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Tilo Wolf und Anne Nurmi
haben sich nicht nur Zeit gelassen mit der Veröffentlichung ihres neuen
Albums Lichtgestalt, sie haben sich, abgesehen vom
letztjährigen Auftritt auf dem Mera Luna und der
Veröffentlichung von SNAKESKIN, auch sehr rar gemacht. Eine
Kreativpause die, schenkt man nachfolgendem Interview glauben, bitter notwendig
war, um wieder zu sich finden und die Verhältnisse zwischen dem
Künstler Tilo Wolf und seiner Schöpfung LACRIMOSA wieder ins
rechte Licht zu rücken. Und bei all der medialen Schelte, die Tilo
für sein SNAKESKIN-Album einstecken musste, so war dies aus
künstlerischer Sicht genau die richtige Entscheidung, klingt
Lichtgestalt doch so abwechslungsreich und vielschichtig,
wie kein anderes aus der Feder des Wahlschweizers, der aufstöhnt, als ich
mich eingangs unseres Gespräches nach seinem derzeitigen Befinden
erkundige.
Tilo:
Im Moment ist es halt massiv. Es ist ja nicht so, als ob ich noch
nie ein Album veröffentlicht hätte. Ich hab mir gedacht, dass ich
nach den Studioaufnahmen schön ausspannen kann.
GW: Du müsstest doch mittlerweile
eigentlich wissen, dass das nicht möglich ist.
Tilo: Ja, aber ich verdräng das anscheinend
immer, damit ich dann nicht so einen Horror davor habe, was dann so alles auf
mich zukommt. Ich hab das auch wieder vergessen, wie anstrengend eine
Produktion sein kann. Ich hatte für das Album zwei Monate Produktionszeit
angesetzt und war dann nach letztlich viereinhalb Monaten doch etwas
überrascht.
GW: Wie geht es
Anne?
Tilo: Anne gehts
sehr gut. Sie war dieses Mal auch nicht so sehr involviert. Weil wir so lange
nichts gemacht haben, haben wir beide befunden, dass es keinen Sinn macht, wenn
sie jetzt wieder von null auf hundert geht. Das hat auch den Vorteil, dass sie
sich viel mehr um ihre Kleider kümmern kann. Sie hat viel mehr Zeit zu
designen und zu nähen und hat in den letzten Monaten wieder unglaubliche
Kreationen gemacht, was letzten Endes Lacrimosa aber natürlich auch wieder
zugute kommt.
GW:
Schneidert sie ausschliesslich für sich, oder bietet sie
ihre Kreationen auch irgendwo zum Verkauf an?
Tilo: Sie macht sie leider nur für sich.
Jahrelang habe ich ihr in den Ohren gelegen, sie soll die Sachen doch
veröffentlichen. Ich würde ihr eine Firma gründen, mich um die
Vermarktung und den Vertrieb kümmern, aber sie will es nicht. Das ist wie
beim Komponieren. Sobald es dann in andere Hände geht, ist sie wie
blockiert. Irgendwann habe ich es dann aufgegeben und darüber war sie sehr
froh, weil sie jetzt wieder viel entspannter näht und designt als zu der
Zeit, wo ich immer gesagt habe, dass man das jetzt veröffentlichen
könnte. Sie hat immer Angst gehabt, wenn sie mir was präsentiert hat,
dass ich jetzt doch wieder alles anleiere. Als es dann damit angefangen hat,
dass Britney Spears und wie sie alle heissen ihre eigenen Kollektionen auf den
Markt gebracht haben, habe ich ihr gesagt, dass sie der Vorreiter hätte
sein können, und dass dann noch in der Gruftie-Szene.
Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass ihr das Nähen sehr viel
bedeutet und sie Angst hat, dass, wenn sie damit an die Öffentlichkeit
geht, dass dann zur Arbeit, und nicht mehr Entspannung, werden würde. Sie
näht ja auch wirklich viel um zu entspannen. Als wir aus dem Studio
zurückkamen hat sie sich regelrecht darauf gefreut. Sie sagt aber auch,
dass sie, wenn sie ein Maler wäre, nie ein Bild von sich selbst verkaufen
würde. Und so ist das mit den Kleidern auch.
