interview:
CLOSTERKELLER "Nun habe ich keine Angst mehr, dass Closterkeller wie
ein kahlgeschorenes Schaf rüberkommt."
In Polen sind sie schon seit Jahren eine
Berühmtheit, ja eine Kultband, in Sachen melodischen Gothic Metal mit
Frauengesang. Mit ihrem aktuellen Album "Nero" versuchen sie nun auch in
Englisch den Rest Europas zu erobern. Weit entfernt von NightWithinTragedy
möge es ihnen gelingen
Die Zeit ist also reif, mit Sängerin
Anja ein wenig genauer auf die polnische Ausnahmeformation zu
schauen.
GW: Mit eurem
neuem Album "Nero" startet ihr ja nun auch in Englisch um den Rest Europas zu
erobern. In Polen seid ihr ja eigentlich schon eine ganz große Nummer.
Vielleicht erzählt ihr erst einmal einfach was von euch. Wer ihr seit,
seit wann es euch gibt
Anja:
Closterkeller gibt es schon seit 1988. Wir starteten damals als
total junge und unbeeinflusste Musiker. Wie das kam? Nun, wir liebten einfach
Musik und wollten selber welche machen. Wir hätten nie gedacht dass wir
überhaupt populär werden würden, geschweige dann den Status
erreichen den wir jetzt in Polen haben. Wir versuchten einfach überall wo
es nur ging zu spielen. Oft in so Newcomer-Contests" usw. Und dann kam
plötzlich die zeit wo wir die alle gewannen. Selbst die wichtigsten und
bekanntesten. Das war ziemlich unglaublich für uns. Dann wurden wir
plötzlich so eine Art Headliner der ganzen gothic music unseres Landes,
und wurden auf eine Art sogar kommerziell erfolgreich. Einige unserer Songs
wurden richtige Hits in Polen. Ich bin stolz darauf dass uns die vielen Jahre
der harten Arbeit so einen Status verschafft haben, wie wir ihn inzwischen
haben. Wir werden jetzt sogar schon als eine "Kultband" bezeichnet. Junge Bands
spielen unsere Songs und Sängerinnen nehmen mich als Vorbild. Ich finde
dass sehr fantastisch und als ein sehr großes Kompliment, weil es mir
zeigt dass unsere Kunst eine Bedeutung hat.. Und das ist das Wichtigste
für meine Arbeit. Mit Arbeit meine ich hier etwas dass etwas beim
Hörer bewegt und ihn für längere Zeit beeindruckt. Seit unserem
Bestehen haben wir 11 Alben gemacht - 7 Studio Alben ( "Purple", "Blue",
"Violet", "Scarlet", "Cyan", "Graphite", "Nero"), 2 - Live Alben ("Koncert'97",
"Fin de siecle"-acoustic live), die EP "Agnieszka," und eine Compilation (mit
einer zweiten "multimedia" CD) - "Pastel". Und dann gibt es auch noch eine DVD.
("Act III - live 2003").
GW: Warum dann jetzt "Nero" in
Englisch?
Anja: Wir machen
eigentlich schon seit längerer Zeit zwei Versionen von unseren Platten.
Aber bis jetzt sind die nie auf CD erschienen. Warum wir dass so machen? In
Polen singen wir natürlich bevorzugt in Polnisch. Die Leute finden das gut
- ich glaube das ist nicht weiter erstaunlich, oder? Aber GRAPHITE, unser
Label, meinte dass wir auch englische Versionen machen sollten. Und von da an
gingen wir mit mehr Ernst an englische Songs heran, sangen auch in Englisch,
vielleicht weil es einfach die internationale Sprache der Rock Musik ist. Und
wir versuchen ja auch immer wieder unsere Musik in anderen Ländern bekannt
zu machen. Ich befürchte, dass wir solange wir in Polnisch singen, wir als
eine ethnische Kuriosität betrachtet werden, aber nicht als eine
ernstzunehmende Rockband.
GW:
Wie waren die Reaktionen eurer Fans, die ja in erster Linie dann
Polen waren, darauf?
