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14. WGT 2005 - der Bericht
Sonnabend, 14.05.2005

OSWALD HENKEGrün ging's gleich nach dem Frühstück weiter. Ein Abstecher zur Fee in der "Sixtina" sorgte fürs Feintuning aller Sinne. Die "Gothic-Family" hatte hier Quartier bezogen und bot eine illustre Anlaufstelle für Elternberatung jenseits jeder Norm und geladener Künstler. Weiter ging's durch das triefend nasse Leipzig ins Schauspielhaus. OSWALD HENKE lud auch hier zur All-Inclusive-Lesung. Nachdem drei Freiwillige mit Alkohol überredet werden konnten auf der Bühne als Unterstützung Platz zu nehmen und die unter achtzehnjährigen mit Lollys versorgt waren, ging es in gewohnt brillianter Rhetorik durch Texte von den Goethes Erben, den inzwischen begrabenen Erblast, Artwork und VOX, sowie Auszügen seiner Bücher "Spaziergang durch ein Mienenfeld" und "Tendenziell menschenverachtend". Ein Wechselbad der Gefühle mit todernsten Themen, Dramatik, Schmunzeln und herzhaften Lachern, nicht zuletzt Dank der Puppen-Stargäste wie Heiner und Metzger. Den Höhepunkt bildeten seine "Best-Of Henke Trocken"-Kolumnen für den "Orkus", besonders für jene, welche unveröffentlicht geblieben sind. Eigentlich wollte OSWALD HENKE nach anderthalb Stunden noch gar nicht von der Bühne, aber er tröstete sein Publikum auf eine weitere, anders gestaltete Lesung am nächsten Tag und die CD-Releaseparty seiner Erben, welche hier vollständig dem Meister an den Lippen hingen. Trotz nicht aufhörendem Regen war die Parkbühne die nächste Anlaufstelle für uns. (IK)

WGT-ImpressionenRegen, Regen, Regen - eigentlich ein wahres Geschenk des Himmels an die etwa 20.000 dunkelbunter Gestalten. Aber sobald die Schminke verläuft ist Schluss mit der Freude an den weinenden Engeln. "Und die Lage war fatal: Keine Schminke, kein Kajal!".

Schwarze Schirme verkauften sich nicht nur wie warme Brötchen, sie nahmen einem auch die Sicht - in der Parkbühne bei AND ALSO THE TREES. Der frühe Auftrittstermin wurde dem Status der Band, die immerhin seit fünfundzwanzig Jahren Einfluss auf das Genre hat; nicht gerecht. Trotzdem ließen sie es zum Jubiläum blitzen und lieferten trotz/wegen des Regens eine gute Show. (Bela)

ASPZur besten Kaffeezeit, dann ASP. Viel zu hell, trotz Wolken und viel zu kleiner Spielstätte, denn auch hier gelangte nur eine knappe Handvoll neuer Zuschauer in die Parkbühne. Der Rest (geschätzte 300 Fans) musste draußen bleiben (Hier fragt man sich doch schon nach dem Organisationstalent der Veranstalter und der Wahl von "Headlinern" und passenden Locations.) Entschieden mehr Fans als im Oval standen im Regen davor, um wenigstens was auf die Ohren zu bekommen. Bereits letztes Jahr gab es ja diverse Probleme, angesagte Topbands auch mal live zu erleben. Man erinnere sich nur an das Chaos bei den Black Rain-Bands wie u.a. Feindflug vor dem "Haus Leipzig". Der schwarze Schmetterling entfaltete seine Flügel und wärmte per se die verfrorenen Fans mit erlesenem Liedgut und jeder Menge Pyrotechnik. Wenn dieses Konzept ausgebaut wird, kann Til Lindemann sich bald ein neues Hobby suchen! Der Eindruck, man wolle Drummer "Himmi" grillen und "Ich will brennen" würden jetzt öffentlich in die Tat umgesetzt, blieb jedoch nur den ersten Reihen vorbehalten. Ein Meer aus Regenschirmen versuchte der Himmelsflut Herr zu werden. ASP heizte dennoch die Stimmung immer mehr an, animierte das Publikum zur Laola-Welle mit Schirmen und lud ein zur Gothicversion der Fischer-Chöre. Zwischen all dem Heidenspass dann doch noch ernste und nicht oft genug gesagte Worte "Wo immer sie versuchen Euch zu verbiegen, schreit es ihnen ins Gesicht: Wir sind anders als Ihr"! Absolut perfekte Stimmung sowie WGT-Premiere für die neuen Songs "Schwarzes Blut" und "Tiefenrausch" vom kommenden Album "Aus der Tiefe". Eines der Glanzlichter im Programm dieses Jahres, erst recht, wenn man die Faktoren Wetter, deplazierte Location und Diebstahl bei der Pyrotechnik mit einbezieht… (IK)

