CD-REVIEWS:

Alarm Agents    DEATH IN JUNE & BOYD RICE
"Alarm Agents"
CD (New European Records / NER)

Take a tip from Mr. Intolerance: DouglasP. und Boyd Rice bündeln erneut ihre Stärken und legen ein gewichtiges Album vor.

Kontinuität und Wandel - zwei Eigenschaften, die DEATH IN JUNE-Mastermind Douglas P. und sein NON-Kumpel Boyd Rice an den Tag legen und in ihrer erneuten Kollaboration "Alarm Agents" (nach SCORPION WIND und gelegentlichen gegenseitigen Gastauftritten) auf die professionelle Spitze treiben. Der eine, Douglas Pearce, brachte Ende der 70er die linksradikale Punkband CRISIS auf die Beine, formte Anfang der 80er aus den Überresten DEATH IN JUNE. Anfangs beschränkt auf ein minimalistisches musikalisches Gerüst mit vielen Samples, Anleihen bei JOY DIVISION, militärischen Trommeln und Akustikgitarren wurde daraus später die beinah klassische Form des Neofolk. Aus seinem Umfeld traten hervor: Tony Wakeford (SOL INVICTUS) und Ian Read (FIRE&ICE). P. betrachtete DEATH IN JUNE zunehmend als Soloprojekt und holte sich für Aufnahmen und Gigs diverse Gastmusiker heran. In den letzten Jahren fanden wieder mehr Samples und Geräusche Zugang auf die Werke von DEATH IN JUNE.

Der andere, BOYD RICE, ist einer der Begründer des Industrial, und seine Band NON beeinflusste Generationen von Bands. Der ausgewiesene Misanthrop beherrscht jedoch auch die ruhigen Töne und vereinte beides auf dem Werk "Music, Martinis and Misanthropy", einem Höhepunkt neuerer Musikgeschichte.

Pearce und Rice haben sich nun erneut zusammengetan und mit "Alarm Agents" ein Werk vorgelegt, das in einem Atemzug zu nennen ist mit früheren Alben wie "But what ends when symbols shatter" und "Heaven sent". Das ist Kontinuität. In Gänze betrachtet ist es zweigeteilt und trägt neuen Einflüssen Rechnung, wie schon das letzte reguläre DI6 Album "All pigs must die". Auf "Alarm Agents" lässt die charismatische Stimme von Douglas P. allerdings der noch charismatischeren Vocalartistik von Boyd Rice den Vortritt und Meister P. beschränkt sich auf den Background.

Eröffnet wird das Album vom bedrohlichen Ticken eines Weckers, der ungemein bösen Stimme von Boyd Rice, der erzählt, wer ihn nicht schon alles jagte und bis jetzt nicht fangen konnte, und einem lauten, klassischem Weckerklingeln. Bereits mit der zweiten Nummer fühlt man sich in vertrauter Umgebung. So besingt "Black sun rising" die Kraft des inneren Himmelssterns, wie schon so oft, und die geschlagene Akustikgitarre zaubert die verehrten Harmonien. Auf Trommeln wird - wie übrigens durchgängig - verzichtet, zu Gunsten von Flötentönen und dem bekannten Bling-Bling dieses Instruments mit den hängenden, verschieden langen Metallstäbchen (wie heißt das bloß?????). Bei "You love the sun" wird ein weiteres Merkmal deutlich: In der Kürze liegt die Würze. Eine ganze Reihe der Titel beschränkt sich auf eine Laufzeit von 20 Sekunden bis eine Minute. Anders wären 18 Titel bei knapp über 50 Minuten auch gar nicht zu schaffen. Bis zum achten Titel verharrt "Alarm Agents" im relativen Gleichmaß klassischen Neofolks. Hervorzuheben sind sicherlich "Storm on the Sea" und "Summer is gone" - zwei jeweils längere, wundervoll ruhige Titel getragen von der warmen Stimme Boyd Rice´.

Der erste Bruch vollzieht sich mit "Deeper than love", hier brechen sich das erste Mal die Ambientflächen Bahn, die auch schon den zweiten Teil der "All pigs must die" prägten. Allerdings klingen sie ausgefeilter und insgesamt professioneller. "Are you out there?" wird dominiert von dunklem Brummen, der Zusatz Dornier17-Mix verweist auf einen Schnellbomber der faschistischen Wehrmacht. Es bleibt auf der gesamten CD bei diesem einen Hinweis auf die zuweilen krude Gedankenwelt von DEATH IN JUNE.

Der nächste "Stilbruch" erwartet einen bei "Get used to say no!" Die Musik unterliegt eindeutig arabischen Einflüssen, verwoben mit leisem Sprechgesang und flirrenden Samples. Es bleibt beim Experiment dieser Art und geht dann gewohnt weiter. Mit "Symbols in soul" befinden sich DI6 wieder im gewohnten Fahrwasser und "An ancient tale ist old again" beendet eigentlich dieses wunderschöne Hörerlebnis.

Eigentlich! Denn es folgen noch drei Stücke, die allesamt seltsam bis seltsam kurios sind. Da ist "The man who laughs", eine fast vierminütige Nummer in der nichts passiert, außer, dass jemand lacht. Dieses Lachen, in Loops nach und übereinander abgespielt, schraubt sich hoch zu einem fast richtigen Titel. Nach einem winzigen Zwischenspiel von wenigen Sekunden beschließt eine kurze Ansprache von Boyd Rice die CD. "Boyd´s Gift" an uns - gleichsam das beste Ambiente diese CD zu genießen: "Sipping Cocktails, reading Schopenhauer!" Kurz: DEATH IN JUNE sind zurück und so gut, wie in ihren besten Zeiten.

PS: Worte, die gesagt werden müssen: Diese Review bezieht sich auf die Musik von DEATH IN JUNE - jede Betrachtung oder Bewertung der politischen Meinung der Musiker ist bewusst ausgeblendet. Wer das braucht, dem sei das Buch "Ästhetische Mobilmachung - Darkwave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien" empfohlen.


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Tracks:
01.Untouchable
02.Black sun rising
03.You love the sun
04.Tears of the hunted
05.You love the sun don't you?
06.Storm on the sea (out beyond land)
07.You love the sun and the moon
08.Summer is gone
09.Deeper than love
10.An ancient tale is told
11.Are you out there? (Dornier 17 mix)
12.Sunwheels of your mind
13.Get used to saying no!
14.Symbols in souls
15.An ancient tale is told again
16.The man who laughs
17.We're all a little afraid
18.Boyd's gift


www.deathinjune.net