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Chamber "Solitude"    CHAMBER "Solitude" CD (Trisol / SoulFood)

Pre-Listening beim "L'Orchestre De Chambre Noir"


Man sagt, wenn eine Tür zugeht, geht immer auch irgendwo eine neue Tür auf. Nachdem der ASP Auftritt beim Dark Dance Treffen in Lahr unter dem traurigen Aspekt stand, dass die Ultraschall-Go-Go-Chorknaben Holger und Max zum letzten Mal mit auf der Bühne standen, überreichte uns Max das neue Chamber-Album zum Probehören. Die Tür die sich nun also am 25.10. öffnen wird, oder geschlossen (wenn man sich das Cover anschaut) gibt einen Blick auf die wunderbare (musikalische) Welt des schwarzen Kammerorchesters frei. Eine Welt, die "Alice im Wunderland" gleich daherkommt und zögernd von der Frau auf dem Frontcover betreten wird, während sie mit einem verschämten Blick über die Schulter sich vergewissert das ihr niemand folgt. Oder bedeutet die Hand auf dem Tor dann doch, dass sie wartet, ob wir ihr folgen um uns die Tür aufzuhalten? Überhaupt ist dass was uns Pit Hammann hier Artworktechnisch abliefert mehr als nur genial! Man schaue sich nur mal das Tor an, dies ist eine grafische Glanzleistung. Und das Einbauen der Chamber-Portraits in die Gesichtslose Masse der "Osterinselfiguren"! Wo die individuellen Unterschiede in den Gesichtern fast gänzlich verschwunden sind ...

Chamber

Aber wenden wir unseren Blick von diesen Vorabbildern ab, warten bis wir den kompletten Gesamteindruck gewinnen dürfen und wenden unser Ohr der Musik zu, die uns immerhin vollständig vorliegt. Was wird sich ändern, was bleibt vielleicht beim Alten?
Nach der Vorabsingle "Miles Away" wurde von Manchem schon "befürchtet" das sich Chamber immer mehr poppigeren Gefilden zuwenden werden. Nun, kurz vorweg genommen, "Solitude" ist ein Popalbum.
Aber "für mich sind auch Sachen wie Peter Murphy, die Legendary Pink Dots oder Nick Cave Popmusik, es kommt immer darauf an wie man diesen Begriff definiert", sagt Marcus Testory dazu. Sicher, denn ein Popalbum im Sinne von belangloser Hitparadenmusik oder dämlichen Fahrstuhlgedudel werden Chamber wohl nie machen.

Was auffällt ist die verstärkte Verwendung des Schlagzeugs, die dem Kammerorchester durchaus einen gefälligeren Rahmen gibt, und die manchmal ausufernden Kompositionen und vertrackten Arrangements fast zähmen und in ein disziplinierteres Gefüge "zwingen". Geblieben ist aber immer noch, der unvergleichliche sanft-traurige, melancholisch-schöne Sound, gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor. Trotzdem bietet "Solitude" dem Hörer noch etliche Klänge und Arrangements, die in dieser Form komplett neu sind. Großartige Sprünge, Überraschungen oder gar Brüche im musikalischen Gefüge wie z.B. "Little Devil" von der "Ghoststories..." gibt es aber nicht.
"Ich wollte eine Mischung aus dem ersten Album und der Ghoststories machen.", meint Max auf dieses Thema angesprochen.
So wartet "Solitude" trotz des runderen Gesamteindrucks immer noch mit allerlei Wendungen auf, die hier aber weitaus subtiler daher kommen. Oft sind es kleine vertrackte Spielereien, die in den Songs auftauchen und sich oft genug erst beim zweiten Mal Hören bemerkbar machen. So sind auch die Kritikpunkte, oder von Manchem vielleicht als störend empfundenen Elemente, nie auf ganze Stücke oder gar das gesamte Album zu beziehen, sondern tauchen, ebenso wie die Überraschungen, in vereinzelten Songs auf.

