CD-REVIEWS:

Music for the lost    SNAKESKIN "Music for the lost"
CD (Hall Of Sermon)

Tilo WolffEin kleiner Aufschrei ging durch einen Teil der Lacrimosa Fans als Anfang Oktober bestätigt wurde, daß hinter SNAKESKIN Lacrimosa-Mastermind Tilo Wolff steckt. "Verrat an den eigenen Ideen!" und ähnliches war zu hören, und dabei hatten die meisten außer ein paar Samples noch nichts gehört. Außerdem erkärte Tilo, daß SNAKESKIN keinesfalls der Nachfolger von Lacrimosa ist, sondern "nur" ein weiteres Projekt, und daß es mit Lacrimosa weitergehen wird (das neue Album ist für Mai 2005 angekündigt).

Zugegeben, auch ich war etwas skeptisch. "Melissa" und "I am the dark" waren fleißig auf Festivals und an DJs verteilt worden (jedoch nicht als kaufbare Version erschienen) und nun erscheint mit "Music for the lost" das erste Album. Wozu braucht Tilo ein Soloprojekt? fragte ich mich, wozu braucht er ein weiteres Betätigungsfeld, welche Ideen können nicht im Rahmen von Lacrimosa umgesetzt werden? Schließlich gibt es in der Geschichte von Lacrimosa einige überraschende (Stil-)Änderungen. Und warum diese Heimlichtuerei?

"Music for the lost" trägt musikalisch eindeutig die Handschrift von Tilo Wolff, doch merkt man auch schnell, daß das dahinter stehende Konzept ein völlig anderes ist. Lacrimosa ist, trotz seiner fast schon poetischen Texte, sehr direkt und musikalisch elegant und trotz seiner Härten immer sehr von Melodien und Harmonien beherrscht - eine, wenn man so will, "klassische" künstlerische Umsetzung. SNAKESKIN ist nun das genaue Gegenteil. Es ist nicht Musik für die Verlorenen, sondern auch Musik von einem Verlorenen (wobei man nicht den Fehler machen darf SNAKESKIN mit der Privatperson Tilo Wolff gleichzusetzen). Hier brodelt es nicht unter der Oberfläche, die Musik ist ein ausbrechender Vulkan - hier spricht jemand nicht von seinem Schmerzen, wie beobachten jemanden, dessen Gefühle musikalisch ausbrechen und der seine Gedanken ungefiltert herausschleudert. Wir sehen jemanden, der sich hinter seiner Musik versteckt, die Texte sind nahezu unverständlich, nur Satzfetzen sind verständlich.

Es ist ein interessantes Konzept - wenn man sich verstecken will, warum geht man dann an die Öffentlichkeit? Warum zeigt man sich auf den (übrigens ziemlich, man verzeihe mir den Ausdruck, coolen) Photos, versteckt sich aber hinter einer Sonnenbrille? Warum läßt man erst die Szene im Unklaren über seine Identität, offenbart sich aber dann?

Nun, es gibt zwei Arten von Selbstmördern. Die einen bringen sich einfach um, die anderen erzählen nur, daß sie sich umbringen wollen - sie wollen sich aber nicht wirklich umbringen, sie schreien um Hilfe. Entsprechend dieser Analogie gehört SNAKESKIN eindeutig zur zweiten Kategorie.

"Music for the lost" ist deshalb ein Album voller Widersprüche. So unverständlich die gesungenen (?) Texte sind, so eindeutig und simpel sind oft die Songtitel ("I am the dark", "Symphony of pain", "Waking a lie"), die auch aus eindeutigen Wortspielen bestehen ("Fourious stars", "Longonelost"). Das Coverbild ist fast schon aufdringlich symbolisch, und doch wendet sich die entblößte Frau von uns ab, um Lacrimosa zu zitieren "Sie wagt es nicht mich anzusehen". Für das Artwork ist übrigens Ingo Römling, der mich zuletzt mit seiner Arbeit u.a. für UMBRA ET IMAGO, ASP, IN STRICT CONFIDENCE und L'AME IMMORTELLE begeisterte, verantwortlich.

