interview:

PANIC DHH
"…müssen wir denn wirklich leiden um uns lebendig zu fühlen?"

Es war einmal ein KMFDM-Konzert in der Frankfurter Batschkapp. Es war einer dieser Tage, an dem nur Adrenalin & KMFDM in meinem Kopf ein Zuhause fand. Ich konnt's ja kaum erwarten die lebende Legende live on Stage zusehen. Allerdings musste man sich noch gedulden und die Wartezeit mit der Vorband totschlagen. In diesem Fall war es angenehm & aufregend zugleich, denn die Vorband hieß PANIC DHH. Heute sind die Londoner Newcomer immer noch wie wild am touren & auch bereit über ihren kommenden Debüt-Longplayer "Panic Drives Human Herds" zu sprechen. Die Fragen die jenes, ab dem 30. August wohl polarisierende, Album in mir hinterließ... beantworteten Mastermind ROBBIE FURZE sowie sein "Elektriker" ANTTI UUSIMAKI.

ROBBIE FURZEGW: Zuerst einmal Glückwunsch zum Album & Danke für den großartigen KMFDM-Support in Frankfurt. Was für Erfahrungen habt ihr in Deutschland gemacht & welche speziell mit KMFDM?

ROBBIE: Danke, yeah die Tour war ganz großartig, es wäre schwer eine besonders gute Show oder einen einzelnen Moment heraus zu picken.

GW: Ich muss gestehen, dass mich dieses Album musikalisch aus den unterschiedlichsten Gründen beeindruckte: die Originalität des Stils, die Komplexität eures Sounds & der Noise-Strukturen... wie ein dringend notwendiger neuer Wind, der durch die gute alte Industrial-Rock-Szene weht! Sagt uns doch mal, wie ihr diese Aspekte seht.

ANTTI: Danke. Also, wir wollten wirklich Grenzen niederreißen mit diesem Album. Im doppelten Sinne, bezüglich der Akustik & des Arrangements. Wir wollten keinerlei Beschränkungen haben & nicht in irgendeiner Genre-Schublade abgelegt werden. Wir wollten etwas Neues und Frisches machen. Etwas, dass auch wir gern in einem Plattenladen kaufen würden. Und das Meiste davon kam ganz natürlich auf den Weg. Wir kalkulierten nichts im Voraus & wir standen auch nicht unter dem Druck den Sound gegenüber unserer Debüt-EP 'Spreading The Virus' zu variieren. Wir hielten uns geradewegs an unsere Instinkte. Für uns ist es eine natürliche Weiterentwicklung seit der EP & unsere kommenden Releases werden wieder etwas Neues & Anderes bieten. Unsere Musik ist eine Reflexion unserer Leben.

ANTTI UUSIMAKIGW: Robbie, wir kennen Dich auch als Gitarrist von Alec Empire. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit & ist er eine Deiner musikalischen Wurzeln oder gar Vorbilder?

ROBBIE: Es ist ein Privileg, mit Alec zu spielen, er ist ein wahrer Künstler, ich habe viel von ihm gelernt. Er ist ein Pionier des modernen Punks, er kreierte den Digital Hardcore, indem er das Konzept & die Gesinnung des Punks mit Elektronics, Noise & Industrial-Sounds Tönen verband.

GW: Ihr scheint sehr breit gefächerte musikalischen Einflüsse zu haben, mit einem Fokus auf Punk & Industrial. Welche Bands haben euch am meisten beeinflusst?

ROBBIE: Mein Background unterscheidet sich von Anttis, er kommt mit einem elektrischen, mehr auf Techno basiertem musikalischen Hintergrund, während ich mehr im Punk und im Metal verwurzelt bin, aber wir haben eine enorme Spannweite an musikalischen Einflüssen. Musik ist der wichtigste "Auslöser" in meinem Leben, sie ist immer für mich da, Antti fühlt auf die gleiche Weise. Die Sex Pistols, Nirvana, Metallica, Guns n'Roses, Nine Inch Nails, Ministry, Faith No More, waren einige der ersten Platten die ich gekauft & geliebt habe. Die mich wirklich ansprachen.

