Exclusive Interview:


ANUBIS zur Releaseparty von "Heroin(E)"

Am 13.Oktober fand im Hanauer Audion die Release-Party zum neuen ANUBIS-Album "Heroin(E)" statt. CD-Review und Bericht des Abends kennt ihr ja schon. Im Anschluß an den offiziellen Part, mit dem ANUBIS nicht ganz so zufrieden waren, waren Dark Angel, Black Tear und Schwarze Träne in ein interessantes Gespräch mit Matthias und Christoph von ANUBIS vertieft, das tiefe Einblicke in das Warum und Weshalb, die Band trotz des zahlreich erschienenen Publikum, etwas enttäuscht mit dem Abend und sich selbst war:

Anubis


GW: Der gestrige Abend ist ja nicht ganz so verlaufen wie ihr euch das vorgestellt hattet. Was waren eurer Meinung nach die Gründe dafür?

Matthias: Wir hatten leider nicht berücksichtigt, dass die ganze Veranstaltung eigentlich einen Touch von einem Rockkonzert hatte. Die Leute sind zu dem Konzert gekommen, weil sie eine Live-Band sehen wollten. Wir haben aber dieses Konzept gemacht. Da hat einfach der Kontakt zum Publikum gefehlt. Das Publikum war auch nicht offen genug und nicht bereit, sich auf das Stück einzulassen, hat unheimlich viel geschwatzt zwischendurch und war sehr unruhig. Und die Leute, die sich eigentlich dafür interessiert haben, haben durch den Lautstärkepegel die Dialoge zwischen den einzelnen Stücken gar nicht mitbekommen. Zusätzlich hatten wir noch soundtechnische Probleme mit der Anlage, so dass die Songs sehr schlecht rüberkommen sind. Uns als Band hat das Konzert auf der Bühne aber sehr gut gefallen und wir waren wirklich froh über den Auftritt.

Christoph: Ich sehe das ganze etwas anders. Meiner Meinung nach ist unser Konzept für das aktuelle Album und für das Konzert zu "abgehoben". Wenn man als Zuschauer vor der Bühne steht und das hört, was an Dialogen rüberkommt, kann man nicht nachvollziehen, was wir eigentlich damit aussagen wollen. Deswegen denke ich, dass wir das ganze noch mal etwas überarbeiten müssen.

GW: Jetzt habt ihr die ganze Zeit euer Konzept angesprochen, aber was beinhaltet dieses Konzept denn nun genau?

Matthias: Das Konzept unseres neuen Albums basiert auf einer Erzählung, die ich geschrieben hab. Im Vergleich zur letzten Platte, die sehr sozialkritisch war und wir das ganze eher aus einer Metaperspektive betrachtet haben, ist das neue Konzept mehr persönlicher von mir. Es handelt von einer Angstvision die ich in Bezug auf die Zukunft habe. Ich habe große Angst und fühle mich sehr unwohl in unserer Massengesellschaft. Im Gegensatz zum Vorgänger wollte ich diesmal nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen, dies und jenes macht ihr falsch, sondern ich wollte ganz einfach sagen: "Davor hab ich aber Angst! Wie könnte das wohl werden?" Angst vor der Privatsphäre, die aufgehoben wird, vor Vernetzung und Globalisierung. Denn auch das Internet, dass ich mittlerweile als positiv empfinde hat mir anfänglich große Angst gemacht. Und diese ganzen Ängste vor der Zeit in der ich lebe, hab ich in dieser Geschichte verarbeitet. Diese Geschichte durchlebt eine Art "moderner Jedermann". Die Hauptperson ist also ein Mensch, der seine Individualität aufgibt, sich an ein großes Netzwerk anschließt und dann den Zustand der "Nichtexistenz" erreicht. Im zweiten Teil greifen wir dann noch die Geschichte des Ikarus und seinen Sturz ins Meer auf. An der Ikarus-Sage hat mich immer diese Balance zwischen der Sonne, also der Höhenflug zu weit nach oben, und dem Absturz fasziniert. Dass Ikarus den Mittelweg nicht gefunden hat. In unserem Konzept ist der Sturz ins Meer, der Sturz in etwas, dass Ikarus unheimlich Angst macht und zwar sein eigenes Ich. Vor diesem Ich flieht er, um sich dem ganzen Netzwerk auszuliefern. Er lässt diesen Engel, das Unbewusste in ihm, das zu ihm spricht, in sich sterben, kann ihn aber nicht ganz töten. Der Engel kehrt zu ihm zurück, als er sich in dem Zustand der Vernetzung befindet und gibt ihm Bilder und Erinnerungen, zum Beispiel an verlorene Freundschaften und an die verlorene Liebe, und lässt diese in ihm aufwachen. Dadurch empfindet Ikarus wieder Schmerz, der ihn aus diesem Zustand rausreißt. Und am Schluss steht er dann vor der Wahl, ob er sich zurückfallen lässt in diese Droge Netzwerk, um nicht reflektieren zu müssen wer er eigentlich ist oder springt er in den Abgrund, also in sein eigenes Ich. Auf der Bühne haben wir die Oberfläche des Meeres und das In-sich-selber-Zurückfallen, um wieder er selbst zu sein, durch einen Spiegel dargestellt. Letztendlich war es unser Ziel ein Musiktheaterstück zu machen. Und die Dialoge zwischen den einzelnen Songs, sollten dazu dienen, dass man die Stücke an sich besser verstehen kann.

