CD-REVIEWS:

Always Outnumbered, Never Outgunned    THE PRODIGY
"Always Outnumbered, Never Outgunned"
CD (XL-Recordings / Indigo)

The ProdigyWer gerade unbeschwert in die Ferien abdüst wird spätestens am 23. August sein polyphones "Wunder" erleben. All die ernüchternden Eindrücke aus der Welt der Latino-Animateure, der Galashows im Cluburlaub, Breakdance-Kurse im Feriencamp oder gar der nasale Lehrer in der Sprachschule werden jetzt fein säuberlich zerkloppt & dreckig, ja vitriolisch wieder zusammen gemanscht! Zappeliges Multikulti in der Kreissäge wohin man auch hört… Ist es wirklich schon 7 Jahre her, dass wir mit ‚Firestarter' die Nachbarn auf'm Zeltplatz bis aufs Blut gereizt haben?!
THE PRODIGY, die fleischgewordene Version der Muppets-Show auf Acid, besitzt seitdem die dicksten Credits von Punk bis Techno & verkaufte sich wie eiskaltes Pils in der Sahelzone.

7 Jahre & 1 Platte später: Lange drauf gefreut, endlich bekommen, ungeduldig in den Player geworfen & dann erstmal enttäuscht. Weil sie so sind wie sie immer gewesen sind & in der Erinnerung waren sie irgendwie besser! Erster Eindruck: viiiel elektronischer, seeehr experimentell & absolut unüberhörbar die englischen Wunderknaben um Liam Howlett in Frischhaltefolie. Haben die wirklich nur ein Bass-Line-Sample? Zu hoher Vernebelungsgrad beim Brainstorming oder gar der Beweis von "wir haben Weiterentwicklung schon lange nicht mehr nötig"? Selbst Vorzeige-Schocker Keith Flint hält sich mit oralen Äußerungen relativ zurück & überlässt das Kreischen zahlreichen prominenten Gästen.

Also, die letzten matschigen Chips rausgeholt, die Füße hochgelegt & die ‚Music for the Jilted Generation' noch mal gänzlich auf sich einwirken lassen. Die Füße bleiben dank ,Spitfire' nicht lang still. In diesem Slowmotion-Remake von ‚Breathe' oder ‚Firestarter' fällt neben Keith's Proklamationen eine sirenenhafte Stimme auf. Hollywoodstar Juliette Lewis gibt sich die Ehre & macht auch gleich noch 'Hot Ride' zum Höhepunkt (im doppelten Sinne ;) dieser Platte. Neben ihren Rollen in Natural Born Killers, Strange Days oder zuletzt als Gangsterliebchen in Starsky & Hutch hat diese Femme fatal auch ihre eigene Band ‚The Licks' & veredelte so manchen Soundtrack. Hier nun gibt sie die Cover-Version des J. Webb/Fifth Dimension-Hits ‚Up up and away' aus dem Jahre 67. Sehr fett, sehr lasziv & grade so als wär's der Soundtrack für den nächsten Taratino-Film! Keith hätte mit seiner Frisur eh keiner "give me a ride" glaubhaft abgenommen. Ebenso die erste Single ‚Girls' - ein hemmungslos schweißtreibender Clubsmasher.

Über den Electro-Punk der Ping-Pong-Bitches wurden Urschreie & 80er Hiphop a la Afrika Bambaataa gelegt. Die ‚Memphis Bells' läuten hier nicht zu Ehren des Kings, harte Bässe…elektronische Spielereien & jede Menge Glocken wie aus dem Sample-Archiv von ‚Schiller'. Wieder richtig deftig & dynamisch läuft ‚Get Up Get Off' nach einem Intro was irgendwie nach Nachrichten aus'm Kashmir-Konflikt klingt. Der Rapper Twista überschlägt sich fast mit seiner Stimmer zu diesem fetten Stück BritCore. Selbe Härte, auch ein Rapper… doch diesmal Querflöte & Schulhofklingel als ‚Wake Up Call' für Kool Keith, der bereits zu ‚Baby's got a Temper‚ sang. Paul Jackson von Dirt Candy gibt ‚Action Radar' den Drive einer Gary Newman-Hymne & endlich sind auch mal Gitarren zu hören! Arabisches Ambiente ist ja dieses Jahr auf fast jedem Output irgendwie Pflicht & so geht dann auch das folgende Instrumental den ‚Medusa's Path' …nicht ohne die bereits erwähnte zerfetzende Bass-Line.

The ProdigyWie einst ‚Phoenix' fliegt hier noch ein weiteres Stück Musikgeschichte versampelt aus der Asche. Shocking Blue's 69'er Hit Love Buzz wurde angereichert mit Triphop & Dance. Bei ‚You'll Be under my wheels' kommt man nach soviel hartem Electro-Punk plötzlich unter die Räder von flachem, langweiligen Technopop. Na & weil ausschlachten aber erst richtig Spaß macht wenn die Leiche halbwegs prominent ist - bedient sich ‚The Way It Is' der allseits bekannten Thriller-Samples von Michael Jackson & splattert diese mit quietschigen Dub's.

Krönender Abschluss dieser Verkaufsfahrt durch alle Musikgenre ist der rituelle Selbstmord von OASIS! Die Gallagher-Brüder schrammeln & schluchzen wie eh in Beatles Manier… doch knallt jetzt die Drum-Machine von Liam Howlett so fett drauf, dass der ‚Shoot Down' zeigt wie Rüpel klingen könnten wenn sie Punx wären. Aus!

Jedem der abwechslungsreiche Musik jenseits des Hexenhäuschens hören will sei diese Scheibe wärmstens angeraten… dem Reiseleiter oder den spendablen Eltern sei gesagt: Finger weg, dass ist rein gar nix für eingefahrene Geschmäcker!


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Spitfire
02. Girls (feat. The Ping Pong Bitches)
03. Memphis Bells (feat. Princess Superstar)
04. Get Up Get Off
05. Hot Ride (feat. Juliette Lewis)
06. Wake Up Call (feat. Kool Keith)
07. Action Radar
08. Medusa's Path
09. Phoenix
10. You'll Be under my wheels
11. The Way It Is
12. Shoot Down (feat. Liam & Noel Gallagher)


www.theprodigy.com
www.alwaysoutnumbered.com