special:
GOETHES ERBEN "Schattendenken" 12.04.04 - Berlin/Columbia-Fritz
Nachdem sich Erblast und Artwork schon aufgelöst
haben, ist auch die Zukunft von GOETHES ERBEN ungewiß, jedenfalls wenn
man die letzten Interviews mit Oswald Henke etwas aufmerksamer gelesen hat. So
machte ich mich also auf die Reise, um mir das langangekündigte
Musiktheaterstück "Schattendenken" anzuschauen.
Erfreulicherweise fanden sich dieses Mal im Gegensatz zur
Abschiedstour von Erblast/Artwork etwas mehr Leute ein, so daß sich das
Columbia-Fritz sehr gut füllte. Auch wenn "Schattendenken" anfangs
als Quasi-Theaterstück angekündigt wurde, fand es im Gegensatz zu
"Kondition Macht!" nicht in einem Theater, sondern in einer normalen
Konzerthalle statt. So gab es auch eine Vorband, die mit THE BEAUTIFUL
DISEASE äußerst gut gewählt war, da sie ähnlich der
ERBEN ihren Schwerpunkt auf sehr poetische und anspruchsvolle Texte legen. Der
Sänger Chris Goellnitz bestach dabei mit einer sehr individuellen Stimme,
die von dichtem Keyboardsound und einer Gitarre begleitet wurde. Auch wenn der
Großteil wohl auf den Hauptact des Abends wartete, erregten THE
BEAUTIFUL DESEASE Aufmerksamkeit und stimmten das Publikum angemessen ein.
Nach einer kurzen Umbaupause war es dann soweit:
Vorhang auf für GOETHES ERBEN. Das gespannte Publikum sah einen im
Bett schlafenden Oswald Henke, der sich langsam bemühte aufzustehen. Man
fühlte sich ein wenig in die Schneelandschaft des "Blauen Rebellen"
zurückversetzt, was auch durch die karge Bühnenausstattung
unterstrichen wurde. Die Bühne teilte sich in den vorderen Teil, wo die
Musiker Platz genommen hatten und in den hinteren, erhöhten Teil, der nur
mit einem Bett und einem kleinen Tisch mit Stuhl ausgestattet war. In diesem
agierte Oswald, obwohl sich sein körperlicher Einsatz für seine
Verhältnisse in Grenzen hielt, da er oft am Tisch sitzend erzählte.
Genau dieses Erzählen von Geschichten wurde thematisiert. Warum und
für wen erzählt man Geschichten? Welcher Bezug besteht zur
Wirklichkeit? Was ist Traum und was Realität? Was passiert, wenn ich damit
aufhöre?
Es ging also inhaltlich um
teilweise recht philosophische Themen, wie man sie von den ERBEN gewohnt ist,
jedoch wurde damit auch gleichzeitig die Geschichte, das Selbstverständnis
und die Zukunft von GOETHES ERBEN selbst dargestellt und behandelt. Die
Vergangenheit wurde mit Jasmintee heraufbeschworen, das Verlieren in
Geschichten sowohl positiv als auch negativ bewertet. Für den
Erzähler kann das Aufhören des Erzählens zum Wahnsinn
führen, was Herr Henke mit viel Krach und Geschrei vor Augen führte.
Am Ende sitzt er wahnsinnig auf seinem Tisch und alle anderen Musiker stehen
auf und verlassen die Bühne, was wie das Ende des Stückes wirkt.
Anschließend kehren jedoch alle mit neuer Kleidung noch einmal wieder und
auch Oswald zieht sich um bis er ganz in schwarz gehüllt ein letztes Mal
beginnt zu singen. Die eigentliche Geschichte ist nun vorbei und es folgt die
Moral oder eine abschließende Quintessenz, die grundsätzlich darin
besteht, daß es sich bei aller Qual doch lohnt zu leben oder besser
formuliert: "Denn nur Leben lohnt es sich zu..."
Insgesamt muß ich leider sagen, daß
die Umsetzung in meinen Augen etwas mißglückt ist, da das Stück
eindeutig für eine Theaterbühne konzipiert war und es letztendlich
etwas abgespeckt, irgendwie halbherzig wirkte. Sicherlich wurde mit wenigen
Mitteln viel erreicht und es gab auch einige Höhepunkte, wie die
wunderschöne Geschichte vom schwarzen Schwan und dem Kind mit den
Flügeln, die optisch durch einen Trickfilm untermalt wurde, doch bin ich
der Meinung, daß die ERBEN mehr zu leisten im Stande sind. Auch
musikalisch war es zwar gut, aber nicht außergewöhnlich. So hoffe
ich, daß es nicht der letzte Auftritt von GOETHES ERBEN war und
wir noch einiges von ihnen zu hören und zu sehen bekommen. Als
nächstes hoffentlich die Umsetzung von "Schattendenken" auf DVD
und/oder CD, auf die man sich doch freuen darf.
Silvio Wolff für
GOTHICWORLD
Fotos von Ralf Junge (www.junge-fotos.de)
www.goetheserben.de |