CD-REVIEWS:

Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus    NICK CAVE & THE BADSEEDS
"Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus"
Do-CD (Mute Records)

Nick CaveDer australische Land(s)mann Klaus Höhle hat über den musikalischen Feldern wieder reichlich böse Saat gesät. Nach der vorvorjährigen Missernte "Nocturama" ist der Fruchtstand absolut OK und wird die Scheune der Begeisterung füllen.

NICK CAVE & THE BADSEEDS werfen mit ihrem neuesten Streich "Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus" ein Studio-Doppelalbum auf den Markt, dass alle Vorzüge des düstren Predigers vereint: schmerzhafte Klangkulissen, tieftraurige Texte, weiche Balladen und melancholische Weltsicht. Das Beste aus fast 25 Jahren musikalischen Schaffens hat er genau analysiert - so scheint es - und daraus eine Melange gegossen, die fein abgestimmt ist auf den Grad der Melancholie, den der Hörer will. Das erste Album "Abattoir Blues" zielt eher auf all jene, die ihren Frust noch rauslassen auf den Tanzflächen, fast durchweg schnell, aggressiv und sehr tanzbar. Das zweite Werk "The Lyre of Orpheus" für jene, die außer Tränen nichts mehr haben.

Einziger Lichtblick auf der "Nocturama" war der viertelstündige Track "Babe I´m on fire" - hier brannte wirklich die Luft. Wie ein typischer Cliffhanger beginnt die "Abattoir Blues" mit einem ebenso schnellen, gewaltigen und rasanten Stück. "Get ready for Love" ist die thematische Fortführung mit denselben Mitteln und kann als einer der furiosesten Einstiege der Musikwelt gelten. Tief und voll tönt die Cavesche Stimme und … zack, haste nich jesehn ist die Gänsehaut da. Entspannter aber keineswegs weniger vollmundig geht es bei "Cannibal´s Hymn" weiter - Passagen reinsten Klanges und virtuoser Melodieschnitzerei wechseln sich ab mit verzerrten Gitarren und schiefen Tönchen. Bei "Hiding all away" verzieht sich Nick Cave fast ins Off und überlässt weite Passagen des Gesangs einem Gospelchor. Überhaupt fällt auf, dass Nick Cave ausgiebig von der Unterstützung durch weiblichen Backgroundgesang Gebrauch macht. Anfangs passt das hier tempomäßig noch gut zusammen, letztlich kann der Gesang in der Krachwolke des ausgehenden Liedes nicht mehr mithalten - insgesamt eher eine schwächere, aber episch breite Nummer. "Messiah Ward" ist eine ganz klassische Cave-Nummer mit wohltönendem Keyboard, gestrichenem Schlagzeug und liebevollen Gitarrenarrangements. Der Song gibt etwas Raum zum Luftholen, ist insgesamt langsamer als der Rest der ersten CD.

Mein persönlicher Favorit und klar bester Titel der ersten Scheibe ist jedoch "There she goes, my beautiful world". Er ist nicht nur musikalisch der reizvollste, er hat sicher auch den anspruchsvollsten Text. Wo sonst erfährt man schon, dass Karl Marx sich beim Schreiben des Kapitals die Furunkel ausgedrückt hat. Der Titel besticht nicht nur durch das passgenaue Zuspiel zwischen Cave und dem Chor, eher ist der ganze Titel eine Gospelnummer: Praise the Lord, Praise Nick Cave. Das folgende Stück "Nature Boy" ist mir ein wenig zu luftig, Piano und Akustikgitarre samt freudvollen Frauenstimmen machen das ganze ein klein wenig zu leicht - aber ganz und gar nicht schlecht. Im titelgebenden Stück "Abattoir Blues" zeigt Meister Cave sentimental die Krallen und die hauen auf die tiefen Tasten des Klaviers. Stumpfe und gleichförmige Schlagzeugtöne machen alles bedrohlich und zaubern eine beklemmende Atmosphäre.