Anja: Die
Reaktionen waren sehr unterschiedlich, aber die positiven überwiegten zum
Glück. Und dass machte mich sehr froh, weil ich anfänglich sehr
nervös war diesen Schritt aus uns heraus zu gehen. Wir waren es ja
irgendwie schon gewöhnt hier regelrecht "angebetet" zu werden und da ist
es schon ziemlich seltsam in einem anderen Land wieder ganz von vorne
anzufangen. Aber es wird schon funktionieren!
GW: Habt ihr die Texte selbst übersetzt
oder hat euch jemand dabei geholfen?
Anja:
Meine Texte sind sehr wichtig für Closterkeller. Das ist auch
einer der Gründe warum ich so lange gewartet habe bevor ich mich einem
"fremden" Publikum stellen wollte. Für mich ist das menschliche Wesen die
große Inspiration. Sein Herz und seine Seele. Gefühle, Triebe mit
denen man geboren wird und wie die sich ändern, im Zusammenhang mit dem
was um Einen herum passiert. Von dem Moment an wo ich "Les Temps Retrouve" (In
Deutsch unter "Auf der Suche nach der verschwundenen Zeit" erschienen) von
Marcel Proust in der Schule las , wurde ich regelrecht verrückt und begann
mich in ihn zu verwandeln. Ich begann die Welt mit seinen Augen zu sehen:
Beobachten und widergeben von Gefühlen. Meine Texte sind nicht einfach,
sie sind voll von metaphern, Anspielungen auf Literatur und in einer sehr
poetischen Sprache geschrieben. Auch wenn ich denke dass ich ganz gut in
Englisch bin, glaube ich nicht dass ich in der Lage bin, meine eigenen Texte zu
übersetzen. Glücklicherweise trafen wir Unicornis auf unserem Weg -
jemand der Englisch so gut wie ein "Muttersprachler" spricht und außerdem
selber noch Dichter ist. Seine Übersetzungen sind einfach nur brilliant.
Sie sind Beides, exakt und poetisch. Nun habe ich keine Angst mehr dass
Closterkeller in English wie ein kahlgeschorenes Schaf rüberkommt.
GW: Vielleicht kannst du mal ein
paar Worte über die polnische Szene verlieren. Es scheint ja fast so, als
wäre polen langsam das Mutterland des melodischen Gothic Metal mit
Frauengesang. Oder liegt dass nur daran das wir soviele Platten von Metal Mind
Production bekommen?
Anja: Das
ist so! Aber dass ist es auch schon seit ein paar Jahren. Es gibt eine Menge
Bands mit großartigen Sängerinnen in Polen. Nicht nur GothicMetal
Bands.Auch andere Arten von dunkler Musik. Die weilbliche Stimme ist
geschmeidiger, und mit ihr ist es einfacher die Reichhaltigkeit, die
Atmosphäre und die Bedeutung dessen was "dark Music" bedeutet zu
transportieren. Warum soviele Bands in Polen? Einfach weil wir ein Volk voller
Talente sind!:-) Oder der Chef von MetalMind mag charismatische Frauen? ;-) Auf
jeden Fall sind wir Sängerinnen ihm sehr dankbar für all das was er
für uns tut.
GW: Wart ihr
eigentlich schon mal Deutschland um zu spielen?
Anja: Ja! Sehr oft schon. Aber du meinst
wahrscheinlich ob wir hier schon getourt haben? Ja zweimal, vor langer Zeit.
Das erste Mal war 1994 in Bonn und Umgebung (3 Gigs). Das zweite Mal beim Wave
Gotik Treffen 2003. Wir sollten noch ein drittes Mal spielen, in Goerlitz, bei
einem Event das auf Grund des Betritts Polens zur EU veranstaltet werden
sollte, aber unglücklicherweise wurde die gesamte Veranstaltung abgesagt.
Schade. Aber wir hoffen von Leuten zu hören - die uns fragen zu
realistischen Bedingungen zu spielen, oder gar eine richtige Tour zu machen.
Bei dem WGT hatte ich den Eindruck dass wir genau die Art von Musik spielen die
Leute in eurem Land mögen. Veilleicht sogar mehr als in Polen. Hier
höre ich oft dass wir irgendwie ''spielen wie etwas Deutsches". :-)
GW:
Siehst du irgendwelche Unterschiede zwischen der deutschen und
der polnischen "Szene"?
