special:
DIE ÄRZTE Unrockstar-Tour 2004 08.08.2004 - Berlin,
Waldbühne
Im Schatten: Die Ärzte 24 Euro Praxisgebühr und
dann 22.000 Patienten im Wartesaal unter freiem Himmel. Gut, dass gleich drei
Ärzte angetreten sind die Wehwehchen zu kurieren. Bereits zum vierten Mal
in diesem Jahr trat die beste Band der Welt "aus Berlin" in Berlin auf - derart
gedrängt gab ich mir dann doch mein erstes Ärztekonzert seit 1993.
Als Quasi-Bonusheft ein Ärzte-Shirt aus dem selben Jahr auf dem Leib.
Derart kenntlich gemacht erkannten sich die Patienten dieser Welt, die von nah
und fern (jwd - janz weit draußen) anreisten.
Erstmal jedoch
hieß es anstehen in brütender Hitze. Dabei waren die Grade jenseits
der 30 nicht das Schlimmste. Beim Anblick der juvenilen Garde anonymer
Alkoholiker war ich versucht, die aktuelle Single der Ärzte als Aufruf zum
Massenmord zu verstehen ("Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie
ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!"). Das alte Hausmittel
Alkohol gibt's ja noch ohne Rezept, so brauchten einige schnell kalte
Umschläge. Im Kessel der Waldbühne sengte die Sonne dann mächtig
auf den Bregen. Chef-Pharmazeut des Abends war die Becks-Brauerei, die ihre
wohl gekühlte Medizin in Messbechern samt Ärztelogo ausgaben (trotz 2
Euro Becherpfand eine gute Gelegenheit, das heimische Geschirrlager
aufzumunitionieren). Problem: Becks schmeckt immer so, wie man sich fühlt
- meistens Scheiße. Aber Medizin muss ja eklig schmecken, sonst wirkt sie
nicht. Schnell Platz genommen, die Liebste gekuschelt und auf den Beginn der
Sprechstunde gewartet.
Gegen 18.30 betrat der Oberarzt am Bass, Rod, die
Bühne und verkündete die Visite der Ärzte im Praktikum: GLUCIFER
aus Norwegen. Die netten älteren Herren aus dem hohen Norden ließen
es gewaltig krachen, auch wenn Mengen an Bauchspeck über die Hosen rollten
und die Bewegungsfreiheit stark einschränkte. Dass sie gefeiert wurden,
trifft den Kern nicht ganz, aber die Party war schon nicht schlecht.
Frenetisch, diesmal stimmt der Terminus, war der Jubel, als die Ärzte kurz
die Bühne enterten und mit Glucifer gemeinsam deren Titel "Break the law"
spielten. Als hätten die Doktoren befohlen: "Machen sie sich mal frei!",
flogen die ersten BH in Richtung Bühne. Später hingen sie an Rods
Mikroständer - und ich schwöre: keiner unter DD. Wo haben so kleine
Mädchen so Riesentitten her????
In der
Umbaupause war die Bühne schwarz verhängt, links und rechts von ihr
wurden überdimensionale Gwendoline-Puppen aufgeblasen. Dabei lief Klassik
und Bert Brecht-Songs. Der Vorhang fiel und endlich begann die
Hauptuntersuchung. Erste Symptome von Gänsehaut hatte ich schon -
zugegeben. Farin Urlaub in simplem Schwarz, Bela - "weil ich Schlagzeuger bin"
- B. in einem schwarzen Zweiteiler, der Garry Glitter alle Ehre gemacht
hätte und Rod, wie der Bassist von nebenan. Die Ärzte sind sich
bewusst, dass sie ein generationsübergreifendes Musikphänomen sind
und so sammelten sie jede Fangruppe sofort ein. Nach dem Opener "Nicht allein"
vom aktuellen Werk "Geräusch" gab es "Radio brennt", mit ironischen
Seitenhieben auf sich selbst und anschließend "Alleine in der Nacht".
