special:
UNHEILIG / TERMINAL CHOICE 02.03.04 Essen, Zeche Carl
Nach dem vielversprechenden Album
"Zelluloid" war es nun also an
der Zeit sich von den Livequalitäten des Grafen zu überzeugen.
Dementsprechend mit hohen Erwartungen erfüllt, pilgerte man also in die
ehrwürdige Zeche Carl in Essen, wo man auch schon mal dem Sänger von
Kreator über den Weg laufen kann. (So an diesem Abend geschehen!)
Schnell stellte sich heraus, dass die beiden Bands für diesen
Abend ihre Reihenfolge geändert hatten und die Berliner Terminal Choice
zuerst spielen würden. Das war zumindest ein Beweis für die gute
Chemie zwischen den Künstlern, fern ab von jedem Stargehabe, wie uns der
Graf noch vor dem Auftritt während eines Kaffees versicherte. Es gibt
keinen Support und keinen Headliner, nur zwei Bands die eben am selben Abend
auf der selben Bühne spielen. Hier zumindest ein Kompliment an Chris Pohl
und Mannen, denn UNHEILIG haben auf Tour auch schon ganz andere
Töne vernommen.
Sehr zu unserer Enttäuschung aber, da wir
(auf Grund des fortgeschrittenen Alters und dem nachfolgenden Arbeitstag) nicht
vorhatten uns TERMINAL CHOICE vollständig anzuschauen, so aber
wenigstens unserer Chronistenpflicht
Tribut zollen konnten. Nach einem
25minütigem Ausflug in die Welt des Johann Strauss, kündigten sich
dann pünktlich um 21:00 donnernd die Jungs um Mädchenliebling Chris
Pohl lautstark heran. Meines Erachtens zwar immer noch besser als sein
Nebenprojekt Blutengel, konnten mich aber leider auch TERMINAL CHOICE
nicht vom Hocker reißen. Zu laut, zu uninspiriert und auf platte
Attitüden angelegt, zelebrierten sie, vor dem tanzenden und jubelnden
Jungvolk, ihren Gitarren-Industrial bei dem man den Eindruck hatte, er solle so
klingen wie die NIN, nur eben meilenweit davon entfernt. Laut, krachig, mit den
obligatorischen Lyrics a la "Ich bin der Teufel", "Menschenbrecher" usw. Ach
wie sind wir böse.
Auch neuerdings angeschweißte
Dreadlocksträhnen und orangefarbene Sonnebrille, konnten nicht
darüber hinwegtäuschen das Pohl zwar ein sehr hübscher
Teeniestar ist, aber eben auch nicht mehr. Den Kids gefällt es, dem
anspruchsvollen Musikhörer treibt es zurück in die Bar zum Bier
trinken.
Nach ca 75min wurde das Publikum fast
zur Hälfte komplett ausgewechselt. Die gestylten Pohl-Lookalikes konnten
noch ohne Probleme ihre letzte Straßenbahn erreichen um morgen
pünktlich in der Schule ihre Mitschüler und Lehrer mit den Resten,
der nicht ganz entfernten Schminke zu schocken, während in der Zeche
plötzlich etliche Leute um die dreißig bis vierzig waren, die nicht
einmal schwarz trugen. Was umso erstaunlicher erschien, da der Graf ja schon
mit den Klischees und Attitüden der Gothicszene (ganz bewusst)
spielt.
Mit Unterstützung eines (optisch) eher unscheinbaren
Keyboarders und eines Country-gestylten Gitarristen, zelebrierte der Graf fast
alle Songs seines neuen Albums. Was sage ich? Zelebrierte? Lebte!
Mit manischem Blick, reduzierten, abgehackten Bewegungen, nie
platt, immer charismatisch und stimmlich vor allem so weit oben, wie kaum ein
anderer Sänger. Persönlicher konnte man die Texte des intimen Albums
kaum umsetzen. Mit Tränen, Wut, Schmerz und Kraft im Gesicht, im Ausdruck,
konnte der Graf als ehrlicher Künstler überzeugen, der seine
ernstgemeinte Botschaft mit Power unter das Volk brachte und so zu begeistern
wusste.
Schade das der Aufruf zur Freiheit und
zum Individualismus bei den verbliebenen, jüngeren Goths teilweise nicht
so sehr Beachtung fand, ja überhaupt nicht verstanden wurde. Es ist ja
immer so schön einfach sich dahinter zu verstecken, dass einen die anderen
nicht verstehen. Aber unter Toleranz verstehe ich auch, dass man sich nicht
unbedingt über die Tanzbewegungen eines älteren Herren kaputt lacht,
der einen bunten Sweater trägt.
Somit kam die Botschaft des Grafen
nur bedingt an, während die Musik voll mitriss. Die Älteren freuten
sich eben über das Miteinander, die bunte Mischung des Publikums, und die
jüngeren, durchgestylten Grufties bewiesen eben zum Teil, dass sie genauso
intolerant und eingebildet sind, wie die von UNHEILIG angeprangerten
Wahrheitsapostel.
Abgesehen davon wurde
schweißtreibend gerockt und natürlich durften auch ältere Songs
wie "Sage Ja", "Maschine" oder "Schutzengel" neben den
aktuellen Werken wie "Mein Wort", "Herz aus Eis", "Fabrik der
Liebe" oder eben "Freiheit" nicht fehlen. Schade dass das meiner
Meinung nach stärkste Stück "Mein König" fehlte, aber
vielleicht ist dieses dem Grafen zu intim.
Insgesamt aber konnte sich
das Publikum zusammen mit UNHEILIG sehr zufrieden ob diesem Auftritt
zeigen und danach mit dem Grafen am Mechandisingstand noch das eine oder andere
Wort wechseln. Hier wurde eben noch Volksnähe gezeigt wie wir sie
allenthalben nur von ASP kennen. Überhaupt wäre dass für die
Zukunft mein persönliches Tourneedoppelwunschprogramm. Mit möglichem
Duett. UNHEILIG sind zumindest mit ihrem neuen Album ganz
verdächtig auf dem Weg an die Spitze deutschsprachiger Rockmusik und Live
ein wahres Erlebnis.
Thomas
Sabottka für GOTHICWORLD
Bilder:
Michael Kuhlen
(OBLIVEON)
Review
"Zelluloid" Interview mit
Unheilig
www.unheilig.com |