CD-REVIEWS:

Evoke    WUMPSCUT
CDS "Blondi" (Metropolis)
CD "Evoke" (Beton Kopf Media)

BlondiDie Service-Qualität in Deutschland sinkt laut Umfragen von Unternehmensberatern stetig weiter. 64 % aller Bundesbürger fühlten sich erst kürzlich in einem Supermarkt, Restaurant oder in der Werkstatt nur unzureichend bedient oder gar unhöflich behandelt. Andererseits herrscht eine unterschwellige Resistenz gegenüber Innovationen, der König Kunde ist engstirnig fixiert auf aktuelle Marktangebote. Radikale Breakthroughs kommen auf diese Weise nur selten zustande. Früher nannte man dies "Was der Bauer nicht kennt…" heut lautet die Konsequenz dieses Sales-Latein: Rudy Ratzinger knallt ein neues Album auf die Theke!

Preissenkungen (selbst zu Aschermittwoch), Starschnitt des neuen Maskottchens, expliziter Verzicht auf Kopierschutz, Pre-Listening in Real-Media & Mp3, Snippet-CDs, Bonustracks… & irgendwer hat immer noch nicht genug? Diesen Eindruck gewinnt man zumindest schon beim flüchtigen Überfliegen der Postings in der Betondisko! Die nimmermüden Mainstream-Alterswerk-Weichei-Diffamierungen kommen diesmal aus den Reihen harscher Eiferer denen die farblosen Blueprints vom Landshuter Soundfrickler wohl zu langweilig wurden. Niemand ist wirklich unvoreingenommen, noch nicht mal mein CD-Player. Aber, hier sind Liebe & Harmonie die bestimmenden Themen, da ist brachialer Noise halt die unpassende Melodei & jeder wusste doch das , WUMPSCUT schon immer für eine Überraschung gut war. Das wahrhaft Böse kommt doch stets auf leisen Sohlen & mit einem freundlichen Grinsen in der Larve daher ;)

Den Vorgeschmack der Auferstehung brachte die eigens für den amerikanischen Markt releaste Single. Von vorne sabbert einem Garghoule entgegen, Rudy gab dem blauen 3D-Kraftprotz den germanisch anmutenden Namen "Blondi", verzichtete dankenswerter Weise auf fauligen Anatomie-Unterricht im Cover & erweckte François Launet, der auch schon für das Layout von "Ich will dich" & "Blutkind" verantwortlich zeichnete. So frisch & clean wie die Verpackung ausschaut kommt auch der Inhalt, die Qualität der Aufnahmen ist geradezu aufdringlich & der Sound wirkt noch graziler… doch los geht's mit ‚Rush'. Sirenengeheul, Jägerlatein & martiale Percussionselemente. Genauso müssen Fallbeilphantasien für die Tanzfläche klingen! "Dismantled" bleiben mit poppiger Attitüde etwas im Stau stecken & "Naked Beat" schraubten wieder so unterkühlt filigran wie beim letzlichen "Your Last Salute" Remix. Dann endlich beginnt Feldjäger Albin, der kennt sich ja beim Thema Treibjagd bestens aus & gestaltet mit seiner Ausweidung des Originals, eigenen Vocals & dem ihm typischen Rhythmusgefühl den absoluten Höhepunkt… welcher nur auf dieser Single & der Extra-Dose für Verzückung sorgt. ‚Don't Go' kommt mit melancholischem Ground, harten Drums & der neuen Sängerin Jane M., welche den etwas überlangen Beauty-and-the-Beast Sangeswettstreit angenehm für sich entscheidet. Der Eighty 64C Remix kommt ohne Rudy's Vocals aus, entlarvt ihn aber als ausgemachten Fan von "Fairlight Children" oder "Welle Erdball". Spaßig allemal & doch sehr gewöhnungsbedürftig…

