interview:
DIARY OF DREAMS "Kritzelarbeit im Kollektiv"
Grenzenlose Zufriedenheit empfängt mich, als ich
zur Listening-Session von Diary of Dreams-Mastermind Adrian Hates und seinem
musikalsch kongenialen Counterpart Gaun:A empfangen werde. Zwei Jahre harte
Arbeit an Nigredo liegen hinter Diary of Dreams, wobei zum ersten
Mal in der langjährigen Geschichte die Band und nicht Adrian Hates im
Mittelpunkt steht. Nigredo ist das Produkt einer Band, und wer sich
intensiv mit Nigredo auseinandersetzt wird feststellen, dass viele
kleine musikalischen Details und Veränderungen vor allem das Produkt eines
künstlerischen Kollektivs sind, und nicht eines Einzelnen. So ist es nicht
nur Adrian Hates, der mir in seinen heiligen Studiohallen Einblick in das neue
Album gewährt, sondern auch Gitarrist Gaun:A ist anwesend und
unterstreicht die Gemeinsamkeit dieses Projektes, die neben der Musikvor allem
auch die umfangreichen Arbeiten am Artwork, angefangen bei den Fotosessions,
für die man extra nach Island flog, bis hin zur handschriftlichen
Erstellung der Texte reicht.
GW:
Zwei Jahre haben Diary of Dreams an Nigredo gearbeitet,
und zum ersten Mal auf einer konzeptionellen, fiktiven Ebene, wo diverse
Fragmente aus unterschiedlichen Mythologien aufgegriffen und zu einem Konzept
verarbeitet wurden. Welche Geschichte liegt Nigredo denn nun
zugrunde? Adrian: >> Im ganz
groben gesagt, geht es um eine Persönlichkeit namens Ktharsia, die
sich auf die Suche begibt, weil ihn etwas dazu verleitet. Wir folgen in dieser
Mythologie seinen Pfaden und den fünf Personen, denen er begegnet. Die
Logos dieser Persönlichkeiten, Merlanor, Thalamea, Tzerjanok, Luresia und
Ktharsia findest du auch im Booklet wieder. In einem
Sprachmischverhältnis von Deutsch und Englisch lernst du auf sehr
interessante und sehr verworrene Art und Weise etwas über diese Charaktere
und die Geschichte kennen. <<
GW: Dies ist das erste Mal, dass Diary of Dreams
so ausgesprochen konzeptionell gearbeitet haben. In der Vergangenheit hatten
die Alben zumeist einen roten Faden, der sie zusammengehalten hat. Adrian: >> Das stimmt. Das habe ich bisher
nicht gemacht, aber das Schöne ist, dass das Konzept, die Visualität
und die Musik parallel zueinander entstanden. Das heisst, setzt du dich vorher
hin und steckst einen Rahmen ab, in dem du dich bewegen möchtest, bist du
eingeengt vom Tag 1 an. Wir haben im Gegensatz dazu den Rahmen erfunden,
während wir gearbeitet haben. Das muss du dir so vorstellen: der Rahmen
war irgendwie so ein Puzzlejob und während du dich dem Ziel immer mehr
genähert hast, wurde der Rahmen immer präziser. Erst, als alles
fertig war, war auch der Rahmen fertig. Wir hatten also zu keiner Zeit das
Gefühl, nicht frei und kreativ nach unsere Wünschen und Vorstellungen
arbeiten zu können. Wir haben nie das Gefühl gehabt, von den
Vorgaben, die wir uns selbst gemacht haben, gebremst oder blockiert zu sein.
Wir haben uns Ideen gesetzt und diese ausgearbeitet, und das simultan. Das war
wirklich spannend und extrem schön. Das ist nun auch eine Geschichte, die
du die nächsten zehn Jahre noch weiter spinnen könntest. Sie hat
keinen präzisen Anfang, aber auch kein präzises Ende. Du
könntest sie vorwärts weiterspinnen, aber auch rückwärts.
