CD-REVIEWS:

Funeral    ARCADE FIRE "Funeral"
CD (Merge Records / Rough Trade)

Gelobt wird diese CD land auf, land ab. Etliche Radiostationen, die nicht auf brägenverseuchenden Einheitsmüll bauen, haben sie zur CD der Woche gekürt. Jan Wigger vom Spiegel - für mich eine Instanz guten Musikgeschmacks - lobte die Band über den grünen Klee und spricht von "einzigartigen Songs". David Bowie hielt das Werk gar für die beste CD im Jahr 2004. Genug Gründe mal etwas Kohle zu Amazon zu schicken, und sich "Funeral" von der Band aus Montreal kommen zu lassen.

Nach dem ersten Durchhören war mir klar, warum der selbstverliebte David "the thin white Duke" Bowie diese CD mag - sie klingt wie er selbst früher und so, wie er heute vielleicht klingen wollen würde. Ein stundenlang beschallter Freund hingegen meinte eindeutig Echo & The Bunnymen als Urmutter von ARCADE FIRE zu hören.

Wie dem aber auch sei: Wichtig ist nur, dass es eine hervorragende Scheibe ist, die von Mal zu Mal besser wird. Ein Werk, das alles hat. Angefangen von schönen Melodien über tollen Gesang bis zu genialen Texten. Der Einstieg gelingt mit "Neighborhood #1" ganz ausgezeichnet. Piano und leicht verschrammelte Gitarren und eine Stimme, die vor Melancholie beinah aus dem schwarzen Anzug hüpft. Dazu ein relativ hoch klingendes Schlagzeug, ein dumpfer Bass gibt dem Soundgefüge untergründigen Halt. Etwas schräger, wilder, verzerrter geht es weiter, jedoch nur einen Song lang und schon kommt das für mich absolut beste Stück der CD. "Année sans lumière" ist ein trauerschweres Stück von musikalischer Schlichtheit und Reinheit, die ergreifend dicht zu Herzen geht und doch weit entfernt von Depression ist. Zum Ende hin steigert der Song sich zu wildem Garagenrock. "Neighborhood #3" ist verschrobener Folk von guter Tanzbarkeit und erinnert etwas an "Come on Eileen" von den Dexy´s Midnight Runners. In Leichtigkeit verpackte Schwere. "Neighborhood #4" ist ein schwerer, schleppender Song voller Mühsal und musikalischer Zurückhaltung, Geigenparts vertiefen das Beerdigungsfeeling noch. "Crown of Love" klingt wie ein langsamer Walzer und besticht durch seinen Text. Kleiner Auszug: "they say it fades if you let it; love was made to forget it; I carved your name across my eyelids; you pray for rain, I pray for blindness" Um einiges rauer und urwüchsiger dann "Wake up", einzeln gut, im Gesamtwerk nur Mittelklasse. Bei "Haiti" tritt der männliche Gesang zu Gunsten einer angenehm tiefen Frauenstimme zurück. Teilweise klingt es, als würde man Aufnahmen dieser haitianischen Ölfasstrommeln (also diese polierten Becken mit den kleinen Klöppeln) auf halber Geschwindigkeit abspielen und auf Drogen sein. Wie schweben im Schwarzen. Extrem basslastig ist "Rebellion", sparsam instrumentiert klingt es etwas lebendiger und heller, bewahrt sich aber eine Spur Dunkelheit. Richtig ungut finde ich nur den letzten Song "In the backseat" - als hätte Björk einen Gastauftritt, dieses hohe, gekünstelte weibliche Geknödel. Da helfen auch die Violinen nicht mehr. Nee, das passt nicht zum Rest des Albums.

Alles in allem aber halten ARCADE FIRE, was mir die Rezensenten versprochen haben: Traurige, wunderschöne Musik, wundervoll arrangiert und gute Texte. Nun noch zum Bildungsteil. Das Album heißt deshalb Beerdigung - "Funeral", weil innerhalb kurzer Zeit drei Todesfälle in den Familien der Bandmitglieder zu beklagen waren. Also nicht in jeder der Familien drei, sondern insgesamt… na ihr wisst schon. Im Übrigen ist die Website im Flash-Mode unglaublich gut.


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Tracklist:
01.Neighborhood #1 (Tunnels)
02.Neighborhood #2 (Laïka)
03.Année Sans Lumière
04.Neighborhood #3 (Power Out)
05.Neighborhood #4 (7 Kettles)
06.Crown of Love
07.Wake Up
08.Haïti
09.Rebellion (Lies)
10.In the Backseat


www.arcadefire.com