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M'ERA LUNA-FESTIVAL 2004
07.-08.08.2004 - Hildesheim/Flugplatz

Sonntag, 08.08.2004, Tag zwo ...


M'Era LunaEXILIA
Es ist gerade mal 11.35 Uhr. Die Sonne knallt schon unbarmherzig vom Himmel, da betreten EXILIA die Main Stage. Das Quartett aus Italien startet zurzeit mit Ihrem zweiten Album "Unleashed" so richtig durch und da ich schon im Vorfeld viel von Frontfrau und Wirbelwind Masha gehört hatte, war ich doch sehr gespannt auf deren Auftritt. Die Frau ist live der Hammer. Ein Energiebündel, das mich sofort an legendäre Auftritte von Jingo de Lunch erinnerte. Da steht Masha dem Yvonnchen in nichts nach und auch das Publikum sah dies wohl genau so wie ich und ging trotz der frühen Morgenstunde schon richtig ab. Leider hatten die Mailänder nur 25 min. Spielzeit zur Verfügung und mit Ihrer Singleauskopplung "Stop Playing God" verabschiedeten sich die Crossover Nu-Metaller schon viel zu früh wieder von der Bühne. Für mich ein echtes Highlight an diesem Tag. (Mary)

THE FAIR SEX
The Fair SexAls wir in der sengenden Mittagshitze das Festivalgelände betreten, haben die deutschen Dark Wave-Pioniere THE FAIR SEX gerade ihren Set begonnen. Eine für diese Uhrzeit recht stattliche Zuschauermenge hat sich vor der Hauptbühne versammelt, um dem Treiben Myk Jungs und seiner Band zuzusehen und wird durch die Spielfreude und das Engagement der Ruhrgebietscombo fürstlich belohnt. Vor allem Myk nutzt die ganze Breite und Tiefe der Bühne, kniet immer wieder am Bühnenrand, reisst sich seinen langen schwarzen Ledermantel vom Leib, durchlebt und durchleidet seine Texte wie kaum ein anderer Frontmann in den beiden vor uns liegenden Tagen und trägt seine Emotionen hemmungslos zur Schau, immer die emotionelle Nähe zum Publikum suchend, nach vorne gepeitscht durch die hämmernden Rhythmen und die beinahe schon Metalniveau erreichende Brettgitarre. In Anbetracht der frühen Uhrzeit und der subtropischen Temperaturen ein guter Auftritt. (MK)

ChamberCHAMBER
Wechsel in den Hangar, der bei weitem nicht so voll war wie bei der Wahlverwandtschaft von ASP, aber eines war schon nach den ersten Takten des schwarzen Kammerorchesters klar: alle im Publikum waren nur wegen CHAMBER da! Es schien nicht einer da gewesen zu sein, der sich nur mal so verirrt hatte. Aufgrund der Zeitbeschränkung wurde auch hier "gerockt", aber g'mietlich", wie Mastermind Testory wegen der Hitze im schwarzen Mao-Anzug verkündete. Keine bei CHAMBER sonst so üblichen Sound- oder Stimmschwierigkeiten. Alle Instrumente waren perfekt abgestimmt, mit "Ceremony…" oder "Conversation…" wurden neue, ellenlange Versionen präsentiert, die nicht nur zum Mitklatschen animierten sondern eines bewiesen: CHAMBER rocken gehörig, und erstmals überzeugte mich sogar der neuerdings eingesetzte Drummer. Ralph bewies einmal mehr, dass er mit Violine und Gitarren ein Allroundmusiker ist, und vor allem ein guter Ersatz für den anfänglich vermissten Robin. Eben weil er nicht versucht diesen zu imitieren sondern neue Akzente setzt. Insgesamt waren alle Musiker/Innen von CHAMBER in perfekter Spiellaune und das ganze gipfelte in einer fulminanten Version von "Engel", bei dem das gesamte Publikum den weiblichen Part des Refrains übernahm. Kein Wunder, dass hier lautstark und vehement nach Zugabe gerufen wurde, die natürlich auf Grund der Festivalbedingungen nicht kam, aber von Herrn Testory mit dem Verweis auf Releasegig und ene Tour im Herbst/Winter artig abgesagt wurde. (TS)

