CD-REVIEWS:

The Cure    THE CURE "The Cure"
CD (Geffen / Universal)

The CureTV-Total, EM-Spezial-Sendung, von und mit Stefan Raab am 24. Juni 2004. THE CURE sind die geladenen Gäste und sollen ihre Single "End of the world" spielen. Robert und seine Mannen - alles ausgewiesene Fußballfans - wollen hinter der Bühne mit ihrer Mannschaft fiebern, und es zieht sich: Verlängerung, Elferschießen. Raab überbrückt mit zwei Leuten aus dem Publikum, befragt sie nach ihren Lieblingsliedern von THE CURE. Die erste, eine dröge Trulla mit Aldi-Charme und Cure-Shirt seufzt fasziniert: "Lovecats", der Typ gibt unumwunden zu: "The Cure - kenn ich nicht!" Abgesehen davon, dass mir jemand tausendmal sympathischer ist, der zugibt Cure nicht zu kennen, als jemand, der "Lovecats" als sein Lieblingslied angibt, für die beiden ändert sich mit der neuen CD "The Cure" nichts. Für die einen ist kein Titel dabei, der das Potenzial hat, bisherige Favoriten abzulösen, und den anderen werden sich THE CURE auch weiterhin nicht erschließen.

Das neue Album von THE CURE zeigt nicht nur bei der Titelfindung ("The Cure") empfindliche Phantasieschwächen und ist nicht der große Wurf, für den es Robert Smith selbst hält. Vor der Veröffentlichung prahlte er wieder, dass es "das beste Album ist, das The Cure jemals gemacht haben. Und wer es nicht mag, der mag uns nicht!" Das Werk wird allerdings nur teilweise und erst nach intensivem Dauerhören seinem Anspruch gerecht. Aber der Reihe nach.

Band-Diktator und Gruft-Napoleon Smith hat offensichtlich seinen Meister gefunden. Als Produzent für das Werk zeichnet Ross Robinson verantwortlich (auch Korn, Limp Bizkit und Slipknot!!!) und hat die Band zum Live-Einspiel überredet, was, wie ich finde, ein Fehler ist. Die härtere Gangart ist fast durchgängig spürbar, ohne dass es sich konzeptionell erschließt. Zu oft singt sich Robert Smith gegen den "Lärm" einen Wolf, wo eigentlich melancholische Ruhe in der Stimme angebracht wäre.

Dabei beginnt der Opener "Lost" noch so verheißungsvoll: resignierter hat Robert Smith selten geklungen, vielleicht in "The loudest sound" vom großartigen "Bloodflowers"-Album. Textlich auf der sicheren Seite, die er beherrscht wie kein zweiter ("I can´t find myself, I can´t find myself"). Immer kräftiger und stärker mischen sich die Gitarren ein, dringen in den Gesangspart, schieben die Drums beiseite und füllen letztlich betäubend den ganzen Song aus. Wie ein Strudel malmen sie alles klein und reißen es in die Tiefe, bis nur noch Gitarrenwellenberge da sind. Zum Ende taucht Roberts Gesang noch mal auf, wie ein Ertrinkender, um dann von der letzten Gitarrenwelle endgültig geschluckt zu werden. Das kann symptomatisch für die ganze "The Cure" gelten, verzerrte Gitarren dominieren die Szenerie, verspielte Keyboardklänge sind selten, die Drums wirken im Hintergrund…

Mit "Labyrinth" bieten THE CURE einen Song an, wie es einen ähnlich geil und verstörenden schon auf der "Kiss me, Kiss me, Kiss me" zu hören gab. Arabisch im Einstieg, die Stimme verzerrt, klingt es wirklich wie die moderne Version von "Snakepit" - auch das typisch für das aktuelle Cure-Album. Später wird "Taking off" klingen wie die ruppige Variante von "Just like Heaven", "alt.end" gebärdet sich zu Beginn wie "At night" aus dem Jahr 1980, "The promise" erinnert an den Song "Pornography" vom gleichnamigen Album und in der aktuellen Single "The end of the world" versucht sich Robert mit stimmlichen Pirouetten á la Siouxie Sioux in "Happy house". Es tauchen mir zu viele Versatzstücke aus früheren Songs und früheren Zeiten auf.