Spätestens da war ich versöhnt und die letzten Bedenken wegen eines
Konzertes der Ärzte-Neuzeit waren zerstreut.
Nach jeweils etwa
drei Titeln gab es den beliebten verbalen Schlagabtausch der das Niveau so
herrlich nach unten zieht. Keine Zote war zu billig um nicht doch gemacht zu
werden. Schön! Einzig die Verordnung von rhythmischer Sportgymnastik war
etwas albern. La-Ola ist bekloppt, auch wenn die Ärzte dazu auffordern. Im
Pogo-Kessel vor der Bühne hatten einige die Rechnung ohne den
schrägen Humor der Ärztefans gemacht: Wer hoffte, sich festivalgleich
von den Händen anderer bis zur Bühne tragen zu lassen, sah sich
getäuscht. Flugs wurden diese Typen nach hinten(!) durchgereicht.
Gleichmäßig verteilt gab es einen Rundumschlag von kurz nach
früher bis heute. Mit "Lied für Dich" stießen sie auf ihre
Millionen an, bei "Hurra" wurde auf Optimismus gemacht. Auch ihre aktuelle
Single bekam man auf die Ohren und diesmal stellte sich kein
Robert-Steinhäuser-Syndrom ein. Mehrfach bezogen sie Stellung gegen George
W. Bush, spielten sogar die Michael Moore Worte "Shame on you Mr. Bush!" vom
Band ein. Zuhause jedoch sind sie eindeutig in der spaßigen Ecke. Ein
Beispiel: Farin verkündete sein Lieblingslied "Zitroneneis", benannte
Belas Lieblingssong "Zum Bäcker" und Rod wurde mit "The final Countdown"
abgestraft. Da man sich nicht einigen konnte oder wollte spielte jeder seinen
Song, allerdings gleichzeitig mit den anderen. Rod korrigierte sich zu
"Teenagerliebe" und so erklang eine geniale Kakophonie aus diesen drei Liedern,
die Bela mit seinem "Links, rechts, links, rechts - zum Bäcker" allerdings
dominierte. Im Anschluss erklangen "Zum Bäcker" und "Teenagerliebe" noch
mal eigenständig.
Zwischen aktuellen Songs tauchte immer ein
liebgewonnener Song aus dem ersten Ärzteleben auf und wirklich jeder wurde
mitgesungen - auch von Kindern, die bei der Entstehung mancher Titel noch
flüssig waren. Zugaben im eigentlichen Sinne gab es nicht, die Wartezeiten
und Umbaupausen waren erstaunlich kurz gehalten. Spaßiger Höhepunkt
war eine eingebaute Unplugged-Session im Stil der gleichnamigen
MTV-Aufzeichnung mit so wunderbaren Titeln wie "Lustiger Astronaut" oder "Dinge
von denen". Bela zelebrierte im Dracula-Umhang die "Monsterparty".
In
der letzten Runde drehten die Ärzte noch einmal gehörig auf. Eine
deutliche Absage an die Nazis ("Immer wenn wir das folgende Lied spielen stirbt
auf der Welt ein Nazi - wir wollen eigentlich nur noch Konzerte mit diesem Lied
spielen!") endete in einem "Schrei nach Liebe" und natürlich spielten sie
auch noch "Zu spät".
Zu spät war es zwar noch nicht,
allerdings wollte die umliegende Flore und Fauna geschützt werden. So ging
die Sprechstunde der Ärzte nach fast drei Zeitstunden vorüber.
Überwiegend geheilt verließen die Patienten das Sanatorium. Die
vereinzelten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindelgefühle,
Heiserkeit oder Erbrechen liegen sicherlich im Rahmen einer derart guten
musikalischen Dauerbehandlung.
Bericht
Daniel "Bela" Bartsch für
GOTHICWORLD Fotos
mit freundl. Genehmigung von Michael Ruchti (www.notausgang.ch)
Review:
"Geräusch"
www.bademeister.com |