Funker VogtFUNKER VOGT
Wieder an der Mainstage war ich mehr als nur gespannt auf die Livepräsentation einer der deutschen EBM/Elektrobands schlechthin, die mit "Survivor" ja deutlich musikalischere Töne in ihrem Oeuvre anschlugen. Perfekt optisch umgesetzt mit orangefarbenen Sattelitenschüsseln, schwarz-orangenem Absperrband, Keyboarder im Ninjaoutfit, grün angemalt oder Gitarristen im Kampfoutfit … nur Sänger Gerrit Thomas schien sich einen Spass daraus zu machen, im eher ungruftigen Sommeroutfit zu erscheinen und den "Tragic Hero" zu geben. Spass und musikalischer Druck waren dann auch die Maxime des elektronischen Rollkommandos, das ohne weiteres eine Breitseite nach der Anderen auf das Publikum abfeuerte. Nebenbei wurden dann auch noch diverse Frisbeescheiben ins Publikum geworfen. Schade, dass keine Einzige zurückkam und man so ein interaktives Spiel mit den Massen beginnen konnte. Egal, dieser Gig war einer der besseren des gesamten Festivals, bei dem Spiellaune und musikalisches Können perfekt Hand in Hand gingen und die Massen in Wallung brachten. (TS)

PINK TURNS BLUE
Pink Turns BlueEin weiteres Highlight an diesem Tag stellt für mich der Auftritt von PINK TURNS BLUE dar. Nach zehnjähriger Pause und Wiedervereinigung mit Thomas Elbern, besinnen sich Mic Jogwer und seine Band auf ihre Wurzeln und somit ist ihre Musik ein echter Leckerbissen für Fans des klassischen Wave-Zeitalters der achtziger Jahre. Leider mussten PINK TURNS BLUE im Hangar spielen und da dieser ziemlich gut gefüllt war, brach einem sofort der Schweiß aus. Das tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch und gleich mit "Your Master Is Calling" zogen Sie das Publikum in Ihren Bann, wobei fleissig mitgesungen wurde. Beeindruckend war auch Thomas Elbern bei seinem Gitarrenspiel zu lauschen. Ich habe selten jemanden so hingebungsvoll auf seinem Instrument spielen sehen. Ein echter Gewinn für PINK TURNS BLUE, ohne Frage. Nach Klassikern wie "The First" und "Walking On Both Sides" verliess ich jedoch frühzeitig den Hangar wieder, da mir der Schweiß in Strömen am Körper herunterlief. Bei dieser Hitze im Hangar zu spielen ist eine echte Zumutung, aber sollte ich noch mal die Möglichkeit haben PINK TURNS BLUE anderorts live zu erleben, werde ich mir das bestimmt nicht entgehen lassen. (Mary)

Suicide CommandoSUICIDE COMMANDO
Kaum auf der Bühne, fliegt der Mikroständer in die Ecke, so dass die Roadies lieber schnell in Deckung gehen. Keine Frage, Johan van Roy gibt Gas, und zwar so richtig. Wer meint, Elelctro funktioniert ausschliesslich im Dunkeln und im zuckenden Stroboskopgewitter, der irrt, denn mit einer unglaublich aggressiven Urgewalt legen SUICIDE COMMANDO mit glasklarem und extrem lauten Sound die Hauptbühne und Hildesheim fast in Schutt und Asche. Dabei beherrscht Johan von Roy wie kaum ein anderer Musiker dieses Genres das Wechselspiel mit dem Publikum, immer auf der Suche nach Augen- und Blickkontakt, während er sich das Mikro voller Inbrunst und mit unglaublicher Brutalität immer wieder vor die eigene Brust oder gegen den Schädel hämmert. SUICIDE COMMANDO werden mit ihrer Botschaft, die die Misstände von Politik und Gesellschaft anprangert, wahrgenommen und verstanden, egal ob bei "Hellrazor" oder bei "Cause Of Death". Neben den Shows von PINK TURNS BLUE und ICON OF COIL mein persönliches Highlight des Festivals. (MK)