GW: Nun hat Anubis in Hanau lange Zeit für Metal gestanden und sich damit auch einen entsprechenden Publikumskreis aufgebaut, der die Aussage eures Stückes nicht so aufgenommen hat wie ihr es euch vorgestellt habt.

Matthias: Ich bin noch nie auf die Bühne gegangen um die Songs runterzuleiern. Die Stücke bedeuten mir alle etwas und ich will damit etwas aussagen. Wenn ich mein Leben lang die Songs einfach so runterspielen würde könnte ich auch gleich über Sonnenblumen singen. Natürlich fand ich es toll, dass so viele Leute gekommen sind aber mittlerweile bin ich auf dem Stand, dass ich nicht mehr jeden auf unseren Konzerten haben will. Es gibt Leute, die stören einfach nur und passen in die ganze Atmosphäre nicht rein. Letztendlich geht es mir darum, dass das Publikum sich dafür interessiert, was ich rüberbringen will. Ich habe wirklich nichts dagegen, ein Rock-Album zu machen, auf dem jeder Song für sich alleine steht und das Publikum nicht so in Anspruch genommen wird, so wie wir es früher gemacht haben. Wenn ich aber ein Konzeptalbum mache und dann auf der Bühne, des Publikums willen, die ruhigeren Songs rausnehme und nur die "Kracher" spiele, dann wir das ganze zerrissen und die Aussage geht verloren. Ein Konzeptalbum zu machen war schon immer mein Traum und deshalb wollte ich das Live auch so rüberbringen.

GW: Der Vorgänger "Dying Of Utopia" war also für dich noch kein Konzeptalbum?

Matthias: "Dying Of Utopia" hatte zwar schon ein feststehendes Konzept aber noch keine fortlaufende Handlung. Es gab nur einen Oberbegriff und die Songs gingen von der Sozialkritik her alle in die gleiche Richtung. Es ist aus einer großen Verletztheit heraus entstanden, weil ich mich von der Gesellschaft abgelehnt gefühlt habe. Mittlerweile empfinde ich das aber nicht mehr so stark. Wahrscheinlich weil ich dieses Gefühl durch die Songs auf dem Album besser verarbeiten konnte. Ich habe den ganzen Schmerz durch die Songs einfach rauslassen können. Zum Beispiel in dem Song "The Others" - Die Anderen. Die Anderen gehen im Licht und wir liegen hier und sterben an den Wunden, die wir uns geschlagen haben.

GW: Worin seht ihr in eurem Konzept den Unterschied zu anderen Werken, die sich mit diesem oder einem ähnlichen Thema befassen? Am ehesten fällt mir dazu die Musiktheateraufführung "Kondition: Macht" von Goethes Erben ein, die sich auch mit dem Mensch als Marionette in einer Welt voll Intoleranz, Gefühlskälte und Ignoranz auseinandersetzt.

