CD-REVIEWS:

Das Buch Kain    LA DEUXIÈME CRÉATION "Das Buch Kain"
CD (Eigenvertrieb)

LDCDie zweite Schöpfung, nach der fulminanten ersten Single ‚Kains Lied', vom gleichnamigen Projekt bringt uns rigoros & ins Diesseits adaptiert die Geschichte des ersten Kriminalromans der Menschheit zu Gehör. Nach ‚KAIN - Zeitschrift für Menschlichkeit' vom Dichter und Anarchisten Erich Mühsam aus den goldigen Zwanzigern nun ‚Das Buch Kain' vom ebenso Ex-Berliner, ebenso Poet & vielleicht ebenso nonkonformistischem Thomas Sabottka. Vom schier unendlichen Mitteilungsbedürfnis mal abgesehen gibt es zwischen Beiden keinen libertären Bezug. Dieser besteht unzweifelhaft zum Musiker Gereon Hillebrand welcher einen unbeschreiblichen Gänsehaut-Soundtrack zu den Texten schrieb. Ein Mann der aus seinem Verständnis her vorher nie etwas mit Gothic anfangen konnte, wächst hier über seinen Horizont heraus & liefert sich ein Battle mit dem finstren Dichterfürsten. Ja man darf es getrost als Kampf bezeichnen, da die Musik nicht nur Untermalung & schönste Nebensache wird. In 5 Interluden bietet sie Gelegenheit zum verarbeiten der Texte, gar zwingend notwendige Verschnaufpause… & bei ‚Engel' stellt sie den Erzähler gar vollends in den Hintergrund. Musik die so ganz anders ausfällt wie die der Vorab-Single. Im Sendebewusstsein beider Schöpfer stand wohl nicht mehr die Club-Tauglichkeit (obwohl die Album-Version von ‚Kains Lied' genau dort hingehört) vielmehr geht man hier straight dem Buch-Konzept nach… das beweißt auch das sich stets in anderen Klangfarben wiederholende Kain-Thema.

Thomas SabottkaWarum Kain als Konzept-Thema? Haben wir es hier mit einem latenten Brudermörder zu tun, einem Anhänger sexualmagischer Rituale, einen vom Kainskomplex Geplagten aufgrund pränatalen Liebesentzugs oder einfach nur ein nimmersatter ‚Legacy of Kain' Zocker (Kains Stimme wird hier von der deutschen Synchronstimme Nicolas Cage's gesprochen)? Nicht Religion, Rache ist das Erste was einem bei Kain in den Sinn kommt. Rache die sich hier wohl mehr gegen Arroganz & Nachlässigkeit im zwischenmenschlichen Bereich als vielmehr gegen Gott richtet. Was bleibt dem Sohn von Adam & Eva auch anderes übrig wenn seine Gefühle nach ein paar Bissen bereits als Fallobst angesehen werden & die Schlange sich verkriecht? Garantiert schlaflose Nächte!

Das Feuer seiner Seele brennt in jeder Zeile lichterloh & anklagend folgt auf einen sehr ausführlichen Schöpfungs-Proloque das Standing zu sich selbst. Nur weil es dieser Kain gewagt hat einer ihm aufgezwungenen Tat zu widersprechen… muss er nicht dem/der Angebeteten zeitlebens hinterher laufen. In Szene gesetzt mit heftigem Gewitterregen & rückwärts gesprochenem Intro jagt jenes "Kind der Nacht" einem schiere Gänsehaut über den Rücken & wettert harsch seine Botschaft gegen stampfende Beats & Sirenengleiche Backgroundvocals. Doch kaum wird das letzte Lied vom schwarzen Schwan verkündet… spürt man wie sich die Sonne behäbig über die Wüste hebt. Die sengende Hitze & der orientalische Anstrich ‚Gegen Osten' sind ausdrücklich nachempfindbar vertont. In seinem melancholischen, bisweilen aggressiven Résumé erfahren wir von den Strapazen seines Weges & nachdem der Höhepunkt der Verlorenheit knapp überwunden war, gilt es dann aber, seine eigene Haut zu retten, sich doch zu arrangieren & die Engel für Geld abzuschlachten. Kein Zweifel bleibt an ihm haften, dies soll keine Entschuldigung sein… die Engelsflügel die er feil bietet sind bestenfalls Staffage für eitle Zeitgenossinnen die Liebe nur dann dulden wenn sie gerade Lust & Zeit dafür haben.

