CD-REVIEWS:

Amerikan Gothick    ASTROVAMPS "Amerikan Gothick"
CD (Alice In ... / SoulFood)

AstrovampsWeil mich der "parental advisory" Hinweis auf dem Booklet neugierig gemacht hat, halten wir uns heute mal nicht an die so schön gesungene Weisheit "Don't judge a book by its Coveheher", sondern klappen flugs erst mal das Booklet auf. Und klappen und klappen und klappen. Und freuen uns schon mal aufs Zusammenklappen, welches ohne Vordiplom im Falkplan-(patentiert gefaltet!)-Klappen zum Problem werden könnte.

Das was ich erblicke läßt mich rufen: "Zu Hülf! Zu Hülf! Die Pandas sind los!" Reinrassige Pandas? Nicht ganz. Irgendwie schauen die ASTROVAMPS sämtlich aus, als hätte sich Frank ‚n' Further mit einem Panda gepaart. Was ja eigentlich an ein Wunder grenzen würde, da ich (dank Spiegel online) weiß, daß Pandas derart vermehrungsunfreudig sind, daß man im Berliner Zoologischen Garten dazu übergegangen ist, ihnen Filme der pornographischen Art vorzuführen. Ob in diesen die Hauptakteure als Bärchen verkleidet agieren, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Und auch, ob es sich bei diesen welchen eventuell um die Mitglieder der ASTROVAMPS gehandelt hat. Obwohl das nun schon wieder nicht soooo abwegig wäre, da diese -eigener Aussage zufolge- schon in derartigen Werken der Filmkunst mitgewirkt haben, wenn sie nicht gerade Musik machen. Womit wir wieder beim Thema wären. Nämlich der Besprechung der "Amerikan Gothick" von den ASTROVAMPS.

Beim ersten Durchhören fällt auf, daß vieles vage bekannt vorkommt, man vermeint in jedem Lied schon immer etwas, sei es nun in musikalischer Hinsicht oder auch nur eine Textzeile, gehört zu haben. Bei genauerem Hinhören entpuppt sich diese Vermutung nicht als falsch, aber es wird gleichsam nur auf ein anderes Werk verwiesen, nicht dieses einfach nur kopiert. Intertextual sozusagen. (Für diejenigen, die schon jetzt keine Lust mehr haben, weiterzulesen an dieser Stelle die Schublade: ASTROVAMPS = Postmoderner Horror-Death-Goth.) Hätte man den Herren gar nicht zugetraut, da die Äußerlichkeiten doch darauf zu verweisen scheinen, daß da jemand mit ein wenig Anzüglichkeit und Gruselkrams auf den schnellen Dollar aus ist. Ja, die ASTROVAMPS kommen aus Amiland und das hört man der Musik auch an. Die Grundlage bildet Deathgothrock der amerikanischen Prägung. Die Band nimmt uns gleichsam mit auf einen Streifzug durch die Rockgeschichte, pickt sich hier und da ein Zitat heraus, um es dann durch die "Amerikan Gothick"-Maschine zu drehen, mit einem Schuß Horror (inklusive der entsprechenden Samples) zu garnieren, solide instrumentiert mit Gitarre, Schlagzeug, Keyboard und Baß. Die Stimme zieht einen zwar nicht gleich beim ersten Hören in ihren Bann, geht einem aber auch nicht spontan auf die Nerven und gewinnt beim nochmaligen Anhören durchaus an Facetten.

Als Paradebeispiel bietet sich der Song "Alice in Gothland" an. Eingeleitet wird das Lied durch das vorhergehende Intro, in dem eine Lehrerin ihren Kindern ein wenig "einpeitscht". Textlich wird natürlich auf "Alice's Adventures in Wonderland" und besonders auf die "Mad Tea-Party" verweisen. Aber auch der "Wizzard of Oz" und Peter Pans "Neverland" tauchen auf. Somit einige der bekanntesten Bücher, in denen Kinder in eine andere Welt finden. Die Leadgitarre klingt auch wie ein alter Bekannter. Hat man nicht damals "here we are now, entertain us" mitgegröhlt? Und wie hieß doch gleich die Platte? "Nevermind", die war's. Und irgendwie kennt man auch die Rhythmusgitarre in ein wenig anderer Version.... "We're off to never neverland"…. Natürlich Metallica, "Enter Sandman". Uns was tönt einem dazu von der ASTROVAMPS-Scheibe entgegen: "flights to never neverland". Die andere Welt ist natürlich keine schöne Phantasiewelt in der man niemals erwachsen wird. Sondern das "Gothland". Dunkel, schmerzhaft. Um etwaigen "political correctness"-Anhängern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, es werden keine Kinder gefoltert oder mißbraucht. Nur ist die andere Welt keine ach-so-schöne, wie in den Disney-Verfilmungen, sondern genauso mit Widersprüchen und dunklen Flecken durchsetzt wie unsere Welt. Genau wie die Originale in Buchform. Und zumindest ich würde das dämliche Kaninchen nach spätestens drei Tagen erwürgen wollen.