Matthias: Der Unterschied besteht darin, das Marionetten noch von jemandem gesteuert werden. Die Marionetten, der Konsummensch oder auch die Masse, werden von jemandem gesteuert, der die Fäden in der Hand hat und daraus Profit ziehen will. Unser Konzept handelt davon, dass es keinen Menschen mehr gibt, der das ganze in der hand hat, die gesamte Menschheit hat es nicht mehr in der Hand, weil sich die gesamte Menschheit auflösen will. Auflösen in eine Art Zustand, in dem es keinen Unterschied zwischen den Menschen und ihren Errungenschaften mehr gibt. Diese chemische Aphrodite, dieses Netzwerk, ist eine Vernetzung von Märkten, Systemen und Individuen. Die Märkte habe ich darein gebracht, weil ich finde, dass gerade die Marktwirtschaft und die Globalisierung dazu sehr viel Beitrag geleistet haben. Auch wenn die Beziehung Marktsystem-Individuum nicht ganz in den Kontext passt, wollte ich die Märkte unbedingt mit ansprechen. Jedenfalls geht es darum, dass sich die Menschen selber entwickelt und definiert haben. Das heißt, der Mensch wird zu dem was er ist durch die Wahrnehmung seiner Wirklichkeit, die ihn umgibt und durch seine eigene Definition. In unserem Konzept hat der Mensch den Punkt erreicht, an dem er sich selbst überflüssig geworden ist und keine Visionen mehr hat. Also geht er den Schritt, die Selbstdefinition als Mensch und die Definition der Wirklichkeit wieder aufheben zu wollen. Die Realität ist ihm schal geworden und lässt den Mensch vollkommen versinken, denn in dem Moment, in dem ich mich nicht mehr als Mensch beziehungsweise als Individuum wahrnehme, existiere ich auch nicht mehr. Und damit habe ich den Zustand der Nichtexistenz erreicht. Ich habe also keine Vergangenheit mehr, die mich geprägt hat, durch Erlebnis und Eindrücke. Und in dem Moment, wo ich von nichts mehr geprägt werde, bin ich nichts mehr und wenn ich nichts mehr bin, hab ich keine Zukunft. Wenn ich keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr habe, habe ich diesen Punkt der Ewigkeit erreicht. Die vollständige Auflösung, sozusagen das Paradies.

Christoph: Ich stelle mir das vor wie einen dumpfen, raumlosen Halbschlaf, aus dem es gar kein Erwachen gibt. Das hat ja auch etwas erotisches an sich...

Matthias: Ich würde sagen, verlockend ist das richtige Wort. Ich muss keine Verantwortung mehr für mich übernehmen, ich kann alles auflösen lassen. Ich liefere mich aus und muss keine Entscheidungen mehr treffen.

GW: Also das auf die gesamte Menschheit bezogen, was es jetzt in Form von Internet schon gibt. Dass Leute im Internet ihre eigentliche Individualität vollkommen aufgeben, sich einer Masse anpassen und etwas darstellen, dass sie eigentlich gar nicht sind. Was mit ihrem eigenen Ich nichts mehr zu tun hat.

Matthias: Das ist natürlich die Gefahr. Internet kann man zwar als Chance begreifen, aber in diesem Extrem geht das schon ansatzweise in die Richtung. Wobei ich auch ein bisschen auf die Visionslosigkeit eingegangen bin. Ich habe mit meiner Generation Probleme, da nur wenig Leute Ziele haben. Selten treffe ich Leute, die wirklich was bewegen und verändern wollen, oder einfach nur was machen wollen. Die meisten Leute lassen sich nur noch unterhalten.

GW: Gab es denn für dich persönlich Erfahrungen und Erlebnisse, wo du dieses Verhalten ganz extrem bemerkt hast?

Matthias: Das schlimmste ist ja, wenn man diese Tendenzen an sich selber bemerkt. Man fällt ganz leicht in dieses Loch. Ich hatte vier Monate lang nichts getan und in dieser Zeit bin ich derartig unkreativ gewesen. Es war fast wie eine Lethargie: Man macht den Fernseher an und lässt sich zurieseln, man geht kaum noch aus dem Haus. Ich find es schon toll, wenn man einfach nur rausgeht und sich mit Freunden trifft. Ich hab in diesen 4 Monaten kaum ein vernünftiges Gespräch geführt und es hat einfach irgendwas gefehlt im Leben. Ich habe auch gemerkt, dass viele Leute keinerlei Interesse mehr haben. Das ist mir schon in meiner Schule aufgefallen: Es gab eine große Tradition, dass die Schüler selbst die Schule mitgestaltet und sehr viel erreicht haben, sehr viele Sonderregelungen durchgesetzt haben. Seit neuestem wird das aber alles zurückgenommen und keiner macht mehr was.

GW: In eurem Konzept schafft es der Ikarus durch Schmerz wieder zu sich selbst zufinden. Das ist ja nun fast schon pervers, dass er erst durch den Schmerz erkennt, dass er selbst noch existiert, oder?