<<
Gaun:A: >> Wenn man
sich ein bisschen damit auseinandersetzt könnte man auch durchaus
Parallelen zu älteren Texten ziehen. <<
GW: Wenn du sagst, ihr habt die Geschichte erst
während des Schreibens erfunden und könntet die Geschichte sowohl
vor- als auch rückdatieren, stellt Nigredo also eine Art
Momentaufnahme dar? Adrian: >>
Ja, wobei die Momentaufnahme schon einen Zeitraum von etlichen Jahren,
Jahrzehnten oder Jahrhunderten abdecken kann. Wir haben uns gesagt, dass wir
einen bestimmten Zeitrahmen X abdecken wollen, den wir sonst auch
nicht näher bestimmen wollen. Jeder soll sich selbst überlegen, wo
der spielen könnte. Hierzu muss man ergänzen, dass wir aus eigenen
Recherchen und verschiedenen Quellen erst einmal Ursprungstexte gesammelt
haben. Gewisse Ansätze dieser Mythologie gibt es also. Es gibt gewisse
Ideen, Ursprünge und Inspirationen, deren wir uns bemächtigt haben,
die so, wie wir damit gearbeitet haben, aber auch nicht zu finden sind. Man
könnte jetzt also nicht irgendwas eingeben und hätte sofort irgendwo
diese Geschichte gefunden. Das sind Kleinstfragmente, die wir wie ein Puzzle
zusammengesetzt haben. <<
GW:
Welcher Mythologien habt ihr euch denn bedient? Das Motiv des
Suchenden, desjenigen, der in die Welt zieht um Weisheit und Erleuchtung zu
finden, findet man ja in vielen Mythologien und Religionen wieder. Adrian: >> Wir haben uns weder des
Christentums, noch irgendwelcher anderer Religionen oder der griechischen oder
malaysischen Mythologie bedient. Keine gängigen Mythologien sind hier
vertreten. Es war uns ganz wichtig etwas vollkommen Neuartiges vorzustellen, wo
man nicht ständig diesen Ach ja-Effekt hat. Alles, was du hier
liest, sollte neu sein. Nicht neu im Sinne von Erfunden, sondern im
Sinne von vom Durchschnittsmenschen vorher noch nie so
geesehen. So, wie es für uns auch war. Die Elemente, die wir finden
konnten, die mysteriösen Fragmente zusammengetragen, unser Input, unsere
Ideen, daraus haben wir eine riesengrosse und bunte Collage gemacht und alles
sinnvoll zusammengefügt. <<
GW:
Warum aber die ganz bewusste Entscheidung, dieses Mal auf rein
konzeptioneller Basis zu arbeiten, beinhaltet solch eine Arbeitsweise doch auch
ein beträchtliches Risiko, sich in dem Konzept zu verlieren. Hinzu kommt,
dass die gängige Songwriting-Formel ja auch jahrelang bestens funktioniert
hat und man solch ein Erfolgsrezept nicht so einfach über Bord schmeisst.
Adrian: >> Ich glaube, der
Anstoss war einfach so ein schleichender, ein fliessender Prozess. Das war eine
Kettenreaktion. Du fängst mit einem Baustein an, und das löst den
nächsten Reaktionsstein aus. Und irgendwann merkst du dann, dass du im
Begriff bist, was ganz Grosses aufzubauen. Das bremst nicht, sondern motiviert,
und dann gehts erst richtig los. So haben wir uns um Personen, Schriften,
Namen und um ganz viel Drumherum gekümmert, und das hat sich seit
Panik Manifesto in den letzten beiden Jahren so entwickelt. Im
Grunde hat uns das letzte Stück auf Panik Manifesto schon
gezeigt, dass da jetzt was anderes kommt, ein Wandel. Dieser Wandel hat dann
mehr in unseren Köpfen, in unserer Arbeitsweise, in unseren Strukturen und
unserem Empfinden für Musik stattgefunden, als jetzt drastische Wechsel zu
machen. Musikalisch sind wir etwas verändert, wo wir uns mit unheimlich
wohl fühlen. Nach Freak Perfume und Panik
Manifesto habe ich massgeblich erstmal zurückgeblickt, wo Gauna dann
auch zum ersten Mal so richtig mit ins Spiel kam, und habe analysisert, was ich
gerne anders machen möchte, ohne das Vergangene zu verurteilen oder
negativ belasten zu wollen. Ich will mich ja nicht wiederholen, ich will was
neues machen. <<
GW: Du hast in der Vergangenheit ja häufig
über persönliche Erlebnisse geschrieben, deren wirkliche Bedeutung
dir erst sehr viel später bewusst geworden ist. Adrian: >> Ja, aber das geht hier auch mit
rein. Persönlichkeit ist hier auch wahnsinnig stark mit vertreten und man
identifiziert sich auch mit gewissen Persönlichkeiten und
Charakterzügen. <<
GW:
Dennoch ist die Perspektive, die Perspektive Ktharsias, aus
der dieses Album geschrieben ist, natürlich eine ganz andere als bei
deinen früheren Alben. Adrian:
>> Da hast du recht. Es ist passiver, aber nichtsdetotrotz kann man es
aktiv interpretieren. <<
Gaun:A:
>> Ich sag es jetzt mal ganz platt: es ist keine
hundertachtzig Gradwendung. Es ist eine konsequente Weiterführung, bezogen
auf das Artwork, die Musik und des ganzen Drumherum
<<
Adrian: >> Vor allem eine
konsequente Weiterführung. Es macht Sinn. Wenn man zurückblickt, wenn
man sich das im Kontext ansieht, dann ist das ganz klar verfolgbar. One
Of 18 Angels war eine sehr düstere, eine sehr schwarze und sehr
heftige Platte. Was mir da noch fehlte, war das technische Ausmaß, das
wir jetzt haben. Die Zeit, den Luxus, den wir uns jetzt nehmen
konnten, indem wir gesagt haben wir lassen uns jetzt zwei Jahre
Zeit. Die brauchte das Album, und die hat es auch gekriegt. Das haben wir
gemacht, auch wenn die Schreie, die nach einem neuen Album verlangt haben, uns
fast taub gemacht haben. Wir haben uns jedoch gesagt, dass wir das Ding zu
einhundert Prozent durchziehen und erst, wenn das wirklich fertig ist,
gehts weiter. Das erste, was bei dieser Platte fertig war, war die Musik.