Gebührend beginnt das Album mit "I am the dark", einem nicht nur musikalisch sehr vielseitigen und abwechslungsreichen Stück. Ähnlich wie schon bei manchen Songs von Lacrimosa lassen sich die SNAKESKIN Songs keiner genauen Richtung zuordnen, unterschwellig sind fast immer klassische Elemente eingebettet, umrankt von elektronischen Klängen und eine Vielzahl weiterer Einflüsse. "Fourius stars" ist ein sehr atmosphärisches, größtenteils ruhiges Stück, so wie fast alle Songs eher eine Atmosphäre kreieren als eine (erkennbare) Geschichte erzählen. Es ist vermutlich das einzige Stück, das man ohne weiteres auch auf einem Lacrimosa Album finden könnte, da hier die klassischen Arrangements überwiegen. (Anspieltip!)

"Melissa" kommt sehr dynamisch und rhythmusorient daher, sehr tanzbar, und dennoch abwechslungsreich, auch wenn der Text hier auf das äußerste beschränkt wurde. Daher vermutlich der am eheste "massenkomptible" Song. "Waking a Lie" wirkt trotz seines sich in Varianten immer wiederholenden Themas verspielt, der mit Abstands am wenigsten "düstere" Song des Albums.

"Longonelost" erinnert an die Anfänge Lacrimosas und ist doch völlig anders, stark melodieorient und ohne stringend ohne Stilbrüche, fast wie ein Filmsoundtrack. Völlig ohne Gesang und völlig anders als die restlichen Songs des Albums - Ein Sonnenstrahl in der Dunkelheit der Schlange? Ab hier ändert sich die Stimmung des Albums, es wird weniger düster und manchmal fast ausgelassen verspielt. "Panicky joy" - Ich dachte erst, ist das der Anfang von "Flamme im Wind" von Lacrimosa? Ist es nicht, dennoch von der Stimmung ähnlich wie "Longonelost", überwiegend ruhig mit einem eingängigen Rhythmus.

"Cinderella" - Die zweite Frau, bei uns auch als Aschenputtel bekannt. Aber ob uns das weiterhilft? (Vermutlich wenig) Eine interessante Weiterführung des sanfteren Stils der letzten beiden Songs geparrt markanten elektronischen Einflüssen, die ständig mit der Melodie um die Dominanz kämpfen, eine spannende Mischung. (Anspieltip!) "Symphony of pain" - Endlich kann ich einmal den Lieblingssatz aller Musikkritiker benutzen - Der Name ist Programm! Klassisch begleitet (sogar mit chorähnlichen Einlagen), agressiv, fordernd, sich steigernd in der Intensität, allerdings etwas eintönig.

"Come as you are" - eine fast schon sirenenartige Einladung, trügerisch ruhig und einnehmend. "Recall" - Gewaltiger, einnehmender Abschluß des Albums, sehr stimmungsvoll und ganz anders als der Anfang des Albums - aber auf diesem Album ist kein Song wie der andere. (Anspieltip!)

Desweiteren befinden sich auf dem Album drei Bonustracks, Coverversionen von "Melissa" (Kiew) und "I am the dark", (Combichrist) und den "Melissa" Club Mix und wie schon bei Lacrimosa sind die Coverversionen nicht wirklich hörenswert (man denke an den grausamen Zeromancer Remix von "Durch und Nacht Flut"), hierbei hat Tilo schon immer einen sehr seltsamen Geschmack gehabt (trotz gelegentlicher Highlights wie der "Komet" Remix von Secret Discovery).

Interessanterweise ist die Musik von SNAKESKIN einfacher zu "konsumieren" als die Musik von Lacrimosa - vielleicht gerade weil sie nicht so direkt ist. Doch wirklich zu einem einem durchdringen und einen zu berühren, das schafft sie nur, wenn man in einer ganz bestimmten Stimmung ist - und der Winter naht mit seinem nahezu alles zudeckenden Schnee, die dunkle Jahreszeit der Kälte, die nicht nur den Körper frieren läßt... deshalb dürfte das Album nur für eine sehr spezielle Zielgruppe interessant sein, einer Tatsache, der sich Tilo bewußt sein wird - denn das Motto von SNAKESKIN ist "Willst Du zur Quelle gelangen, musst Du gegen den Strom schwimmen!"

Somit wirklich Musik von und für die Verlorenen, interessant, abwechslungsreich und in der Tat außergewöhnlich.


JACK für GOTHICWORLD


Tracklist:
01 - I am the dark
02 - Fourious stars
03 - Melissa
04 - Waking a lie
05 - Longonelost
06 - Panicky joy
07 - Cinderella
08 - Symphony of pain
09 - Come as You are
10 - Recall

Bonus Tracks:
11 - Cinderella [ Club mix ]
12 - Melissa [ Remix by KIEW ]
13 - I am the dark [ Electronoir mix by COMBICHRIST ]


www.snakeskin.ch