Matthias: Ja, das stimmt. Aber ich denke, dass Schmerzen, auch wenn die meisten Leuten vor ihnen wegrennen wollen, keine negativen Gefühle sind. Sondern der Schmerz ist auch ein sehr echtes Gefühl, ein sehr direktes Gefühl. Denn in dem Moment, in dem ich Schmerz empfinde, bin ich auch schon fast wieder bereit und offen dafür, Freude zu empfinden. Je tiefer mein Schmerz geht, desto höher kann die Freude gehen. Das ist wieder dieses Ikarus-Thema: Je tiefer das Meer, desto höher kann ich zur Sonne fliegen. Ich muss diesen Mittelweg finden.

GW: Kann man aber nicht auch durch andere Emotionen, wie zum Beispiel Liebe, wachgerüttelt werden, denn dann merk ich ja auch, dass ich noch existiere.

Matthias: Natürlich geht das aber, aber dieser Mensch befand sich in einem Zustand, in dem er Liebe nicht empfinden hätte können. Für wen auch. Christoph: Der Inhalt muss ja auch zur Musik passen und unsere Stücke haben definitiv keinen freudigen Charakter.

GW: Aber einige eurer Songs haben dennoch eine positive Grundaussage?

Matthias: Es ist ja klar, dass immer Hoffnung im Spiel ist. Ich würde ja niemals sagen, die Menschheit ist verloren. Wenn ich davon ausgehen würde, dass es keinen Sinn mehr hat und die Menschheit ist vollkommen verloren, dann bräuchte ich diese Platte nicht zu machen. In dem Moment wo ich versuche ein Problem anzusprechen und in die Diskussion zu bringen, da hab ich logischerweise die Hoffnung, dass es auch etwas bewegen könnte. Deshalb hat das Album auch einen hoffnungsvollen Grundcharakter.

GW: Wie hat eigentlich der Rest der Band das Konzept aufgenommen?

Matthias: Es hat mich unheimlich überrascht, dass das Konzept so gut aufgenommen wurde. Früher bin ich oft gegen eine Wand gelaufen, wenn ich versucht habe Veränderungen rein zu bringen. Aber dieses Konzept wurde so bereitwillig von der Band aufgenommen, das hat mich total fasziniert. Die ganze Band steht dahinter und es haben auch alle die Geschichte dazu gelesen und sich mit dem Stück auseinandergesetzt. Sie haben selber Ideen entwickelt.

GW: Nun sprecht ihr mit eurer Musik eine relativ kleine Zielgruppe an, obwohl sich eure Kritik gegen die gesamte Gesellschaft richtet. Seid ihr der Meinung, dass diese Zielgruppe offener und empfänglicher für dieses Thema ist?

Matthias: Ich glaube nicht, dass wir nur diese spezielle Zielgruppe ansprechen wollen. Wir freuen uns auch, wenn die "Normalbevölkerung" offen für unsere Musik wird. Aber ich denke, dass man am ehesten mit dieser Sache Fuß fassen kann, bei einer Zielgruppe, die sich das auf ihr Banner geschrieben hat. Wir können immer nur einzelne Menschen aus unserem unmittelbaren Umfeld damit erreichen, die sich auch damit auseinandersetzen. Und selbst wenn die Musik nur von einer bestimmten Zielgruppe gehört und aufgenommen wird, dann ist es ja keinesfalls so, dass die "Gothics" auf einem extra Planeten leben. Jeder von denen hat ja auch Kontakte zu seiner Umwelt und beeinflusst beziehungsweise gibt Impulse an sein Umfeld, zum Beispiel an die Familie, Schulkollegen oder Freunde. Jeder kann es also netzwerkartig weitergeben. Es gibt wohl keinen, der sich nur innerhalb der Szene aufhält, sondern jeder hat genug Kontakte. Die Szene färbt natürlich auf die Gesellschaft in der sie lebt und von der sie ein Teil ist, ab. Auch wenn sie von der Gesellschaft abgelehnt wird, steht sie trotzdem in Kontakt zu ihr.

