CD-REVIEWS:

Harmony & Singles    THE WAKE "Harmony & Singles"
CD (Factory / LTM-Publishing)

The WakeDer Satz eines Freundes: "Hier, hör mal rein, könnte dir gefallen!" war Auftakt zu einem Hörerlebnis allererster Güte und einer wirklichen musikalischen Neu- oder Wiederentdeckung. Bis dato waren mir THE WAKE völlig unbekannt, obwohl es einige Parallelen zu den von mir verehrten genial-legendären Joy Division gibt. THE WAKE klingen auf dem am 18. Juni 2004 wiederveröffentlichten Werk nicht nur wie die legitimeren Nachfolger der Gruppe um Ian Curtis, sie waren in den frühen Achtzigern auch beim selben Label (Factory) unter Vertrag und sie haben New Order bis 1985 tapfer als Vorband zur Seite gestanden. Alles Gründe, mal genauer hinzuhören.

Auf der vorliegende CD "Harmony & Singles" sind die THE WAKE-Werke "Harmony" (LP, 1982), "On our honeymoon" (Single, 1982), "Something outside" (Single, 1983) und die John-Peel-Session von 1983 zusammengefasst. Wie Joy Division stammen auch THE WAKE aus einer typisch englischen Industriestadt, in diesem Fall Glasgow, und erleben die Depression der ausgehenden Siebziger und frühen Achtziger. Caesar, Kopf der Band und ohne nachweisbaren Nachnamen, formt mit Steve Allen (Drums) und Joe Donnelly (Bass) die Band. Die Zusammensetzung wechselt, es kommt Allens Schwester Carolyn (Keyboard) dazu, die manchen Songs mit weicher Frauenstimme einen wärmeren Rahmen gibt. Ein frühes Mitglied, Bobby Gillespie, wird sich später einer anderen Band widmen - Primal Scream. Schützenhilfe bekommt die junge Band von Rob Gretton, dem Manager von New Order.

Die Musik auf der "Harmony" lebt von ihrem Minimalismus: glasklar gespielte Basslinien von hoher Intensität und düsterer Kraft, das Schlagwerk treibt die Songs voran, hauptsächlich auf den Basstrommeln gespielt. Weinerlich, aber unverzerrt, gibt die Gitarre dem Ganzen einen psychodelischen Anstrich. Die Stimme von Caesar ist anfänglich schwach und dünn - letztlich unterstützt sie aber nur das Gefühl von Zerbrechlichkeit. Die Texte sind ein Abbild einer zukunftslosen, traurigen Welt und alle zeichnen sich durch persönliches Erleben statt hochtrabender "Dunkel-Philosophie" aus. Und immer wieder die Düsternis, die einen auch bei "The Eternal" und "Decades" von Joy Division verschlingt. Allein "an immaculate conception" mit klarem Keyboard-Teppich und seinem beinah Pop-Charakter löst die Finsternis etwas auf. Ganz groß "Testament" mit folgender Textzeile: "And every day we pray for lost and lonely souls" - ein relative kurzes, dafür aber sehr dichtes Stück Musik. Das beste Stück ist allerdings "The old man" - man kann es nicht beschreiben, hört euch die 30 Sekunden bei Amazon an, das ist mehr als nur ein Vergleich mit Joy Division, das ist quasi die Auferstehung!

Die 1983er Single "Something outside" und die dazugehörige B-Seite "Host" sind zwei dunkel-beschwingte Acht-Minuten-Stücke. Die Stimme wirkt erstmals kräftig genug, die Songs durchzustehen, die Musik ist reduziert auf Schlagwerk und wie gefächert klingende Keyboard-Klänge.

"The drill", der erste Titel der John-Peel-Session beginnt wie "A forest" von The Cure um dann jedoch treibender und verspielter zu werden. Es wird eindeutig rocklastiger, facettenreicher - ohne jedoch den Zauber zu nehmen. "Uniform" ist ein schwebendes Stück, allein das Schlagen eines Metronoms sorgt für eine gewisse Echtheit. Caesar flüstert nur und macht das ganze ein wenig irreal: Einerseits das wabernde und nicht fassbare, andererseits das klare, sehr reale Ticken - geil. Ein eher lahmer Popsong ist das letzte Peel-Stück "Here comes everybody". Nicht schlecht aber neben all den genialen Titeln eher belanglos.

Den Abschluss bildet die Single "On our honeymoon", zeitlich das früheste der hier veröffentlichten Stücke. Es klingt noch ein wenig unfertig, eher punkig aber schon unendlich traurig: "The holy words a waste of breath - On our honeymoon, it was Hell". Die B-Seite "give up" ist ein Midtempo Punksong mit durchaus eigener Note und einem kleinen Hang zum Schrammeligen.

Insgesamt jedoch schlicht ergreifend und geil. Jedem, dem das Dauerabspielen der alten Joy Division-Sachen nicht reicht, seien THE WAKE innigst ans Herz gelegt. Erst kommt der Überraschungseffekt und dann die Liebe.


Daniel "Bela" Bartsch

Tracklist:
01.Favour
02.Heartburn
03.An Immaculate Conception
04.Judas
05.Testament
06.Patrol
07.The Old Men
08.Chance
09.Something Outside
10.Host
11.The Drill
12.Uniform
13.Here Comes Everybody
14.On Our Honeymoon
15.Give Up

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