Das gabs noch nie. <<
Gaun:A:
>> Das hat auch genau wirklich das bestätigt, was wir
uns vorgestellt haben. Wir haben uns vor ungefähr zwei Jahren hingesetzt
und überlegt, wie es sein könnte oder was wir gerne hätten. Wir
haben uns jetzt aber nicht hingesetzt und krampfhaft versucht, die Musik in
diese Richtung zu drängen. Zwei Jahre später hört man sich das
komplette Album dann an und überlegt, was man vor zwei Jahren gesagt hat,
und das stimmt hier komplett überein. Das ist genau das, was man
eigentlich wollte. <<
Adrian:
>> Und du sitzt hier und hast die Platte bis auf einen Track
fertig, aber irgend etwas stört dich daran, doch du weisst einfach nicht
was. Du denkst darüber nach, du diskutierst, und du weißt genau,
irgendwas fehlt da; das Stück ist nicht fertig. Und dann machst du
Dreck rein, Noises, Geräusche, entstellst das Ganze, so wie
wir auch mit den Fotos gearbeitet haben. Du nimmst ein schönes Bild und
machst es kaputt, du machst das Ästhetische, den Fotoalbumcharakter
kaputt, machst den schönen, balladesken Sound kaputt und plötzlich
waren wir bei dem Bild, zu dem wir wollten. Das war das, von dem ich meine, was
Panik Manifesto hatte. Es hatte schon was derbes, was fieses, etwas
düsteres, was schweres, und das brauchte und wollte ich mehr haben.
Freak Perfume hatte noch einen Restfunken Freundlichkeit, und die
hat mich gestört. Ich wollte keine Freundlichkeit in dieser Platte haben.
Ich wollte, dass sie absolut begingungslos, kompromisslos und ganz präzise
gradlinig ist. Ohne Umschweife einfach geradeaus. Das haben wir dann noch
zusammen diskutiert, nachdem ich mir so langsam über das Bild klar wurde,
wohin ich wollte, und dann fing Gauna:As Rolle an immer grösser und
grösser zu werden. Es zeichnete sich langsam ab, in welchem Ausmaß
wir zusammenarbeiten würden. <<
GW:
Wobei das ausmaß dieser Arbeit schon überrascht, denn du
hast in den mehr als zehn Jahren, in denen Diary of Dreams existieren, noch nie
dermassen eng mit jemandem zusammengearbeitet. Adrian: >> Ja, definitiv nicht. Es gibt
zwei Dinge, wovon das bei mir abhängt: zum einen gucke ich den Leuten zu,
wenn sie arbeiten. Es gibt Leute, die machen was, das ist auch ganz gut, aber
nimm mal an, du lässt jemanden, mit dem du zusammenarbeitest, nur mal
diese Seite bekritzeln (zeigt auf eine der beschriebenen Seiten im Booklet,
Anm.d.Verf.) und nach drei Stunden bekritzeln sagst du dem gut, aber das
ist mir noch zu nett, machs nochmal. Dann kommt so eine Reaktion
wie Nee, das ist gut so, das bleibt wie es ist. Aber nein, Gaun:A
und ich können uns das zehn Mal gegenseitig sagen und dann nochmal von
vorne anfangen. <<
GW: Sich also gegenseitig vorwärts zu pushen
und in eine Stimmung zu geraten, wo es heisst: jetzt erst recht? Adrian: >> Die Stimmung ist das eine, die
Fähigkeit so eine Stimmung zu haben, das andere. Den Willen, das bis zum
Erbrechen zu betreiben, bis zum Ultimo, wo du endlich sagst jetzt ist es
so, wie wir es wirklich haben wollen und nicht zu sagen jetzt
hab ich keinen Bock mehr, das ist der springende Punkt. Es
zählt nur, ob ich hundertprozentig mit dem zufrieden bin, was ich jetzt
erreicht habe. Ist es das, was wir erreichen wollten, dann darf ich
aufhören, aber keine Sekunde früher. Und das findest du extrem
selten, Menschen, die so geistesgestört mit so etwas umgehen.