GW: Ihr habt zwischen Echos und
Lichtgestalt eine lange Pause eingelegt, einzig durch die
Veröffentlichung deines Nebenprojektes Snakeskin unterbrochen. Auch eine
Tour zum letzten Album hat es nicht gegeben. Habt ihr diese lange Pause bewusst
so gewählt?
Tilo: Ja. Nach
Echos habe ich mir diese Pause nehmen wollen, weil wir davor halt
ohne Pause und Unterbrechung nur am Produzieren oder auf Tour waren. Ich habe
dann ziemlich schnell gemerkt, dass ich selbst eigentlich gar keine Pause
machen kann. Ich war ständig am Komponieren und je mehr ich komponiert
habe, desto mehr habe ich gemerkt, wie beeindruckt ich von der kompositorischen
Darbietung auf Echos beeindruckt war. Plötzlich habe ich
gemerkt, dass Lacrimosa zu einem Art Ungetüm wird, das ich nicht mehr
kontrollieren kann. Ungefähr so wie Frankenstein, der sein Monster auch
nicht mehr unter Kontrolle hat. Ich habe auf einmal wahnsinnigen Respekt vor
Lacrimosa bekommen, den ich als Schöpfer ja eigentlich gar nicht haben
darf. Die Folge war, dass ich mich plötzlich nichts mehr getraut habe,
weil ich gemerkt habe, dass ich beim Komponieren nicht mehr frei bin. Das hat
sicherlich auch etwas damit zu tun, dass ich mir gar keine Auszeit gegönnt
habe, obwohl ich das eigentlich vor hatte. Das hat dann dazu geführt, dass
ich tatsächlich eine Pause machen musste, die ich aber auch nicht mit
nichts tun verbringen konnte. Ich habe dann Snakeskin gemacht, was
gewissermassen ein gutes Ventil und Therapie war, mir den Kopf wieder gerade zu
rücken. Ich habe genau das gemacht, was ich zu Beginn mit Lacrimosa auch
gemacht habe, nämlich ein neues Projekt zu gründen in einer
musikalischen Richtung, die es vorher in der Form und der Umsetzung noch
überhaupt nicht gab und die wahrscheinlich jeden vor den Kopf stösst,
um mir selber wieder diesen Mut beizubringen, den ich all die Jahre hatte und
den ich hier offensichtlich am verlieren war. Snakeskin hat mir dann
tatsächlich insofern geholfen, dass ich das tatsächlich durchgezogen
habe, obwohl alle Meinungen dagegen standen. Und das, obwohl alle Meinungen
dagegen standen. Selbst im Freundeskreis sind alle schreiend davon gelaufen,
als ich Demos vorgespielt habe.
GW:
Wahrscheinlich musstest du so handeln um den Kopf wieder frei zu
bekommen, oder?
Tilo: Ja,
absolut. Im nachhinein muss ich auch wirklich sagen, ohne dieses Album
hätte ich Lichtgestalt nie in der Art schreiben können
und es hätte vielleicht noch ein oder zwei Jahre gedauert, bis das
nächste Lacrimosa-Album gekommen wäre.
GW: Warum aber hast du
plötzlich Angst vor dem bekommen, was du mit Lacrimosa gemacht und
erreicht hast? Der Erfolg müsste dir doch eigentlich Sicherheit gegeben
haben, oder hat es vielleicht auch was damit zu tun, dass du durch die vielen
klassischen Elemente und die ganzen klassischen Musiker, den Chor und die
Streicher zu viel Kontrolle aus der Hand gegeben hast.
