interview:
EISBRECHER "... es wird kalt!"
EISBRECHER heißt das neue Projekt der Ex-Megaherzen Alexx
Wesselsky und Noel Pix. Nachdem bereits zwei Vorab-Maxis veröffentlicht
wurden, sind wir nun gespannt auf das im Januar erscheinende Album. Grund genug
für GothicWorld, einmal nachzufragen, was da als Eisbrecher auf uns zu
kommt. Ein Gespräch mit Sänger und Texter Alexx Wesselsky.
GW: : Alexx, erst mal
vielen Dank, dass Du Dir Zeit für ein Gespräch mit GW genommen hast.
EISBRECHER ist das neue Projekt von Dir und Noel Pix. Wie seid Ihr eigentlich
auf diesen Namen gekommen?
Alexx:
Der Name Eisbrecher kommt tatsächlich aus der Musik heraus. Wir
haben im Studio an dem Intro für das Album, "Polarstern", und dem Titel
"Eisbrecher" gearbeitet. Zu dieser Zeit hatten die Songs allerdings noch
Werkstitel und die späteren Songtitel existierten noch nicht. Beim
Abhören haben wir uns gefragt, an was uns die Musik erinnert und unsere
Assoziationen waren etwas Schweres, Grosses und Kaltes. Noel brachte dann den
Namen "Eisbrecher" ins Spiel, der hervorragend zu diesen Assoziationen passt .
So ist Eisbrecher also direkt aus den Gefühlen, die uns die Musik
vermittelt hat, hervorgegangen.
GW:
Eure Texte beschreibt Ihr selbst als Gefühlszustände in
einer kälter werdenden Welt. Seht Ihr Eure Lyrics als Beobachtung bzw.
auch als Kontrapunkt zu der zunehmenden Isolation und Kälte, wie z.B. im
Titelstück, bei dem "das Eis zerbricht"?
Alexx: Ja, unsere Texte sind auf jeden Fall
beschreibend. Zum einen sind das eigene Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch
Beobachtungen dessen, was um einen herum vor sich geht. Man stellt dabei fest,
dass es kälter wird. Nicht zuletzt zeigt dies auch der internationale
Wahnsinn der letzten Jahre. Natürlich könnte man da einfach
resignieren, aber ich finde, man sollte sich nicht einfach aus allem
ausblenden. Unsere Texte greifen diese Beobachtungen auf und beschreiben sie.
Das Titelstück "Eisbrecher" zeigt dabei einen positiven Weg - der Chorus
ist die Antwort. Wenn man zusammenfindet und zusammenhält, kann man das
Eis zerbrechen. Es gibt immer Hoffnung. Es kommt darauf an, was man daraus
macht!
GW: Nach Eurer gemeinsamen
Zeit bei Megaherz sind Noel und Du ab dem Jahr 2000 ja getrennte Wege gegangen.
Gab es zwischendurch noch Kontakt und wie ist es zu dieser erneuten
Zusammenarbeit gekommen?
Alexx:
Da gab es tatsächlich eine richtige Sendepause. Wir konnten uns nicht mehr
riechen und lagen eineinhalb Jahre über Kreuz. Doch dann haben wir uns
wieder einmal getroffen und so dramatisch die Trennung auch damals verlief, so
einfacher haben sich die Probleme dann aufgelöst. Wir bekamen sogar wieder
Lust, etwas gemeinsam zu machen, hatten aber noch keine Gelegenheit, da es
zeitlich einfach nicht zu realisieren war. Ende 2002 hat Noel dann wieder
angerufen und hatte einige neue Songideen am Start. Wir sind die Sache dann
völlig ohne Zwang, entspannt und sehr harmonisch angegangen. "Unverkopft"
ist wohl der treffende Ausdruck. Es war wirklich eine angenehme Situation: wir
hatten keinerlei Druck von außen und fühlten uns nicht in irgendeine
Richtung gedrückt. Das Resultat waren Songs in ganz unterschiedlichen
Stimmungen, die nun auch auf dem Album wiederzuerkennen sind.
GW: Wie hat Eure
Zusammenarbeit bei der Entstehung des Albums ausgesehen? Gibt es eine
Aufgabentrennung in Komposition, Texte und Produktion oder geht Ihr das
gemeinsam an?
