interview:

EBOLA JOY
"Dimensionen voller Facetten"

Ebola JoyEbola Joys Musik ist dunkel, sie ist bedrohlich, sie ist melancholisch, vor allem aber ist sie intensiv und in ihrer (ausschliesslich) emotionalen Konsistenz das metallisch unterlegte Pendant zu einer rein elektronischen Band wie Diary of Dreams.

Doch selbst wenn Sänger –aL- „You Have No Choice“ singt, dann klingen diese Zeilen nicht hoffnungs- oder ausweglos, im Gegenteil. In die Melancholie mischen sich dezent und kaum wahrnehmbar Untertöne ein, die Hoffnung verbreiten und den Blick erwartungsvoll nach vorne richten lassen. „Sitra Achra“, das mittlerweile dritte Alben der Tschechen, beweist zudem, dass die Musikszene im ehemaligen Ostblock auch für die verwöhnten Westohren noch einiges zu bieten hat, denn musikalische Quervergleiche Ebola Joys mit anderen Bands sind aufgrund der Stilvielfalt von vorneherein zum Scheitern verdammt.

Ebola Joy selbst bezeichnen ihre Musik als „Dark Electronic Music“, was aufgrund des recht hohen Metalanteils jedoch auch nur einen vagen Anhaltspunkt liefern kann. Lassen wir also York, Sänger und Gitarrist dieser ungewöhnlichen Formation selbst zu Wort kommen, indem wir einen Rückblick auf die musikalische Entwicklung der Band nehmen.


York:Ebola Joy wurden 1997 gegründet und bestehen aus -aL- an den Keyboards und Gesang und mir, York, an der Gitarre. Bei Konzerten werden wir von Ricardo unterstützt, der die Sequenzer bedient. Zu Beginn hatten wir noch eine Sängerin, aber das ist bereits lange Geschichte. –aL- wurde ursprünglich von Depeche Mode und The Cure beeinflusst, später kamen dann noch Moonspell, Anathema und Type O Negative hinzu. Ich habe anfangs Metal gespielt und mich für Bands wie Sepultura, Testament, Annihilator und Slayer interessiert, aber auch für Bands wie Pink Floyd, My Dying Bride und Nephilim. Im täglichen Leben sind wir zwei vollkommen gegensätzliche Charaktere, die durch die Musik verbunden sind und einen eigenen Stil geschaffen haben, der nur schwer zu beschreiben und in der Tschechischen Republik einzigartig ist.

Ebola JoyGW: Denkst du, dass Bands wie Katatonia, Anathema oder Type O Negative einen wichtigen Einfluss auf die musikalische Entwicklung von Ebola Joy gehabt haben?

York: Wir haben uns nie gesagt “lass uns versuchen wie diese oder jene Band zu klingen”, daher würde ich auch nicht von Einflüssen reden wollen. Um ehrlich zu sein, sind wir mit Katatonia und deren Repertoire auch nicht vertraut. Inspiration finden wir in unserem täglichen Leben und in der Realität, die uns umgibt, aber ich muss gestehen, dass wir schon Bands wie Anathema, My Dying Bride, Pink Floyd und viele andere hören.

GW:Wie seid ihr auf diesen ungewöhnlichen und voller Gegensätze steckenden Band namen gekommen? Was war die Idee, die ihr mit diesen gegensätzlichen Begriffen verbinden wolltet?

York: Ich habe den Namen und unser Logo erfunden. Der Name spiegelt den Kontrast wieder zwischen „Ebola“, einem Virus, der zum Tode führt, und Joy, einem Mädchennamen, der für den Beginn des Lebens, der Hoffnung, der Unschuld und der Fröhlichkeit, also allem Schönen, das uns umgibt, einsteht. Auch das Logo trägt eine Message in sich. Schwarz zu Weiss, Gut zu Böse. Natürlich erwartet uns, um von Weiss zu Schwarz zu gelangen, die ganze Farbpalette, und genau darin liegt die Substanz von Ebola Joy begründet. Wir sind nun mal nicht nur schwarz, sondern in unserer Produktion spiegelt sich das ganze Leben wider, und das ist voller Farben.