Das ist so. Ich habe mit so vielen Leuten zusammengearbeitet und dann kam immer
der Spruch ist doch schön oder ist doch gut, klingt doch
toll
wir haben Monate lang hier Tag und Nacht gesessen, wir haben
hier gewohnt und haben uns Tag und Nacht gesehen nur gearbeitet,
gearbeitet und gearbeitet, weil wir beide eine Vision von dem Ding hatten. Mit
ganz, ganz viel Arbeit und ganz, ganz viel Hingabe haben wir es auch geschafft,
diese Vision für uns beide mit hundertprozentiger Zufriedenheit
umzusetzen. Und das ist nochmal der grösste Clou. <<
GW: In wie weit hat da auch die Insolvenz deines
ehemaligen Vertriebes EFA eine Rolle gespielt? Ich könnte mir vorstellen,
dass diese unglaublich intensive Beschäftigung mit Nigredo
über solch einen langen Zeitraum auch die Möglichkeit bot, der
Realität zu entfliehen. Adrian:
>> Wir haben anfangs versucht tagsüber zu arbeiten. Ein Anruf
bezüglich der Insolvenz von EFA und ich hatte den Hass bis zum Kehlkopf
und hätte mir am liebsten eine Pumpgun gegriffen, und damit wollte ich
sicher nicht auf Gaun:A los. Dann war erstmal wieder zwei, drei Stunden Schicht
vorbei. Da war aus und da geht bei mir ein Knopf aus, und dann ist es
vorbei. Dann kanst du erstmal gucken, wie du wieder runterkommst. Da hängt
ja auch eine jahrelange Arbeit mit dran. Wir haben dann gesagt es
reicht. Hier war keine Ruhe zu finden. Es war nur Stress und Terror und
Ärger und Psycho-Scheiss und Rechtsanwälte
ich wollts
nicht mehr und ich wollte mir auch die Platte davon nicht verderben lassen. Die
einzige Konsequenz war: okay, wir machens wieder nach dem alten
System. Tagsüber bin ich im Büro, mache dann irgendwann
Feierabend und dann gehen wir an die Arbeit. Wir haben jede Nacht
durchgearbeitet, und das hat funktioniert. Ich bin dabei natürlich total
an mein Limit gekommen, denn nachdem ich wieder einigermassen die Augen
öffnen konnte, sass ich schon wieder im Büro. <<
Gaun:A: >> Das war aber auch eine Sache,
die sehr gut funktioniert hat: sich entweder zu pushen, oder sich auch mal zu
bremsen. <<
Adrian: >>
Was auch sehr gut war, dass sich unsere Müdigkeitsflashs meistens
abgewechselt haben. Entweder war Gaun:A todmüde, oder ich. Aber das sind
auch so Sachen, wo ein funktionierendes Duo einfach Gold wert ist. Aber solch
ein Duo zu finden, das funktioniert, ist wirklich schwer. Wir diskutieren jetzt
wirklich auch fast alles aus und im Endeffekt zählt das Ergebnis. Wir
beide repräsentieren dieses Ergebnis und niemand wird sich hinsetzen und
sagen das hat der Gaun:A gemacht, das gefällt mir jetzt nicht, aber
das, was der Adrian da jetzt gemacht hat gefällt mir viel besser
. Das weiss kein Mensch und das sieht auch kein Mensch. Was steht
in den Credits: All words and music written, prduced and performed by
Diary of Dreams. Das war unser konsequenter Schluss aus dem, was wir
gemacht haben, weil wir gesagt haben: das ist ein Produkt der Band. Jeder hat
auf seine Art und Weise einen Anteil daran getragen und wir brauchen keine
Namensheroen mehr. <<
GW: Das
musst du aber auch erstmal in die Köpfe der Presse und der Fans
hineinbekommen, denn bis dato war Adrian Hates Diary of Dreams, und niemand
sonst. Adrian: >> Das stört
mich, aber da steht nicht mehr Adrian Hates, sondern da steht Diary of Dreams
und darunter stehen verschiedenste Namen, die dann irgendwie in ihrer Funktion
tätig waren. Wir wollten diesen Namens- und diesen Creditkult nicht mehr.
Als junger Künstler, der ich jahrelang mal war, hat man natürlich
auch noch dieses Geltungsbedürfnis. Das ist auch ganz wichtig, denn man
muss sich auch namentlich integrieren. Man muss als Namen ein gewisses Standing
haben, als Person etwas darstellen. Dafür ist es auch ganz wichtig, dass
ein Publikum auch die Identifikation mit einem Namen hat. Für den Anfang
find ich das durchaus relevant, aber das interessiert jetzt nicht mehr.
