CD-REVIEWS:

Live 161203    NEW MODEL ARMY "Live 161203"
DVD + CD (Secret Films)
     
  JUSTIN SULLIVAN "Tales of the Road"
CD (Attack Attack)

Justin SullivanLive is Live is Live
Was Süßes, was zum Spielen und noch ´ne Überraschung - das sind ja gleich drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht. Heißt es in der Werbung. Geht nicht, gibt's nicht - sagte mein alter Lehrmeister mit Händen so groß wie Wagenräder. Und er hat mal wieder Recht behalten. NEW MODEL ARMY Mastermind und umtriebiger Songschreiber, Justin Sullivan, steckt wohl in einer semi-kreativen Phase und versüßt seinen Fans die Wartezeit auf den neuen NMA-Longplayer (geplant für Frühjahr 2005) mit gleich DREI Livescheiben.

Da wäre zunächst die Live-DVD, aufgenommen am 16. Dezember letzten Jahres im "Astoria" in London. Netterweise liegt der DVD das Live-Set leicht verkürzt auch noch als CD bei - wohl fürs Auto. Technisch bietet die DVD wenig Spannendes: zu den Extras gehören eine lieblos gestaltete Bandbiografie, Bilder vom Soundcheck sowie ein Interview mit Justin. Beim Konzert selbst fängt ab und an die eine Kamera die andere ein, aber darauf kommt es nun wirklich nicht an.

Das "Astoria" in London ist eine Halle von eher clubhaftem Charakter, und so fühlt man sich als "Fernsehkieker" fast wie mittendrin statt nur dabei. Nach ein paar Außenaufnahmen und der im Nebel versunkenen Bühne treten NEW MODEL ARMY ins fahle Bühnenlicht. Sofort mit dem Opener "Orange tree roads" springt der Funken über und breitet sich rasend schnell zu einem 90minütigen Flächenbrand aus. Geschwindigkeit ist keine Hexerei, sondern harte Arbeit. So tropft schnell der Schweiß aus den in Nahaufnahme gezeigten Gesichtern. Diabolisch grinsend die rockende Zahnlücke Justin Sullivan. Teuflisch gut drauf verzichtet er im Set auf jeden Hauch Romantik oder die üblichen balladesken Klassiker. Höllenfeuer vom ersten Ton an - und jede Menge berauscht jubelnder Menschen. "51st state" und "Here comes the war", von Hasstiraden auf George Bush getragen, geraten zu wütenden politischen Bekenntnissen. "Wounderful way to go" und "Get me out", brachiale Musikstürme, die das Letzte fordern von Männern und Werkzeugen. Keine Ruhe, "No rest" - nicht nur die letzte Schlacht im musikalischen Feldzug des Abends, vielmehr Motto des ganzen Konzerts. Wie schon beim fast identischen Set beim Konzert, das ich drei Tage vor der Aufzeichnung in Berlin gesehen habe, vermisst man in der entfesselten Urgewalt NMAschen Schaffens die ruhigen Stücke kaum.

Und als würde auch Justin Sullivan das leichte Ungleichgewicht aufgefallen sein, schiebt er mit der Live-CD "Tales of the Road" seines Nebenprojektes JUSTIN SULLIVAN & FRIENDS die ruhigen Werke nach.

Immer mal wieder bricht Justin Sullivan aus und tourt mit musikalischen Freunden (früher Rev Hammer und Lebensgefährtin Joolz oder Dave Bloomberg, heute Michael Dean und Dean White) durch winzige Clubs in Europa. Nie mehr als 100 bis 200 Gäste, immer Raum für Experimente, Coverversionen und Testballons mit neuem Material. Getragen wird die Atmosphäre von der unmittelbaren Nähe zum Publikum. Auf der vorliegenden Live-CD kommt diese Stimmung erstaunlich gut rüber. Gespräche mit den Gästen über das Gefühl, im geeinten Deutschland zu leben, oder erklärende Worte zum Entstehen einzelner Songs lockern auf und schaffen ein wirkliches Live-Gefühl.

Trotzdem das Set überwiegend aus reinen NMA-Titeln besteht, schafft es Sullivan dennoch, eine hörbare Grenze zu ziehen zwischen Band und Solo. Gleich der Auftakt mit "Tales of the Road" ist eine Soloproduktion, und zwar die Beste von seinem Album "Navigating by the Stars". Es folgt eine eher warmherzige Version des Klassikers "Heroes" - früher eine harte musikalische Abrechnung mit der Elterngeneration. Mit "Ocean rising" geht's raus aufs Meer und es wird eine Sehnsucht nach Weite und Ferne aufgebaut, die einmalig ist. Akustikgitarre und Bongos statt Schlagbude erreichen in kleinen Räumen die Herzen weit schneller. Mit "Masters of war" von Bob Dylan, 1963, unterstreicht Sullivan seinen Hang zum Songwriting. "These words" und "Drummy B" sind melancholische Liebesballaden voller Einfühlsamkeit und Trauer. Wunderschön zelebriert. Mit den NMA-Titeln der weicheren Sorte "225" und "Someone like Jesus" endet die CD und entlässt einen etwas schwärmerisch und träumend.

Ist die NEW MODEL ARMY -Live DVD samt CD zuständig für den kämpferischen Part in uns, für den aufbegehrenden, wilden, harten - so ist die CD von JUSTIN SULLIVAN & FRIENDS das Ruhekissen nach dem Kampf, die Streicheleinheit auf die Wunden, die Melancholie in der Nacht. Beide Werke sind jeweils perfekt, wie sie sind, grenzen sich musikalisch gut voneinander ab und haben beide eine hohe Berechtigung. Für Fans jeweils ein Muss.


Daniel "Bela" Bartsch


Tracklists:

Live 161203 DVD:
01. Orange tree roads
02. The charge
03. Over the wire
04. Aimless desire
05. Wonderful way to go
06. Courage
07. No pain
08. White light
09. 51st state
10.Here comes the war
11. Family Life
12. Ocean Rising
13. Drag it down
14. R&R
15. Purity
16 .Poison street
17. Get me out
18. Stupid questions
19. No rest

Live 161203 CD:
01. Orange tree roads
02. The charge
03. Over the wire
04. Aimless desire
05. Wonderful way to go
06. Courage
07. No pain
08. White light
09. 51st state
10. Here comes the war
11. Purity
12. Poison street
13. Get me out
14. Stupid questions
15. No rest

Tales of the Road:
01. Tales of the Road
02. Heroes
03. Afternoon Song
04. Ocean Rising
05. Lurstaap
06. Headlights
07. Masters of War
08. These Words
09. Drummy B
10. All of This
11. Stranger
12. Inheritance
13. 225
14. Someone Like Jesus

www.newmodelarmy.org