Die Euthanasie unter den Geflügelten gerät in ‚Engel' zur Perfektion, Rammstein-like erfolgt die Selbsterkenntnis was für ein seliger Tollpatsch er doch war & die Frage nach dem was bleibt. Die Hinrichtung verkündet eine crazy-grimmige Stimme, begleitet von stacheligem Synthiegewitter & ‚Bis die Erde brennt' lässt keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Rachefeldzuges. Das Kain damit auch das Schwert gegen sich selbst erhebt wird ihm viel zu spät klar, er braucht die Engel/Liebe doch viel zu sehr zum überleben! Damit ist sein Untergang abermals von eigener Hand eingeleitet worden… ‚Paracetamolträume' plagen ihn. Diese 15 Minuten sind wohl die detaillierteste, schonungsloseste & qualvollste Beschreibung dessen was einem Suizidpatienten im Zustand des Erwachens auf der Klinikpritsche erwartet! Wer hierbei unberührt bleibt hat eine Stein in der Brust… ganz unabhängig davon ob er dies schon einmal selbst erlebt hat, egal ob als Betroffener oder Voyeur. Dem Hinterfragen über den Sinn des gewollten Ablebens begleitet die Gewissheit das Kain diesmal verliert, auch sein Leben. Das Licht am Ende des Tunnels… die Ewigkeit wird begleitet von ausgelassenem Freejazz, Triphop & Latinoklängen. Das muss die Hölle sein & kein passabler Ort für unseren Protagonisten. Er gleitet noch ca. 1 Minute auf diesen Klängen gen Hexenkessel… um darauf hin ‚Die zweite Geburt' einzuleiten. Nein, er ist kein Untoter! Einfach jemand der zwar Verluste zugibt aber nicht daran zerbrechen will. Es ging darum den Absprung zu finden & sich dem Leben zu stellen, Erinnerungen bleiben wertvoll, auch & gerade wenn sie schmerzhaft sind. Sein ‚Stolzes Herz' ist trotz Depression und Larmoyanz nicht abgestumpft, es verzehrt sich immer noch nach der großen kulleräugigen & einzig wahren Liebe! Der Epiloque verlässt das Thema & ist dennoch unverzichtbarer Teil des Ganzen. ‚Worte' erdacht, ausgesprochen & aufbereitet sind es was dieses Album einzigartig ausmachen. Der richtig große Wurf wäre eine noch professionellere Produktion gewesen, mag sein das ein knarzen hier & ein verwischen dort erst eine richtige Independent-Scheibe ausmachen. Ich mag Klarheit ;)

Thomas SabottkaDie beiden Künstler sind hemmungslose Romantiker die mir trotz heftiger & blutrünstiger Passagen nicht vormachen können aus Böse wird einmal Gut. Ich mag sie auch nicht mit diversen Projekten vergleichen, für Schiller sind sie zu direkt für Stillste Stund zu konsequent & für Goethes Erben vielleicht zu poppig… auch ist es keins von Kains Kindern. Schlicht eine Erfahrung die man machen muss & sei es nur weil man gerade Ähnliches fühlt oder gerade dann wenn man es nur vom Hörensagen kennt! Wenn die geplante Live-Umsetzung nur halb so intensiv wie dieses Album wird stellt sie so manches lieb gewordene mörderisch in den Schatten.

Mein Epiloque: Aufmerksame & treue Leser der GOTHICWORLD werden bemerkt haben, dass es sich bei Thomas Sabottka um einen liebenswerten Kollegen unseres Magazins handelt. Nicht nur um verfrühte Boo's bereits im Vorfeld zu stoppen sei noch folgendes angemerkt. Es handelt sich hierbei nicht um bestelltes Lob oder gar einen Freundschaftsdienst, dies wäre die unangenehmste & schwerste Form ein Album anzupreisen das durchaus stolz für sich alleine sprechen kann... ähnliches ließe sich auch über einen One-Night-Stand sagen, aber dergleichen ist wohl Gereon Hillebrand & Thomas Sabottka ebenso zuwider wie mir!


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Proloque - Die zweite Schöpfung
02. Kains Lied (in drei Versen)
03. Gegen Osten (1. Interlude)
04. Kains Résumé
05. Auf dem Wege (2. Interlude)
06. Engel - Kains Schmähschrift
07. Bis die Erde brennt (3. Interlude)
08. Paracetamolträume - Kains Untergang (In drei Versen)
09. Von Ewigkeit zu Ewigkeit (4. Interlude)
10. Die zweite Geburt
11. Die Schöpfung ist ein Kreislauf (5. Interlude)
12. Stolzes Herz
13. Epiloque - Worte

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