CD-REVIEWS:

La Chambre D'Echo    SOPOR AETERNUS
"La Chambre D'Echo
- Where the dead birds sing"
CD-Box (Apocalyptic Vision / Infrarot)

Sonderberichterstattung:
Denn zunächst fragt man sich, was soll eine Rezension zu einem Album(?) die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens, niemanden mehr zum Kauf dieses Werkes animieren kann.
Denn! "La Chambre D'Echo" ist zum jetzigen Zeitpunkt längst ausverkauft! Von diesem Werk gibt es nur die (mir vorliegende) auf 2000 Stück limitierte Buch/CD Box, und eine auf 666 Stück limitierte Doppelvinylausgabe.
Not more!
Kein Jewel Case, keine "normale" CD.
Somit dient diese Rezension als vielleicht den Leuten, welche das Werk ebenfalls ihr Eigen nennen, als Vergleichsmöglichkeit. Denen die das Werk nicht haben, aber eigentlich haben wollten, als (kaum wirkendes) Trostpflaster und den Rest dürfte es eh nicht interessieren... kann also sofort weiter klicken.

Sonderberichterstattung die Zweite:
Denn wie nähert man sich einem derart komplexen Werk, in dem offensichtlich Artwork, Texte und Musik so eng beieinander liegen, ja sich bedingen, wie es wohl kaum zuvor in der Musikgeschichte so exzessiv dargestellt wurde?

Die BoxDa ist sie nun! Die extrem schwere in schwarzes Leinen gehüllte Pappbox, die ein Buch, eine CD, Postkarten und Lesezeichen enthalten soll. Kaum geöffnet, wirft man den Blick auf ein in braunes Papier eingeschlagenes Etwas, das man kaum zu öffnen wagt, da man das kunstvolle, schwarze Siegel nicht erbrechen, oder den Stempel beschädigen will. Man tut es natürlich doch. Dann hält man es in der Hand. Das große, ebenfalls in schwarzes Leinen gebundene Buch mit den Kunstdrucken und der CD. Extra verpackt dann noch die Postkarten und... na ja wenn ich ehrlich bin, die Nummer mit den Lesezeichen ist etwas lächerlich. (Vierzehn, schmale, schwarze Papierstreifen, mit Silberstift in römischen Ziffern durchnumeriert.) Aber was soll's.
Nun wo es also vor uns liegt werfen wir (nicht nur) einen Blick und ein Ohr auf "LA Chambre D'Echo"

Vor knapp zwei Jahren fragte ich Anna-Varney im Interview ob "Es reiten die Toten so schnell..." mit dem verbundenen Artworker- Produzenten- und Studiowechsel, trotz der Verwendung uralten Materials, so etwas wie ein Neuanfang war. Die (wie immer kryptische) Antwort lautete: "Vielleicht?". Schaut man genauer in das aktuelle Booklet wird man feststellen, dass Anna-Varney schon 2002 mit den ersten Songs und Texten zu "La Chambre D'Echo" begann. Betrachtet man nun beide Alben im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk von Sopor Aeternus wird schnell klar, dass vor zwei Jahren wirklich ein neues Kapitel im (künstlerischen) Leben Anna-Varney aufgeschlagen wurde. Die (Wieder)verwendung der ersten uralt Demos vom Tape "Es reiten die Toten so schnell..." in modernem, vor allem durch den Produzenten John A. Rivers beeinflussten Gewand war offensichtlich der endgültige Abschluss eines langen (schmerzhaften) Prozesses im Leben Anna-Varneys.

Anna-VarneyDenn wo früher noch Selbsttherapie, in machtvoller, sehr emotionaler und damit ergreifender Kraft, Verunsicherung und Faszination, Musik und Texte bestimmte, und den offenen Hörer so mit sich riss... wo all die "Probleme" Anna-Varney im Vordergrund standen, und ihren eigenen schmerzhaften Entwicklungsweg erlebbar machten... Wirkt Anna-Varney nun gelöster, entspannter, distanzierter. Textlich hat man bei "La Chambre D'Echo" den Eindruck, dass Sopor Aeternus uns jetzt eher in der Rolle einer Beobachter(in) in eine fremde, faszinierende, morbide Welt führen... oder besser noch, uns einen kleinen Blick gewähren in "den Spiegel der den Operationssaal darstellt in dem die Autopsie beginnt!" Denn eigentlich sind wir "nicht erwünscht, da wir nur die mühsam errichtete Balance zerstören."
Eine Art "Alice hinter den Spiegeln" also?

Anna-VarneyEine Welt die immer noch von Dunkelheit, Morbidität bestimmt wird, aber in welcher der Schmerz schon längst einem eher süffisanten, abgeklärten Wunsch nach Vernichtung der Menschheit und des eigenen Körpers gewichen ist. Wir werden diese Welt nie begreifen, aber auffällig ist, dass sie uns nicht mehr ganz so verzweifelt, schmerzvoll und erdrückend dargestellt wird. Als hätte Anna-Varney sich mit ihrem Schicksal/Leben endgültig, nein nicht abgefunden, sondern arrangiert. Ihre Lehren aus all den Schmerzen und der Dunkelheit vergangener Tage gezogen und stünde nun kurz vor der angestrebten Erlösung. Die möglicherweise der Tod bringen wird, die aber nicht mehr unbedingt gewaltsam herbeigesehnt werden muss. Anna-Varney weiß dass sie so oder so kommen wird, und scheint sich jetzt genüsslich in ihrem von ihr selbst erschaffenen Universum zurückzulehnen und entspannt lächelnd den verwirrten Zuschauer/hörer weiter auf "falsche" Fährten zu locken.