Tilo: Das weniger. Ich war einfach wahnsinnig
beeindruckt war von der kompositorischen Leistung, die ich auf
Echos abgeliefert habe. Ich habe mich gefragt, ob ich so was je
noch mal wieder hin bekomme. Ich bin schon nach der Stille gefragt
worden, wie man das noch toppen soll. Dann habe ich Elodia gemacht
und die Leute haben gesagt, dass man das wirklich nicht mehr toppen kann. Und
das ging immer so weiter. Ich habe mir nie Sorgen gemacht weil ich immer
wusste, dass ich einfach nur Gefühle zum Ausdruck bringen will. Ich
entwickle mich weiter, also wird sich meine Musik auch immer weiter entwickeln
und ich muss mir keine Sorgen machen. Plötzlich, nach Echos,
habe ich mir selber ein Bein gestellt und mich selber in Frage gestellt.
Musikalisch ist das für jemanden, der das ja auch nie gelernt hat, und der
an Solomusikern die Elite Europas im Studio gehabt hat, sehr beeindruckend. Ich
war zu sehr beeindruckt von dem, was aus Lacrimosa geworden ist. Das war
einfach für mich das Problem. Lacrimosa war mich ein riesiger Berg und ich
hatte keine Ahnung mehr, wie ich da hoch klettern sollte und vergessen hatte,
dass ich den Berg ja selber erschaffen habe. Und so hast du auch sofort den
Bezug zum Albumcover. Bei Echos habe ich damals gesagt, dass ich
nicht weiss, wo dieses Schiff hinfährt. Ob es auf das Meer
hinausfährt oder an Klippen zerschellt. Ich konnte mir allerdings
vorstellen, dass es nicht weiter dort unten in dieser Schlucht weitergehen
muss, sondern vielleicht auf dem Land und in einer ganz anderen
Atmosphäre. In der Höhe nämlich, auf diesem Berg. Auf der
Coverrückseite, links neben den ausgezogenen Kleidern, sieht man die
Schlucht und hier kann man sich vorstellen, dass dort das Schiff festgemacht
hat oder vielleicht auch zerschellt ist. Der Harlekin ist diesen Berg hinauf
geklettert und es interessiert ihn gar nicht mehr, ob da vor ihm das offene
Meer ist. So ist es mir ja ergangen. Das Cover symbolisiert das ganz deutlich,
denn ich habe für mich gemerkt, dass ich mich in einer Schlucht
festgefahren und vergessen habe, komplett den Überblick zu bewahren. Ich
habe vergessen, dass ich der Schöpfer Lacrimosas und des Harlekins bin,
der ja die visuelle Umsetzung der Musik ist. Deswegen darf er sich hier auch
das erste Mal ohne Kleider präsentieren, was dafür steht, dass dieses
Album direkt, deutlich, klar und nackt ist. Dass ich mich hier ganz bewusst und
unverblümt, was man auch in den Texten hört, präsentieren
möchte. Auf der anderen Seite präsentiert er hier die Flügel,
die er vorher nie präsentieren konnte, und die er vorher eigentlich auch
nie hatte. Das ist ein Zeichen dafür, dass, so wie sich die Musik
entwickelt, er sich mit der Musik entwickeln kann. Der Punkt, warum er
Fledermausflügel hat, ist ein religiöser Gedanke. Wenn man davon
ausgeht, dass der Engel des Lichts ja der gefallene Engel ist und zum Inbegriff
des Dunklen wurde, dann geht es dem Menschen ja eigentlich ähnlich. Er
sollte die Krönung der Schöpfung sein, ist aber zur Schande der
Schöpfung geworden. Wir sind alle gefallene Engel. Wir erinnern mit
unseren Flügeln noch an die Fähigkeit lieben zu können, was wir
noch haben und im einzelnen auch tun, aber sie sind nicht mehr so schön
wie sie eigentlich hätten sein und vielleicht auch wieder einmal werden
können. Bisher hat der Mensch es aber weder im kleinen noch im grossen
geschafft diesen Frieden für sich zu bewahren und sich die Krone
aufzusetzen, die er eigentlich haben sollte. Stattdessen benimmt er sich
vollkommen gegenteilig, nämlich als Abschaum.
