CD-REVIEWS:

Pop    JOACHIM WITT "Pop"
CD (Ventil / SPV)

Joachim WittWitt ist tot! Es lebe Joachim! Bayreuth ist längst Vergangenheit.
Und nach dem eher peinlichen Ausrutscher "Eisenherz" legt Joachim Witt mit "Pop" sein aktuelles Album vor, dass nicht nur vom Artwork her an "Kapitän der Träume" erinnert.

"Pop", der Titel ist pragmatisch. Die Klänge sind gefälliger, spartanischer, elektronischer geworden. Bombastische Streicher sind einfachen, klaren Melodien gewichen. Aus martialischem Gesang ist flüsternde, fast zärtliche Intonation geworden. Mehr denn je besinnt sich Joachim Witt auf seine unnachahmliche, hohe Gesangsstimme. Auf dem Cover wirkt er wie eine ältere Ausgabe SVEN VÄTHS, wobei dies eher ein Tribut an den Artworker sein dürfte. Denn das aktuelle Video zur Single "Für den Moment" zeigt ihn als graumelierten Herren mit Geheimratsecken ohne blonde Mähne. Blau ist die bestimmende (Klang)Farbe. Blau wie der Himmel. Blau wie das alte Märchenbuch aus Kindertagen. Blau wie die Sehnsucht. Deutschtümelei oder gar unselige Neue Deutsche Härte kann man ihm kaum noch vorwerfen. Die Texte sind (zum Glück) meilenweit von den Eisenherzschen Plattitüden entfernt, weisen Joachim Witt als stillen Beobachter augenblicklicher Stimmungen aus. Der von Sehnsucht und nur noch zögerlicher Kritik bestimmt, sich als ein großer, alternder Romantiker outet. Einer Romantik die aber längst nichts mehr mit WAGNER oder ähnlichem zu tun hat. Genauso wenig, wie er krampfhaft versucht den Albernheiten der NDW hinterher zurennen. "Pop" ist ein entspanntes Album. Auf dem die Gitarren in den Hintergrund rücken, der Gesang und ein einzigartiges Gefühl für eingängige Melodien und Hooklines, sich mit elektronischen Arrangements vermischt. Reduzierung auf das Wesentliche möchte man es nennen. Klar ist die Coverversion von "Mein Freund der Baum" von FORTHCOMING FIRE bösartiger und hinterfotziger, auch wenn es politisch unkorrekt ist. Bei Joachim Witt wird der alte Schlager zur Hommage an schwermütige Liedervergangenheit. Er versucht nicht mehr bösartig, bissig oder gar provokant zu sein. Aus Joachim Witt ist ein elder Statesman geworden, der lakonisch lächelnd im eleganten Anzug, großartige, abgeklärte Ohrwürmer schafft, die von der Suche nach Liebe, Zärtlichkeit, menschlicher Wärme und einem eher stillen Wunsch nach Freiheit singen. Gelegentlich über das Älterwerden reflektiert oder auch vorsichtige Kritik an menschlichen Schwächen äußert. Und mit dem Duett "Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist" mit der Schauspielerin/Sängerin Jasmin Tabatabai ist ihm ein romantischer, ja kitschiger Song gelungen, der einfach nur schön ist.

Eine Weiterentwicklung ist "Pop" allemal. Auch wenn gelegentlich die Erinnerung an das eine oder andere Lied aus seinem über zwanzigjährigen Schaffen aufflackert. Hier und da sich rockige Passagen einschleichen. Im Großen und Ganzen handelt es sich um ein wunderschönes, eingängiges, von Doppelbödigkeiten und Fehlinterpretationen freies Popalbum. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!


Thomas Sabottka für THE GOTHICWORLD


Tracklist:
01 - Krieger des Lichts
02 - Fluch der Liebe
03 - Für den Moment
04 - Ich will mehr
05 - Du wirst bald Geschichte sein
06 - Mein Freund der Baum
07 - Später
08 - Vorwärts
09 - Sag was du willst
10 - Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist
11 - Draussen vor der Tür
12 - Immer noch
13 - You Make Me Wonder


www.joachimwitt.de