CD-REVIEWS:

39 Jahre ...    ANGIZIA:
"39 Jahre für den Leierkastenmann"
CD (Medium Theater)
     

... oder "Ein Stück Für Die Judenstadt" in drei Akten.


Michael HaasWas sich seit Wochen in den GothicWorld-Charts auf Platz 1 tummelt, macht mit Sicherheit neugierig. Thomas Sabottka ist der Sache nachgegangen:

Mit dieser CD legen die aus Österreich kommenden ANGIZIA ein komplexes und durchaus gewagtes Experiment vor. Sie erzählen eine Geschichte. Die durchaus skurrile und recht surreale Geschichte eines jüdischen Leierkastenmannes, den sie 39 Jahre lang bis zu seinem einsamen Tod in der Kälte begleiten.

Ein der Musik verfallener Jude, der sich mit Hilfe seines Instrumentes und seiner Freunde über die Tragik und das Leid seiner Zeit hinwegsetzt, um mit trotziger Komik die Traditionen seines Volkes zu brechen. Sein Weg führt ihn beginnend in Lemberg 1920 über Russland nach Königsberg wo er 1941 stirbt um sein Erbe einem kleinen Mädchen zu hinterlassen.
Eine Geschichte voller abgedrehter Figuren und Einfälle. (Wie z.B. dem Bindfadencellisten, dem bösen Zinnsoldaten Jonas und einem indischen Mädchen das dem Lachen des Leierkastenmannes erliegt und so in der Kälte erfriert.!)

Irene DennerErzählt wird diese Geschichte ausschließlich mit Hilfe von Musik. Einer Musik die hauptsächlich mit Hilfe von Piano, Akkordeon, Klarinette und diversen Streichern interpretiert wird. Nur gelegentlich durchbrochen von Gitarren, Schlagzeug und Bass. Musik die wehmütig in der Tradition jiddischer Lieder aber, auch immer wieder in wilde polkahafte, beschwingte an den Wahnsinn grenzende Tänze gipfelt. Einer Verrücktheit die in der faszinierenden Stimme das Sängers gipfelt dem man die konsequente Leidenschaft der Figur mit der sie sich über das Leid der Zeit hinwegsetzt mit jeder gesungenen Note abnimmt. Die möglichen Bilder dieser an Gaukler und Komödianten erinnernden Theateraufführung müssen sich im Kopf des Hörers bilden denn auf gesprochene Zwischentexte wird ebenso verzichtet, wie auf sinnlose, instrumentale Zwischenspiele. Das ganze funktioniert genauso wie man sich die Geschichte vorstellt. Als würde eben jener Leierkastenmann, mit seinem Instrument auf einem Jahrmarkt stehen, wo man im Vorrübergehen plötzlich von seinen Klängen, seiner Stimme aufgehalten und gefangen wird. Stehen bleibt, verharrt und mit vor Staunen aufgerissenen Augen seinen Gesängen lauschen. Deshalb hat die Musik auch oft einen Spielmannstouch, der aber durch Einsatz von E-Gitarren und Bässen, immer wieder aus der verspielten Ebene gerissen und hin zu rauen Klängen gepflegter Trinklieder getrieben wird. Auch erinnert die Stimme von Michael Haas, der gleichzeitig Texter, Komponist und Autor dieser Geschichte ist, an das Organ eines Kneipenerprobten Minnesängers der seinen Lebensunterhalt eben dadurch erzielt das er singend durch die Lande zieht. Begleitet von einem illustren Ensemble von Spielleuten die ihre musikalische Heimat durchaus woanders haben. (z.B. von DORNENREICH. Eine gewisse Nähe zu eben diesen, zeigt vielleicht die sehr poetische Sprache der Texte!)

Jochen Stock - DornenreichBesondere Höhepunkte des Albums sind die in jiddisch vorgetragenen Duette zwischen Sänger Haas und Irene Denner. Diese Sprache hat irgendwie immer etwas melancholisches, was den beschwingten Melodien, trotz aller Wild -und Abgedrehtheit ein geheimnisvolles Flair verleit.

Wunderschön und dem Gesamtwerk durchaus entsprechend ist auch das Cover aus ausklappbarer Pappe (sowas nennt man Digi-Pack! Anm. vom Setzter), auf dem mit einfachen, farbigen Strichzeichnungen verziert, die Geschichte einem Opernprogramm (Libretto genannt) gleich erzählt wird.

Insgesamt also ein Werk das Aufmerksamkeit fordert aber auch verdient. Nichts was man unbedingt nebenbei hören sollte während man staubsaugt. Obwohl einzelne Stücke daraus durchaus auch solo funktionieren. Aber auch immer noch verspielt und beschwingt genug um einen nicht zu überfordern. Hier werden mal nicht die ausgelatschten Pfade von mit Metall gepaarter Mittelaltermusik breitgetreten. Gerade die Nähe zu einer gewissen Moderne und einer Zeit die man gemeinhin als weniger komisch empfindet und die im Deutschsprachigen Raum leider kaum noch bekannten jiddischen Wurzeln unserer Musik machen das Werk zu einer perfekten Ergänzung zu dem einzigen Vergleich den man ziehen kann. Das Album erinnert in seiner wilden Komik, die doch gleichzeitig recht melancholisch und traurig ist an den Film "Das Leben ist schön". Ein gewagtes Experiment, aber ein gelungenes. Mit viel Liebe zum Detail gemacht und durchaus wert sich eingehender damit zu beschäftigen.

Thomas Sabottka für GOTHICWORLD


"39 Jahre ..."-Tracklist:
Erster Akt (1911-1920)
01 - Eröffnung
02 - Mein Jahr in Lemberg, 1911
03 - Mehmet und die Zirkusstadt
04 - Zinnsoldaten und Kanonen, 1917
05 - Anastasia Spennocchi, 1920
Zweiter Akt (1921-1933)
06 - Der Wein der Lumpensammler, 1923
07 - Lied für die Armut anderer Leute
08 - Judenkinder oder die Komödie vom Krieg
09 - Die zinnoberrote Marionette
10 - Unterstadt - Oberstadt - Zirkusstadt
11 - Die linke Hand des Musikanten
Dritter Akt (1934-1941
12 - Komik und elegische Momente
13 - Blumen von Tschandravatti, 1938
14 - Eine ungelebte Stunde, 1941
15 - Ithzak Kaufmann und das Bindfadencello
16 - Der lustige Tote
17 - Epilog aus der Judengruft
18 - Mein letztes Stück
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