GW: Euer Debütalbum ist auf "Digital Hardcore Records" erschienen. Ergab sich der Kontakt direkt durch deine Zusammenarbeit mit Alec Empire? Was waren denn eure Erwartungen an dieses weithin bekannte Plattenlabel & wie geht's zukünftig mit eurem eigenen "Hatechannel" weiter?

ROBBIE: Ja sie waren unsere erste Wahl, sie verstehen wirklich was wir zu tun versuchen. Sie sind mehr eine Art Institution, als ein Platten-Label, das Label selbst hat eine sehr große Gefolgschaft & es bedeutet für uns, so etwas wie ein Teil dieser großen Familie zu sein. Ich denke, sie haben wohl einiges der ursprünglichsten & wichtigsten Musik der letzten 10 Jahre produziert, standen stets für Unabhängigkeit & die Belange des Undergrounds ein. Die Musikindustrie benötigt dringend mehr von dieser Art & der Gesinnung.

JULIET ELLIOTTGW: Okay, lasst uns über das neue Album reden. Das Album wirkt tadellos zusammengestellt, wie lange habt ihr an dem Material gearbeitet?

ROBBIE: Das Album stellt die natürlich folgende Weiterentwicklung seit unserer 'Spreading The Virus' EP dar, diese war mehr eine raffiniertere Annäherung & zügelte einiges an rohen Vorstellungen die uns berührten, diese galt es nun in ein strukturiertes Layout mit mehreren Songs unterzubringen. Unser Schreib-Prozess ist sehr experimentell, wir spielen mit Ideen & Sounds, wir behandeln Gitarren, Trommeln, Keyboards usw. als Maschinen statt als Instrumente, um damit die neuen & originellen Akkustik-Layer zu erschaffen. Wir arbeiteten neun Monate lang intensiv in unserem Studio, so ziemlich 24 Stunden am Tag & das die ganze Woche lang. Es war ein sehr extremer Prozess bei dem es emotional & körperlich einige furchtbare Momente & ein paar brake downs gab. Es wuchs uns manchmal fast ein bisschen über den Kopf.

GW: Stammt der Album-Titel tatsächlich aus einer Gedicht-Zeile von Jenny Holzer?

ROBBIE: Ja, "PANIC DRIVES HUMAN HERDS OVER CLIFFS; AN ALTERNATIVE IS TERROR-INDUCED IMMOBILIZATION". Ihre Gedichte/Schriften gehören zu den sinnvollsten & erregend provozierensten Sachen, die ich je gelesen habe. "FURCHT IST DIE ELEGANTESTE WAFFE, IHRE HÄNDE SIND NIEMALS SCHMUTZIG".

GW: Was würdet ihr den Leuten sagen, die eure Musik als zu laut & absolut strange bezeichnen?

ROBBIE: Nichts, denn es ist ihr Verlust.

ADAM LEWISGW: Warum stellt Maschinengewehrfeuer euere musikalisches Aussage dar & ein Insekt die graphische?

ROBBIE: Maschinegewehrfeuer ist nicht unser musikalisches Zeichen, dass sind viel zu schnell gesetzte & verzerrte Schläge, wir würden dies so nicht mögen. Der Moskito ist ein Virenträger, der Überbringer des positiven Virus welcher Vergangenes tötet um Platz für Neues zu schaffen. Wenn Du die ganze Natur sehen würdest, auf einen einzigen Punkt gebracht, sie in ihrer ganzen Anmut erfasst & ihre Fähigkeiten, ihre Tödlichkeit & ihren Sex vergleichst, welch ein vorzüglicheres Symbol als den Moskito könntest du finden? (Havelock Ellis, um 1920). Es ist ein kraftvolles Symbol & wir haben kraftvolle Aussagen zu verbreiten.