GW: Wenn man was verändern will, muss man bei sich selber anfangen. Man sucht sich ja als Freunde Leute aus, die sich mit dem was man denkt und tut identifizieren können. Die also im großen und ganzen diese Lebensphilosophie mittragen. Sonst würde man sich mit diesen Leuten ja gar nicht verstehen. Wenn man also in seinem kleinerem Umfeld anfängt zieht das natürlich seine Kreise wie bei einem Stein, den man ins Wasser wirft. Meiner Meinung nach ist gestern Abend aufgrund des Publikums recht deutlich geworden, dass es eine Menge Leute gibt, die gar nicht gewillt sind, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Die es weites gehend verdrängen, obwohl sie selbst davon betroffen sind. Siehst du ein Problem für euch als Band an diesem Ziel weiter festzuhalten, dass du jetzt sagst, ich hab den Glauben verloren, die Leute sind dafür nicht empfänglich. Oder versuchst du auch in der weiteren Arbeit von Anubis dieses Ziel zu verfolgen?

Matthias: Die Alben die wir gemacht, beziehungsweise die Songs, die wir aufgenommen haben, waren immer die, die mich in diesem Moment besonders beschäftigt haben. Das waren auch immer sehr unangenehme Themen. Es war nicht dieses normale "Ich sitz jetzt hier und zünde eine Kerze an", sondern es ging um Faschismus, um die Massengesellschaft oder auch Texte, die sich mit der Sinnfrage und der Suche nach Gott beschäftigt haben. Ich werde mich immer wieder mit Themen auseinandersetzen, die uns persönlich beschäftigen. Ich will damit kein Märtyrer sein, aber ich werde es auf keinen Fall sein lassen, auch wenn das Publikum das nicht aufnimmt. Ich denke es war das falsche Publikum, aber es gab auch Leute, die positiv davon beeindruckt waren. Vielleicht spricht sich das ja rum. Ich will das Stück auf jeden Fall auch wieder aufführen, ich werde es auf keinen Fall fallen lassen. Es ist geplant, dass wir das Stück in der Krone in Darmstadt aufführen. Man kann es natürlich ein bisschen überarbeiten, aber das Stück als solches bleibt bestehen. Ich lass mir die Texte vom Publikum auch nicht diktieren, was ich da zu singen habe.

Christoph: Wir müssen uns aber auch selber fragen, was wir falsch gemacht haben, dass es nicht angekommen ist. Wenn wir etwas verändern wollen, können wir nicht das Publikum ändern. Das Publikum ist relativ träge. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir unsere Message anders rüberbringen und zwar so, das sie verständlicher ist. Es bringt weder für uns Befriedigung, wenn wir nicht verstanden werden, noch für das Publikum, wenn die davor stehen und denken "Was wollen die überhaupt?!". Und da muss ein Kompromiss gefunden werden, der für beide Parteien akzeptabel ist.

Matthias: Wenn man aber versucht, die Sache auf einen einfacheren Nenner zu bringen, dann geht viel verloren und man würde das Niveau herabsetzen, um es massentauglicher zu machen. Christoph: Es waren wirklich hochgebildete Leute anwesend, die nichts davon verstanden haben von dem, was wir ausdrücken wollen. Und daran muss was verändert werden.

GW: Meiner Meinung nach lag das aber auch an den technischen Problemen, denn die Texte wurden so sehr von der Musik überlagert, dass es schwer war, dem Inhalt zu folgen. Aber die Leute wurden durch das Konzert angeregt, sich mit dem Thema zu beschäftigen und das, was man nicht verstanden hat kann man dann ja auf der CD verfolgen.

Matthias: Mir ging es bei der Live-Version des Albums ja gar nicht mal so darum, dass die ganze Sache über den Kopf läuft, sondern wir wollten vielmehr ein Erlebnis schaffen. So geht es mir manchmal bei bestimmten Lesungen. Ich ertappe mich dabei, dass ich das Gehirn ausschalte und die Worte wie eine Melodie auf mich wirken und dadurch komm ich an mein Inneres ran und entwickele dann diese Bilder. Und bei unserem Stück wollte ich eben durch die Texte diese Atmosphäre schaffen, dass die Musik mit den Dialogen eine Einheit bildet und einfach auf die Leute wirkt. Ich hätte mir gewünscht, dass ein bisschen mehr Ruhe da gewesen wäre, denn wenn ich was aufnehmen will, muss ich zunächst einmal auch zuhören können. Und ein Großteil des Publikums gestern konnte nicht zuhören, sondern hat rumgebrüllt und wollte feiern. Denn in dem Moment, in dem ich auf ein Konzert gehe, um mein Bier zu trinken und abzufeiern, da kommt ja gar nichts mehr an mich ran.