DE/VISION
De/VisionDE/VISION sind zurück. Neuerdings stellt sich ja jede elektronische Band noch diverse Gastmusiker an Gitarre und Co auf die Bühne. So auch Steffen und Thomas. Beruhigend war bei diesem Auftritt aber umso mehr, dass diese Verstärkung nicht dazu führte, unnötigerweise den Rockstar zu spielen. Nein! DE/VISION verliessen sich ganz auf das, was sie am besten können, und dies richtig gut: Synthiepopperlen, voller perfekter Melodien und Harmonien, einiger Dancerhythmen und einem wunderbaren Gesang. Alles eher ruhig, aber dennoch begeisternd und mitreissend. Wunderschön! Und wenn man die Augen schloss, so wehte ein Hauch von Depeche Mode über das Festivalgelände. (TS)

TherionTHERION
Dame Edna hat sich auf das M'era Luna verirrt, so mein erster Eindruck der Schweden THERION und ihrer am Bühenrand positionierten Sopranistin. Skeptisch, ob die Kombination THERION und ein vornehmlich durch Electro, Mittelalter und Gothic beeinflusstes Festival funktionieren würde, belehrten die Schweden die stattlich versammelte Meute vor der Bühne schnell eines Besseren und boten einen Cocktail aus Klassik und Metal feil, der vor Spielfreude und Engagement trefflich mundete und begeistert aufgenommen wurde. Auch wenn die Streicher komplett vom Band kamen, die Chöre waren live und das Engagement bei aller Routine wirklich mitreissend. Verglichen mit Haggard, die musikalisch einen ähnlichen Ansatz verfolgen, sind THERION nicht nur die deutlich bessere und agilere Live-Band, sondern auch die besseren Songschreiber. (MK)

SAMSAS TRAUM
Ich bin sicher der letzte, der einer Band oder einem Künstler seine Daseinsberechtigung absprechen würde, aber bei SAMSAS TRAUM werde ich jetzt mal eine Ausnahme machen, denn mit infantil, albern und hochnotpeinlich ist noch wohlwollend das umschrieben, was vor allem Alexander Katsche live bot. Will man dem Auftritt etwas Positives abgewinnen, so war es das mir gewidmete, alles gewinnende Augenzwinkern der Sängerin und die spielerische Kompetenz, mit der die Musiker zu Werke gingen. Dass die massiv zunehmenden Kreislaufprobleme diverser Zuschauerinnen mit dem schlechten Auftritt von SAMSAS TRAUM in Zusammenhang ist übrigens nur ein böses Gerücht. (MK)

CovenantCOVENANT
Ja, David Bowie schien da auf die Bühne zu kommen. Im herrlich elfenbeinfarbenen Sklavenhalteranzug und ebenso farbenen Hut traten die Schweden auf die Bühne und boten ein Konzert, das den schwachen Eindruck vom diesjährigen Wave Gotik Treffen mühelos revidieren konnte. Was ich schon immer an Sänger Joakim bewundert habe, ist diese einzigartige und unglaublich lässige Art und Weise sein Mikro zu halten. Genau dieses lässige Understatement kam auch bei dem Gig perfekt rüber. COVENANT, das sind in erster Linie perfekte und schöne Melodien sowie tanzbare Rhythmen. Das ist Hookline an Hookline und ein perfekter Gesang. Kein Wunder, das im Publikum begeistert die schwedische Flagge geschwenkt wurde und man voller Inbrunst mitging und mitsang. Ob es nun Klassiker wie "Death Stars", "Der Leiermann" oder die Songs des abld erscheinenden neuen Albums waren. Ein Glücksgriff, dieser Auftritt der Schweden, der den Nachmittag wunderschön abrundete. (TS)