Im Anschluss begab ich mich in den "Anker", der Heimstätte für neufolkloristische Musik beim diesjährigen WGT. Erstmalig als Location ausgewählt, entpuppte sich dieser am Ende der Stadt gelegene, kleine aber sehr feine Veranstaltungsort als wahrer Traum. Mit richtiger Bühne, Balustrade, Empore und Säulengängen an der Seite, doch für die Vielzahl der Anhänger leider zu klein, so dass sich auch hier eine lange Schlange vor'm Eingang zum "Anker" bildete. (Bela)

INNER GLORYDen Wettstreit um den besten Nick Cave Lookalike zwischen GOLDEN APES-Sänger Peer Lebrecht und INNER GLORY-Sänger Johnny B. entschied der Frontmann der Italiener knapp für sich. Ungeachtet einer gerissen Gitarrensaite boten INNER GLORY jedenfalls einen bemerkenswerten Set, der natürlich ganz im Zuge des kurz zuvor entschiedenen Debüts "Remains Of A Dream" stand und Herzenswärme in die geschlossene Front der adrett uniformierten Neofolk-Anhängerschaft brachte, wobei sich die Band musikalisch eher in der guten alten Singer-/Songwriter Tradition eben jenes Nick Cave präsentierte. Grossartige Momente standen vor allem an, als "War Is Forever" und "What Remains Of A Dream" intoniert wurden und der ebenfalls anwesende Albin Julius, seines Zeichen Labelboss des WKN-Labels, dürfte mit der Vorstellung der bei ihm unter Vertrag stehenden INNER GLORYs mehr als zufrieden gewesen sein. (MK)

DARKWOODWelchen Status DARKWOOD in der deutschen Neofolkszene mittlerweile innehaben wurde dann gegen 18:30 Uhr deutlich, denn der "Anker" platzte aus allen Nähten, als Henryk Vogel die Bühne betrat und mit Liedern wie "Im Norden" oder "Der Falken Flug" für tosenden Beifall sorgte. Hier wurde dann auch etwas von der Faszination dieser oft zu Unrecht so argwöhnisch betrachteten Neofolkszene deutlich, vereinen sich bei DARKWOOD doch Naturmystizismus und ein melancholisches Lebensgefühl wie bei kaum einer anderen deutschen Band dieses Genres, natürlich einhergehend mit einer gehörigen Portion an Pathos und der Liebe für die Schönheit des Heimatlandes. "Stiller Bund" mit dem sich steigerndem Marschrhythmus sowie das packende "Night" sorgten dann für lang anhaltenden Applaus, dem jedoch leider eine Zugabe verwehrt blieb. (MK)

Nach dem rein akustischen Programm von DARKWOOD gaben sich IN MY ROSARY die Ehre, die nicht ganz in den Rahmen passten. Oder passen wollten. Bei ihrer Darbietung überwog der Wave-Anteil deutlich über folkige Elemente - traf aber trotzdem den ausgesuchten Geschmack der Anwesenden. Obwohl es gepasst hätte, spielten sie ihr Death In June-Cover nicht. Mein Favorit deshalb: "Way Into Your Heart" vom letztjährigen Album, eine herrlich melancholische Nummer, getragen von Ralf Jeskes Ausnahmestimme. (Bela)

SONNE HAGAL boten dann wieder ruhigere und besinnlichere Momente, konnten aber nicht ganz an die Magie des vorangegangenen Auftritt DARKWOODs heranreichen. Verstärkt durch Andreas Ritter von Forseti war vor allem "Eismahd" aus einer sehr homogenen Setlist herauszuheben. Wo DARKWOOD das Herz und die Seele ihrer Zuhörer ansprechen, da verfestigte sich im Laufe des Konzertes von SONNE HAGAL der Eindruck, dass hier vielmehr der Kopf angesprochen wird und man sich eher in der Tradition von Bands wie SOL INVICTUS sieht. Nichtsdestotrotz gerade durch Songs wie "Midwinternight" und "Futhark" ein schönes Konzert. (MK)