GW: Wie bist du
überhaupt auf den Titel des Albums, Lichtgestalt, gekommen? Zu
Zeiten eines Bundestrainers Franz Beckenbauer war dies ja ein fast schon
inflationär gebrauchter Begriff. Dieser Begriff suggeriert einem ja,
Hoffnung zu geben oder zu empfangen und Kraft zu spenden. War das die Intention
bei der Wahl des Titels?
Tilo:
Ich hatte diesen Begriff ganz weit in meinem Hinterkopf. Ja,
Lichtgestalt, stimmt. Franz Beckenbauer
aber das ist mir zum
Glück gar nicht so bewusst gewesen, sonst hätte ich das Album sicher
nicht so genannt. Die Antwort ist jedoch jein. Sicher als Hoffnungsträger
und eine Gestalt, die strahlt, zu der man aufblickt und in deren Nähe man
sich auch gerne begibt, weil man gerne etwas von dem Licht und der Wärme
abhaben möchte. Auf der anderen Seite singe ich in dem Lied aber auch
Lichtgestalt, in deren Schatten ich mich drehe. Es ist also
zweischneidig zu sehen. Einerseits sucht man diese Lichtgestalt und sehnt sie
herbei, andererseits merkt man dann aber auch sehr schnell, dass diese
Lichtgestalt einen sehr schnell in den Schatten stellt und einen selber
überragt. Das ist auch wieder ein Teil dessen, was ich vorhin erzählt
habe. Ich habe Lacrimosa gegründet. Ich schreibe die Musik, ich bin der
Produzent, bin ich die Lichtgestalt, die diese Marionette dirigiert. Nach
Echos habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr diese Lichtgestalt bin.
Der Harlekin, wenn man ihn als Sinnbild für Lacrimosa nehmen möchte,
wird plötzlich zur Lichtgestalt und ich stehe in seinem Schatten und komme
da nicht mehr hinaus. Ich bin nicht mehr in der Lage Musik zu schreiben, ihn
sozusagen zu füttern, weil er mich überstrahlt. Weiterhin werde ich
in der Öffentlichkeit mit Lacrimosa gleich auf das reduziert und ich
merke, dass ich zum Harlekin werde. Man sagt Lacrimosa und denkt an Tilo Wolf
und man sagt Tilo Wolf und denkt an Lacrimosa. Plötzlich bin ich, Tilo
Wolf, die Figur, die von diesem Harlekin als Marionette bewegt wird. Da gibt es
also eine Wechselwirkung, so dass mal ich die Lichtgestalt für ihn bin,
und er umgekehrt für mich. So wie er jetzt vor mir kniet, wenn ich mir das
Cover ansehe, knie ich im Prinzip auch vor ihm. Ich knie vor meinem
Schöpfer und, ganz wichtiger Punkt, so wie ich auf Echos mit
dem Schiff vor meinem Publikum davon gefahren bin, so habe ich mich hier ganz
bewusst in einer relativ demütigen Haltung vor das Publikum gekniet, weil
ich meinem Publikum gegenüber ja auch eine gewisse Verantwortung und eine
gewisse Schuldigkeit habe. Dieser Verantwortung möchte ich mir auch
bewusst sein.
GW: Hast du durch
diese Erfahrung und der Verantwortung deiner eigenen Schöpfung
gegenüber, im Wissen, welche Dimension Lacrimosa erreicht hat, einen noch
stärkeren Druck empfunden als bei den vorhergehenden
Veröffentlichungen?