Der dritte Titel "Before three" bietet Mr. Smith die Chance, sich stimmlich auszutoben (in einem musikalisch sehr gleichförmigen Stück der abwechslungsreichste Part) und einmal mehr von Liebe und der Unfähigkeit zur Liebe zu singen. Beinah kein Song kommt ohne dieses Thema aus, man ahnt die Gefahr, dass sich Robert damit auf Dauer zu einer Kopie und Karikatur seiner selbst macht. So singt er in der aktuellen Single: "Go, if you want to, I never try to stop you" um schon im nächsten Titel zu singen: "And I never let you go". Mmh.

"Anniversary" ist neben "Going nowhere", das auf der amerikanischen Ausgabe des Werkes fehlt, vielleicht der klassischste Cure-Song. Sehr getragen und nicht übertrieben aufgemotzt, braucht Robert einmal nicht gegen seine Kollegen ansingen, selbst Keyboards haben einen hörbaren Einfluss auf den Verlauf des Stücks, lassen es fast sphärisch klingen. Leider reißt bei "Us or them" der Faden gleich wieder und man steckt erneut in einem dieser Vier-Minuten-Gewitter aus Zorn und Lärm und Wut und Krach und Überhaupt. Je düsterer die Aussage, desto brutaler und verzerrter der Sound - dabei können THE CURE doch Schmerz auch in dunkle, sanfte und klare Töne kleiden.

Nach mehrtägigem Dauerhören offenbart sich dann doch Stück für Stück die Qualität, und ich kann die CD - bei allen Kritikpunkten - richtig lieb gewinnen. Zum Beispiel "alt. end", das, wie schon gesagt, zu Beginn an "At night" erinnert, so sanft und scheinbar belanglos führen einen klare Gitarrenklänge in einen Rausch. Bemerkenswert der im Hintergrund wirkende Basslauf, der es wirklich mal in sich hat. Hier hat Simon der Zauberer ganze Arbeit geleistet.

Herausragend einmal mehr das Ende der CD. Irgendwie schaffen es THE CURE, ihren Werken zum Ende hin einen besonderen Drive zu geben. Nach dem modernen rockig-poppig-flockig gezauberten "Taking off" und dem treibenden, sich rasant steigernden "Never" geht es in eine Endrunde, die so widersprüchlich wie geil ist. Da ist zum einen das gequält psychodelische "The Promise", das sich schleifend nach und nach im Gehörgang festsetzt. Das Stück nimmt einen irren Verlauf: anfangs stellt Robert mit klagender Stimme fest, um sich im Mittelteil wild aufzubäumen und am Ende jammernd zu resignieren - mit einem verschwindend kleinen Rest an Hoffnung. Eine missglückte Liebe in zehn Minuten abgehandelt und unglaublich intensiv. An dieser Stelle enden die außereuropäischen Versionen des Albums. Unsereins bekommt noch ein Stück geboten. Vor zehn, fünfzehn Jahren etwa haben THE CURE so geklungen wie bei "Going nowhere" und es war schön. Unverzerrte Gitarren, leichtes Geklimper, sanft tröpfelnde Drums und ein stiller, fast verzagter Robert. Es ist fast so, als hätte sich Mr. Smith mal durchgesetzt und gesagt: "Pfoten weg, ich kann auch anders!" Mit diesem durchaus beruhigenden Gefühl endet die "The Cure".

Irgendwie ist es wie mit jeder Medizin: Erst nach und nach entfaltet sie ihre Wirkung. Nachdem ich anfangs vor Enttäuschung fast krank war, sehe ich mich nun geheilt. Doppelt genäht hält besser, das gilt auch für die Heilung. Deshalb ist "The Cure" von THE CURE uneingeschränkt zu empfehlen - auch wenn's eben etwas dauert, bis sie anschlägt.

Für fixe Käufer gibt es eine limitierte Version mit zusätzlicher DVD. Darauf gibt es eine 20minütige Übersicht zur Entstehung des Werks inklusive schöner Instrumentaluntermalung.