Alexx: Ja, wir
haben da eine Aufgabentrennung, die aber auch unseren unterschiedlichen
Charakteren entgegen kommt. Noel ist verantwortlich für die Komposition
und liebt die Studiowelt. Er ist ein grosser Perfektionist und feilt an der
gesamten technischen Umsetzung. Ich bin kein Fan von ununterbrochener Bastelei
im Studio, ich muss zwischendurch auch immer einmal raus und unter Menschen.
Die Texte werden von mir geschrieben und ich kümmere mich um die
Gesangsmelodien. Dann kommt man aber auch wieder zusammen, erarbeitet gemeinsam
die Hooklines und baut den Song gemeinsam fertig.
GW: Wurden die Drums bei der Produktion
komplett programmiert?
Alexx:
Ja. Es war nicht zwingend notwendig, Live Drums einzusetzen. Es wäre auf
jeden Fall eine schöne Farbe in der Produktion gewesen, aber leider hatten
wir weder die Zeit, noch den Etat, um mit Live Drums zu arbeiten.
GW: Waren weitere Musiker an den Aufnahmen
beteiligt? Die Gitarren klingen meist live gespielt, oder wurden hier auch
Samples verwendet?
Alexx: Alle
Gitarren wurden live gespielt. Zwei Songs wurden von Vipo, lange Zeit Gitarrist
der Schroeders, eingespielt. Ansonsten wurden alle Gitarren von Noel gespielt.
Auf drei Songs wurde der Bass von Anton, einem alten Spezi von uns, live
eingespielt. Bei allen anderen Songs wurden auch die Bass-Sounds programmiert.
GW:
: "Fanatica" ist meines Erachtens der untypischste Song für
das gesamte Album. Warum habt Ihr gerade diesen Track als Single
gewählt?
Alexx: Eben
deswegen... "Fanatica" sehen wir auch nicht als typische "Einzelsingle",
sondern wir haben es ganz bewusst mit dem Stück "Angst" zusammen auf der
Maxi. Das sind die Extrempole des Albums und zwischen diesen spielt sich die
Platte ab. Wir wollten diese verschiedenen Pole darstellen und dazwischen gibt
es halt jede Menge verschiedener Schattierungen, die für die Offenheit des
Albums stehen. Auch das Label stand "Fanatica" als Single erst skeptisch
gegenüber. Aber wir haben den Song vorab jeder Menge verschiedener Leute
vorgespielt und auf irgendeine Weise konnte jeder etwas damit anfangen.
Ausserdem ist es eine tanzbare Nummer und dann wollte die Band es auch einfach
wissen. Sicher ist "Fanatica" untypisch, aber gerade deswegen passt es gut
auf das Album und tut der Platte gut. Ein weiterer Aspekt ist, dass dieser
Titel vielleicht auch andere Leute anspricht, die über "Fanatica" zu
Eisbrecher kommen und so unsere Musik eine noch breitere Streuung erfährt.
GW: Eure Musik ist sicherlich
nicht einem bestimmten Genre zuzuordnen. Wie seht Ihr Eure Positionierung bzw.
die Nische, die für Eisbrecher besteht? Es kann ja Fluch und Segen sein,
eine eigenständige Musik zwischen verschiedenen Stilen zu
machen.
Alexx: Ja, das ist
wahnsinnig schwierig. Wir machen da schon eine Gratwanderung - unsere Musik
ist kein Goth, kein Rock, kein Metal, kein Pop, aber gleichzeitig doch von
jedem etwas. Ich kann eigentlich nur sagen, wir wollten ein offenes Album, es
gibt keine bestimmte Zuordnung. Vielleicht erweisen wir uns selbst damit einen
Bärendienst, aber man macht halt das, was man macht und so ist das Album
mit seinen verschiedenen Stimmungen entstanden. Uns ist es aber auch
wichtig, da frei zu sein, nicht in einer bestimmten Schublade zu stecken und
dann aus bestimmten Klischees einfach nicht mehr heraus zu kommen. Für die
Plattenfirma ist es natürlich auch schwierig, ein Album wie Eisbrecher zu
positionieren, aber glücklicherweise zeigt ZYX da ein grosses
Verständnis.
