CD-REVIEWS:

You Are The Quarry    MORRISSEY "You Are The Quarry"
CD (Sanctuary / Roughtrade)

Morrissey - liveHow soon is now? Zeit für Steven Patrick Morrissey, dem Godfather of Sadness, Melancholy & cool BritPop. Morrissey nahm sich 7 lange Jahre Zeit für sein neues Album. Zeit, die Alben wie ‚Vauxhall and i' & ‚Maladjusted' sowie die endgültige Trennung von THE SMITHS vor Gericht, 10 Jahre nach der eigentlichen Auflösung vergessen machten.

Ganz vergessen waren THE SMITHS & the last of the famous international Playboys jedoch nie. Nicht erst seit den t.A.T.u & Love Sprite Love Coverversionen & jeder Menge Best-Of-ReReleases steht Morrissey wieder da wo er mit ‚Viva Hate' begann. Philanthropie, Hedonismus & Zeitgeist waren die Antriebsfeder seiner ersten Solo-Schritte. An Oscar Wilde's Grab in Paris werden jedoch immer noch Liebesbriefe für ihn hinterlegt… für den ewigen Teenager aus Manchester der seit 1982 mit Wut, Klagen, Zynismus & Sensibilität das Außenseitertum zelebrierte & sich als Pop-Reliquie der Verzweiflung & der Einsamkeit verstand.

Was erwartet einen denn nun? Er kehrte der ewig verregneten britischen Insel den Rücken & sonnt sich seit längerem ganztags in Kalifornien… verdientem Ruhesitz, angesichts seines 45. Geburtstags am 22. Mai. Jenseits des Lebenshorizonts ist kein Platz mehr für einen toten Alain Delon auf dem Cover. Dieser Platz gehört dem inzwischen selbst anerkanntem Dandy & hier wird jetzt mit einem Maschinengewehr erst mal ordentlich aufgeräumt… dazu noch Produzent Jerry Finn (Green Day, Blink 182) ins Studio geholt & es lässt sich aus sicherer Entfernung herrlich übers alte Kingdom lästern! ‚Irish Blood English Heart' ist eine totale Absage an blinden Patriotismus. Britannien krankt seiner Meinung nach tödlich an Labour & den Tories. Wann hat man genug davon & spuckt auf das Vermächtnis von Oliver Cromwell? Bisher hat England sich gnadenlos einer royalistisch verklärten Linie hingeben. Schöner kann man parlamentarisches Working-Class-Kasperle-Theater & die Fratze der ach so "Neuen Mitte" nicht anprangern! Jedoch ist dieser Song der musikalisch druckvollste. Wer nur die Single-Auskopplung kennt verpasst die hemmungslose Wiederauferstehung von THE SMITHS! Morrissey war nie nur ein Teil davon, er hat sie geprägt genauso wie sie ihn musikalisch prägten.

MorrisseyDas Exil im Sonnenstaat ist nicht die Erfüllung all seiner Sehnsüchte, in ‚America is Not the World' macht er klar was er vom Welt-Gendarmen-Gehabe & allerorten käuflicher Hamburger-Verrohung von Sprache & Kultur hält. Er bleibt tief im Herzen der alten Heimat treu verbunden, nicht nur musikalisch. ‚Come Back to Camden' gerät so regelrecht zum klebrig süßen Schmachtfetzen. Verständlich wenn jemand die Stätten seiner Jugendträume abklappert… auch wenn der Himmel viktorianisch schiefergrau ist, der Tee nach Themse-Wasser schmeckt & die Taxi-Fahrer einen unaufhörlich zu texten. Man vergisst & verzeiht schneller im Alter. Der schönste Song des Albums ‚I Have Forgiven Jesus' zeugt davon. Auch wenn der Wochenrhythmus folgender ist: Montags - Erniedrigung, Dienstags - das Gefühl zu Ersticken, Mittwochs - herablassende Äußerungen, Donnerstags - Null Pathos… & Freitags hat ihn das Leben dann endgültig getötet. Egal, man verzeiht & vergibt Jesus all die Liebe die er in unser Herz gepflanzt hat, auch wenn man nicht imstande ist sie in dieser heutigen lieblosen Welt weiterzugeben. Man vergibt so nebenbei auch all den Anderen, deren kleine Sehnsüchte & große Wünsche an unser Dasein & Handeln nicht erfüllt worden sind… weil die von uns gelebte Realität eine andere ist.