Die Leute wissen wer wir sind, die Leute wissen, wer ich bin. Gaun:A hat sich
in den zwei Jahren ein wahnsinniges Fan-Standing bei uns aufgebaut, wie man sie
aus der Vergangenheit nur mit Torben vergleichen kann. Man merkt aber auch auf
der Bühne, dass wir beide ein Team sind. Das ist auch ganz wichtig. Ich
habe jetzt ein Team von Jungs auf der Bühne, wo ich sagen kann, dass ich
mit denen in Urlaub fahren, in die Kneipe oder ins Studio gehen würde. Mit
denen würde ich den blödesten, intimsten Quatsch machen. Es sind mehr
als Mitmusiker. Das war es in der Vergangenheit auch, wobei Torben sowieso
aussen vorsteht und er bei uns auch immer noch kein abgehaktes Thema ist, wie
man leicht beweisen kann. Bei Panik Manifesto wie auch bei
Freak Perfume war er vertreten, und auch auf dem neuen Album.
Torben ist für uns nach wie vor ein Bestandteil der Familie und wer weiss,
wie es eines Tages mal aussieht. <<
Gaun:A: >> Das, wäre sehr schön,
wenn er auch wieder mit dabei wäre. <<
Adrian: >> Was noch ganz wichtig war, dass
die Zusammenarbeit an diesem Album eine Art Musikkommune für einen
expliziten Kreis von Leuten war. Jeder wusste, dass wir hier sind und arbeiten
und jeder konnte sich nach seinen Möglichkeiten auch beteiligen. Das galt
auch für Ray-X und seine Präsenz, die ja nun auf der Bühne
erstmal nicht mehr gegeben ist. Wir arbeiten im kreativen Bereich und im
Kritzelbereich, wie auch im textlichen Bereich aber immer noch sehr
eng zusammen. Dieser Kritzelbereich ist ein eigenes Bausegment
geworden. Du kannst dir nicht vorstellen was es alleine an Zeit in Anspruch
genommen hat die Sachen zu scannen, zu fotografieren und zu mailen. <<
Gaun:A: >> Schnodder- und
Kritzelrubrik
<<
Adrian:
>> Aus dem Grund sind wir ja auch für drei Tage zum
Graphiker nach Leipzig gefahren. Nur für die Graphiken und dann erstmal
auch um das ganze Konzept zu entwickeln. Sich erstmal auszudenken, wie es denn
aussehen soll. <<
Gaun:A:
>> Das hört sich ganz schön übertrieben an, aber es hat
sich wirklich gelohnt. <<
Adrian:
>> Und wenn es nur für eine Stunde gewesen wäre, es
hätte sich gelohnt von hier bis nach Leipzig zu fahren. <<
GW: Auch hier zahlt sich
Beständigkeit anscheinend aus, denn so arbeitest du ja nicht nur mit Silke
Jochum, deiner Fotografin, schon seit Jahren zusammen, sondern auch mit deinem
Grafiker Userdx. Im Laufe solch einer langen Zeit kann man dann irgendwann
sicher schon von einem intuitivem und blinden Verhältnis zueinander
sprechen. Adrian: >> Das ist
schon bald wie Mutti und Pappi
<<
Gaun:A: >> Das mag schon sein, aber ich
denke mir gerade für so ein Thema, wo man zwei Jahre dran gesessen hat, da
genau das Richtige zu finden für jemanden, der den ganzen Musikprozess
nicht mitverfolgt hat, ist schon sehr schwierig. <<
Adrian: >> Ich erinnere mich noch an das
erste Bild, was wir zusammen für das Booklet gemacht haben. Da war uns
schon relativ klar, wohin die Reise gehen sollte. Wenn man sich diese Bilder
chronologisch anguckt, dann wird es immer mehr, es wird immer fetter, immer
kaputter, immer zerkritzelter. Dann kommen auch mal kurz Ruhephasen zur
optischen Entspannung, so dass sogar im Aufbau, in der Reihenfolge ein Konzept
sichtbar wird. Es ist schon wirklich gewaltig, was da an Gedanken drinsteckt.
Man kann wirklich sagen, dass dem Zufall hier sehr wenig überlassen wurde.
<<
GW: Gibt es demzufolge
auch eine Verbindung zwischen den Bildern und den ihnen zugeordneten Texten?
