interview:

ALVARÉZ PERÉZ
"Musik ohne Maske ..."

ALVARÉZ PERÉZWunder über Wunder!
Auch in Staaten des früheren Ostblocks wird gute Musik gemacht. Langsam kapieren das selbst die Schreiberlinge der einschlägigen Musikmagazine. So haben es ALVARÉZ PERÉZ aus dem tschechischen Brno mittlerweile geschafft, im Battle of The Bands beim Sonic Seducer einen Startplatz zu ergattern. (Und sie gehörten zu den Besten... ) Dass sie diesen Platz zu recht bekommen haben, davon konnte sich im September diesen Jahres ein sichtlich begeistertes Publikum in der Dresdner Nachtcantine überzeugen. Die schöne Elen und ihre Mitstreiter rockten mit einer Mischung aus Gothic und Metal das Haus und ließen den Headliner des Abends reichlich alt aussehen.

ALVARÉZ PERÉZ wurden 1994 von Gitarristin Elen Kosova und Bassist Jan Cupak gegründet. Begleitet von einer Drummachine, nahmen sie ihr erstes Demo, eine MC und die CD-Single "Melancholie" auf. 1997 schlossen sich Schlagzeuger Titan und Keyboarder Pollo der Band an. Im Jahr 1999 veröffentlichten ALVARÉZ PERÉZ ihre Debüt-Cd "Mare Ingenii" auf einem kleinen Independent-Label. Das Album bekam gute Kritiken und wurde auch vom Publikum gut angenommen, das tschechische Fernsehen wurde auf die Band aufmerksam und man drehte ein Video zu "Mare Ingenii". Trotz dieser Erfolge ignorierten große Label die Band und das 2001er Album "Milovat je umirat" entstand wieder im Eigenverlag.



GW: Bitte stellt Eure Band vor! Wer ist die neue Sängerin, die in Dresden mit auf der Bühne stand?
AP: Unsere Band setzt sich zusammen aus Titan am Schlagzeug, an der Gitarre Jan Cupak und Bass und Gesang Ellen Kosova. Hana, die Sängerin, ist in Wirklichkeit unsere Managerin, aber sie unterstützt uns, wenn wir live singen. (Paul "Pollo" 04, Synthesizer und Programming haben sie irgendwie vergessen. disorder)

GW: Und wer ist eigentlich ALVARÉZ PERÉZ? Wofür steht das Bandsymbol, die Maske?
AP: ALVARÉZ PERÉZ war ein entfernter Vorfahr von Ellen, der nach Böhmen gekommen ist. Die Maske stammt aus der Novelle "Lavondyss" von Robert Holdstock und repräsentiert die mysteriöse Stimmung, die wir ausdrücken wollen.

GW: Es ist auffällig, dass viele tschechische Bands in ihrem Artwork, auf Plattenhüllen oder auch als Poster, gute Grafiken verwenden. Warum denkt ihr ist das so? Liegen die Gründe dafür in der zeitgenössischen tschechischen Kunst?
AP: Die meisten Bands, die keinen Labelvertrag haben, gestalten ihre Cover selbst mit der Hilfe von Freunden und sie versuchen ihre Musik auf diese Weise zu zieren. Da sie es selbst machen, machen sie es mit dem selben Enthusiasmus der in ihre Musik einfließt.

GW: Eure Musik lässt sich ganz gut als Mischung aus Gothic und Metal beschreiben. Welche Bands würdet ihr als Eure Einflüsse nennen, mit welchen Bands seid ihr aufgewachsen?
AP: Diese Mischung zwischen Gothic und Metal ist nicht geplant, aber da wir eine sehr viel verschiedene Musik hören, spiegelt sich das auch in unserer Arbeit wieder. Genau genommen sind wir sehr stark von der Musik der 80er Jahre beeinflusst, von der Rockmusik genauso wie von elektronischer.

GW: Welche aktuellen Bands außer ALVARÉZ PERÉZ haltet ihr für empfehlenswert in eurem Land?
AP: Es gibt, unter anderem, viele gute Metal Bands in unserer Heimat, wie zum Beispiel "The Silent Stream of Godless Elegy". Allgemein können wir das Label Red Black empfehlen. Mit guten Gothic Bands sieht es dagegen eher düster aus.

GW: Neben Euren Einflüssen aus Gothic und Metal benutzt ihr weitere ungewöhnliche Sounds wie zum Beispiel ein Akkordeon. Wer ist dafür verantwortlich?
AP: Der Keyboarder mit dem wir "Milovat je umirat..." aufgenommen haben, war ursprünglich Akkordeonspieler und hat das sogar auf einem Konservatorium gelernt. Der Klang erschien uns ganz schön düster und deswegen haben wir es auch verwendet.

GW: Auf Eurer Website findet sich das Statement, dass Ihr slawische Melodie-Elemente in Eure Musik einfließen lasst. Was ist "slawisch" an Eurer Musik und was macht sie Eurer Meinung nach einzigartig?
AP: Mit dieser Aussage meinen wir nicht, dass wir Einflüsse der tschechischen Volksmusik einfließen lassen, sondern, dass wir durch eine spezielle Rockmusik beeinflusst sind, wie sie sich in unserem Land durch die Isolation entwickelt hat. Hier liegen unsere Wurzeln. Wie auch immer, wir versuchen nicht in irgendeine Schublade zu passen, sondern wir folgen unseren eigenen Instinkten.