Ja es definitiv so: 'The World is Full of Crashing Bores'! Die nervigen Bettnässer von damals sind die "Macher" in der Arbeitswelt von heute, in der Talent & Personality rein gar nichts zählen wenn man verpasst hat sich uniformiert anzupassen & zu winzige Schleimdrüsen entwickelte. Für Kombi fahrende & 12 Leberwurstsorten am Geschmack erkennende Personalchefs sind nicht leicht durchschaubare Bohemian's mit eigenem Denken, Sensibilität, Stil & Intellekt in Zeiten von Kürzungen, Streichungen & Insolvenzen eh nur Subjekte die sich selbst & ihnen im Wege stehen. Zeit sich umzudrehen & sein Gegenüber mal in den Arm zu nehmen! Eine weitere Prophezeiung von Morrissey erfüllt sich gerade. ‚You Know I Couldn't Last' handelt als Schlusspunkt des Albums, von blauäugigen Teenagern die gähnend aufwachen & danach töten… das System der Musikindustrie welches vorgab sie zu lieben, aber ihnen nur das Blaue im Himmel vormachte!

12 gute Gründe um sein Geld in unerfüllte Liebe, altkluge Revolte & anspruchsvolle Lyrik zu investieren. 12 gute Gründe einen Mann aufs heftigste zu huldigen der uns zeigt wie man in Würde & sentimentaler Nonchalance altert ohne sich selbst zu verleugnen. Gibt's auch als limitierte Version mit einer Bonus DVD, inklusive dem Video zu ‚Irish Blood English Heart'. Alle anderen finden es auch in bester Qualität auf seiner Homepage. The more you ignore him the closer he get...

Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Noch'n Review:

MorrisseyZugegeben, The Smith wurden für mich erst in der Rückschau interessant, früher waren sie mir nicht "düster" genug. MORRISSEYs Solo-Werke haben mir selten eine Gänsehaut verursacht und spätestens vor 10 Jahren, nach seinem "Vauxhall and I"-Solo-Album, hatte ich ihn ganz aus dem Register gestrichen. Seit einigen Monaten riefen Gerüchte um eine Wiederkehr und eine - mit Vorschusslorbeeren überhäufte - neue CD mein Interesse wach. Nun ist sie da und begeistert grenzenlos.

The boy with the thorn in his side…ist erwachsen geworden und so unendlich viel besser als jemals zuvor. Offensichtlich aber hört der Schmerz der Stacheln im Fleisch des Lebens nie auf und so können wir uns glücklich schätzen, mit "You are the Quarry" ein wundervolles Stück Musiktherapie in den Händen zu halten.

MORRISSEY, der früher mit Krücken auf die Bühne kam, nur um an Versehrte und Gebrechliche zu erinnern, der Mann, der ein "girlfriend in a coma" besang, der Mann, der unbestritten der König der Einsamen war, legt mit seinem aktuellen Werk ein Album gänzlich ohne Schwachpunkte vor. Ich knie nieder und gestehe: Ich bin die Beute, getroffen vom Blattschuss.

Bereits im Opener "America is not the World" zeigt sich, dass jedes Superlativ gerechtfertigt ist. MORRISSEYs Blick, der schon immer etwas tiefer war, ist noch schärfer und direkter geworden, seine Stimme hat nichts, kein winziges Bisschen von ihrer charismatischen Anziehungskraft eingebüßt und die Musik ist bittersüß wie Schwermut. Das Lied ist eine süffisante, sehr persönliche Liebeserklärung an seine Wahlheimat USA, ohne die widersprüchliche Rolle des "fat pig" in der Welt auszuklammern. Gekonnt ist gekonnt. Musikalisch plätschert einem ein fein arrangierter, sanfter Gitarrensong entgegen. Der zweite Song, die aktuelle Single, "Irish blood, english heart", stampft sich rockig in die Seele und schafft in zweieinhalb Minuten eine zynische Abrechnung mit allem, was auf der Insel so populär ist. Musikalisch und textlich ebenfalls gaaaanz groooßes Kino. Spätestens hier kennt die Verehrung keine Grenzen mehr, definitiv: Bigmouth strikes again - auf intelligente, charmante und erfrischende Weise.

