interview:

FRONTLINE ASSEMBLY
Gesellschaftlicher Identitätsverlust

Frontline Assembly Bill Leeb und Rhys Fulber haben es tatsächlich getan. Nach Jahren, in denen beide musikalisch getrennte Wege gingen und der eine, Rhys, sich vornehmlich als Produzent einen Namen machen konnte, während Bill mit Delerium weltweit Erfolge einfahren konnte, haben sich beide wieder zusammen getan und mit „Civilization“ ein neues und lang erwartetes FRONTLINE ASSEMBLY eingespielt.

Wer ein Album härtesten Electro oder Industrials erwartet hat, der mag von „Civilization“ vielleicht enttäuscht sein, doch wer Leeb und Fulber für ihren Ideenreichtum und den Mut zu musikalischen Experimenten geliebt und schätzen gelernt hat, der wird mit diesem Album reich belohnt werden. Und auch die vermeintlich guten alten Zeiten lassen FRONTLINE ASSEMBLY nicht unbeachtet und so erreichte die vor Erscheinen des Albums ausgekoppelte Single „Maniacal“ höchste Notierungen in den DAC-Charts. Diese „gute alte Zeit“ war dann auch gleich der Einstieg in das Interview mit Bill Leeb, der sich via transatlantischer Telefonleitung ausführlich Zeit nahm, unsere Fragen zu beantworten.


Frontline AssemblyBill: In der guten alten Zeit sind die Fans für Ihre Band gestorben. Sie haben auf das nächste Album gewartet und heute muss man nicht einmal ein Instrument beherrschen. Man muss nur wissen wie ein Computer funktioniert. Als wir mit Skinny Puppy angefangen haben, hatten wir noch nicht mal einen Computer. Wir hatten ein Keyboard und einen Sequenzer und als wir das erste Mal ins Studio gegangen sind, mussten wir erstmal lernen, unsere Parts zu spielen. Es hat aber alles sowohl gute als auch schlechte Seiten.

GW: Auffällig ist, dass vielen sogenannten Künstlern, im Gegensatz zu früher, einfach die künstlerische Vision zu fehlen scheint.

Bill: Heute legt man leider viel mehr Wert auf das Aussehen und den Stil. Als ich das erste Mal die Neubauten gesehen habe, war ich vollkomen hypnozisiert. Es war so brutal aufrichtig und wenn man sich mit ihnen unterhalten hat, so waren sie sehr intelligent. Heute trägt jeder irgendwelche Designer Sonnenbrillen, alles sehen aus, als ob sie gerade aus irgendwelchen Reality-Shows kommen würden und jeder sieht perfekt aus. Damals war alles einfach individueller. Es ging weder um Ruhm, noch um Geld. Die Bands haben an sich und an bestimmte Dinge geglaubt, nur das findet man heutzutage einfach nicht mehr. Die ganze Tranceszene ödet mich vollkommen an mit ihren formatierten Remixen, wo niemand mehr daran interessiert scheint, etwas einzigartiges zu erschaffen. Jeder ist darauf aus reich zu wrden, ohne viel dafür tun oder arbeiten zu müssen.

GW: Die Musik als Spiegelbild der Gesellschaft, wo Oberflächlichkeit regiert und jeder darauf aus ist, ja keine Emotionen zu zeigen. Fast hat man das Gefühl, die Gesellschaft bekommt künstlerisch nun das, was sie verdient.

Bill: Das ist wirklich traurig und etwas, was ich an dieser jungen Generation einfach nicht nachvollziehen kann. Das ist doch öde und langweilig und beginnt schon in der Schule. All die ganzen sogenannten Punkbands, das hat doch nichts mit Rebellion zu tun. Das ist doch kein Punk. Das ist trendgerechte Musik. Die Sex Pistols waren zu ihrer Zeit mit ihren Texten einfach nur auf Provokation aus. Es geht heute nur darum Spass zu haben und keine soziale Verantwortung mehr zu übernehmen. Jeder ist politisch korrekt.

Frontline AssemblyGW: Im Interview mit dem „Zillo“-Magazin hast du dich dahingehend geäussert, dass „Civilization trauriger und dunkler geworden ist und das Ergebnis der Welt, die dich umgibt und in der du lebst“.

Bill: Wenn ich an Zivilisation denke, dann kommt mir automatisch die Überbevölkerung der Erde in den Sinn. Ich glaube, es gibt kaum mehr Platz für Individualität oder Kreativität. Auch wenn wir Menschen stets Dinge dazu gelernt haben, so machen wir doch immer wieder die gleichen Fehler. Ausser der Art und Weise, wie wir aussehen und wie wir reisen, hat sich heutzutage doch kaum etwas verändert. Ich selbst würde mich sehr als Idealisten bezeichnen, der sein Leben sehr isoliert führt. Das findet sich daher auch in den Texten wieder.

GW: Denkst du, der Welt fehl es einfach an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit?