Ebenso der Opener des Albums ‚Maiden'. Neofolk-Elemente & die bereits genannte Jane sorgen selbst für Begeisterung aus Reihen bisheriger Wumpscut-Abstinenzler. Da kommt der gemeine Grenadier ins grübeln & wenn er ehrlich ist, gibt er zu das wohl doch einzig Mädchen sein Schicksal waren und sind. Die Himmelspforte bleibt aber verschlossen wenn die zwischengeschlechtliche Kommunikation auf der Strecke bleibt, so zumindest ‚Churist Churist'. Oder ist dieser Weiber-Elekto-Anschlag in feinstem Landshuter Esperanto etwa die Antwort auf den inzwischen immer beliebteren Gossip-Austausch a la Mittelerde? Der Titeltrack ‚Evoke' versteckt, hinter Breakbeats & Flächen die arg nach Bläser-Samples klingen, Erinnerungen an Depeche Mode & fleht ähnlich verträumt wie auf "Wreath of Barbs". Da in der Gruft ein jeder seine Schnauze zu halten hat, wird ‚Tomb' zum schaurigschönen Instrumental mit Streichern & Klavier aus der Dose. ‚Hold' schraubt versöhnlich die Botschaft ins Hirn, die Liebste doch mal in den Arm zu nehmen bevor es zu spät ist & Graf ‚Krolok' wieder zubeißt. Die Sampler-Persiflage zu Roman Polanski's "Tanz der Vampire" gab's zwar vor Jahren auch schon mal von Skinny Puppy, aber keiner unterlegte die Feststellung "Almost an old man, with his flabby stomach and spindly legs…" dermaßen sphärisch. Danach ist es mit der Entdeckung der Langsamkeit erstmal vorbei. Atemlos, röchelnd verbeugt sich Rudy vor Costa-Gavras, macht mich in ‚Breathe' sprachlos. "Eines Tages werden wir die ganzen dreckigen Nigger & Juden töten & dann wird alles sauber sein…" plärrt die Sampler-Stimme im Stile des "kleinen Nils" von Antenne Bayern. Der Film wurde seit 1987 heftig diskutiert & den "verräterischen" Text mit Kinderstimme gab's schon mal am Ende des Lieds "Wehrt euch" von D.S.T.. Ihre CD "Deutsches Volk erwache" wurde per BAnz. Nr. 140 vom 31.07.2001 folgerichtig indiziert.

Erwache = "Evoke"? Na hoffentlich geht dieser Schuss mal nicht nach hinten los & auch der dümmste Volontär der BILD erkennt die zitierte Ironie gegenüber gewohnten Klischees & die Pein von Loyalitätskonflikten! Ob allerdings tumben Trittbrettfahrern die richtige Zuordnung der restlich eingestreuten Samples "Wir sind die Guten" & "Wenn sie mit uns fertig sind, wer wird der nächste sein" gelingen werden, bleibt abzuwarten. Die ‚Perdition' der Antifa ist ihm dafür jedoch ganz gewiss, so wie uns Claras ‚Obsessió' zu katalanischem Sprechgesang als Rausschmeißer-Track.

Je öfter man diese Auferstehungsgeschichte hört, umso mehr gewinnt sie. Plötzlich werden Feinheiten prägnanter & das ganze klingt dann doch härter als zu Anfang vermutet. Rudy hat sich damit bewiesen, dass PC-Recording sich keineswegs vor real existierenden Synthies verstecken muss & das ganze doch in Wahrheit eine Passionsgeschichte ist. Ob die Leidenschaft mehr der Musik oder ganz profan dem alltäglichen Kampf in einer Lebensgemeinschaft gilt muss jeder Hörer für sich selbst entscheiden. Die Entscheidung, bereits wieder nach einem Jahr ein neues Release zu bringen war jedenfalls nicht verfrüht… auch wenn die Texte noch immer verbesserungswürdig sind. Na wenigstens eine Konstante für den alten Konsumenten ;)


Ivo Klassmann für GOTHICWORLD


Tracklist:

Blondi:
01. Rush
02. Rush (Dismantled Remix)
03. Rush (Naked Beat Remix)
04. Rush (Der Blutharsch Remix)
05. Don't Go
06. Don't Go (Eighty 64C Remix)

Evoke - 1CD (EU-Edition)
01. Maiden
02. Churist Churist
03. Dont Go
04. Evoke
05. Tomb
06. Hold
07. Krolok
08. Breathe
09. Rush
10. Perdition
11. Obsessió


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