GW: Nachdem
das letzte Megaherz Album bei einer Major-Company erschienen ist, seid Ihr mit
Eisbrecher wieder beim früheren Label ZYX. War das eine bewusste
Entscheidung oder auch Notwendigkeit? ZYX ist ja auch nicht gerade als
"Rock"-Label bekannt.
Alexx: Wir
haben durchaus gute Erfahrungen mit Labels gemacht, die nicht unbedingt auf
Rock spezialisiert sind. ZYX wollte damals Megaherz und es hat einfach gut
funktioniert. "Kopfschuss" hat sich auch vergleichsweise gut verkauft. Diese
Erfahrung haben wir mit Herzwerk II bei einem Major Label nicht unbedingt
gemacht. Dazu kommt, dass Gregor, der damalige A&R von ZYX einen richtig
guten Job für Megaherz gemacht hat. Zwischenzeitlich hat er etwas anderes
gemacht, ist aber zu ZYX zurückgekehrt und wollte dann auch unser neues
Material hören. Das ging alles völlig unkompliziert - ZYX wollte das
machen und wir geniessen hier völlige musikalische Freiheit. Bevor wir bei
allen möglichen Labels hausieren gehen, war das für uns die viel
bessere Lösung. Wir fühlen uns mit dieser Entscheidung einfach
sauwohl und für uns beweist sich auch, dass die Leute wichtig sind und
nicht die Institutionen.
GW: Eisbrecher hatte ja schon einige
Medienpräsenz. Wer unterstützt Euch bei Promotion, Kommunikation und
ähnlichen Dingen, oder geht da das Meiste über Eure
Eigeninitiative?
Alexx: Nun, wie
haben inzwischen 10 Jahre Erfahrung, kennen unser Business und da weiss man,
was man braucht und was nicht und mit wem man arbeiten kann. So macht z.B. Ina
Reeg von Absolut Promotion einen richtig tollen Job und wir bilden da ein sehr
gutes Team. Überhaupt kann man sagen, dass es einen ständigen
Austausch zwischen Plattenfirma, Promotionfirma und Band gibt. Da haben wir
gute, vertrauensvolle Leute zusammen, die sich auch zusammen weiter entwickeln.
Insgesamt ist das ein Team, in dem wir uns sehr wohlfühlen. Wichtig
ist uns auch der Kontakt zu unseren Fans und Hörern und da nutzen wir z.B.
unsere Website als Kommunikationsebene. Über die Resonanz, die Eisbrecher
bisher erfahren hat, bin ich selbst überrascht. Für all das, was da
passiert, bin ich sehr dankbar.
GW:
Das Album wird mit einer Bonus-DVD veröffentlicht. Auf
welche Inhalte der DVD dürfen wir uns freuen?
Alexx: Nun, das ist keine "klassische" DVD mit
Videoclip, da wir für eine Videoproduktion kein Budget hatten. Die Idee
einer DVD kam von unserer Plattenfirma und wir finden es gut, ein paar
Extra-Features anzubieten. Auf der DVD gibt es ein Interview, das wir für
"Schattenreich" gemacht haben, das auch auf Onyx zu sehen war. Gedreht wurde
dies auf dem Kaunertal-Gletscher in Tirol. Ansonsten haben wir noch ein
bisschen was zusammengebaut, was die Frage "wer sind die eigentlich"
beantworten soll. Die Band wird auch einmal visualisiert, so dass man sich
einen Eindruck von uns machen kann.
GW:
Das Album soll in einer aufwändigen Gestaltung im Digipak
und ohne Kopierschutz erscheinen. Seht Ihr hier den Ansatz, das Downloaden zu
vermeiden: Vertrauen zeigen und ein hochwertiges Produkt anzubieten? Wie
schwierig stellt sich diese Problematik generell für Euch
dar?