Anja: Es
ist schwer für mich über eure Szene zu sprechen. Ich habe nur einen
sehr vagen Eindruck von ihr. Ich kann meine Ansichten eigentlich nur auf das
zurückführen was ich beim WGT sah und hörte, ja und
natürlich, durch die Platten die höre, aber ich weiß nicht ob
das wirklich so repräsentativ ist. Es scheint sich schon ähnlich der
polnischen Szene zu entwickeln. Aber ich denke es gibt in Deutschland wirklich
mehr schwere und wirklich dunkle Musik als bei uns. Eure ''darkwave'' Szene ist
wirklich sehr beeindruckend. In Polen mögen die Leute z.B. Diary of
Dreams, - sie denken dass ist das führende Ding, soweit diese Musik eben
gehen kann. Es war fastt eine Befriedigung für mich auf dem WGT zu sehen,
das ihr auch einen Haufen Bands habt die total berühmt und bekannt sind,
aber wirklich, ganz objektiv, ist ihre Musik nichts Besonderes, oder manchmal
sogar noch weniger als das. Ich meine die Konzerte bei denen ich auf dem WGT
war - Bands von weiß ich nicht woher, aber alle drehten völlig ab wo
sie die sahen - offenischtlich, diese Bands waren die totalen Stars dort. Deren
Musik war so dermassen langweilig. Wir haben auch solche Bands. Ich weiß
- deren Popularität ist darin begründet dass sie die richtigen Leute
kennen und Geld für Promotion haben. Es war schon eine riesige Befreiung
zu sehen, dass solche Dinge nicht nur bei uns passieren. Na gut, es waren nur
ein paar Bands die so
waren. Eine andere Sache ist, dass ich die Art und
Weise sehr mag in der "eure" Bands spielen. Sie packen ihr Herz in die Musik,
in einer ganz großen Art, eine ganze Menge ihrer Energie, und sie agieren
sehr proffessionell. Das ganze Ding ist ähnlich zu dem großen
Gefühl dass wir hier haben, es ist schwer die Unterschiede festzumachen.
Ihr seid mehr... extravagant? Sehr wagemutig und bestimmt inwieweit ihr am
Image formt? Ihr geht tiefer? Das ist großartig und ich vermisse das bei
uns. Wir vernmissen das Großartige hinter eurem künstlerischen
Image. Besonders die Jungs - sie präsenieren sich selbst extrem cool und
extravagant, gehen ganz tief rein - in Polen... machen sie einfach was sie zu
machen haben? ;)
GW:
Würdest du sagen dass die Polen zur Zeit vielleicht auch
offener für Experiemente sind, gerade auch auf Grund der
Veränderungen in der Politik?
Anja:
Die Leute in Polen sind sehr offen gegenüber Esperiementen, ob
nun während politischer Veränderungen oder nicht. Das war schon immer
so. Das ist unser Individualismus und das wir nur ungerne irgendwelchen
Gesetzen folgen wollen. Die schlechten Charakterzüge kommen von da, aber
es ermöglicht auch die große Kreativität die wir Polen haben.
Ich denke es ist nicht wirklich sehr überraschend dass dies der erste
Platz war, wo das kommunistische System fiel - das eigenratige ist, dass es so
spät passierte. Polen haben ein sehr offenes Herz. Und nicht alle sind so
schlecht wie ihr vielleicht denkt. Ich befürchte die Stereotypen sind auf
die wirklich schlechten Individuen begründet. Ich hoffe das wir mit dem
Beitritt zur EU allen beweisen können was die Wahrheit ist.
GW: Inwieweit ist Politik für euch als
Künstler überhaupt wichtig?
Anja:
Da spreche ich nur für mich selbst - Ich war sehr in Politik
"involviert", ich war sehr tief drin und irgendwann kotzte es mich an. Aber
irgendwann erkannte ich, dass der beste Weg ist, meinen Kopf mit Gedanken,
Ideen zu füllen, nicht mit politischen Intrigen und ihrer Korruption.
