CD-REVIEWS:

Are 'Friends' Electric?    GARY NUMAN "Are 'Friends' Electric?"
CD (MCP / EuroTrend)

Gary NumanTrends muss man sich rechtzeitig stellen… so & nicht anders müssen sich die Manager der Ötztaler CD-Schmiede MCP sich das ausgedacht haben. Ihr ureigenstes Metier ist der alpine Schmachtfetzen, die lahmenden Zugpferde tragen so verheißungsvolle Namen wie "Alpenoberkrainer", "Bergcasanovas" & "Almzigeuner". He, jetzt aber ja kein hämisches Grinsen, schließlich sind die Fans aus dieser Szene ebenso allerorten in Lederhosen & Spitze anzutreffen! Irgendwie jedoch muss kommerziell erfolgreicher "Nu-Gothic" & ein possierliches Aussiedlerlager inmitten mittelalterlichen Burgtreibens all die bisher treuen Schöngeister mit Sinn für Bombast, verklärter Mystik und dem wesentlichen Blick auf natürliche Wunder… immens vom Kauf des bisherigen Sortiments abhalten. Dem galt es nun entgegen zu steuern, neue Töne braucht das konventionell-katholische Tirol. Oder, die Auseinandersetzung des Eigenen mit dem Fremden lehrt uns zu erkennen, dass auch wir für viele Andere die Anderen sind!

Nun gut, neue Töne sind es nicht & eigentlich ist es wohl schon die zwanzigste Best-Of-Compilation mit den Hits eines Gary Anthony James Webb. Doch auch ich werde nicht müde zu predigen, GARY NUMAN ist ein Gott & auch meine Freunde ticken zumeist elektrisch! Gerade ist beim Helter-Skelter Verlag ein Kompendium über ihn & seine letzten 27 Jahre auf Bühnenbrettern herausgekommen, dessen Titel ungerecht & einseitig ist. Der "Electric Pioneer" war er in den ganz frühen 80ern, in einem kreativem Dauer-Hoch verkauften sich selbst die Singels ‚Cars' & ‚ Are 'Friends' Electric?' der Alben "Replica" & "The Pleasure Principle" über 10 Millionen mal, blockierten wochenlang nicht nur in England die vorderen Chartsplätze & stempelten ihn musikalisch massiv ab. New Wave mit eiskalten Synthesizern & homoerotischen Lyrics. Die Songs der Tubeway Army klingen immer noch so als wenn David Bowie Leadsänger von Human League gewesen wäre & Brian Eno dem Keyboard dabei sphärische Seele eingehaucht hätte. Mit ‚Down In The Park' schuf er einen der Darkwave-Klassiker überhaupt. Schublade! Client, Mesh, Beck & Scooter geben diese als einen ihrer musikalischen Schlüsselreize aus & Moloko, die Sugarbabes, Fear Factory, Girls Under Glass, Information Society sowie selbst die Punkband Linietreu bedienen sich mit Coverversionen daraus.

Numan indes wurde immer düsterer, & minimalistischer. Das Jahr 1984 brachte das Album ‚Berserker' an den Start & den Beginn vom Ende seiner Synthie-Pop-Karriere. Fast 10 Jahre lang experimentierte er nun mit allen erdenklichen Stilrichtungen, mal mehr Mal weniger erfolgreich, spielte auf Konzerten Metaltracks, produzierte Funk & Soul Musiker & coverte mit ‚U Got The Look' auch noch Prince himself. Melancholie bleibt das einzigste Bindeglied in der Reihe seiner Songs. Die Nine Inch Nails, The Prodigy, Sulpher, Marilyn Manson & Orgy erklärten ihn als ihr musikalisches Vorbild an, die Smashing Pumpkins spielen ihm zu Ehren die letzte halbe Stunde ihrer Konzerte nur seine Tracks.

1997 kommt er erstmals aus diesem musikalischen ‚Exile' heraus und wettert mit einer Melange aus hartem Industrial-Rock mit Synthie-Teppich drunter gegen Gott & Vatikan, erklärt gar am ‚Dominion Day' die offizielle Machtübernahme der Welt durch das Böse. Erste Fans von KMFDM, Oomph & Rammstein entdecken den Mann für sich… erste Fans von NuPagadi müssen 8 Jahre länger auf die ver-rosenwässerte Version dessen warten. Die haben dafür allerdings nicht so ein farbenfrohes aber ärmliches Booklet von nur einer (!) Seite. Jahreszahlen, Alben & Aufnahmeorte der Livetracks sucht man hier vergebens.

2000 wird das Jahr der ersten löblichen Anerkennung durch die britische Musikpresse, schliesslich ist sein jetziges Album die ‚Pure' Ausgeburt des Elektro-Punks. Immer noch brennen die Höllenfeuer & Jesus erhält seine gerechte technoide Strafe… aber erste Fans von ElectroClash & Hardcore Bands gewinnen einen alten Freund. Gary Newman blieb es bisher verwehrt ein Star zu werden, dafür muss er mit all der abgöttischen Hingabe seiner Fans & dem Status "Kult" fertig werden.

Das zweitschönste an dieser Compilation ist die Tatsache das hier fast alle Schaffensphasen vertreten sind, dass allerschönste daran ist der sagenhafte Preis einer prall gefüllten interessanten Compilation zum Preis einer gewöhnlichen Maxi.


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Berserker
02. Dominion Day
03. Pure
04. Exile
05. Cars
06. My Dying Machine
07. Strange Charm
08. We Are Glass
09. Are 'Friends' Electric?
10. Metal
11. An Alien Cure
12. U Got The Look
13. Down In The Park
14. Anthem


www.numan.co.uk