Perfekt dargestellt wird diese Welt durch das Artwork des Fotokünstlers Joachim Lüttke. Schaut man sich das 128(!)seitige A4 Vollfarbbooklet an, mit den herrlich morbid-faszinierenden, androgyn-erotischen Fotos, welche im "Narrenturm" des psycho-pathologischen Museums in Wien entstanden sind, fragt man sich zu Recht, ob die Idee zu den Bildern nicht vor dem Album da waren. Viel zu sehr ergänzen sich die uralten, medizinischen Räume und Instrumente, mit der Welt Anna-Varneys. Abstoßend und anziehend zu gleich, stellt sich der Tod hier nicht mehr nur als düsteres Knochengerüst, sondern vielmehr schon als zynisch grinsende indische Todesgöttin Khali dar, die gleichermaßen erotisch wie tödlich wirkt. Irgendwie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der früher als Irrenanstalt genutzte "Narrenturm" sei extra für Anna-Varney erbaut worden um ihre Texte und Sichtweisen zu illustrieren.

Anna-VarneyAuffällig aber auch, sind bei "La Chambre D'Echo" die musikalischen Veränderungen. Ebenfalls schon bei "Es reiten die Toten so schnell..." zeichnete es sich schon ab, nun ist es offenbar. Sopor Aeternus wenden sich verstärkt elektronischem Equipment zu. Hier wabern Sequenzer und schaffen so jene hypnotischen Rhythmen die Wavetypisch, eher monoton daherkommen. Darüber analoge und digitale Syntheziser, die den elektronischen Gesamteindruck noch verstärken. Das ist nach den fast ausschließlich akustischen Alben der letzten Jahre schon extrem gewöhnungsbedürftig, erzeugt aber noch mehr, diese entspannte Atmosphäre, die fast schon gefällig daherkommt und den einen oder anderen Ohrwurm erzeugt. Ja bei einigen der aktuellen Songs, kann man sich sogar schon Leute auf irgendwelchen Tanzflächen vorstellen. Aber keine Sorge! Es gibt sie trotzdem noch, die Sopor Aeternus typischen Xylophone, Glocken, Streicherensemble und natürlich all die Klarinetten, Oboen und Trompeten. Zusammen mit den elektronischen Grundgerüsten erzeugen sie jene fast schon süchtig machenden Melodien, die einen Sog erzeugen, dem man sich nicht mehr entziehen kann und nach und nach in diese Welt hinein gleiten lassen.
Erstaunlich vor allem aber die gesanglichen Leistungen Anna-Varneys, die auf "La Chambre D'Echos" erstmalig alle Stimmen selber einsingt. (Auch keinen Frauenchor im Hintergrund mehr.) Ungewöhnlich sanft, entspannt, manchmal sogar elektronisch verzerrt/unterstützt, verzichtet sie weitestgehend auf die "Klagelaute eines Tieres" oder "den gebrochenen, alten Mann" und fügt sich so perfekt in das Gesamtbild der Musik ein. Verstörend, schön erklingt ihre faszinierende Stimme, die immer noch die Androgynität betont, aber frei von Verzweiflung und Schmerz, einfach nur noch DAS Instrument einer einzigartigen Künstlerin/Musikerin ist.
"La Chambre D'Echo" verzichtet weitestgehend auf Tempowechsel oder Brüche, wirkt erstaunlich ruhig, in sich ruhend, in sich geschlossen, entspannt, abgeklärt und losgelöst. Wenn die letzten Alben Anna-Varneys also wirklich der manchmal schmerzvollen Selbsttherapie der Künstlerin dienten, dann war diese, auf ihre eigene Art, offensichtlich erfolgreich. Den früher alleine durch Texte und Musik erzeugten Schmerz findet man hier nicht. Somit fehlt beim ersten flüchtigen Hören sogar etwas die früher so ergreifende Emotionalität.
Nach dem zweiten, dritten Durchhören/sehen entfaltet "La Chambre D'Echo" aber erst seinen ganzen Reiz. Und wird somit zu dem gesamtkünstlerischen Geniestreich diesen Jahres!

Sonderberichterstattung beendet. Ich ziehe mich zurück und versuche erneut durch den schmalen Kratzer, in einer der schmutzigen, vergitterten Milchglasscheiben des "Narrenturms" einen Blick ins Innere zu erhaschen... vielleicht, vielleicht sehe ich sie ja sogar irgendwo da drinnen... wenigstens ein einziges Mal, flüchtig nur...

Thomas Sabottka für THE GOTHICWORLD


Tracklist:
01 - The Encoded Cloister
02 - Backbone Practise
03 - Idleness & Consequence
04 - Beyond The Wall Of Sleep
05 - Imhotep
06 - Hearse-shaped Basins Of Darkest Matter
07 - Interlude - The Quiet Earth
08 - We Have A Dog To Exercise
09 - The Lion's Promise
10 - Leeches & Deception
11 - The Skeletal Garden
12 - Feed The Birds
13 - Consolatrix Has Left The Building
14 - Day Of The Dead


www.soporaeternus.de