special:

NEW MODEL ARMY
13.12. 2003 Berlin, Columbiahalle
- Revolution forever!


New Model ArmyMittlerweile sind die Dezember-Konzerte von NEW MODEL ARMY in Deutschland bereits eine gute Tradition und stets Garant für einen krachenden Jahresabschluss. Und wie bei jedem meiner rund 30 NMA-Konzerte ist es für mich Tradition, in der ersten Reihe zu stehen. Erstmals zwang mich in diesem Jahr die Chronistenpflicht samt Stift und Zettel weiter nach hinten. So erlebte ich quasi das erste Mal, wie NMA wirklich die gesamte Halle rockten.

New Model ArmyDie Columbiahalle in Berlin war nicht ganz ausverkauft, was der Stimmung jedoch absolut keinen Abbruch tat. Beim Publikum kam einem unwillkürlich der Gedanke, dass die Babysitter der Stadt an diesem Abend wohl einen guten Schnitt gemacht haben - so viele altersschwache Körper huschten durchs Dämmerlicht.

Die Vorband FINK aus Hamburg waren mir im Vorfeld besonders ans Herz gelegt worden. Was ich dann zu hören bekam, war eine 1:1-Kopie von Element of Crime. Dieselben bemüht intellektuellen Texte ("Ich sah das Loch in der Welt"), die vor 10 Jahren als innovativ durchgegangen wären, derselbe Soundmix und vor allem die gepresst leidende Stimme wie beim EoC-Frontmann Sven Regener. Applaus gab es trotzdem für FINK - und ich dachte, solche Vögel ziehen im Winter nach Süden.

NEW MODEL ARMY ließen keine lange Pause entstehen und enterten sofort lautstark die Bühne. "Orange Tree Roads" von ihrem letzten regulärem Album "Eight" war als Opener gut gewählt - zum einen heizte er gleich richtig ein und ließ andererseits noch genügend Raum nach oben in der Härte. Frontmann Justin Sullivan, nunmehr nur noch grau auf dem Kopf, zeigte sich aggressiv, spielfreudig und frisch. Die charismatischste Zahnlücke des Musikgeschäfts ließ keinen Zweifel daran, dass er die Leute mitnehmen wollte auf einen musikalischen Kreuzzug und dabei etliche Schlachten seiner ARMY wiederholt schlagen wollte. Der erste Teil des Sets war hochkarätig besetzt, von "The Charge" aus dem Jahr 1987 über "Wounderful Way To Go" bis "Courage" spielte er Hochgeschwindigkeitsrock. Die Halle bebte, und die treuesten Fans (Followings), die ihrer Band beharrlich hinterher reisen und deren Aktivitäten im Publikum immer Gradmesser für die Qualität der Show sind, bauten bereits beim dritten Song ihre bekannten Pyramiden.

New Model ArmyAn sich wortkarg, gab Justin Sullivan nach einer guten halben Stunde das erste Mal einen längeren Kommentar zum Weltgeschehen ab - eine Abrechnung mit George W. Bush, die härter nicht hätte ausfallen können. In den Jubel der Jünger der pazifistischen NEW MODEL ARMY ertönte…. die Hymne der Band schlechthin: "51st State" - sie klang in diesem Jahr so wütend und berechtigt wie selten.

Nach dem brandaktuellen Stück "Here Comes The War" und dem Song "Ocean Rising" von Sullivans Solo-Werk "Navigating by the Stars" - ebenfalls von einer längeren Geschichte über die Wunder der Seefahrt eingeleitet - zauberte er mit "Drag It Down" von 1985 wirkliches Urgestein der Bandhistorie zutage.

Den Abschluss des offiziellen Sets bildeten "Purity" (Revolution forever), der Klassiker "Poison Street" und das wütende "Get Me Out" in einer brachialen und energischen Version. Sullivan tobte über die Bühne, schrie und lebte die Intensität. Sichtlich fertig und erschöpft war es das auch erst einmal. Bisher gab es nicht einen wirklich langsamen Song, Balladen wie "Green and Grey" blieben ungespielt, und die Romantik, die manchen Song von NMA ausmachte, schaute nur ganz selten mal hervor. Es war, als wollte Justin Sullivan sich, seinen bedeutend jüngeren Bandkollegen und dem Publikum beweisen, dass er es noch richtig krachen lassen kann. Auf Kosten einiger seiner schönsten Songs ist ihm das auch wirklich gelungen.

So kurz wie die Zeit zwischen den Zugaben waren diese selbst. Bei "Stupid Questions", dem ersten Stück der Zugabe, versagte meine Stimme das erste Mal und sie sollte noch um einiges mehr gefordert werden. Im kollektiven Rausch grölte die Halle "… no more, no more stupid questions" - es war einfach nur geil. Der Titelsong ihres 1985er Albums "No Rest For The Wicked" beendete den ersten Zugabenblock. Die XXL-Version gab seiner Band die Chance alles aus den Instrumenten herauszuholen, entsprechend war der Jubel.

Die zweite Zugabe bestand aus nur einem Song und dieser ist der Standartabschluss bei NEW MODEL ARMY Konzerten seit Jahren - "I Love The World". Nur der Sinn für Ironie lässt einen voller Inbrunst die Titelzeile singen.

New Model ArmyEin wirklich geiles Konzert war zu Ende, nur die in Aussicht gestellte neue NMA-Platte im kommenden Jahr vertrieb etwas die Wehmut. Es war sicher nicht das beste NMA-Konzert, dafür war es zu einseitig, zu schnell, aber es war ein Konzert, das überzeugte. Dem Grad des Schwitzens und der Heiserkeit folgend war es für einen echten Fan wohl ein Juwel im diesjährigen Konzertereigen.

Der Saal leerte sich erstaunlich schnell - vermutlich sollten die Babysitter schnellstmöglich ausgelöst werden. Bei den horrenden Bierpreisen in der Halle kann man sich ja kaum noch vernünftige Babysitter leisten.


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Fotos: Guido Wulf
Hier gibts noch mehr NMA-Livefotos: http://nma03.kickme.to

Playlist:
01. Orange Tree Roads
02. The Charge
03. Over The Wire
04. Aimless Desire
05. Wouderful Way To Go
06. Courage
07. No Pain
08. White Light
09. 51st State
10. Here Comes The War
11. These Words
12. Ocean Rising
13. Drag It Down
14. R&R
15. Purity
16. Poison Street
17. Get Me Out
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18. Stupid Questions
19. No Rest For The Wicked
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20. I Love The World


www.newmodelarmy.org