Adrian: >> Was für mich an
einem Booklet immer ganz wichtig ist, dass die Texte in der richtigen
Hörreihenfolge sind. Für mich ist wichtig, dass man mit dem Buch
mitblättern kann. Ich habs immer gehaßt, wenn man im Booklet
die Texte suchen muss. Wir haben schon geguckt, dass das chronolgisch passt,
und wir haben schon darauf geachtet, dass unsere fünf Charaktere
schön vertreten sind und der Aufbau schön harmonisch ist. <<
GW: Jedes Album, an dem du bislang
gearbeitet hast, war ein sehr anstrengender und kräftezehrender Prozess
und nicht selten hast du danach flach gelegen. Auch diesen Interviewtermin
haben wir aufgrund einer Erkrankung verschieben müssen, zumal reichlich
Streß mit dem Artwork der CD den ganzen Produktionsprozess nochmal
verlängert hat. Adrian: >>
Nach jeder Platte lag ich krank im Bett, und zwar richtig. Nach der letzten
hatte ich einen Gehörsturz und Keuchhusten, und ich bin zu meiner
Ärztin gekommen, die hat in meinen Hals geguckt und gesagt: sie sind
wieder am arbeiten. Auch bei diesem Album gibts wieder haufenweise
Stress, vor allem mit dem Presswerk, so dass das für mich schon wieder das
totale Deja vu-Erlebnis ist. Das kann sich ein CD-Käufer gar
nicht vorstellen, wenn der so eine limitierte CD Box, wie wir sie machen,
auspackt. Wenn du in ein Presswerk eine ganz normale 08/15-CD schickst, die
geht durch und zehn Tage später hast du die auf dem Tisch. Machst du was
besonderes und die können nicht mehr nach Schema F vorgehen,
kriegst du eine Katastrophe nach der anderen. Erst war nicht sicher, welche Box
wir nehmen sollen, dann war nicht sicher, wie dick das Ganze wird, dann kannst
du bei vierundsechzig Seiten das 150 g-Papier, das wir geplant hatten, nicht
mehr tackern. Abgesehen davon ist Buchbindung auch noch sensationell teuer.
<<
GW: Ihr habt mit
Nigredo also gleich zwei Babys auf einmal geboren? Adrian: >> Ich glaube nicht, dass wir das
so losgelöst voneinander betrachten. <<
Gaun:A: >> Da kommt ja auch die Frage auf,
wie man Musik verkauft oder was Musik überhaupt wert ist. Gerade jetzt in
dieser Zeit, wo man sich im Internet alle Sachen herunterladen kann. Da kann
ich nicht nur für uns, sondern für die ganze Band sprechen, dass
alles zusammengehört. Dass man hinterher etwas in den Händen
hält, von dem man sagen kann, dass es eine Einheit ist. Das darf man also
eigentlich gar nicht trennen. <<
Adrian:
>> Ich habe immer gesagt, dass, wenn der Cowboy, der den
CD-Rohling in der Hand hat, neben dem Typen steht, der die Limited Edition in
der Hand hält, dann soll der Typ mit seinem Rohling lächerlich
dagegen aussehen. Wenn das der Fall ist und du in deinem ganzen musikalischen
Auftreten einen Wert darstellst, dann glaube ich, dass du auch deine Freunde
und Fans inspirieren und auch weiterhin dazu bringen kannst, Musik zu kaufen.
Ich glaube, das haben wir auch vom ersten Tag mit Diary so gemacht, und zwar im
finanziell möglichen Rahmen. Von irgendwas mussten wir und musste auch ich
schliesslich leben. Aber wenn ich bedenke, dass wir von Tag 1 an Digipacks
hatten
Viele Leute mögen vielleicht sagen ach ja, jetzt, wo
es kurz vor der CD-Apokalypse ist, kommen die Herren auf die Idee eine
schöne Verpackung zu machen, nur das konnten wir auch erst seit
diesem Album so planen. Und dann machen wir es auch sofort. Es gibt viele Leute
im Business, die würden das auch noch nicht mal jetzt machen. Die
würden sich erstmal die Kasse voll machen. Doch wir sagen jetzt erst
recht. Das habe ich zum Beispiel auch immer schon bei Konzerten gesagt.
Wenn ich Riesenbands auf der Bühne sehen, die nur mit ein paar Scannern
auf der Bühne stehen, dann ärgere ich mich. Wenn ich dann auf ein
Pink Floyd-Konzert gehe und sehe, was mir da geboten wird, obwohl die Band es
ja überhaupt nicht mehr nötig hätte, dann sehe ich sehr wohl,
dass die das machen, weil sie Spass daran haben. Wir machen diese Verpackung
nicht, um aufgrund dieser Verpackung reich zu werden (lacht), sondern weil wir
finden, dass unsere Fans und unsere Musik uns das wert sind. Selbst unsere
Normaledition ist wertiger, als bei den meisten Leuten die Erstauflage.