Christoph: Die Leute wollten aber doch auch Musik hören und mal rauskommen aus ihrem Alltag. Dann ist es doch ihr gutes Recht zu feiern. Die ersten 20 min. wurden ja auch super aufgenommen, aber danach wurde es einfach zu viel.

GW: Nun meinte Christoph vorhin, man sollte das ganze sachlicher darstellen. Du hast aber gleichzeitig auch gesagt, du stellst dir die Geschichte als eine Art Schlaf vor, natürlich dann unmittelbar verbunden mit einem Traum. Dann ist es aber doch naheliegend, dass man versucht das ganze auch träumerisch darzustellen, so wie ihr das auf eurem Konzert gemacht habt. Ihr habt mit sehr vielen Bildern gearbeitet, die die Geschichte wie einen Traum erscheinen lassen. Dann wäre es doch ein ziemlicher Bruch, wenn ihr versucht es sachlich darzustellen, bloß um es dem Publikum besser vermitteln zu können.

Matthias: Das Problem ist, dass eine Menge verloren geht, wenn man so etwas sachlich versucht rüberzubringen. Diese Geschichte, die auch in den Dialogen teilweise übernommen wurde, ist einfach so aus mir herausgeplatzt. Und damit steckt auch viel unbewusstes mit drin, was ich sachlich gar nicht ausdrücken könnte. Deshalb wollte ich es auch in diesem Wortlaut lassen, dass es teilweise als Unbewusstes wieder zurückgeht.

GW: Wenn man so etwas in einem Club aufführt hat man natürlich Club-Atmosphäre und da wird nun mal gelabert und gequatscht. Vielleicht sollte man es im Vorfeld einfach nicht als Konzert sondern als Musiktheaterstück ankündigen und dann eine Atmosphäre schaffen, die es für das Publikum einfacher macht zuzuhören, zum Beispiel genügend Sitzplätze zur Verfügung zu stellen.

Christoph: Dafür sind wir aber leider nicht professionell genug. Wie will jemand ein Theaterstück darstellen, der keine Ahnung davon hat.

Matthias: Wir müssten einfach jemanden, der von Theater an sich Ahnung hat mit hinzunehmen, da wir ja jahrelang nur Musik gemacht und textlich gearbeitet haben, aber mit einer Live-Umsetzung gar nichts am Hut haben. Das ist für uns noch vollkommenes Neuland. Hinzu kommt, dass man es dann auch in einer anderen Location, zum Beispiel in einem Theater, aufführen müsste, die wiederum Mietkosten in Anspruch nehmen würde. Dann würde für viele Leute aber eine Hemmschwelle wegfallen. Es gibt ja diese Hemmschwelle, auf Rockkonzerten da wird getrunken und da wird sich geschlagen, aber diese Klischees würden dann einfach wegfallen.

GW: Jetzt noch eine abschließende Frage: In welcher Verbindung steht der Titel "Heroine" zu dem Konzept des Albums?

Matthias: Der Titel ist ja dieses Wortspiel aus Heroin und das E ist eingeklammert. Es ist also einmal die Droge Heroin, die Droge dieses Zustandes der Nichtexistenz beziehungsweise Auflösung. Und zum anderen aus der Göttin Heroine, die Göttin des Mutes, die den Mut zum Sprung in das Meer, also zurück in sein eigenes Ich beschreibt.

GW: Wir bedanken uns bei euch für das tolle Interview und den gestrigen Abend und wünschen euch weiterhin viel Erfolg.
 

Anubis



Elke (DARK ANGEL), Martin (BLACKTEAR) und Stephan (SCHWARZE TRÄNE) für GOTHICWORLD
 
Ritchies Kommentar: Hey Matthias, Christoph und alle von Anubis! Seht das nicht so verbissen! Ich hab es ja miterlebt und sieht man mal von dem nicht optimalen Sound ab, der meiner Meinung wesentlich Schuld hatte, daß die beabsichtigte Message nicht optimal rübergekommen ist, war es ein tolles Konzert und ist es ein phenomenales Album! Nur klar war ja auch, daß die alten Songs mehr Applaus ernteten, als die meiner Meinung nach genialen neuen Sachen. Ist ja normal, denn die kennen die Fans ja auswendig. Ich bin sicher, daß sie bald auch live bei Songs wie "Selling Paradise" und "Chemical Aphrodite" mitsingen werden!