Tilo:
Nein, eigentlich gar nicht mal. Der Druck, den ich ja im Normalfall
an mich selber habe, ist nicht der, dass ich mich musikalisch irgendwie
beeindrucke. Meine Massgabe an Lacrimosa ist eigentlich die, dass ich meine
Gefühle zum Ausdruck bringen und Musik hören möchte, die keiner
sonst macht. Musik zu schreiben, die ich selber gerne hören will und die
ich halt selber machen muss, weil sie kein anderer macht. Diese beiden Sachen
sind ganz wichtige Punkte; meine Gefühle zum Ausdruck bringen, und das ist
die Messlatte, die mit jedem Album höher wird und an der ich mich jedes
Mal messen lassen muss. Kelch der Liebe zum Beispiel hat drei
Betrachtungsweisen, wie die Liebe betrachtet wird, und alle drei
Betrachtungsweisen haben ihr eigenes musikalisches Thema. Bei
Nachtschatten, in der Mitte des Songs, dieser emotionale
Höhepunkt, der sich textlich in sehr abstrakten Bildern widerspiegelt,
während die eigentlichen Hauptthemen, sozusagen der Chorus, mit ganz
realen Bildern und Assoziationen widergespiegelt wird. Lauter solche
Geschichten, wo ich halt eben versuche, die Texte in Musik umzusetzen und die
Kompositionen und Arrangements versuche mit Emotionen zu erfüllen, das ist
für mich die Messlatte und möchte ich weiterkommen. Ich möchte
Musik schreiben, die mich vom Herzen bewegt. Das muss meine Messlatte sein, und
nicht, dass ich dasitze und denke toll, Tilo, du hast echt was tolles
komponiert, was nicht jeder komponieren kann. Wenn man mal eine Liste
erstellen würde all der grossen Komponisten, dann hätte ich auf
dieser Liste überhaupt keinen Platz. Also muss ich mir auch nichts auf
mich einbilden, und das war ja auch nie die Prämisse und darf es für
Lacrimosa auch nie werden, sonst renne ich an den Grundidealen von Lacrimosa
vorbei und es ist für mich ganz wichtig, dass ich daran festhalte. Ich
habe gesagt, dass ich die Musik machen möchte, die keiner sonst macht. Das
ist ein wichtiger Punkt für mich. Damit habe ich angefangen weil es
für mich ganz klar ein Bedürfnis war. Wenn du etwas nicht bekommen
kannst, was du gerne hättest, dann musst du es halt selber machen. Das
bewahrt mich aber auch davor andere Bands zu kopieren, denn bei dieser
Prämisse kann es ja nie darum gehen die Band, die ich klasse finde,
nachzuspielen, denn die Band gibts ja schon. Wenn ich komplett mal
zufrieden wäre mit dem was es geben würde und es jemand geben
würde, der genau das abdeckt, was Lacrimosa machen, genau die Gefühle
abdeckt, die ich mit Lacrimosa abdecke, dann würde ich Lacrimosa nicht
mehr machen. Lacrimosa wird immer grösser und erfolgreicher und mir ist es
extrem wichtig, dass ich mich dadurch nicht beeindrucken lasse. Ich habe so
viele tolle Bands gesehen, die daran kaputt gegangen sind, weil sie mit dem
Erfolg nicht mehr klargekommen sind und sich von den Majors dann haben alles
diktieren lassen oder in Zugzwang geraten sind, weil sie selber gemerkt haben,
dass das letzte Album supererfolgreich war und sie meinen, jetzt ein
ähnliches Album abliefern zu müssen. Bei so einer Entwicklung ist es
unglaublich wichtig, dass ich mich an den Grundfesten, von Lacrimosa festhalte,
damit ich immer in der Lage sein werde die Musik zu machen, die mich
erfüllt und die ja auch zum Leben brauche. Mir ging es hundselend, als ich
gemerkt habe, dass ich ein Problem mit Lacrimosa bekomme. Es wäre schade,
aus meiner Sicht, wenn solch ein schönes Projekt wie Lacrimosa nach so
vielen Jahren plötzlich umfallen würde.