<<
GW: Hast du dir schon mal
Gedanken darüber gemacht, wie lange du dich als Adrian Hates mit Diary of
Dreams noch auf die Bühne stellen und Konzerte spielen kannst, ohne an
Glaubwürdigkeit zu verlieren? Adrian:
>> Glaubwürdigkeit kommt von innen, das heisst, wenn ich
da oben auf der Bühne stehe und mir selbst nicht mehr glaube, dann gehe
ich runter. Aber so lange ich mich da oben wohl fühle, wir uns da oben
wohl fühlen, stehen wir da. Und so lange wir ernst genommen werden und wir
das Gefühl haben, dass Menschen uns sehen wollen. <<
Gaun:A: >> Ich glaube, das sieht man auch
anderen Leuten an. So was sieht vielleicht nicht jeder, aber wenn man sich ein
bisschen damit auseinandersetzt und auf ein Konzert geht, wo eine Band auf der
Bühne steht, bei der man merkt, dass die das aus Überzeugung macht,
dann nimmt man das schon wahr. Das hat meiner Meinung nach nichts damit zu tun,
wie lange es diese Band schon gibt. <<
Adrian: >> Wir halten uns jetzt seit zehn
Jahren kontinuierlich und alle ein bis zwei Jahre gibt es ein neues Album,
wobei es von den ersten sieben Alben keine Auskopplungen gab. Wir haben unsere
klare Linie und bei der bleiben wir auch. Wir haben in den letzten Jahren an
Glaubwürdigkeit sicher nicht eingebüsst, sondern eher dazugewonnen.
Wir haben live auch nie daran gespart uns zu verändern oder aufwendiger zu
gestalten. Sei es bei der letzten Tour mit den Videos, sei es auf der Tour
davor mit besonderer Lichttechnik
wir haben unsere Mitstreiter für
die Tourneen auch immer sehr sorgfältig ausgesucht. Wenn wirklich der Tag
kommt, dass es sich nicht mehr lohnt auf der Bühne zu stehen, weil uns
keiner mehr sehen will oder wir uns selbst einfach nicht mehr wohl fühlen
und unsere Musik sich vielleicht auch nicht verkauft, dann haben wir halt die
längste Zeit unsere Lebens diese Art von Musik für diese Art von
Leuten gemacht und machen diese Art von Musik für uns alleine weiter
(lacht). <<
Gaun:A: >>
Das ist genau der Satz, auf den ich gewartet hab
<<
Adrian: >> Wenn du dein
Leben nur leben kannst, wenn du dreimal die Woche eine Sitzung beim Psychologen
hast, dann hörst du ja auch nicht mehr auf zum Psychologen zu gehen
(lacht). Wir brauchen das einfach. Wenn ich vier Wochen keine Musik gemacht
habe, habe ich das Gefühl, dass ich am Rad drehe. Ich brauche das, und
Gaun:A braucht das genauso. In diesem Punkt sind wir uns unheimlich
ähnlich. <<
GW: Habt ihr
euch im Vorfeld der Veröffentlichung von Nigredo Gedanken
über die Reaktionen seitens der Presse und euren fans gemacht? Es klang ja
mal durch, dass ihr schon die eine oder andere Befürchtung gehegt habt,
wiewohl man sagen muss, dass die Reaktionen bislang ja wohl
überwältigend ausgefallen sind. Adrian:
>> Wenn du zwei Jahre an so einer Platte arbeitest, verlierst
du einfach den Bodenkontakt und den Überblick. Was ich damit meine ist,
dass du nach zwei Jahren einfach nicht mehr einschätzen kannst, wo du
jetzt gerade in deiner Entwicklung bist. Wie weit bist du von etwas weg
gegangen, oder wie nah bist du an irgendetwas dran geblieben, was Erwartungen,
den Stil und so etwas angeht. Retrospektiv ist man immer schlauer. Wir haben
eine Platte gemacht, wie wir sie machen wollten, und es macht uns unglaublich
glücklich, dass die Reaktionen bis jetzt so unglaublich positiv sind. Weil
man uns wirklich sagt traumhaft, dass unsere Vorstellungen für die
Zukunft von Diary of Dreams sich mit dem decken, was Fans, Freunde, Presse und
DJs von uns erwarten. Giftraum war acht Wochen in den Top 10
der DAC-, bzw. den Top 5 der DAC-Charts. Da hätten wir im Leben nicht
mitgerechnet. Ich hatte Angst, dass es überhaupt nicht reinkommt, weil es
schon sperrig ist. Es passt in den Workflow eines Standard 08/15-Clubs nicht
rein. Das ist aber dennoch genau das, was wir uns gesagt haben: lieber in
der Masse auffallen, als in der Masse untergehen. Wenn du dann in der
Masse dafür entsprechend selten gespielt wirst ist es trotzdem noch
effektiver und schöner für uns. <<
GW: Die Pläne für die Zusammenarbeit
mit einem Orchester liegen immer noch in der Schublade, aber ich denke, vieles
von diesen Ideen, die ein Orchester klangtechnisch bietet, sind mit in das
Album eingeflossen. Adrian: >>
Das haben wir auch betont so machen wollen. Ich wollte keine typischen Standard
Synthesounds. Ich wollte keine Sounds haben, wo man das Gefühl, dass man
die schon bei vierzig anderen Stücken in der Szene in den letzten Monaten
gehört hat. <<
Gaun:A:
>> An den Sounds haben wir ohne Ende gebastelt. Wir haben hier wirklich
Tage und Nächte gesessen und Sounds durchgeskipt, und wenn wir dann einen
schönen gefunden haben, haben wir den dann auch weiter verarbeitet.