Und genau dieser Stil "aufgreifen, anspielen, verändern" zieht sich durch das gesamte Album. "Day of the dead" kommt natürlich mit einer Anspielung auf den mexikanischen "Día de los Muertos" daher, verweist auf "Zombie II" und ist ansonsten wunderbar hymnisch, so daß man glatt sein Feuerzeug rausholen möchte. Bei "Mardi gras masquerade" vermeint man eine Jazz-Kapelle durch die Straßen des French Quarters ziehen zu sehen. Der Text greift das Thema "Maske" in gotischer Hinsicht auf. Den Wahnsinn eines Hexentanzes vermittelt der "Vampire Circus" der textlich die "Freaks" aus dem Jahre 1932 verweist und gerade mit der Zeile "I, I want to love you" dieses Thema nicht plump abhandelt, sondern Raum bietet für eigene Interpretationen. Der "Dead Lover's Blues" wird im "House of the Rising Sun" aufgespielt, nur daß das Freudenhaus diesmal im Reich der Toten liegt und die Mädchen nicht den Körper des Protagonisten wollen. Weitere Interpretationen spare ich mir an dieser Stelle, denn ich hatte nicht vor eine Doktorarbeit darüber zu schreiben. Obwohl ich gestehen muß, mir noch nie Gedanken um "Mr. Styx", den Vater von Hypnos und Thanatos gemacht zu haben und ich nicht wirklich weiß, was denn Morpheus in dem Song zu suchen hat....... Nachschlagen soll helfen. Morpheus ist Ovid zufolge der Sohn des Hypnos. Ähä, ein Lied über Morpheus sein Großvater, es sei denn Mrs. Styx hätte mit jemand anderem... Und mit wem hat dann Hypnos? Fragen über Fragen.......

Eine weitere Frage, die sich mir seit Jahren stellt: Warum muß so ziemlich jede Band "Paint it black" covern? Obwohl es in diesem Falle sogar recht anständig gelungen ist. Liebe Bands, bitte, bitte, hört endlich auf damit! Als Live-Gimmeck meinethalben, aber doch nicht mehr auf Platte. Den Abschluß der Platte bildet der Livetrack "Lady Death", der auch zeigt, daß die Jungs auch auf der Bühne ihre Instrumente zu spielen wissen. Die einzigen Wehmutspunkte auf dieser Scheibe sind das Schlagzeug, mit seinen sich doch dezent wiederholenden gleichen Breaks und Crescendi und die zu oft an eine AstrovampsHammondorgel erinnernden Keyboards, die mir ab und an auf die Nerven gehen, aber die dankenswerter Weise in der Kraft der Songs und der Texte untergehen.

Meine Empfehlung: Kaufen, anhören, sich freuen. Noch mal hören, Texte lesen, auseinanderpusseln und begeistert sein! Gibt nicht nur Zucker für die Ohren, sondern auch mal Futter fürs Hirn.

PS: Zu der Auffassung, daß alles nicht ganz so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, hätte man natürlich schon beim lesen des Titels "Amerikan Gothick" in verquerer Anspielung auf die Fernsehserie kommen können.....


Silvio Wolff für GOTHICWORLD


Tracks:
01. Sodom Elementary (Monologue)
02. Alice in Gothland
03. Day of the Dead
04. Mardi Gras Masqurade
05. Vampire Circus
06. Blue Melancholy Death
07. Lament of the Undead (dark bite version)
08. Transylvania (creepy muse version)
09. Everyday is Halloween
10. Black Dahlia
11. Mr. Styx
12. Vincent Price
13. Skull Love
14. Ghoul Parlor
15. Ghost Parade
16. Boris Karloff
17. Dead Lover's Blues
18. Paint It Black
19. Lady Death (Live in Los Angeles)


www.astrovamps.com