren, unter ihnen auch unser Schwestermagazin "Whiskey-Soda" und der Sonic-Seducer. Der Gedanke im Hintergrund: An Halloween sollte es einen Schnittpunkt zwischen Szene und Mainstream geben. Und dort setzte man an. Die drei Räumlichkeiten der Berliner Kalkscheune plus großer Innenhof waren thematisch aufgeteilt und boten für jeden Geschmack etwas. Leider zeigte sich recht schnell, dass Gothic-Ladies in schwarzen Lackkleidern und kunstvollen Frisuren mit Hip-Teens in Blue-Jeans und aufgeklebten Hexennasen keinen gemeinsamen Nenner haben. Während im größten Saal das Gros der Gäste zwischen bunten Luftballons zu alltagstauglicher Musik im Gedränge tanzte und den Alkoholika der Sponsoren zusprach, blieb es im Keller lange Zeit relativ leer. Hier aber war eindeutig die Liebe der Macher zum Projekt zu spüren: Styropor-Grabsteine, Spinnenweben, offene Särge, allerlei Getier und Gewürm, Ketten und Morgensterne… toll, toll, toll. In der Gruft gab es auch ansprechend was auf die Ohren, wenn auch sehr electrolastig, und schon bald war dies das Refugium für die, die bunten Luftballons gerne die Fülle genommen hätten. Um es noch mal zu betonen: Hochachtung vor der Mühe und der Liebe zum Detail!!!

AutumblazeDen leider undankbarsten Job des Abends hatten ANTIMATTER und AUTUMNBLAZE. Im kleinsten, wärmsten und stickigsten Raum hatten sie ihre Auftritte zu absolvieren. Es war der zweite Gig ihrer Unplugged-Tour, es ist ihnen zu wünschen, dass sie sich das Publikumsinteresse nicht noch öfter teilen müssen. AUTUMNBLAZE waren die ersten, die auf die Bühne mussten, und was es klanglich zu erleben gab, war den Umständen entsprechend top. Drei Gitarren und ein passgenau eingesetztes Schlagzeug zauberten eine Stimmung in das kleine Kabuff, bei der so manchem Ignoranten die Ohren klangen. Wunderschöne Melodien entsprangen den Saiten, immer kunstvoll am Leben gehalten vom sanften Druck der Drums. Die Stimme beständig am Rand zur Verwechslung mit SILKE BISCHOFF und doch eigen. Beinah mühelos trieb sie über dem Klangteppich und machte große Lust auf mehr. Meine Freundin brachte es auf den Punkt: "Die Stimme klingt wie der Moment, in dem man sich die Klinge über die Ader zieht!" Treffend. Da sich im Raum eigentlich nur Leute aufhielten, die die Bands wirklich hören wollten, kam hier erstaunlich schnell eine familiäre und heimelige Stimmung auf. Ungetrübt wurde man entführt und lustwandelte in den feinen Arrangements von AUTUMNBLAZE. Restlos überzeugt wurde ich - um nur einen Song aus dem hochkarätigen Set herauszugreifen - von "The wind and the broken Girl" von ihrer 2000er Scheibe. Nach viel zu kurzen 40 Minuten war das Set beendet und beinah übergangslos enterten ANTIMATTER die Bühne.

AntimatterBeschränkt auf zwei Gitarren ließen es die beiden Herren dennoch ziemlich krachen. War das erste Set aus einem Guss, so setzte sich bei ANTIMATTER die Vielfalt durch. Sanfte, fast klagend schöne, langsame Songs wechselten mit stärkeren Griffen in die Saiten - ohne dabei zu willkürlich zu wirken. Die Stimme - durch die Abwesenheit verstärkender Elektronik - rückte mehr noch als bei AUTUMNBLAZE in den Vordergrund und wirkte noch einen Tick intensiver. Obwohl es langsam unerträglich heiß im Raum war, folgten die Zuhörer gespannt jedem einzelnen Titel. Ich ertappte mich dabei, unversehens ins Schwärmen und Träumen zu geraten, so einhüllend und jede Faser der Aufmerksamkeit fordernd war das musikalische Geschenk. Es hatte den Anschein, als rase ein unbeleuchteter Zug durch die Nacht und alle Passagiere fühlten sich in den Armen des Personals geborgen und sicher. Die Reise hätte endlos dauern können, leider erreichte auch dieser Zug viel zu schnell (ebenfalls nur etwa 45 Minuten) den grell beleuchteten Bahnhof.

Leider sind alle anderen Konzerte der Unplugged-Tour sehr weit weg, zu gern hätte ich mir das alles noch mal in einer Atmosphäre gegönnt, die ausschließlich auf die Künstler zugeschnitten ist. Nach dem Eindruck der Konzerte hielt mich so recht nichts mehr bei der Party, die leider nicht Fisch und nicht Fleisch war, bei allen positiven Ansätzen, die es gab. AUTUMNBLAZE und ANTIMATTER waren die Krone mit Diamanten und Rubinen auf diesem Abend, der im Ganzen eher im grauen Gewand daherkam. Schade, denn die Idee war so schlecht nicht, auch wenn dieses Experiment wahrscheinlich scheiterte …

Mal schauen was Ritchie in Karlsruhe erlebt ...
(Bericht mit Interview und Livefotos folgen im nächsten update)


Daniel "Bela" Bartsch für GothicWorld


ANTIMATTER, akuelles Album: "Lights Out"
AUTUMBLAZE, aktuelle CD: "Lighthouses"


www.propecy.cd und http://antimatter.free.fr/uk