CD-REVIEWS:

Perpetuum Mobile    EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN
"Perpetuum Mobile"
CD (Mute Records)

Einstürzende NeubautenAchtung! Hier schreibt jemand, der die Berliner nun schon seit ihren ersten Tagen verfolgt und den sie geprägt haben wie kaum eine andere Band. Von daher also, werde ich ihnen wahrscheinlich alles verzeihen. Nachdem sie uns also vor einiger Zeit nach gezeigt haben wie sexy Stille sein kann, legen die Neubauten ein neues Album vor.

Ja, sie sind alt geworden. Ja, sie sind ruhiger geworden.
Die krachige Rebellion vergangener Tage ist längst subtilen Arrangements, Streichern, Slidegitarren und gekonnten Vocals gewichen. Wo man früher noch erstaunt den Kopf schüttelte, über das verwendete Instrumentarium, muss man sich heute die Zeit nehmen, in den Soundgebilden zu erkennen, dass sie immer noch die selben Plastikcontainer und Metallfedern verwenden. Zu perfekt sind die Klänge, zu nah an der Wirklichkeit. Erklingen auf "Perpetuum Mobile" sogar Bläseransätze, kann man wahrscheinlich aber doch mit ruhigem Gewissen davon ausgehen, dass es sich trotzdem um Rohre und ähnliche Dinge handelt, auf denen da geblasen wird. Trotz dem warmen, wabernden Bass Alexander Hackes, der längst schon das industrielle Rhythmusgrundgerüst eines FM. Einheit abgelöst hat. Trotz der filigranen, sanften Klänge, die mehr Wert auf Atmosphäre und gepflegte Tristesse legen, als auf schmerzhafte Attacken. Trotz des eindeutig gesteigerten, gesanglichen Könnens von Blixa Bargeld... die Neubauten sind immer noch die Neubauten.

Einstürzende NeubautenNoch immer schaffen sie typische Sounds und Klangebilde, die unverkennbar sind und eben nur von ihnen stammen können. Noch immer weisen die Texte Blixa Bargelds ihn als einen der großartigsten Wortakrobaten der gesamten deutschen Nachkriegspoesie aus. Noch immer erklingt sein einzigartiger Schrei, der damals NICK CAVE zum Fan werden ließ. Noch immer schaffen sie einen Soundtrack, der perfekt die moderne Großstadt zwischen Glas, Stahl, Beton und Neonlicht bebildert, der sich zwischen kalten Tönen, Verkehrslärm und der Sehnsucht nach Wärme und einem Glas Rotwein bewegt, ohne je ihre industrielle Herkunft zu verleugnen. Von Baugerüsten hängen Planen herunter, die im Wind knattern, darunter sitzen fünf Herren, gehobeneren Alters, in Anzügen zwar, aber immer noch auf den liegen gelassenen Werkzeugen und Materialien der Baustelle herumtrommelnd. Ohne Wut, abgeklärt und lächelnd. Langsamer zwar, ruhiger, aber immer noch mit dem unverkennbaren Stil


Nein, "neu" sind die Einstürzenden Neubauten schon lange nicht mehr. Sie sind eine Legende. Schauen süffisant grinsend auf ihr eigenes Schaffen und scheren sich immer noch einen Dreck um Konventionen. Die Rebellion besteht heute eben darin nicht den Erwartungen zu entsprechen und Krach zu zelebrieren. Und in den Charts werden sie auch weiterhin nicht auftauchen.

Ja, "Perpetuum Mobile" ist der treffendste Albumtitel seit Jahren. Denn eine solche Maschine sind sie inzwischen. Eine Apparatur die sich selbst mit Energie versorgt, sich im Kreis dreht und deren einziger Daseinszweck nur noch der eigene Antrieb ist. Aber diese Maschine ist immer noch wunderschön, komplex, verwirrend, faszinierend und einzigartig.


Thomas Sabottka für THE GOTHICWORLD


Tracklist:
01 - Ich gehe jetzt
02 - Perpetuum Mobile
03 - Ein leichtes leises Säuseln
04 - Selbstportrait mit Kater
05 - Boreas
06 - Ein seltener Vogel
07 - Ozean und Brandung
08 - Paradisseits
09 - Youme & Meyou
10 - Der Weg ins Freie
11 - Dead Freinds (Around the Corner)
12 - Grundstück


www.neubauten.org