CD-REVIEWS:

Metamorph    ARDOR "Metamorph"
CD (Venus Records / Curzweyhl)

AdorWalther von der Vogelweide, der alte Frauenbetörer, Sänger und Dichter mittelalterlicher Weisen, kniete um 1200 so vor einer Burg rum und klampfte zur Angebeteten im Burgturm. Plötzlich ein gleißend Licht und der olle Casanova steht 2004 in Berlin-Mitte vor Aldi. Wenn er nicht komplett irre wird davon - wovon man eigentlich ausgehen könnte, wäre dies kein Märchen - sitzt er drei Wochen später vor einem PC und bastelt Songs, die Frauen beschmachtet er mit SMSen und saugt sich seinen I-Pod voll mit Mucke seiner Kollegen. Und vielleicht wäre seine Lieblingsscheibe ARDORs "Metamorph".

ARDOR vom Venushügel, seines Zeichens Kopf der Mittelalterband Cornix Maledictum und Stammmitglied bei Corvus Corax, erfüllt sich mit seinem Solo-Album einen Traum und der folgt ganz irdischen Überlegungen. Warum im Jetzt die Musik des Mittelalters ausschließlich mit Instrumenten von Damals spielen? Oder anders: Würden Musiker des Mittelalters im Jetzt nicht mit heutigen technischen Möglichkeiten Musik machen? So ist "Metamorph" von ARDOR wohl auch eine Verneigung vor vergangenen Zeiten, schließlich passen die Texte durchaus ins Medival-Genre. Im Ganzen ist sie aber weit mehr. Hauptsächlich Rechnergestützt - die elektronischen Klänge und technoiden Beats werden von einem selbstgebauten Midi-Dudelsack unterstützt - ist es eine grandiose musikalische Reise zwischen den Welten Damals, Heute und Morgen.

Gleich der erste Titel "Die Auferstehung" zeigt dem Hörer, wo der Prozessor hängt: Stampfend, rhythmisch und ungeheuer treibend geht es ab, getreu dem Song-Motto: "Tanz dir den Dämon aus dem Leib!" ARDORS Stimme wirkt ein wenig düsterer als sonst, passt aber zum Dämonenhaften Titel. "Mein Reich" beginnt ruhiger, statt Beats mehr Sequenzer-Töne, die Stimme dicht am alten Joachim Witt. Und: der Midi-Dudelsack hat seinen ersten großen Auftritt. Er verpasst dem Titel die besondere Note und macht ihn - wahrscheinlich wegen der anachronistischen Instrumentenwahl - ziemlich eigen aber geil. "Lebe deinen Traum" ist wieder tanzbarer und vor allem richtig mitreißend.

Mittelstück und auch Mittelpunkt des Albums ist die Billy-Idol-Coverversion von "White Wedding". Die schwarze Hochzeit, so der übersetzte Titel des letztjährigen Cornix Maledictum-Albums, ist vorbei, die helle, weiße Seite ist dran - und wie! Die Gitarrenlinie des Ursprungssongs übernimmt der Dudelsack in Perfektion, die Elektronik schafft mehr Dampf als das Original und die Stimme ist mächtig Idol-verdächtig! "White Wedding" ist auch die erste Auskopplung aus dem Album. Das sehenswerte Video, von meinem Kumpel Silvan gedreht, liegt auf der CD bei. "Dein Meister" ist eine etwas augenzwinkernde Nummer, die elektronischen Peitschen knallen, die Mädels stöhnen und der Dudelsack liefert sich eine Schlacht mit dem Rechner.

Rasend an Tempo wird bei "Der Pirat" zugelegt. Hier finde ich, dass nur in den ruhigen Zwischenpassagen Musik und Gesang im Einklang stehen. Im Hochgeschwindigkeitsteil leidet der Gesang etwas unter der Hektik des Songs. Unmittelbar im Anschluss wird es mit "Ektomie" sehr langsam, ruhig und düster. Die Stimmung ist erstmals richtig beklemmend und kalt. Hier hilft die elektronische Musik sicherlich, die Atmosphäre zu bekräftigen. Abgeschlossen und vollendet wird die "Metamorph"ose von der englischsprachigen Version "The Pirat". Cyberpirat ARDOR hat erfolgreich Beute gemacht und ist von erfolgreicher Kaperfahrt über die ausgedehnten Meere der musikalischen Landschaft heimgekehrt.

Ob das Werk seinen bisherigen Fans gefällt, wird die Zeit zeigen. Anhören sollten sie es sich aber auf jeden Fall. Die Frage, ob "Metamorph" Gratwanderung hart am Absturz oder gelungener Spagat zwischen den Welten ist, wird er demnächst selbst in einem Interview mit der Gothicworld beantworten. Ich schmeiß die Scheibe gleich noch mal an und tanze mir, zum Leidwesen der Familie unter mir, die Dämonen aus dem Leib. Geiles Teil.


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Die Auferstehung
02. Mein Reich
03. Lebe deinen Traum
04. Flieg mit mir
05. White wedding
06. Dein Meister
07. Der schöne Schein
08. Ein letztes Mal
09. Der Pirat
10. Ektomie
11. The pirat
12. White wedding (Video / Data Track)

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