CD-REVIEWS:

Gelb    NEUROTICFISH "Gelb"
Do-CD (StrangeWays)

NeuroticfishMenschen empfinden im Allgemeinen große Freude an Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes bedarf. Nicht Goehte, sondern Sascha Mario Klein & Henning Verlage aka NEUROTICFISH are back on track & bringen Licht ins orientierungslose Dunkel der synthetischen Unterhaltungsmusik. Nach kurzem, heftigem ‚Bomb' ardement im Spätherbst wurde nun die Paintball-Pumpgun durchgeladen. Volltreffer & Gotcha!

Es ist schon eine Pigmentierung die so gar nicht auf das intellektuelle Understatement der Texte schließen lässt. Boah! Gelb, was sagt einem da das visuelle Gedächtnis? Es soll die Lieblingsfarbe von 5% der deutschen Männer sein. Frauen lehnen sie eher ab, obwohl sie gerade wieder mal voll im Trend liegt. Gelb steht für Klingelton-Tweedy, die Sonne, Urin, Gold, russische Irrenhäuser, Hinweißschilder, Prosseco, englische Feiglinge, FDP, Sonnenblume, Judanstern, Yello-Strom… & kommenden Verfall im Herbst. Verfall war schon immer das beherrschende Thema für Sascha & dies nicht nur bei einfach nicht totzukriegenden Electro-Klängen.

Zum dritten Male taucht er aus seinem paranormalen Lebensbereich auf, nicht ohne beim ‚Loading' deutlich auf einer alten AEG zu klappern. Nachhaltige Texte sind also das Gegenstück zur technoiden Dampframme?! Diesem Album wird das gleiche Schicksal wie dem Erstlingswerk zu Teil, es wird nie wieder die Sonne sehen, geschweige aus dem Player kommen. Zu breit gefächert ist die Palette der aufs präziseste gesetzten Klänge, zuviel Emotionen für simple Chill-Out-Beschallung, immer wieder entdeckt man neue Spielereien welche wie zufällig in den Sound gewebt wurden, zu aufregend wahr sind die Denkanstöße über hyperaktive Kommunikation & perverse Formen des urbanen Zusammenlebens… & sie klingt fast zu britisch für einen deutschen Act. Fans von Depeche Mode, Mesh, Kosheen & Massive Attack können fast ebenso unbekümmert zu greifen wie die von VNV Nation oder Peter Gabriel.

Unglaublich wie Sascha an seiner Stimme gearbeitet hat. ‚Why Don't You Hate Me?' kommt im fröhlichen Euro-Dance-Gewand & Vocals welche die gleiche metallische Tonlage wie vom Ex-Genesis-Sänger vorweisen können. Dafür kann ihn weiß Gott niemand hassen! ‚The Bomb' geht ebenso wie die Extended-Version der Single mit hörbar analogen Connect an den Start. Das Netz prägt die Vorstellung von Gemeinschaft und bestimmt die sozialen Kontakte. & mit Recht kann jeder jetzt verkünden ‚I Don't Need The City'. Diese Feststellung wird von geilen Breaks in bester Bristol-Manier unterlegt. ‚I Never Chose You' schlägt so direkt melancholisch vor die Brust wie man es sonst nur von anglophonen Klassikern gewohnt ist. Die lang erwartete Reinkarnation der ungezwungenen Clubhymne winkt mit ‚Waving Hands'. Sasha gibt den Moralapostel & geht im Anschluss direkt in die Pause. ‚Short Commercial Break' ist eine weitere willkommene Abwechslung & sollte flugs von anderen Acts übernommen werden. Erst recht wenn man dann endlich zum spannenden Finale kommt! ‚Ich spüre keinen Schmerz' hat außer deutschen Lyrics auch das Zeug zur Avantgarde-Droge. Nicht ganz unschuldig daran ist Henning mit seinem Hang zur Gitarre welche schon in Wumpscut-Remixen für Furore sorgte. ‚You're The Fool' wird 'Care' ablösen… nicht musikalisch (auch wenn dies nach der Greek Symphony der Single unabdingbar wurde)… dafür hat es zu viel don't-worry-charming. Dennoch ist es eine erneute lyrische Verneigung vor Allen die einfach zu nett für diese Welt sind. Gelb wird hier durch unterschiedlichste Komplementärfarben gebrochen & (er)scheint immer wieder anders.

Den einzigen Riss in die Union-Jack-Robe reißt die Cover-Version. Leider nicht erneut Morrissey… ‚They're Coming To Take Me Away' ist ein Ami-One-Hit-Wonder aus dem Jahre 66 von Napoleon XIV. Kurzweilige Analyse einer Irrenanstalt in der man stimmungstechnisch verarztet wurde & schon damals ein millionenfacher Gassenhauer. Die "Funny Farm" könnte heute für stupide Rettung aus dem Alltag durch Big-Brother oder gar den Ballermann stehen. Die imaginären Bilder & Aussagen gleichen sich frapide, Ha-Haa!

Den Übergang von Gelb zu Rot gestaltet ‚Suffocating Right'. Die Gänsehautballade war der angenehme Ruhepol der Singleauskopplung & beendet nun ein überaus erfrischendes (ja Zitrusfrüchte sind ja auch gelb ;) Album, welches alte Tugenden lebt & neue Standards andeutet.

Wer's nicht besitzt ist selbst Schuld, zumal ihm dann die Auflösung zu ‚The Bomb' entgeht. Diese völlig von Selbstattentätern muslimischer Herkunft freie Kurzgeschichte eines Freundes erlebt ihre Veröffentlichung als kurzweiliges Mini-Hörbuch auf CD 2. Alle Anderen wählen jetzt Gelb-11 für den Realsound & schwimmen weiter auf den Wellen der heiteren Belanglosigkeit. NEUROTICFISH bleibt Nichtschwimmer!


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
CD 1
01. Loading
02. Why Don't You Hate Me?
03. The Bomb
04. I Don't Need The City
05. I Never Chose You
06. Waving Hands
07. Short Commercial Break
08. Ich spüre keinen Schmerz
09. Are You Alive?
10. You're The Fool
11. Solid You
12. They're Coming To Take Me Away
13. Suffocating Right

CD 2
01. Die Bombe, die nicht tickt (Audiobook)

: Neuroticfish - Gelb / Ltd.Edition (2CD)

Bandhomepage: www.neuroticfish.com