<<
Adrian: >> Wenn
Gaun:A jetzt von Sounds redet, dann redet er nicht von Pre-Sets, sondern von
Samples. Die Zusammenstellung unseres Drumkits war für jedes Stück
eine Odyssee. Das ist alles zusammengebastelt, zusammengeschnitten und
zusammengebaut, einzeln und mit Effekten bearbeitet. Jedes einzelne Instrument
ist ein Inferno an Arbeit gewesen. <<
Gaun:A: >> Wir haben natürlich den
grossen Vorteil, dass wir überhaupt die Möglichkeit und die Zeit
haben, soviel zu machen und auszuprobieren. Alleine schon wegen der
Rechnerleistung. <<
GW:
Werdet ihr Nigredo live am Stück durchspielen, um
so dem Charakter des Konzeptes gerecht zu werden? Adrian: >> Nein, auf keinen Fall. Ich
glaube, dass man die Fans dann auch vor den Kopf stösst, weil sie schon
erwarten, dass sie auch ihre alten Lieblinge zu hören
bekommen. Ich finde das auch richtig. <<
GW: Schade nur, dass live wahrscheinlich viel von
diesen ganzen kleinen musikalischen Details auf der Strecke bleiben werden.
Adrian: >> Dafür hat live
spielen wieder einen anderen Reiz. Die Nähe zum Publikum und die Kraft und
die Stärke von grossen Boxen, den Wums, den du dann abbekommst, wenn es
dann mal so richtig zur Sache geht
Live zählen andere Elemente:
Visualität zum Beispiel. <<
GW: Die Musik Diary of Dreams ist
eigentlich wie geschaffen für Filmmusik. Umso unverständlicher, dass
bislang niemand auf Diary of Dreams aufmerksam geworden ist. Adrian: >> Ja, entweder finden sie mich,
oder ich habe mal enorm viel Zeit um Klinken zu putzen, aber eigentlich ist das
nicht so meine Art. Und ich weiss, wenn ich in der Filmmusik was werden will,
muss ich leider auswandern, und ich weiss nicht, ob ich nach Amerika
möchte. Irgendwie bin ich ein Europäer. <<
GW: Obwohl du lange in den USA gelebt hast und
dort auch deine ersten musikalischen Erfahrungen gesammelt hast. Adrian: >> Ja, aber ich fühle mich
als Europäer. Ich weiss nicht, wie ich das genau sagen soll. Ich
fühle mich nicht unbedingt als Deutscher, das haben sie uns ja auch alle
gehörig aberzogen, um damit eine Identifikation zu haben. Island oder so
was, das würde mich wahnsinnig reizen. Das ist mir aber einfach ein
bisschen zu weit. Du kannst halt nicht mal eben eine DJ-Abend oder ein Konzert
machen und mal eben hier rüber jetten. Das steht in keinem
Kostenverhältnis. Ich würde wahrscheinlich gucken, was in Europa
diesem am nächsten kommt und dann würde ich wahrscheinlich in
Schottland enden. Obwohl es in unseren heimatlichen Gefilden auch
wunderschöne Ecken gibt. Manchmal sollte man vor seiner Haustür
gucken bevor man in die Ferne schweift. <<
GW: Für nächstes Jahr steht, so war zu
vernehmen, die Veröffentlichung einer DVD an? Adrian: >> Es wird eine Erlebnis DVD
werden. Es wird kein einfacher Live-Mitschnitt. Es soll einen Einblick in
unsere Arbeit auf Tournee geben und es soll nebenbei noch weiteres Filmmaterial
geben. <<
Mitgeschnitten werden sollen die Auftritte in Essen und
Magdeburg. Sichert euch also schon mal rechtzeitig die Karten für diese
Konzerte.
Michael Kuhlen (OBLIVEON) für
GothicWorld Fotos: Silke Jochum
www.diaryofdreams.de |