GW: Lacrimosa existieren
nun auch bereits fünfzehn Jahre und nicht viele Bands können von sich
behaupten, über solch einen langen Zeitraum aktiv und dabei mit jedem
Album noch erfolgreicher zu sein. Wo liegt das Geheimnis des
Erfolges?
Tilo: Authenzität
ist sicher auch der Schlüssel dafür, dass wir da sind, wo wir heute
sind. Lacrimosa hat nie den grossen Knall von null auf hundert gemacht und ich
denke, viele Leute spüren, dass das, was wir machen, von Herzen kommt. Ich
muss aber auch sagen, dass es mir mit meiner eigenen Musik ähnlich geht.
Wenn ich mir ein Album von vor zehn oder zwölf Jahren anhöre, stelle
ich fest, dass ich emotional immer noch extrem davon gefangen bin. Das
bestärkt mich auf meinem Weg weiterzugehen. Ich merke, ich mache das schon
seit so vielen Jahren und kann das, was ich damals gemacht habe, heute immer
noch mit grosser Begeisterung hören. Das heisst für mich, dass ich
auf dem richtigen Weg bin, dass ich das Album, was ich heute abliefere, in
zehn, fünfzehn Jahren immer noch gut finden werde. Das ist ein ganz tolles
Bewusstsein, was einem Mut und Kraft gibt, den Weg konsequent weiterzugehen.
Ich habe mit der Kommerzialisierung der Szene., so wie sie im Moment
stattfindet, gar nicht mal so das Problem, so lange sie von aussen kommt. Da
ist es auch für alle sichtbar und es spült aber dadurch auch ein paar
Leute in unseren Undergroundtopf, die wir ja auch brauchen. Leute, die die
Clubs am leben halten, die die Magazine und die Platten kaufen. Was viel
schlimmer ist, und was mich auch wirklich aggressiv macht, sind diese
Trittbrettfahrer. Als ich 1994 Schakal und 1995 Inferno
herausgebracht habe, haben mir die Grufties gesagt, dass ich das nicht
veröffentlichen könnte, weil es viel zu hart für die Gothicszene
sei. Und die Metaller haben gesagt wer soll denn das hören, das ist
doch viel zu düster. Das war halt die Geburtsstunde des Gothic
Metal, oder zumindest des symphonischen Gothic Metals. Kurze Zeit später
konnte man das Wort Gothic Metal, was damals eigentlich noch gar nicht
existiert hat, schon gar nicht mehr hören, weil mittlerweile so viele
Bands auf dieses Trittbrett aufgesprungen sind, dass selbst ich mittlerweile
sage: bitte nicht noch eine Gothic Metal-Band. Da sehe ich vielmehr
das Problem, denn die Leute in der Szene sehen hier gar nicht mehr, dass es
sich um Trittbrettfahrer handelt. Ich kenne viele Musiker und ich weiss, was
die vorher gemacht haben, und das ist dann wirklich bedenklich.
GW: Musikalisch ist Lichtgestalt
sicher das abwechslungsreichste und vielseitigste Album, das du je mit
Lacrimosa gemacht hast.
Tilo: Du
hast vollkommen Recht, mit dem was du sagst. Ich bin ein Mensch der Extreme und
je älter ein Mensch wird, und je länger er das macht, was er macht,
desto sicherer und desto ausgereifter und ausdrucksstärker ist das. Meine
Musik ist eine Musik der Extreme und ich glaube, das ist der Grund, warum das
Album am abwechslungsreichsten ist. Sei es nun musikalisch, aber auch
emotional. Ich könnte mir vorstellen, das ist einer der wenigen
Augenblicke, wo ich einen Blick in die Zukunft wage, dass dies bei
zukünftigen Alben immer der Fall sein könnte. Jetzt habe ich es
ausgesprochen, und wahrscheinlich wird genau das Gegenteil passieren (lacht).
GW: Die
einzelnen Parts, sei es nun, was die Härte oder auch die
atmosphärischen Passagen angeht, scheint Lichtgestalt sehr
viel extremer ausgefallen, als alle anderen Alben zuvor. Auch deine Stimme
bricht mehrmals weg, was die Emotionen, die du zum Ausdruck bringen
möchtest, klar in den Vordergrund stellt.