Solitude"Violets For A Dead Girl" ist so ein Werk. Eigentlich zu glatt, zu perfekt, zu gefällig, zu sehr an die "Murder Ballades" von NICK CAVE erinnernd, wartet es mit einem herrlich melancholischen Refrain und einer klagenden Violine auf der für alles Andere davor und danach entschädigt. "Diesen Text hat Tina geschrieben, ein wenig mit der Unterstützung von RIG (Janus) ,und dann zusammen mit Katharina komponiert, diese hat ihn auch arrangiert.. Das ist überhaupt ein entscheidender Faktor bei "Solitude". "Das Album ist nicht mehr nur zu 50% von Ralph und 50% von mir, oder wie damals mit Robin zusammen entstanden. Jedes Mitglied hat seinen Beitrag geleistet."
"Desire + Ruin" wurde vom "Neuem", dem Drummer Christoph Aschauer zusammen mit Natalie arrangiert, bei "Set me free" spielte er nicht nur das Schlagzeug, sondern auch das Klavier. Selbst Robin hat wieder seinen Beitrag geleistet und die Songs "Torn" und "I Hate Falling In Love" arrangiert. Der Text zu "Torn" ist übrigens von Elisabeth.


Eine fast schon zwangsläufige Konsequenz in der Entwicklung?
"Eher der Einfluss von Ralph. Der Mann ist nicht umsonst der Konzertmeister der Neuen Philharmonie Frankfurt, und einer der gefragtesten Violinisten in der Deutschen Live u. Studiolandschaft! Ralph ist es zu verdanken, dass alle mehr dazu animiert worden sind, selber Ideen und Stücke einzubringen, der die Streicher mehr in das Gesamtkonzept integriert hat, alles in allem also, dass das Album in sich geschlossener, runder wirkt ist seinem Arrangement zu verdanken. Er arbeitet ganz anders als Robin und trotzdem harmonieren die Beiden in ihren Arrangements. Das Songwriting konnte auch nur so gut funktionieren weil er mir großartige Vorlagen gab, die ich dann vollenden konnte....jetzt aber genug der Honigschmiererei!"
Insgesamt ist so also ein äußerst vielfältiges Album entstanden, das aber wie oben schon erwähnt, seine Überraschungen eher subtil ausbreitet und schon genaueres Zuhören verlangt.
Mit "Moonchild" erklingt z.B. ein fast bluesiges, rotziges Stück, dass sich im Refrain aber wieder einer melancholischen Hookline hinwendet, die den schnulzigen Charakter von "Miles Away" ebenso widerspiegelt, wie sie ihn im Zusammenspiel mit den Strophen wieder zerstört.
Nach dem Herzschlag am Anfang, und dem düsteren Strophen explodiert "Torn" förmlich in einer musikalischen Aufarbeitung der schauspielerischen Vergangenheit von Max. Hier sieht man die Kavalkaden von schottischen Reitern förmlich über die Highlands donnern.
"Sleep, Sweet Sleep" wartet mit jener typischen Irichfolk Grundstruktur auf die schon ein Ohrwurmgarant ist, während das Titelstück "Solitude" an alte Zeiten erinnernd, so herrlich sparsam arrangiert, filigran und auf das wesentliche reduziert (endlich ohne Schlagzeug!) daherkommt.
Und "Amorous"? Ein Song der noch schwülstiger, kitschiger als die Vorabsingle wirkt, gerade durch die Verwendung des weiblichen "Schalala..." Chors, der Einem dann aber doch wieder ein Grinsen aufs Gesicht zeichnet. Er vollführt die Tradition der skurrilen Songs auf Chamber Alben, ist das Kind des Half Braind Man´s und des Schneeflittchens..
Aus dem Spieluhrgleichen, fast Horrorfilmartigem Intro wird bei "I Hate Falling In Love" (Text übrigens von RIG) eine rockige Nummer in welcher der Refrain fast ausgekotzt die "Nachteile" des Verliebtseins aufführt um Ende der Erkenntnis zu weichen dass man sich doch wieder verliebt hat.

