special:

MARILYN MANSON
- The Grotesk Burlesk Tour
07.12. 2003 Festhalle / Frankfurt


MM liveKurz nach Nikolaus der nächste Herr in sonderlicher Aufmachung...
MARILYN MANSON bat zur Reminiszenz an die goldenen 20er unter die 30 Meter hohe Kuppel von Frankfurts "Guter Stub". Die Sicherheitsmaßnahmen waren fast die gleichen wie 2 Tage vorher zur FIFA-Auslosung der Fußball-WM 2006, nur sollte heute Abend nicht gegen den Auftritt einer anderen schwarzen Mickey Mouse protestiert werden (Grüße ins Wiesbadener Landes-Koch-Studio). MM typische Atmosphäre… lange Warteschlangen, der Abgabeplatz für Kameras, Recorder und Nietengürtel war größer als die 2 Einlassschleusen und dank des Securityteams gab's schon mal eine Einstimmung auf kommenden intensiven Körperkontakt.


THE PEACHES lies nicht auf sich warten und startete pünktlich 20.00 Uhr mit einer großen Portion ungehobelter Girl Power. ‚I don't give a fuck' war die unmissverständliche Ansage ans Publikum, gleichwohl sang und gestikulierte sie über sämtliche Spielarten von Sex. Diese Mischung von GanzEgal-Minimal-Elektoro-Trash-Punk-Rock schien für die meisten Youngster der Gattung ‚Ganz Böser MTVIVA' absolutes Neuland zu sein, man stand gepflegt regungslos mit offenem Mund da. Unverständlich, zumal diese Frau Weltmeisterin im Slipwechseln und Gitarre dreschen werden will, ihr virtuelles Duett mit Iggy Pop auf der Leinwand war ein absolutes ‚Kick it' und mit der Hip-Hop-Theme-Verarsche ‚Shake yer dix' rundete der blutend masturbierende Pfirsich den Strauß bunter Emanzenkampfliedchen witzig ab.

MM liveFast 50 Minuten dauerte es bis der schwarze Vorhang unter den Klängen des ‚Theater' Intros fiel und die ‚like Reichsparteitag' Bühne freigab. Der selbsternannte God of Fuck glitt von einem Thron mit seinem neuen Runen-Logo hinunter zur blökenden Herde und machte sofort klar ‚This ist the new shit'. Anschließend begrüßte er die ‚Disposable teens' aufs herzlichste.

Der Wohnsitz in den Hollywood Hills und sein neues Image als Kreativer mit sozialer Kompetenz haben Spuren im künstlerischen Schaffen des Antichrist-Superstars hinterlassen. Auch wenn inzwischen die ersten aus dem inneren Kreis der Jünger schon ambulante Hilfe oder einfach nur frische Luft brauchten, die Show ist durchaus Samstagabend-kompatibel… ‚mObscene' die vom Video bekannte Cabaret-Adaption, roter Flitter vom Hallenhimmel bei 'Rock is dead'… Chaplins-Großer-Verführer-like der Auftritt am überdimensionalen Rednerpult (inklusive Totenkopf-Emblem mit Mäuseohren) zum ‚Fight song'. Tausende Arme gehen in die Höhe und der ungewollte Konsens zur bitteren Wahrheit und deren alter Persiflage wird grotesk sichtbar.

MM live‚Use your fist not your mouth' und willig reckt sich der erbetene Mittelfinger gen Himmel. Spätestens bei ‚Tainted love' sind auch die MTVIVA's wieder textsicher und bedienen die Klischees wie der Meister es befahl. Eine täuschend echt anmutende Roboter-Serviererin mit Teewagen zieht ihre Kreise auf der Bühne wie etwa in Chaplins-Moderne-Zeiten oder zuviel Bullet von Covenant gesehen ;). Das Saxophon wollte wohl nicht die richtigen Töne herausbringen… halt ‚The golden age of grotesque'. Ingmar Bergmann's Schlangenei sollte wohl bei ‚Sweet dreams, are made of this' zitiert werden, eine cleane Ode an den Hedonismus. Manson zeigt nun dass er trotz aufkommender Musical-Atmosphäre immer noch der Alte sein kann. Die Tänzerinnen waren beneidenswert beweglich und rekelten sich lasziv vorm Publikum. Das penetrierende Mikro im Schaumstoffpolster-Anus und der Champus auf den Schaumstoff-Brüsten der Tänzerinnen gaben einen kurzen Einblick in trendy Kopulationstechniken und waren ebenso liebevoller Slapstick wie der Akt hinter der Schattenwand.

Mansons neuer Trend zur Reinlichkeit war ebenso beim herunterreisen eines roten Slips bei einer der Tänzerinnen zu vermerken. Angesichts des zweiten (weniger farbenfrohen) Slips dürfte jenes anschließend in den Mund gesteckte Textilstück so widerlich nach Weichspüler geschmeckt haben, das er immer wieder ins Publikum spucken musste. Die ‚Doll-Dagga Buzz-Buzz Ziggety-Zag' Mouse erschien als riesiger Luftballon im Hintergrund und grinste im Helnwein-Design all die ‚Beautiful people' im Saal zum Abschied an. Mit einer Zugabe hatte ich nicht mehr gerechnet, doch das begeisterte Frankfurter Publikum muss ihm gefallen haben. Nach eineinhalb Stunden Regelspielzeit gab's noch ein ‚Irresponsible hate anthem' als Verlängerung dieser funny version of Siegfried & Roy… für Industrial-Popper.

MM liveNicht das es jemand falsch versteht, die Show war amüsant, nett und ihr Geld wert. Da vorne spielte der brave Brian Warner mit seinen Kumpels und hat verstanden dass mit Fetish-Shock-And-Horror-Rock auch in seiner Heimat kein Geld mehr zu verdienen ist.

Marktgerechte Familienshows sind die Zukunft wie ja schon sein Freund Ozzy bewiesen hat und der Rausschmeißer vom Band unterstrich dies eindringlich. Britney's ‚Oops, I did it again' in einer Comedian Harmonists Adaption war wohl nicht als Endschuldigung an alte Fans zu verstehen.

Das er aber immer noch ein Prophet sein kann wurde mir vor der Halle klar‚
… what if the universe is cold..' war eine durchaus berechtigte Frage!


Fotos & Bericht: Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


THE PEACHES: www.fatherfucker.net

MARILYN MANSON: www.marilinmanson.com