OOMPH!
Oomph!Wahrheit oder Pflicht? Eine Frage die fast schon philosophischen Charakter bekam. Die Mannen um Dero waren schon immer die absolute Liveband.tiere. Ihre Musik inspirierte u.a. Rammstein und so mag manch jüngerer Fan vielleicht denken, dass OOMPH! bei anderen Bands "klauen" würden. Fakt ist aber, dass sie eher da waren und erst jetzt ihren wohlverdienten Erfolg als Lohn ihrer harten Arbeit einfahren können. Natürlich will man als Fan seine Band immer für sich behalten und versteht nicht, dass Erfolg vor allem auch heisst, diese Band nun mit ganz vielen neuen und zumeist jungen Fans teilen zu müssen. Also Wahrheit? OOMPH! jedenfalls haben mehr verdammt gute Songs gemacht als "Augen auf…", die sie im Verlaufe des Nachmittags dann auch alle gespielt haben. Pflicht? Dass sie natürlich "Brennende Liebe" und "Augen auf…" spielen mussten und das Publikum diese Sachen eher kannte als z.B. "Gekreuzigt". Es ist aber einfach auch immer wieder der reinste Spaß und eine wahre Freude, diese Band live zu sehen, die immer noch so voller Enthusiasmus und Spielfreude agiert, dass sich so manch anderer "Headliner" davon eine dicke Scheibe hätte abschneiden können. (TS)

LacrimosaLACRIMOSA
Und "last but not least" (oder doch?) eben jene Band, die wie kaum eine Andere polarisiert. Irgendwie gibt es immer nur die LACRIMOSA-Hasser die alles ablehnen, oder die gnadenlosen Fans, die einfach alles lieben und hinnehmen, was aus dem Hause Wolff kommt. Nun, ich gehöre weder zu der einen, noch zu der anderen Fraktion. LACRIMOSA haben einige sehr gute Songs gemacht, Tilo Wolff ist in meinen Ohren ein guter Komponist und perfekter Arrangeur und live hat er einige richtig gute Musiker auf der Bühne. Was aber beim M'era Luna ablief, war eine ziemliche Enttäuschung, abgesehen davon, dass die Technik Schwierigkeiten mit den Mikros hatte, was die Kritiker seines umstrittenen Gesangskönnens sicherlich eher erfreute. Dafür konnte Tilo genauso wenig wie für den kurzzeitigen Ausfall der einen Gitarre. Trotzdem hatte man den Eindruck, dass Tilo Wolff zu diesem Auftritt überhaupt keine Lust hatte, uninspiriert und eher gelangweilt wurde, mit Ausnahme eines neuen Songs, das Standardprogramm von vor "Elodia" herunter gespielt. Und wenn bei 25.000 Besuchern nur 1000 frenetisch klatschen, dann sieht das immer noch gut aus, weil die restlichen 24.000 Besucher zumindest eine eindrucksvolle Kulisse schaffen. Was daran jedoch am meisten ärgert ist die Tatsache, dass noch im letzten Jahr jeder Liveauftritt grossspurig mit der Begründung abgesagt wurde, "Wenn ich nicht hundert Prozent sondern nur siebzig geben kann dann ist das nicht gut!" Nun, lieber Tilo, das waren nicht einmal zwanzig Prozent und so sehr, wie ich mich mal wieder auf einen der endlich stattgefundenden Liveauftritte des "Harlekins" gefreut habe, umso mehr wünschte ich, du wärest zu Hause geblieben. Selbst wenn grosse Teile des Publikums diesen Auftritt gebührend honorierten, für mich war dies eine maßlose Enttäsuchung. (TS)


Fazit:
Mary und Thomas und Micha im Hintergrund von der GothicWorldInsgesamt war das M'era Luna trotz aller Kritik und einiger Illusionen, um die man ärmer geworden ist, eines der besten Festivals in diesem Jahr. Etliche Highlights, die verpflichtet wurden und ihr bestes Gaben.
Extrem freundliche Security, gute Organisation ohne Pannen, die einen reibungslosen Ablauf garantierte, keine Soundschwierigkeiten (na, fast keine!), wunderbarem Wetter und wie uns heran getragen wurde, sei sogar Zeltplatz/Duschen und Toiletten mehr als nur sauber gewesen. Vielleicht von allem etwas zu wenig? Wir wissen es nicht! Denn "wichtigtuerische" und alternde Journalisten schlafen im Hotel oder privat in irgendwelchen Zimmern.

Also fürs nächste Jahr gilt dann auch wieder:
"Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann ab nach Hildesheim!"


Bericht: Micha (MK), Thomas (TS) und Mary (Mary) für GOTHICWORLD / OBLIVEON
Fotos: Michael Kuhlen, Simone Schröter & Sir Ritchie


www.meraluna.de