Alexx: Nun, hier geht es
vor allem um die Attitüde, die Einstellung der Leute. Ich denke, dass der
CD Preis relativ unerheblich ist. Wer fünf Euro klaut, klaut auch
fünf Millionen. Nur finde ich diese generelle Kriminalisierung nicht
richtig. Ich möchte niemand unterstellen, das er ein potentieller
"Klaubruder" ist. Wir waren uns mit unserer Plattenfirma einig, auf einen
Kopierschutz zu verzichten. Ich ärgere mich ja selbst über den
Kopierschutz, wenn eine CD mal wieder nicht richtig läuft. Ein neuer
Kopierschutz ist ja auch nur eine neue Aufgabe für Hacker. Die CD kommt in
einer aufwändigen Gestaltung, da diese nun einmal nicht kopierbar ist. Ich
bin da auch Idealist und baue darauf, dass die Leute, die sich mit der Band und
dem Produkt identifizieren, das Album nicht kopieren oder runter laden werden.
Eisbrecher wird nicht daran scheitern, ob ein Kopierschutz auf der CD ist oder
nicht. Man sollte auch nicht denken, der Plattenindustrie geht es nur so
scheisse, weil alle nur noch Musik runter laden. Nein, die Industrie hat
jahrelang versäumt, eigene Acts aufzubauen. Statt dessen wird nur noch
Müll à la Küblböck auf den Markt geworfen. Die "Big Acts"
werden gepusht ohne Ende und da wird massig Geld hinein gesteckt. Ein
Kopierschutz wird diese Probleme nicht lösen.
GW: Noch 'ne wichtige Frage: gibt es
Pläne, Eisbrecher auch auf die Bühne zu bringen?
Alexx: Auf jeden Fall! Ich leide schon richtig
unter Entzug und muss unbedingt wieder auf die Bühne, das brauche ich. Im
Moment steht noch nichts Genaues fest, aber wir hoffen, Mitte bis Ende Februar
auf Tour gehen zu können. Wir werden uns auch einiges für die
Bühnen-Inszenierung einfallen lassen, denn wir wollen auch etwas
für's Auge bieten. Die Band wird aus 5 - 6 Leuten bestehen und es wird
eine Mischung aus Performance, Rock, Pop und einer gehörigen Portion
Verrücktheit. Natürlich werden die elektronischen Elemente bei
Eisbrecher auch auf der Bühne erhalten bleiben. Es wird aber definitiv
eine richtige Live-Band mit Drummer werden. Auf Technik können wir
natürlich nicht verzichten, also werden auch Keyboards, Hard-Disk
Anwendungen und Sequencing dabei sein. Es wird aber auf gar keinen Fall
irgendwelche Playback-Shows geben. Im Moment machen wir uns viele Gedanken
darum, wie dies alles umgesetzt werden kann. Dafür braucht es einiges an
Fantasie und das wird sicherlich eine richtig spannende Sache. Das Wichtigste
ist aber die Energie auf der Bühne. Dabei wird alles, was live machbar
ist, auch live gemacht!
GW: Gibt es noch etwas, was Dir
persönlich wichtig ist und Du hier mitteilen
möchtest?
Alexx: Ja. Jeder
wünscht sich mehr gute Platten, mehr Künstler aus eigenen Landen, das
etwas passiert und voran geht. Aber warum wird immer nur gemeckert? Man macht
immer mehr die Erfahrung, dass unheimlich viel gelabert, aber immer weniger
selbst gemacht wird. Da existiert ein weit verbreitetes Scheuklappen-Denken.
Man sollte sich auch einmal fragen, warum ist das so und was kann ich selber
machen? Ich wünsche mir prinzipiell mehr Aufgeschlossenheit, dass einfach
im Allgemeinen mehr zugelassen wird. Seid tolerant!
GW: Alexx, vielen Dank für das
ausführliche, informative und vor allem absolut nette Gespräch. Noch
eine persönliche Bemerkung: Die Zeile "es ist viel zu früh zu
spät" aus Sakrileg mag ich sehr - diese Aussage ist gleichzeitig einfach
und hintersinnig und auf dem Punkt!
Alexx:
Auch ich möchte mich bei GW für das Gespräch
bedanken... und ja, die Zeile gefällt mir auch sehr gut. Wir sollten sie
als Abschluss für dieses Interview nehmen, "es ist viel zu
früh zu spät."
Dirk Kania für
GOTHICWORLD
zum CD-Review "Eisbrecher" ein weiteres Interview und
Gewinnspiel gibts bei EXTREME NOISE: http://www.extreme-noise.de/Interviews/Eisbrecher/eisbrecher.html
www.eis-brecher.com
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