SOL INVICTUSDann - endlich, endlich - kamen SOL INVICTUS. Auf das Neo- und Apocalyptic Folk-Urgestein schien die überwiegende Mehrheit des Publikums gewartet zu haben. Viele fanden im Anker keinen Platz mehr und verpassten so einen aufgeräumten, fast fröhlichen Tony Wakeford, der, unterstützt von seiner Frau Renee Rosen, einer zweiten Geigerin und Karl Blake am Bass einen furiosen Querschnitt durch sein musikalisches Schaffen gab. Den Aufschlag machten sie mit "We Are The Dead Man" vom aktuellen Album. Der Auftritt war statisch und durch die Bewegungsarmut umso intensiver. Die Mischung aus eher politisch motivierten Titeln wie "Media" und "Fields" und bitterbös-romantischen (Liebes)liedern wie "Believe me" und "Abbattoirs of Love" machte den Auftritt zu einem der erhebendsten des ganzen Festivals. (Bela)

Ganz anders die Ungarn A.C.T.U.S, die, obwohl von manchen nicht zu unrecht als Kult tituliert, mit ihren elekronischen und ambientmäsigen Arrangements nicht so recht in das musikalische und vornehmlich durch Akustikgitarren geprägte Programm des Abends passen wollten. So leerte sich der "Anker" dann im Verlauf des Sets auch recht schnell und auch wir zogen es vor nach drei Stücken den Heimweg anzutreten. (MK)

MORTIISZeit fürs Sandmännchen, die Reihen lichteten sich. Für die Verbliebenen gab's Gutenachtgeschichten der anderen Art vom Herrn der spitzen Ohren. MORTIIS machte sich auf den "Way Too Wicked". Seine beiden Gitarristen Levi Gawron und Asmund Sveinunggard erzeugten organischen Bühnennebel, in dem sie sich jeweils mehrere Kilo Mehl vom Körper bangten. Nicht nur die Songs von "The Grudge", auch jene genial zur Witterung passenden Lieder des "The Smell of Rain"-Albums gewannen deutlich durch die knackige Härte der Liveumsetzung. Dank der Maskerade war der ansonsten zurückgezogen lebende Künstler ein gefundenes Fressen für die Fotografenmeute, welche sehr deutlich aus dem Fotograben herauskomplimentiert werden musste. (IK)

Nochmals ASP, inzwischen im trockenem und in der Tiefe. Das "Dark Flower" platzte zum nächtlichen Prelistening vom neuen Album aus allen Nähten. Trotz Atemnot und kaum mehr Durchblick, liess die Band sich Zeit für alle Fragen und Autogrammwünsche der Fans. Auch wenn ASP dann mit Mühe die DJ-Kanzel erreichte, zum Bewegen kam angesichts Sardinendosen-Feelings auf der Tanzfläche kaum jemand. Weiter ging's zum Absacker in die Moritzbastei. Die letzten Klänge der viel versprechenden Franzosen MORTHEM VLADE ART erwarteten uns und danach nur noch warm tanzen bis in den Morgen. (IK)

Wohl peinlichster Höhepunkt des gesamten WGTs waren die als Headliner am Samstag in der Agra auftretenden und vor kurzem für eine SAT1 Show ausgebuddelten VISAGE. Einst Idole meiner Jugend, da mir Boy George immer zu bunt war, präsentierte sich ein Sonnenbankgebräunter STEVE STRANGE im Glitzerjacket, der, sturzbetrunken, ständig die Einsätze verpasste, eigentlich nie wusste welcher Song als nächstes kam und nur noch wie ein aufgeschwemmtes Imitat von Roy Black daherkam. Wo die recht junge Band den Songs ein noch leicht modernes Electrorock-Gewand gab, wurde schnell klar, dass VISAGE damals eigentlich ein Nebenprojekt von Ultravox waren. Einst schrieb der ME/Sounds zu einem Mitte/Ende der 80er gestarteten Versuch solo noch was zu landen, dass "STEVE STRANGE sich darauf beschränken sollte schön zu sein, denn singen kann er nicht". Nun ist leider auch das längst vorbei. Man sollte die Toten ruhen lassen, wenn sie nicht mehr tanzen können. (TS)


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Dieser Bericht ist ein Gemeinschaftsprojekt
von OBLIVEON und der GOTHICWORLD

Redaktion: Michael Kuhlen (MK), Thomas Sabottka (TS), Ivo Klassmann (IK), Daniel "Bela" Bartsch (Bela)
Photos: Michael Kuhlen, Ivo Klassmann
Gestaltung: Sir Ritchie

Mehr Bilder vom WGT 2005:
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