Musikalisch betritt MORRISSEY vorsichtig neue Wege, gerade bei langsamen Stücken nimmt sich die Gitarre weitgehend zurück, macht Platz für Geigen, Flöten, Klavier, Harfe und sanfte Keyboardklänge. Dadurch kommt eine eigentümliche Lebendigkeit in die Musik und macht sie - finde ich - dynamischer als früher. Das liegt vielleicht auch daran, dass MORRISSEY und Produzent Jerry Finn (Blink 182 und Green Day) ein Gespann ist, dass sich perfekt ergänzte. Die Früchte dieser Arbeit sind musikalische Perlen wie "Come back to Camden" ein Stück voller Sehnsucht und Rückschau auf einen ehemaligen Wohnort mit einem lachenden ("where taxi drivers never stop talking") und einem weinenden ("under slate-grey Victorian sky") Auge. Oder "I have forgiven Jesus", eine Abrechnung mit eben jenem Mann, der soviel Hoffnungen säte und Liebe forderte - letztlich jedoch in jeder Hinsicht enttäuschte.

"How could anybody possibly know how I feel" erinnert musikalisch und inhaltlich noch am ehesten an frühe Smith-Sachen. Hier ist er der Einsame, sich nach Liebe und Nähe verzehrende - eben der König der Einsamen. Neben der aktuellen Single ist "The first of the gang to die" die schnellste Nummer und ein echter Hochkaräter unter all den Diamanten auf der CD. Thematisch liegt das Stück dicht neben "In the Ghetto" von Elvis und beschreibt das Straßenleben mexikanischer Jugendlicher in L.A. ("and he stole from the rich and the poor and the not-very-rich and the very poor"). Das sind doch mal Texte!!! MORRISSEY trägt keine weltverbessernde Attitüde vor sich her, knapp und bitter beschreibt er das was ist und das dazu noch so charmant und beinah geflügelt.

"All the lazy dykes" ist eine dunkel-romantische Ballade für Rotwein und Kerzenlicht, sehr zurückhaltend arrangiert mit tiefer Leidenschaft in der Stimme. "I like you" ist eine verrückte Liebeserklärung ("I like you because you´re not right in the head") voller Inbrunst, Wärme und Tempo, die musikalische Entsprechung zu seinen früheren Auftritten mit Krücken - wir sind, Gott sei Dank, eben nicht alle normal.

Das letzte Stück "You know I couldn´t last" vereint die musikalischen Gegensätze von langsamer Walzermusik (Strophe) und wütendem, ruppigen und ausbrechendem Krach (Chorus). Garantiert nicht tanzbar aber auf jeden Fall aufrüttelndes Finale einer brillanten CD.

Insgesamt meldet sich MORRISSEY furios zurück, besser, charismatischer, kraftvoller, überzeugender, denn je. An "You are the Quarry" gibt es nichts, was man hätte besser machen können. Das ganze Werk ein Knaller, der Oberhammer… nee, ohne Quatsch, es ist sicher eines der beeindruckendsten Dokumente neuerer Musikgeschichte.

PS: Jetzt gibt es noch zwei Minuspunkte zu vermelden. Erstens ist das Werk mit 47 Minuten viel zu kurz. Zweitens tourt MORRISSEY in diesem Jahr ausgiebig, er macht jedoch um Festland-Europa einen Bogen, nur Italien und Dänemark (Roskilde) kriegen ihn zu sehen. Schade.

Daniel "Bela" Bartsch


Tracklist:
01. America is Not the World
02. Irish Blood English Heart
03. I Have Forgiven Jesus
04. Come Back to Camden
05. I'm Not Sorry
06. The World is Full of Crashing Bores
07. How Could Anybody Possibly Know How I Feel
08. First of the Gang to Die
09. Let Me Kiss You
10. All the Lazy Dykes
11. I Like You
12. You Know I Couldn't Last

www.morrisseymusic.com