CD-REVIEWS:

Three Imaginary Boys - Deluxe-Edition    THE CURE
"Three Imaginary Boys - Deluxe-Edition"
Do-CD (Fiction-Records)

1979: Unsereins konnte das Alphabet bis 100 auswendig aufsagen und sang im Musikunterricht von großen Schiffen, die von Osten über das Meer kamen. Ich war acht und die Welt war unbeschwert - zumal Elvis schon tot war. Auf einer bewohnten Insel, zu der Schiffe aus Ost und West über das Meer kamen, schliff sich der Punk als Musik ein, gebar gar bereits den Postpunk. England - dort wo Nebel und Regen hergestellt werden - spuckte nach einigen vergeblichen Anläufen eine Band aus, deren Musik mich Jahre später beeindruckte, wie selten etwas zuvor. Robert Smith und seine Mannen brachten in diesem Jahr als THE CURE ihr Debüt auf den Markt: "Three Imaginary Boys" hieß es und wurde zur depressivsten Platte des Jahres gewählt.

2004 im Dezember: 25 Jahre später (das sind mehr Jahre als Herr Smith überhaupt alt werden wollte) legen THE CURE ihr legendäres Erstlingswerk in einer Deluxe-Edition erneut vor, bieten damit einige Schmankerln und lassen den Hörer etwas am Entstehungsprozess teilhaben. Die Doppel-CD bietet auf der ersten CD die generalüberholte Version des Albums. Jenes Album, das in so perfekt frischer Art und Weise den Punk jener Zeit aufnimmt, ihn um Trostlosigkeit und eine gehörige Portion Düsternis verfeinert - dabei aber doch aggressiv und völlig neu klingt. Nie wieder haben THE CURE so deutlich und willenstark geklungen. In den folgenden Jahren war es Tod oder Pop, dann Todespop - alles zunehmend ausgefeilter. Die "Three Imaginary Boys" verfügte über minimalistische Kargheit und war deshalb so wegweisend großartig. So, nun isse also wieder da und wir wissen jetzt auch, wie das letzte Lied heißt, jeder unbenannte Bonustrack. Er heißt "The weddy burton".

Die zweite CD ist überschrieben mit "Rarities 1977 - 1979" und Robert Smith selbst soll sie zusammengestellt haben. Es ist eine Mischung aus Demotapes (Sammlern bereits von der Demo-Bootleg-Zusammenstellung "Early Symptoms" bekannt), Demos aus der heimischen Küche, Out-Takes und seltenen Live-Aufnahmen. Sechs absolut unveröffentlichte Tracks verspricht das Cover des gelungen aufgemachten Digi-Packs.

Die wahrscheinlich größte Überraschung ist die als Home-Demo bezeichnete Version von "10.15 Saturday Night": die Heimorgel wabert, klar klingt die Gitarre und Robert singt als säße er wirklich irgendwo im Ausguss. Das Ganze wird mit deutlich herausgenommenem Tempo gespielt und klingt traurig bis zur Weinerlichkeit. Allein diese unbekannte Version ist die Kohle wert. "The Cocktail Party" ist eine wahrlich schlechte Aufnahme, dumpf und scheppernd, die aber insoweit interessant ist, als sie nach einer derben Karikatur auf Beachfeeling und Lateinamerikanische Bongo-Bongo-Bongelei klingt. Die Urversion von "Grinding halt" klingt trotz des Proberaum-Klangs ziemlich geil und gefällt mir fast besser als das Original. Die folgenden Demos aus den Chestnut-Studios bestechen vor allem durch ihren reinen Werkstattcharakter, herrliches Rohmaterial.

Noch nie gehört habe ich die Outtakes. "Winter" klingt bereits melodisch düster wie die "Seventeen Seconds" und Roberts Stimme gequälter als sonst in dieser Periode. "Faded Smiles" könnte ein typisches TIB-Stück sein, minimalistisch, kräftig, und etwas schrill. "Play with me" ist leicht, sehr leicht sogar mit melodischen Spielereien. Allen zugänglich ist nun auch "World War" eine der wohl trostlosesten Nummern der jüngeren Musikgeschichte und einer meiner ewigen Lieblingssongs von THE CURE. Warum allerdings "Boys don´t cry" und "Jumping someone else´s train" auf der Raritäten-CD zu finden sind, kann ich nicht beantworten. Beide Titel waren auf der "zweiten Erstveröffentlichung" genannten CD "Boys don´t cry" (andere Titel wurden weggelassen oder die Reihenfolge verändert) ebenfalls drauf, sind reine, fertige Studioproduktionen. Kaum ein Cure-Fan, der sie nicht hat. Die abschließenden Live-Versionen geben ein gutes Stimmungsbild der frühen Auftritte der Band ab. Man meint sogar, im Hintergrund Leute lautstark Bier bestellen zu hören. Bereits hier offenbaren sich die Qualitäten von THE CURE als Live-Band, besonders deutlich wird dies an der Hochgeschwindigkeitsversion von "10.15 Saturday Night", welches auf beiden CDs insgesamt vier Mal vertreten ist.

Insgesamt eine schöne Idee von Robert Smith, eine nette Geste obendrein und eine fast kostenlose Zeitreise.
PS: Meckerecke: Wer hat nur die Doppel-Digipacks erfunden?
Die passen in kein vorgefertigtes CD-Regal. Menno!


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Tracklist:
Disc 1
01.10:15 Saturday Night
02.Accuracy
03.Grinding Halt
04.Another day
05.Object
06.Subway Song
07.Foxy Lady
08.Meat Hook
09.So What
10.Fire In Cairo
11.It's Not You
12.Three Imaginary Boys
13.The Weedy Burton

Disc 2
01.I Want To Be Old ("Easy Care" Sav Studio Demo)
02.I'm Cold (Sav Studio Demo)
03.Heroin Face (The Rocket Live)
04.I Just Need Myself (PSL Studio Demo)
05.10:15 Saturday Night (RS Organ Home Demo With Vox)
06.The Cocktail Party (Group Home Demo)
07.Grinding Halt (Group Home Demo)
08.Boys Don't Cry (Chestnut Studio Demo)
09.It's Not You (Chestnut Studio Demo)
10.10:15 Saturday Night (Chestnut Studio Demo)
11.Fire In Cairo (Chestnut Studio Demo)
12.Winter (3IB Studio Out-Take)
13.Faded Smiles aka I Don't Know (3IB Studio Out-Take)
14.Play With Me (3IB Studio Out-Take)
15.World War 16.Boys Don't Cry
17.Jumping Someone Else's Train
18.Subway Song (live)
19.Accuracy (live)
20.10:15 Saturday Night (live)


www.thecure.com