CD-REVIEWS:

Pure Vernunft darf niemals siegen    TOCOTRONIC
"Pure Vernunft darf niemals siegen"
CD (L'Age d'Or / Rough Trade)

TocotronicEin auflagenstarkes Magazin spiegelte pünktlich zum Jahresende die Meinung des kultivierten Massenendverbrauchers & resümierte "Man singt wieder Deutsch". Wahrlich eine verheißungsvolle Neuheit für Jeden der auch tagsüber beide Augen zu machte & seinen kleingeistigen Hedonismus in stetig neu kreierten Trends des Kapitals als "Geile Zeit" verstand oder Zeilen über Nächsten-Liebe nur noch in Form einer "Symphonie" hören wollte. Für jene mit altem oder neu erwachtem Nationalstolz war es eh die "Perfekte Welle" die dringlich eine feste Radioquote braucht. All die unermüdlich tätigen Kreativen der gleichen Sprache, jenseits vom Convinience-Mainstream, entfallen dem industrieverwöhntem Journalisten schnell aus dem Recherchefeld. Deren nicht unerheblicher Anteil am Hochhalten des deutschen Kulturgutes reichte oft grad für satanisch eingefärbte Bürgerschreckensmeldungen.

Ebenso ignoriert wurde hierbei eine der erfolgreichsten deutschen, seit 12 Jahren von der Welt stets unverstandenen Band überhaupt. "Samstag ist Selbstmord" passte halt noch nie in die High-Glossy-Top-Ten. TOCOTRONIC sind es, welche nun Marshalplanartig kopiert & der intellektuellen Würze ihrer melancholischen Texte beraubt werden. So verschafft man sich etwas Luft im impulsarmen & krisengeschüttelten Business der bunten Töne für die, mit was auch immer surfende, Zielgruppe.

Die (inzwischen) 4 Hamburger tangiert es sicher kaum, schissen sie doch schon vor Jahren drauf "Teil einer Jugendbewegung" zu sein. Stilistisch zwischen Punk, Grunge, halt Indie & manchmal auch etwas Synthiepop zuhause schufen sie in nur 9 Tagen, in einem dänischen Studio, ein Album was vom Titel her viel deutlicher in die Gesinnung ihrer Fans passt. Vom musikalischem Aspekt gesehen jedoch viele derer vor den Kopf stoßen wird. Depression weicht erneut der Anklage & klarer Ansage… textlich. Spielerische 3-Akkorde-Wut weicht einer Melange aus oldschool-druckvoll-kratzigem Gitarrero-Pop. Erwartungshaltung an Straßenmusik zu Kreuzberger Mai-Feierlichkeiten werden nicht erfüllt, doch seit 97 gilt eh "ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen, und ich glaub nicht daran, dass ich jetzt noch mal umkehren kann". Basta! Die Platte wurde diesmal live im Studio eingespielt & grad auch so gepresst. Adäquat wie Morrissey's letzter Output… und verbreitet nun ebenso dessen Charme in Ohr & Hirnrinde. Also auch ein "Alterswerk"? Bestandsaufnahme trifft es eher!

Wenn viel-zu-viel-beschäftigte Politclowns, die den Umgang mit deutscher Historie unreflektierten Lämmern auf dem rechten Weg überlassen & auch noch deren stabsmäßiges Heranwachsen mit Steuergeldern finanzieren, nun als "Allianz der Aufrichtigen" auf die Straße rufen… bekommen nicht nur TOCOTRONIC so richtig den Blues. Man will trotz massivster Einschnitte ins Sozialgefüge einfach nur am Leben bleiben… ‚Aber Hier Leben, Nein Danke'! Die Revolution verläuft (wie schon so oft…) friedlich & hinterlässt ihre Spuren lediglich im Saal (des Video-Drehortes). Kein Grund nun ‚In Höchsten Tönen' von einer besseren Zeit zu schwärmen. Dafür rockt dieses Stück ordentlich & macht den Weg frei für die wohl düstersten Texte seit Dirk von Lowtzow ein Micro in die Hand nahm. Nicht mehr ganz so abstrakt, aber immer noch verwirrend & in jeder Silbe psychoanalytisch. In ‚Der Achte Ozean' heult man die Sterne am Firmament an… zu oft vergisst so mancher, dass er da nur noch Vergangenheit sieht. Die Lichtgeschwindigkeit spielt unserem Auge einen Streich & "…in der Stille fängt das Chaos an". Nur nicht verzagen, denn "hier gibt es ‚Keine Angst. Für Niemand'. Jetzt wo das Mondlicht kommt". Bei derartig entrückter Beleuchtung plus Beschallung lässt man sich von seiner Liebsten übers Gesicht streichen & kann gelassen davon erzählen was einem so alles ‚Gegen Den Strich' geht. Ja, dies kann man seinem ‚Angel' anvertrauen, schließlich hat man so lang & schmachtend nach dem Pendant gesucht das ebenso der Ansicht ist "'Pure Vernunft darf niemals siegen'. Wir brauchen dringend neue Lügen die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen und sich danach vor uns verbeugen.". Besser hat bisher niemand die allsonntägliche Freakshow bei Sabine Christiansen beschrieben… noch dazu in bitterzartem BritPop-Guss verpackt.

'Alles in Allem' ist natürlich auch der moderne Antichrist mit von der Partie. Keinen hier verwundert da die Aussage "'Ich habe Stimmen gehört'. Ich hab' ins Dunkel gesehen. Es konnte bestehen. Wie nichts auf der Welt." Alles nichts Neues für einen gestandnen Gothen, denn es gibt den "'Tag der Toten'. Alles wird vergeben sein.". Das tut man auch nur für einen wahren Freund, nennt ihn 'Mein Prinz' & fordert erbarmungslos "Gib unserem Leben Sinn…". Family values… als romantischer & dennoch unverklärter Antrieb zur bewusst gelebten Anarchie.

Aber was Bitte macht diese Verbeugung vor 4 der wichtigsten deutschen Pop-Poeten in diesem Magazin? TOCOTRONIC selbst meinten doch schon vor Jahren "Alles, was ich will ist, nichts mit euch zu tun haben .Es ist natürlich leicht gesagt, wenn man sowieso nicht dazugehört". Es ist diese Musik welche sich übers das Herz allmählich in's Hirn, fernab der Nüchternheit gestylter Banalitäten, erschließt & immer genügend Freiraum für Eigeninterpretation dessen lässt. Die Hamburger haben sich auch irgendwie mit diesem 7. Album neu erfunden. Mit ‚Dark Star', einer höchst emotionalen Ballade (welche es schändlicher Weiße nur auf die Vorab-Single schaffte) hat sich Dirk als Feierabend-Grufti geoutet ;) Wen kümmert's eigentlich wirklich - "let there be rock... verflixt noch mal"!


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:
01. Aber Hier Leben, Nein Danke
02. In Höchsten Tönen
03. Der Achte Ozean
04. Keine Angst Für Niemand
05. Gegen Den Strich
06. Angel
07. Pure Vernunft Darf Niemals Siegen
08. Cheers For Fears
09. Alles In Allem
10. Mein Prinz
11. Tag Der Toten
12. In Tiefsten Tiefen
13. Ich Habe Stimmen Gehört


www.tocotronic.de