Ebola JoyGW: „Sitra Achra“ ist bereits euer drittes, in Eigenregie veröffentlichtes und finanziertes Album, was für mich nicht nachvollziehbar ist. Bereits der Vorgänger „In The Name…“ hätten einen Plattenvertrag verdient und es scheint beinahe so, als ob die Verantwortlichen bei den Plattenfirmen wieder mal den Schlaf des Gerechten schlafen. Gab es keinerlei Angebote oder waren andere Gründe ausschlaggebend, dass ihr „Sitra Achra“ doch wieder selbst veröffentlicht habt?

York: Wir haben alle unsere drei CDs aus einem ganz simplen Grund selbst produziert: das uns offerierte Geld der Plattenfirmen reichte für die Umsetzung unserer Ideen einfach nicht aus. Ich besitze ein eigenes Studio „Zoom“, wo wir in absoluter kreativer Freiheit an unseren Ideen arbeiten können. Sicher haben wir das Verlangen nach dem perfekten Album, aber auf der anderen Seite suchen wir nach einem Label und einem Management, das uns Qualität garantiert. Mittlerweile ist uns bewusst geworden, dass wir solch eine Firma in der tschechischen Republik nicht finden, daher konzentrieren wir uns nun auf ausländische Labels. Musik kommt für uns an erster Stelle, daher verlangen wir auch erstklassige Konditionen.

GW: Wie beurteilst du die musikalische Entwicklung, die Ebola Joy seit der Veröffentlichung von “In The Name ...” durchlaufen hat?

York:Als unsere grösste Stärke betrachten wir die Tatsache, dass wir unseren eigenen Stil und ein eigenes Profil entwickelt haben. Das zeigt sich bereits im Namen. „Sitra Achra“ ist beständiger und kompakter und besitzt mehr Klasse, da wir eine Reihe von Konzerten absolviert hatten und somit besser harmoniert haben. Wir betrachten „Sitra Achra“ als ganzes, aber das ist natürlich Ansichtssache. Wir bekommen grossartige Reaktionen aus der ganzen Welt und bereiten uns gerade wieder auf neue Aufnahmen vor, die uns noch eine Schritt voran bringen werden. Härte und Geschwindigkeit sind uns dabei nicht wichtig, im Gegensatz zur Präsentation von Erfahrungen und Gefühlen. Wir haben bereits sieben Songs fertig, sorgen uns aber um die technische Umsetzung, da unsere finanziellen Mttel wieder sehr begrenzt sind, vor allem im Hinblick auf die Sequencer.

GW: Wann habt ihr mit den Arbeiten zu „Sitra Achra“ begonnen und woher habt ihr eure lyrische und msuikalische Insoiration bezogen? Was bedeutet „Sitra Achra“ überhaupt?

York: Die Ideen kamen innerhalb von sechs Monaten, nur dauerte es eine ganze Zeit, bevor wir die Sachen einspielen konnten. „Sitra Achra“ kommt aus dem Hebräischen und bedeutet soviel wie „die andere Seite“. Dies ist symbolisch gemeint und bezieht sich auf eine andere Dimension, die sich einem öffnet, sobald er die ersten Töne vernommen hat. Eine Dimension, die einen gefangen nimmt und starke Gefühle beinhaltet, die unter die Haut gehen; die einen hinwegtragen und verschlingen. Dies zu beurteilen liegt aber an jedem selbst.

Ebola JoyGW: Eure Texte vermitteln neben ihrer melancholischen und düster bedrohlichen Stimmung zuweilen den Eindruck, als ob sie dem Leben ablehnend gegenüber stehen. Woher kommt dieses tiefe melancholische Gefühl, aber auch der Wille, sich nicht diesen Emotionen willenlos zu ergeben?

York: Wir betrachten unsere Musik nicht als böse oder dunkel. Alles dreht sich um unsere Gefühle und unsere täglichen Erlebnisse. Nichts ist kalkuliert, alles entspringt unserem Inneren. Unsere Musik ist aufrichtig und und nicht abstrakt, eher melancholisch als dunkel: real eben. In dieser Richtung würden wir gerne weiter arbeiten. Bislang hat –aL- die meisten Texte geschrieben, aber auf dem neuen Album werden sich hoffentlich auch ein paar meiner Texte wiederfinden.