Bill: Die Welt ist wie Hollywood. Alles ist wie eine Illusion und es fällt schwer eine Linie zu ziehen, was Illusion und was Realität ist. Manchmal finde ich, sollte man auch einfach das Fernshen wieder abschaffen. Das grosse Monster in deinem Zimmer, dass dich all deiner Aufmerksamkeit beraubt … Die Welt würde sich wieder verändern. Nimm als Beispiel nur mal die Mondlandung. Ich bin kein grosser Freund all dieser Verschwörungstheorien, aber ich finde, jeder Mensch sollte seinen eigenen Platz und seine wahre Bestimmung in der Gesellschaft finden.

GW: Lass uns ein wenig auf „Civilization“ zu sprechen kommen. Wie siehst du das Album nun mit ein wenig Abstand seit den Aufnahmen?

Bill: Musikalisch ist dies wahrscheinlich die beste Front Line Assembly-Platte, die wir je gemacht haben. Wir sind musikalischer geworden und haben unser Songwriting enorm verbessert. Tracks wie „Civilization“, „Dissidence“ oder „Vanished“ sind klassische Frontline-Songs. Wir wollten eine ehrliche Platte aufnehmen und sie spiegelt das wider, was wir während der Aufnahmen empfunden haben. Ich finde, die Platte klingt bittersüss. Sie ist sehr tiefsinnig und sehr stimmungsvoll. Selbst wenn nur zehn Leute diese Platte kaufen sollten wäre das grossartig, aber wenn sie niemanden interessieren sollte, dann schliessen wir halt ein Kapitel in unserem Leben, was eine wichtige Rolle für uns gespielt hat.

Frontline AssemblyGW: Habt ihr je den Eindruck oder auch das Ziel gehabt, das Leben und die Einstellung der Menschen zum Leben zu verändern?

Bill: Ganz am Anfang, als wir die Band begonnen haben, haben wir, wie viele andere junge Menschen geglaubt, die Welt verändern zu können. Die ganze elektronische Musikszene war damals sehr wichtig und schau dir an, wohin sie sich mittlerweile entwickelt hat. Alles entwickelte sich aus diesen Anfangstagen heraus: Bands wie Kraftwerk oder Tangerine Dream, aus dem Punk erwuchsen Bands wie Wire, Fad Gadegt oder Depeche Mode, und daraus entstanden Bands wie Skinny Puppy, Nine Inch Nails oder Marylin Manson. All dies, denke ich, war unglaublich wichtig. Als wir das erste Mal mit „Caustic Grip“ nach Europa kamen, hatten wir zwei Singles im Melody Maker, die britische Presse interviewte uns und all das schien wirklich sehr wichtig. Selbst Front 242 waren plötzlich auf den Titelblättern zu finden. Man hatte das Gefühl wirklich Teil einer besonderen Bewegung zu sein. Wir spielten mit Bands wie Killing Joke, den Neubauten oder Cabaret Voltaire, zu denen wir bis dahin immer aufgeschaut hatten. Ich habe den Mainstream und die ganzen Majorlabels immer gehasst und ich denke, dass war mein ganz persönlicher Ausdruck der Rebellion. Ich erinnere mich an eine Tour durch Schweden, wo wir irgend wann mal im Hinterzimmer eines Plattenladens geschlafen haben, aber das war es mir einfach wert. Wax Trax explodierten zu der Zeit, die Revolting Cocks wurden berühmt und ich bin heute noch stolz ein Teil dieser Bewegung gewesen zu sein.

GW: Einer der ungewöhnlichsten Tracks in eurer langen Gesichichte ist sicher „Schicksal“, nicht zuletzt aufgrund seines deutschen Textes, und dann fährt Bill Leeb in beinahe perfektem Deutsch fort.

Bill: Ich habe das Stück und den Text geschrieben. Ich kann noch ganz gut Deutsch sprechen. Es geht ganz langsam und ich habe einen komischen Wiener Dialekt. Mein Vater wohnt noch in Wien und jedes Mal, wenn ich zurückgehe, kommt es ganz langsam wieder zurück. Schwierger ist es in Deutschland, wo die Leute schneller sprechen und einen anderen Dialekt haben. Das ist für mich ein bissel schwer zu verstehen, weißt … Das Stück habe ich geschrieben, um unseren deutschen Fans etwas ganz Besonderes zu geben. Als wir das letzte Mal in Deutschland waren, habe ich die Fantastischen Vier gehört, was ich ganz lustig fand und mich an Falco, den armen Kerl, erinnert hat. Ich höre seine Songs immer wieder mal im Sportstudio. Wir hatten vorher noch nie sowas gemacht und daher hat es mich auch gereizt, unseren deutschen Fans diesen Song zu widmen.

Frontline AssemblyGW: Es gab immer wieder Gerüchte und Aussagen von dir dahingehend, dass „Civilization“ vielleicht die letzte Front Line Assembly-Platte überhaupt sein könnte.

Bill: Man weiss nie. Wer weiss, wann und ob wir wieder zusammen kommen und ob die Labels überhaupt interessiert sind. Wir planen so etwas einfach nicht mehr.