"Let the bells ring" fällt auf durch die extreme Dichte. Die Komposition ist klassisch, fast mit Händen greifbar. Die erste CD endet mit "Fable of the brown ape", einem kurzen Stück mit heftig wechselndem Tempo: schleichen, rennen, schleichen, rennen. Interessant instrumentiert ist es auf jedenfall und erinnert in seinen Wutausbrüchen an "Mr. Loverman" von der "Let love in". Caves Stimme barmt und verzweifelt - verdammt intensiv der Song.

Auch auf der zweiten CD gibt es Nick Cave pur, wenn auch die ruhigere Ausgabe von ihm. Während die erste CD instrumentalisch aus dem Vollen schöpft und der "Henry´s Dream" oder der erwähnten "Let love in" huldigt, folgt "The Lyre of Orpheus" eher der "Good son" oder der "No more shall we part". Der titelgebende Song eröffnet den zweiten, ruhigeren Reigen. Es ist eine Ballade, die sich am bekannten Orpheus-Mythos orientiert, jedoch nur einige Versatzstücke aufgreift. In eher schleifendem Tempo gehalten schrammeln die Gitarren noch etwas. Das legt sich ab dem folgenden Song dann endgültig. "Breathless" ist einer der schönsten Songs des ganzen Werks: Verqueres Flötenspiel, rhythmisch gespielte Akustikgitarre und irgendwie sehr liedhaft. Das ist Lagerfeuerromantik vom Feinsten und lädt zum Mitschunkeln ein. "Babe, you turn me on" ist eine langsame Pianonummer, die ab und an sanfte und sehr leise Unterstützung von einer Gitarre erhält und so auf die Tränendrüse geht, dass sie jedem Mädchenfilm zum Soundtrack gereicht. Und wenn dann noch die Hammondorgel aufjault… zum Heulen schön!!!

Der Höhepunkt der zweiten Scheibe - und wohl das beste Stück des ganzen Werkes - ist das schleppende und schleifende "Easy money". Getragen von einer gleitenden Gitarre, Nick Cave vereint mit dem Chor und einem Piano, das Takt für Takt das Herz weicher macht. Leider, leider bricht der folgende Titel mit der Geschlossenheit des zweiten Teils und bietet noch einmal die härtere Gangart der CD 1. "Supernaturally" konzentriert sich wieder auf E-Gitarren und laute Töne. Das ist fast Schade, da es im Anschluss verträumt und traurig leise weitergeht. "Spell" ist eine sehr elegante Nummer, ein Hauch von Swing, wenn auch in Zeitlupe. Sehnsucht und Schmerz werden hier musikalisch von einer Violine getragen - Geige zu sagen, wäre hier zu prollig und obszön. Das Klavier wabert wellenförmig mit und das ganze lässt sich bildlich am ehesten vergleichen mit einem See, um Mitternacht vom Mond beschienen und ein kleiner Kiesel produziert immer weitere Kreise in der Nacht, ins Nirgendwo.

Nick CaveZum Ende hin bietet "The Lyre of Orpheus" nochmals zwei Stücke mit starkem weiblichen Einfluss. Ist "Carry me" noch von Violinen bestimmt und der Wechsel von Cave und dem Chor im Refrain ein schöner dramaturgischer Einfall, so dominieren bei letzten Titel "O Children" die weiblichen Gesangsparts sosehr, dass es etwas nervig wirkt.
Dann ist Schluss und man bleibt betäubt zurück. Die Saat ist aufgegangen, ein großer, wenn auch nicht der beste Wurf des wahren Fürsten der Finsternis. Beim Erntedankfest werde ich einen extra Apfel für die Bad Seeds auf den Altar legen. Schließlich ist es wohl ihnen zu danken, dass man - musikalisch gesehen - Blixa Bargeld nicht vermisst.


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Tracks:
Disc 1 (Abattoir Blues)
01.Get Ready For Love
02.Cannibal's Hymn
03.Hiding All Away
04.Messiah Ward
05.There She Goes, My Beautiful World
06.Nature Boy
07.Abattoir Blues
08.Let The Bells Ring
09.Fable Of The Brown Ape

Disc 2 (The Lyre of Orpheus)
01.The Lyre Of Orpheus
02.Breathless
03.Babe, You Turn Me On
04.Easy Money
05.Supernaturally
06.Spell
07.Carry Me
08.O Children


www.nickcaveandthebadseeds.com