Daniel "Bela" Bartsch




Noch'n Review:

The CureDas die menschliche Gesellschaft einer therapeutischen Heilung mehr noch als all die kranken Individuen bedarf, darüber sollte es inzwischen kaum noch Zweifel geben. Psychische Defekte wie Vereinsamung, ziellose Gewalttätigkeit in den ach so demokratischen Industriestaaten sowie Hunger, Elend, staatliche Gewalt und Mordlust von fanatisierten Massen für die überwiegende Mehrheit der Menschen in den übrigen Nationen stellen dem 21. Jahrhundert kein gutes Zeugnis aus. Doch dies ist nicht ‚The End of the World' & THE CURE bedurften selbst einer intensiven Gruppentherapie um nun das 13te Album vorlegen zu können. Ein Album an das so recht keiner mehr glaubte, nicht zuletzt wegen diverser Äußerungen von Robert Smith vor 4 Jahren & dem immer wieder mal angedeuteten Solo-Projekt, ein Album welches allerdings zu Recht selbstbetitelt ist & als gepresste Patientenunterlage hörbar durchaus Genesungsprozesse erahnen lässt.

Die ‚Bloodflowers' sind vergeben & wären eh kein würdiges Grabgebinde für das etwas poppige Vorläufermodellmodel des Goth-Rock's gewesen. Inzwischen ist man ja Dank des Geffen-Deals kein Kassenpatient mehr & konnte sich so den Cheftherapeuten Ross Robinson als Produzenten leisten. Dieser vermochte schon Nu-Metal-Bands wie Korn, Limp Bizkit & Slipknot aus der Sinneskrise zu helfen & brannte regelrecht auf eine Zusammenarbeit Nie war der Hype um THE CURE größer seit jenen Tagen der ‚Disintegration'. VIVA stellt 26 Videos online (http://www.viva.tv/the-cure.php)‚ Blink 182' die ‚Deftones' & ‚The Strokes' berufen sich hierbei auf ihr ganz großes Vorbild. ‚Blank & Jones' & ‚Junior Jack' machten verdauliche Partyhäppchen aus ihrer Musik & nun die Skat&Fun-Version von Metal? Von einem Mann, dessen E-Gitarre auf jedem Album stets gleich wimmerte?

Das Wimmern ist geblieben… ja es steigert sich sogar bis zum Kratz- & Schleifgeräusch. ‚Lost' eröffnet die Selbstfindungssitzung ungewöhnlich düster & sehr kraftvoll. Im ‚Labyrinth' des Lebens, in dem irgendwann einmal alles gleich schmeckt & riecht, scheppern die Drums wie lange nicht. Ab hier wird klar es ist nicht die "härteste Platte der Welt" geworden, einfach nur alles ein bisschen kantiger, moderner… Retro halt & doch nicht ‚Pornography'… auch wenn immer noch Liebe & Hass die zwei bestimmenden Pole im Denken & Handeln des Patienten Robert Smith sind. Schön ist es ja dieses Album, weil immer noch sehr eigensinnig zusammengestellt & auch die Anzahl der Tracks ist mal wieder von Land zu Land variiert. Zwischen 11 & 15 sind's je nach Release, aber ‚Before Three' & ‚Alt.End' bestechen auf jeder Version durch außerordentlich klare, ja fast progressive Vocals. So viel Frische lässt ‚Never' fast schon wieder fast nach BritPop-Hymne klingen! Zum Ausgleich erinnert ‚Us or Them' ein bischen an ‚Shiver and shake' & ‚Taking Off' gar an 'Just like heaven'. Auch die Single-Auskopplung 'The End of the World' ist ziemlich 'Hot Hot Hot'… die ersten Küsse vergisst man halt nie ;)

Dass das Akutstadium der jahrelangen Lethargie nun überschritten ist, verdeutlicht ‚(I Don't Know What's Going) On'. Einfach gnadenloses Gitarren-Hitpotential… ebenso 'The Promise'! Ob's am Produzenten lag, welcher verlangte das sich Robert & Co. im Studio in einen Kreis bei den Aufnahmen setzen um sich bei Liveatmosphäre ins Gesicht zu sehen, oder weil Robert seine Lyrics vorlesen & erklären musste…wer weis? Die "Ross"-Kur war jedenfalls erfolgreich & schafft unvergleichliche Zuversicht für die noch kommenden 2 Alben aus dem Geffen-Deal.


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Lost
02. Labyrinth
03. Before Three
04. The End of the World
05. Anniversary
06. Us or Them
07. Alt. End
08. (I Don't Know What's Going) On
09. Taking Off
10. Never
11. The Promise
12. Going Nowhere

www.thecure.com

Downloads, Video & Chance auf Tickets für den Gig in Los Angeles

www.ufanz.com/teams/tracking.asp?ti=656&mi=66723