GW: Etwas von dieser lebensbejahenden Einstellung findet sich auf eurer Homepage wieder, wo man ausserdem mehr als einmal den Eindruck bekommt, dass ihr das Leben wirklich als lebenswert betrachtet und man nicht alle Dinge im Leben zu ernst nehmen sollte, ohne gleich in Depressionen zu ersticken.

York: Unsere Homepage ist integrativer Bestandteil unserer Palette an Farben, die auch visuell ihren Niederschlag findet. Wir sind ganz normale Menschen, besitzen einen ausgeprägten Sinn für Humor, und freuen uns auch über kleine Dinge. Das Leben ist viel zu kurz um darüber zu grübeln. Unsere Musik soll von Depressionen befreien, und nicht dazu verführen. Die Resonanz unserer Fans zeigt uns auch ganz deutlich, dass uns das sehr gut gelingt, was uns sehr glücklich macht.

GW: Ihr selbst bezeichnet eure Musik als “Dark Electronic Music”, auch wenn der Aspekt der Elektronik lange nicht so präsent ist, wie es durch diese Beschreibung suggeriert wird. Was also ist das Geheimnis hinter dem ungewöhnlichem Sound Ebola Joys?

York: Es gibt kein Geheimnis. Dieser Stil entwickelte sich aus der Notwendigkeit bei unseren Auftritten heraus. Konzertorganisatoren und Journaillisten haben unsere Musik immer wieder unterschiedlich bezeichnet, also haben wir einen Begriff kreieren müssen, der uns am nächsten stand. Das war „Dark Electronic Music“. “Dark” deshalb, um die elektronische Atmosphäre durch die Verwendung von Keyboards und Sequenzern, zu beschreiben. Auch wenn wir Gitarren verwenden, die im Metal ihren Ursprung haben, so haben wir uns dieses Metal-Attributs entledigt. Eine bessere Umschreibung könnten wir uns demnach nicht vorstellen. Vielleicht haben unsere Fans aber eine eigene Definition.

GW: Welche Fans wollt ihr mit Ebola Joy überhaupt ansprechen? Ein Publikum, das eher dem Metal zugetan ist, oder ein eher Gothic orientiertes Publikum? Macht es für euch überhaupt einen Unterschied, wenn ihr mit der Musik erreichen wollt?

York: Wir verfolgen die tschechische Szene kaum, da wir uns mit ihr nicht vergleichen wollen. Es gibt viele Doom- und Gothic-Bands hier, aber dort sehen wir uns selbst nicht. Wir gehören nicht in diese Kategorie und versuchen es auch gar nicht erst. Wir haben zuletzt häufig vor einem Metalpublikum gespielt, aber das lag an der Auswahl der Bands, die dort aufgetreten sind. Unsere eigenen Shows werden von einem szeneübergreifendem Publikum besucht, das jeden anspricht, nicht nur den Metalfan. Das ist unsere Stärke und darauf sind wir sehr stolz. Selbst Punks oder Skins hören unsere Musik.

Ebola JoyGW: Ihr spielt häufig in eurer Heimat, was aber ist mit Konzerten auch über eure Heimatgrenzen hinweg? Sind beispielsweise auch Shows in Deutschland geplant?

York: Wir touren in der Tschechei regelmässig, in unseren Augen aber noch nicht genug. Wir garantieren, dass alles, was man auf der CD hört, auch live geboten bekommt. Wir haben keinen Manager und da kann es schon mal zum Problem werden, wenn wir uns um alles selbst kümmern mussen. Wir würden gerne im Ausland spielen, aber es gibt bisher noch keine konkreten Angebote. Wir haben eine solide Fanbasis in Deutschalnd und würden sofort dort auftreten. Auch hier sind die Konditionen ausschlaggebend. Wir sind sicher keine Stars, aber nur für etwas zu essen und zu trinken spielen wir sicher nicht.

GW: Was sind eure Zukunftspläne mit Ebola Joy?

York: Ein Vertrag bei einem guten Label und einen qualifizierten Manager zu finden. Bis Februar wollen wir das Material für das neue Album zusammen haben und nach und nach werden wir unser Equipment aufrüsten und verbessern. Wir wollen konstanter Konzerte geben, in der Tschechei wie auch im Ausland, und unser Englisch verbessern.


Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GothicWorld


EBOLA JOY "Sitra Achra" CD - review

www.ebolajoy.cz