Tilo: Das war ganz bewusst so angelegt. Das hat
wieder was von dieser Nacktheit des Covers, einer Nacktheit, die ich bei diesem
Album einfach auch empfinde. Ich weiss, dass ich nicht der weltbeste
Sänger bin, das werde ich auch nie werden, aber ich habe eine Gabe, die
sehr selten ist. Ich kann meine Gefühle sehr gut in meiner Stimme
ausdrücken. Dieses Potential will ich ausschöpfen, und das habe ich
auf den letzten Alben auch immer mehr und mehr ausgeschöpft. Dabei habe
ich eine sehr grosse Freude und andererseits gibt es mir auch wieder sehr viel
Selbstbewusstsein.
GW:
Lichtgestalt scheint ein Album über die Liebe zu
sein, aber kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne.
Tilo: Absolut. Die Thematik des Albums ist die
Liebe und wie ich damit umgehe. Welche Erfahrungen ich mit der Liebe gemacht
habe und weil es ein Thema ist, dass mich allgemein ehr interessiert. Hier hat
es sich, wie bei Elodia und Fassade, im Laufe der
Arbeit herauskristallisiert, dass es sich in diese Richtung entwickeln
würde, auch wenn es nicht als Konzept geplant war. Das habe ich erst bei
den Aufnahmen realisiert und war mal wieder sehr spannend, weil ich gerne
selbst überrascht werde und mir mal wieder vor Augen führt, wie alles
zusammenhängt, ohne dass es geplant war. Ich habe das Album allerdings
nicht Liebe genannt, um es offensichtlich zu machen, sondern aus
folgenden Gründen. Elodia, Fassade und
Echos sind drei sehr offensichtliche Konzeptalben, und das
könnte anfangen zu nerven. Mich nervt es langsam schon so ein bisschen.
Dieses Album soll nicht als das weltbeste oder bombastischste gelten. Für
den einen oder anderen kann es das vielleicht sein, hat aber ganz andere Werte.
Zu diesem Zeitpunkt ist es einfach nicht angebracht einen Aufkleber auf das
Album zu machen wo draufsteht ich bin ein Konzeptalbum.
GW:
Eine gemeinsame Tournee mit Gothminister ist angekündigt.
Live wird von den klassischen Elementen sicher wieder viels auf der Strecke
bleiben.
Tilo: Einiges wird
umarrangiert, einiges wird Anne mit Keyboards live auf der Bühne spielen.
Titel wie Hohelied der Liebe können wir natürlich
überhaupt nicht spielen. Es ging mal ein Gerücht durchs
Internet, wir würden mit einem Orchester auftreten, aber das war nie so
angedacht oder angekündigt. Ich erträume es mir und ich wüsste
auch in welcher Location. Es wäre toll, dass eines Tages mal als
Einzelveranstaltung zu machen, aber es ist finanziell natürlich ein Ruin.
Ich weiss von einer Band, die das vor Jahren mal gemacht hat, die bis heute
noch die Schulden abzahlt. Das wurde falsch kalkuliert und hat die Band fast
ruiniert. Im Studio ist immer alles sehr kontrolliert und ich bin immer
komplett aufgelöst, wenn ich das Album im Studio dann das erste Mal
hören darf. Im Studio muss ich mich extrem konzentrieren und muss
versuchen, die Emotionen, die ich bei der Komposition hineingelegt habe,
rüberzubringen. Auf der Bühne geniesse ich es sehr improvisieren zu
können und ohne mein Lastenbuch musizieren zu können. Das ist mit
einem Orchester natürlich nicht möglich, denn da muss alles genau
durcharrangiert sein.
Michael Kuhlen (OBLIVEON) für
GothicWorld
Review:
"Lichtgestalt"
www.lacrimosa.com
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