GW: Warum hört man sehr viel weniger Gitarren auf dem Album als auf der Bühne & warum benutzt ihr keine Bass-Gitarre?

ANTTI: Ich denke, dass es gute Sache wenn das Album & die Show unterschiedlich klingen. Wir versuchen damit dem Hörer verschiedene Wege anzubieten, auf denen er sich uns nähert. Wir benutzen keine Bass-Gitarre, weil unsere Beats & elektronischen Spielereien jene gleichen Frequenzen besetzen, wie es der Bass tun würde. Andererseits werden unsere Gitarren auf "C" herunter gestimmt, um den Mangel an Bass-Frequenzen mit Riffs auszugleichen. Aber vielleicht könnten wir zukünftig anfangen Bass zu verwenden? Wir werden sehen...

Panic DHHGW: Euer Booklet gefällt mir sehr, wer war für das Artwork verantwortlich & warum müssen wir darin auf euere Lyrics verzichten?

ANTTI: Das Booklet wurde von Lydia Gifford erstellt, sie wählte ein Gemälde von einem Künstler namens Stephan Kassner, der Rest der Bilder & die Idee der Virenstreuung sind von ihr. Ebenso die fortgesetzte Verschmutzung des Verstandes & der Gedankenbildung. Wir beschlossen, nur ein Medley aus den Lyrics abzubilden, weil wir ihre Bedeutungen nicht vorschreiben möchten. Es ist an jedem Hörer/Betrachter sich seine eigene Interpretation davon zu machen & die Lyrics für sich selbst zu vervollständigen.

GW: : "No More" ist einer meiner Lieblingssongs vom Album, es ist ein überaus frustrierter Song. Was waren die größten Frustrationen, denen ihr jemals gegenüber standet?

ROBBIE: : Die Idee für diesen Song war die Frage; müssen wir denn wirklich leiden um uns lebendig zu fühlen? Ein Gefühl für Akzeptanz, wenn wir Begleitung in unserem eigenen Elend finden, eine Gefühl der Identität.

GW: "Sterile" klingt für mich etwas nach Aggression nach innen, gegen sich selbst. Weshalb?

ROBBIE: : Isolation, Frustration, Zorn, Hass & Traurigkeit sind der persönliche & politische Kern von PANIC DRIVES HUMAN HERDS, eine ehrliche Reaktion auf unsere Gesellschaft. So ist das ganze Leben, mal gut & mal schlecht.

GW: Meint euer Instrumental "Linctus" jenes heilkräftige Sirup für die Kehle? Bewahrt diese Medizin uns etwa vor dem Virus? Weshalb wirkt sie jedoch nicht gegen den "Common enemy"...

Panic DHHROBBIE: So in etwa war es gemeint.

GW: Habt ihr euren Virus erfolgreich nach dem EP-Release verbreiten können?

ROBBIE: Der Virus ist stets weiter dabei sich zu verbreiten!

GW: Was plant ihr nach der Veröffentlichung von "Panic Drives Human Herds" als nächstes?

ANTTI: Es wird paar Remix-EP's auf Basis der Album-Tracks geben. Als erstes man wird "Reach/Simplex (Starve)" von Alec Empire, Zan Lyons & Ubu Noir bearbeitet, dazu gibt's die ursprünglichen Versionen. Als zweites wird "No More" von Error gemixt, plus noch etwas anderem Material, an dem wir im Augenblick arbeiten. Für den Januar planen wir den Start des Songwritings für einen zweiten Longplayer. Robbie & ich arbeiten zurzeit an einigen Sounds dafür. Außerdem streben wir eine Zusammenarbeit mit 'The Locust' an.

GW: Vielen Dank für eure Antworten & vielleicht noch ein paar "famous last words"?

ROBBIE: Hinterfrage alles, denk dir deinen Teil. Atme.



Ivo Klassmann für GothicWorld


Review: "Panic Drives Human Herds"
Live mit KDFDM: 06.07.2004 - Batschkapp, Frankfurt/M.

www.panicdhh.com