Jetzt bin ich einfach "nur" mehr daran interessiert was passiert. Ich versuche
einfach nur ein wenig daruf zu achten, wen ich wählen kann, von dem ich
das Gefühl habe, er wäre das Beste für mein Land
und das
war es dann auch!
GW: Gerade hier
(zwischen unseren beiden Ländern) verläuft ja auch die Grenze
zwischen West- und Osteuropa. Zwischen Deutschland und Polen. So nah und doch
soweit auseinander. Findet Ihr dass es an der Zeit wäre, die kurzen
geographischen Entfernungen zu nutzen um die "geistigen" Entfernungen zu
überbrücken?
Anja:
Ich weiß nicht. So weit auseinander? Veilleicht liegt es an
den Menschen und wie sie es sehen? Ich habe eine Menge Deutsche kenne gelernt,
und es war immer eine gute Zeit und wir haben noch Kontakt. Gut, es waren junge
Leute - Rock Fans, sehr entspannte und offene Menschen. Hmm... auch einige
ältere Leute - Freunde der Famile (oder sind dass sogar Verwandte? Der
Name meiner Oma ist Abendt :-) ). Und ich hatte auch immer einen sehr guten
Draht zu diesen Leuten. Es sind eigentlich immer nur so ganz dumma historische
oder politische Sachen die zwischen einem stehen, so dass man das Gefühl
hat das jemand weit weg von dir ist. Aber gerade was Kunst anbelangt, denke ich
nicht das es da eine Rolle spielt von wo du kommst. Wenn du einfach gute Musik
spielst und die Menschen es fühlen können, warum sollten da so
belanglose Dinge eine Rolle spielen? Für mich ist Musik Eins. Und die
einzige Unterscheidung ist in "gut" oder "schlecht". Mir ist das egal von woher
die Macher kommen - von mir aus mögen sie "aliens from outer space" sein.
;-)
GW: Würdet Ihr darin
vielleicht auch eine Aufgabe für Euch als Musiker sehen? In dem
Zusammenwachsen. (Gerade auch mit dem engl. Album)
Anja: Ja ich denke schon, auf jeden Fall. Jeder
Kontakt mit einer neuen Musikszene, mit neuen Arten Musik zu betrachten und die
Kunst Musik zu machen, wird für uns immer eine Weiterentwicklung sein,
etwas bereicherndes. Besonders wenn wir die Leute dann auch direkt treffen -
bei Konzerten etc...
GW:
Plant ihr irgendwelche Auftritte, Touren in Deutschland? Denn
umgekehrt sind ja schon eine Menge Bands bei "euch" z.B. auf dem Castle
Festival aufgetreten. Wäre es dann nicht langsam an der Zeit dass ihr mehr
hier spielt?
Anja: Wie ich
vorhin schon sagte, die Leute hier scheinen "dark music" schon sehr zu
mögen. Alle waren glücklich als Daine Lakaien auf dem Castle Party
gespielt haben. Wenn es nach mir ginge, bringt hier jedes Jahr einen Haufen
deutsche Bands nach Polen. Soweit wie ich weiß spielten auch schon
etliche polnische Bands bei euch in Deutschland. Ich muss gestehen dass ich sie
beneide. Wie auch immer, wir kennen nicht die richtigen Leute, oder sowas, und
können nicht einfach so in ein anderes Land gehen um zu touren. Es
ärgert mich schon wenn ich höre dass Leute meinen wir würden
perfekt in die deutsche "Szene" passen. Die Leute die uns gehört haben und
wirklich beeindruckt waren, oder wenn wir Emails von deutschen Fans bekommen...
Einer wollte sogar einen deutschen Fanclub gründen nachdem er uns auf dem
WGT gesehen hatte. Tja, und nichts passiert, damit wir mal irgendwie touren
können. Das ist Sch...
GW:
Dann wollen wir mal hoffen dass wir mit unseren bescheidenen
Mitteln dazu beitragen können, eure wirklich fantastische Musik hier
bekannter zu machen.
Anja:
Wäre schön!
Thomas Sabottka für
GothicWorld
Zum Review
"Nero"
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