The Stolen ChildÜberhaupt beweisen Chamber in ihren Texten wieder ihren unvergleichlichen Humor. Nichts ist wie es scheint. Alles wird in Frage gestellt und Lachen und Weinen liegen dicht beieinander, ja bedingen sich. "Wasting My Day" in der sogenannten "... very relaxed" Version schließt das Album mit Meeresrauschen, Möwengekreisch und Vogelgezwitscher ab... nur dass diese Geräuschkulisse nicht nur Intro und Outro bildet, sondern die Kulisse für den gesamten Song darstellt. Und somit, ja man muss es so sagen, schon nervt.
Darauf angesprochen lacht Max. "Mit Absicht. Zuerst wollte ich diese Geräuschkulisse auch nur am Anfang und am Ende zum Ausklang haben. Dann ließ ich sie aber die ganze Zeit da drunter... gerade weil es nervt. So wie ein Tag am Meer halt nerven kann... " So wird also aus der kitschigsten Schnulze, durch den einzigartigen, hinterfotzigen Humor seiner Macher wieder ein intelligentes Stück Musik.



Fast möchte ich mich selber zitieren, aus meinem ersten Roman "Play": "Für die Liebe, den Schmerz und die Ironie welche in Beidem verborgen liegt!" Ja Freunde, Chamber ist der Soundtrack zum Leben, in dem Lieben und Leiden, eine Einheit bilden und man mit der Fähigkeit über sich selbst zu Lachen, aus der traurigsten und melancholischsten CD, eine herrlich ironische Geschichte erzeugt die das eine oder andere Lachen aufs Gesicht zaubert.

Chamber

Müßig zu erwähnen, dass die der limitierten Erstauflage beiliegende Bonus CD mit ihren 8 Coverversionen, nebst Gaststars, fast schon legendär erscheint. Das erinnert an die herrlichen Releasekonzerte...
dass Max sehr nah an NICK CAVE ist wussten wir, das er ebenso ALANIS MORRISET wie auch PATTY SMITH intonieren kann... mit dem THERAPY Song "Screamager" wissen sie ja schon seit einiger Zeit live zu begeistern... das ASP neben Anke von MILA MAR den herrlich "schwuchtligen" Chor zu "Engel" bildet, während Herr Testory noch tiefer singt als Herr Lindemann... dass man "Temple Of Love" vielleicht nicht hätte noch mal covern müssen, oder wenigstens das Schlagzeug weglassen sollen um die gleiche Energie zu erzeugen... (Immerhin war dies der große Aha-Effekt als Chamber es vor zwei Jahren zum ersten Mal spielten!)... egal!
Eine gute Coverversion zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Interpretation darstellt die aus etwas Anderem etwas Eigenes macht, nicht bloßes Nachspielen also, und somit eine Verbeugung vor dem Original darstellt. Hach... es gäbe noch so viele Stücke die von Chamber gecovert werden müssten... aber mich fragt ja keiner!

Das man Klassik mit moderner Musik kombinieren und den Eindruck erwecken kann, es wäre nie anders gedacht gewesen, hat STEPHAN EICHER schon auf "Engelberg" gezeigt, in dem er bei "I'm so lonesome I could cry" ein Thema von Johann Sebastian Bach mit einem Song der Countrylegende Hank Williams kombinierte. Chamber treiben die Vereinigung aus E- und U-Musik auf die Spitze und perfektionieren mit "Solitude" das Zusammenspiel von klassischen Strukturen, kammermusikalischen Arrangements und intelligenter Popmusik zu einem furiosen Ganzem wie es z.Z. in der Musik fast schon einzigartig ist und wohl auch noch eine Weile bleiben wird. Wie hatte ich schon nach der ersten Releaseparty geschrieben?
"Nach diesem Abend (Album) muss die Musikgeschichte neu geschrieben werden!"

Auch wenn es ein verdammt hochtrabender Satz ist...
Ich bleibe dabei!!


Thomas Sabottka für GOTHICWORLD



"Solitude" Tracklist:
01 - The Morning After
02 - Miles Away
03 - Torn
04 - Desire & Ruin
05 - I Hate Falling In Love
06 - Violets For A Dead Girl
07 - Moonchild
08 - Sleep, Sweet Sleep
09 - Amorous
10 - Set Me Free
11 - Solitude
12 - Wasting My Day (... very relaxed)

"The Stolen Child" Bonus-CD Tracklist:
01 - Temple Of Love
02 - Where The Wild Roses Grow
03 - Screamager
04 - Uninvited
05 - Engel
06 - Home
07 - Weeping Song
08 - Dancing Barefoot


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