GW: Hegt ihr vor diesem Hintergrund überhaupt Pläne für Liveshows? Eine Tournee oder einzelne Festivalauftritte scheinen bei solch einer Aussagen ja kaum wahrscheinlich.

Bill: Unsere Plattenfirma hat einige Angebote für Festivalauftritte auf dem Tisch und wenn sich daraus so etwas wie eine kleine Tour organisieren lässt, besteht sicher eine Möglichkeit. Vor allem finanziell muss eine Tour Sinn machen. Wir haben sowohl mit Metropolis in den USA wie auch mit SPV einen Deal über ein Album geschlossen, und vom Grundsatz her ist unser Vertrag damit eigentlich erfüllt. Was einen Toursupport angeht müssten wir jetzt wieder neu verhandeln, aber was vor allem zählt ist das Interesse der Fans. Die Situation ist allerdings aufgrund der schlechten Situation im Musikgeschäft sehr schwierig.

GW: Wobei man sicher nicht leugnen kann, dass das Interesse an dieser Musik vorhanden ist. Festivals wie das Wave Gotik Treffen oder das M’era Luna ziehen jedes Jahr tausende von Besuchern an und auch das „Zillo“ plant wieder ein grosses Drei-Tage-Festival.

Bill: Sicher, so weit, so gut, aber es ist wirklich davon abhängig, wie sich das neue Album verkauft. Die Geld dafür, mal eben sechs Leute nach Deutschland einzufliegen zu lassen, sitzt nun mal nicht mehr so locker. Da sind die Verkäufe ausschlaggebend dafür, die Kosten auf sich zu nehmen. Selbst die ganz grossen Acts haben alle zurückstecken müssen. Alleine die Kosten dafür, uns Arbeitspapiere und die komplette Crew einfliegen zu lassen, sind schon immens. Wen man als Band vielleicht gerade mal zwölftausend Alben verkauft und sich alleine die Flugkosten auf fünfzehntausend Doller belaufen, dann macht das aus finanzieller Sicht überhaupt keinen Sinn. Wenn wir in Europa leben würden, wäre das sicher eine ganz andere Sache.

GW: Dann verlegt euren Wohnsitz doch kurzerhand nach Europa?

Bill: (lacht) Nun ja, wir stehen halt nicht mehr am Anfang unserer Karriere. Ich bin mir sicher, wir werden uns mit unserer Plattenfirma noch einmal über dieses Thema unterhalten. Die Dinge verändern sich halt. Ich bin mir sicher, dass die Fans, die uns noch aus unseren „Caustic Grip“-Zeiten kennen, mittlerweile alle in irgendwelchen Banken arbeiten. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, wie viele Fans wir überhaupt noch haben.

Frontline AssemblyGW: Hättet ihr euch überhaupt träumen lassen, so lange musikalisch aktiv zu sein und solch eine Vorreiterrolle in der Electro-/Indsutralszene einzunehmen?

Bill: Nein, im Leben nicht. Ich habe ja im Underground mit Tapes angefangen. Wir hatten eigentlich nie Geld und haben mit solch einem Erfolg niemals gerechnet. Sollte ich morgen aus irgendeinem Grunde sterben müssen, ich würde glücklich mit dem Gefühl abtreten, etwas im Leben erreicht zu haben. Wir haben es geschafft uns kontinuierlich hochzuarbeiten, und mehr kann man vom Leben doch eigentlich nicht erwarten. Etwas erreicht zu haben, das einzigartig ist und Anerkennung als Künstler findet. Es ist doch unerheblich was man auf dem Bankkonto hat, wenn man von dieser Welt abtritt. Ich denke, zu viele Menschen messen Erfolg einzig an ihren Einkommen, an der Grösse ihres Hauses oder dem Geld, das sie haben. Mir persönlich ist die innere Zufriedenheit wichtig, wenn man ein Gefühl hat das erreicht zu haben, was man erreichen wollte. Es gibt nichts, wo ich sagen würde, dass ich das unter einem anderen Aspekt gemacht habe.

GW: Verfolgst du das, was heute in der Electro- und Industrialszene so vor sich geht, überhaupt noch?

Bill: Ja. Ich bekomme immer wieder mal Tipps, aber auch das ist anders heute. Früher bin ich jeden Dienstag in den Plattenladen gegangen und habe die neuen Importe aus Europa angehört, aber das gibt es in dieser Form leider auch nicht. In der Regel bekomme ich aber schon von Freunden mit, was gut ist. Ich persönlich mag Bands wie Air, Chemical Brothers und Daftpunk, aber selbst heute ist zum Beipsiel Leftfields erstes Album immer noch ein Killer. Rammstein, finde ich, haben das ganze Industrialgenre durch ihre Liveshows auf eine vollkommen neue Ebene gehoben. Musikalisch vielleicht nicht so sehr, aber als Live-Band spielen sie wirklich jede Band an die Wand. Die Leute wollen heutzutage unterhalten werden. Sie wollen auf der Bühne ein Spektakel sehen.


Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GothicWorld


"Maniacal“ CDS
"Civilization" CD

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