GW: Ellen und Jan haben als Duo angefangen, Musik zu machen. Wie muss man sich Eure damalige Musik vorstellen. Hat sie sich von Eurer jetzigen Musik unterschieden? Welche Vorteile hat es, nur zu zweit unterwegs zu sein, wo liegen die Nachteile?
AP: Als wir anfingen hatten wir eine Drummachine anstelle eines Schlagzeugers. Unsere Texte waren genauso dunkel wie sie es jetzt sind, aber die Musik glich eher der anderer Indie Bands wie Sonic Youth. Umso mehr Leute in einer Band sind, umso mehr Idee hast Du. Dafür wird es dann aber zum Beispiel mit dem Transport wieder schwerer…

GW: Ihr nennt Euch selbst "verrückt" (weird) - Was ist so verrückt an Euch? Habt Ihr manchmal Probleme mit Eurer Umwelt?
AP: Ja, dass kann man wohl sagen! Unsere n Mitmenschen gefällt es nicht, wie wir uns kleiden, weil es für die meisten zu exzentrisch ist. Für viele Musikfans sind wir auch verrückt. Für die Metaller sind wir zu soft, für die, die klassische Rockmusik mögen zu düster und für die Gothics nicht "goth enough". Deshalb werden wir am Ende wohl so richtig verrückt werden.:-)

GW: Ein weiteres Statement von Eurer Website: "Erst die tschechische Sprache, mit ihrem unbeschreiblichem Ausdrucksreichtum gibt dem einzigartigen Sound der Band seine endgültige Form." Glaubt Ihr, dass Euch die Verwendung Eurer Muttersprache daran hindern könnte, im Ausland erfolgreich zu sein?
AP: Wir möchten das Tschechische verwenden und wir mögen seinen Klang. Bei Auftritten im Ausland haben wir bisher immer nur positive Reaktionen darauf bekommen. Wir denken aber, dass auf unserem nächsten Album einige Songs in Englisch sein werden, um auch ein größeres Publikum ansprechen zu erreichen.

GW: Ihr sagt, dass sich bei Euch die Major Label sich nicht um die Gothic Szene kümmern. Sprecht Ihr da aus eigener Erfahrung?
AP: Bands, die ein wenig anders sind, als das, was gerade im Mainstream aber auch im Untergrund populär ist, haben keine Chance einen Vertrag mit einem Label zu bekommen. Deshalb veröffentlichen auch die meisten Bands ihre CDs selbstständig. Dass zieht sich über alle Genres hin und betrifft natürlich auch uns.

GW: Wie sieht es mit den Strukturen im tschechischen Musik-Business aus? Es ist sicher alles sehr auf Prag fixiert…
AP: Ja, das stimmt. Für Bands von außerhalb Prags wird alles noch schwieriger, weil wir nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit sind.

GW: Ihr lebt in Brno. Bitte erzählt uns was über die lokale Szene. Ist es zum Beispiel einfach für Euch, einen Auftritt zu bekommen oder nicht?
AP: Wenn Du auf die Gothic Szene anspielst, dann gibt es da keine außer in Brno. Nur von Zeit zu Zeit organisiert mal jemand eine Party. Wir veranstalten ein kleines Festival, das sich "The Darkside Of Moravia" nennt und zu dem wir Bands aus ganz Tschechien und den Nachbarländern einladen. Das nächste Festival findet am 1. Februar 2003 statt. Als Band spielen wir so etwa einmal im Monat im In- oder Ausland.

GW: Eure Texte sind sehr mystisch und voller Metaphern. Transformiert Ihr Eure eigenen Erfahrungen in diese phantastische Form oder sind die Texte einfach nur Fiktion?
AP: Ja, es handelt sich dabei auch um meine eigenen Erfahrungen, in einer poetischen Transformation. Ich mag keine klaren, eindeutigen Texte. Mir gefällt der Gedanke, dass der Zuhörer sie auf seine eigene Weise interpretiert.

GW: Ich mag denText von "Long Journey" sehr. Wer ist M. Kos?
AP: M. Kos ist Ellens Bruder, der auch mal in der Band gespielt hat.

GW: Ihr bezeichnet Robert Holdstock als eine "unerschöpfliche Quelle der Inspiration" für ALVARÉZ PERÉZ. Könnt Ihr uns bitte etwas über den Autor und die Art seines Einflusses erzählen?
AP: Holdstock ist ein britischer Schriftsteller, der sehr düstere Fantasy schreibt, in der stets sehr frühe, prähistorische Zeiten mit der Gegenwart konfrontiert werden. Wir fühlen viele Gemeinsamkeiten von unserer Stimmung und der Atmosphäre seiner Bücher, die wir an dieser Stelle gern weiterempfehlen möchten.

GW: Welche anderen Themen und Personen aus Literatur oder Philosophie haben Euch beeinflusst?
AP: Neil Gaiman, Clive Barker und viele andere.

GW: Ihr formuliert auf Eurer Website: Die soziale Kälte ebenso wie die Rückkehr zu unseren natürlichen Wurzeln spielen eine große Rolle für unsere Texte. Glaubt Ihr "Zurück zur Natur" könnte einen Antwort auf die zunehmende Kälte in unserer Gesellschaft sein, zu einem besseren Leben für uns alle führen?
AP: Wir glauben, dass es zu spät dafür ist. Auch wenn wir es gern wollten, werden wir nicht zur Natur zurückkehren, da wir schon viel zu abhängig von der Zivilisation sind.

GW: Apropos Politik: Was ist die radikalste Veränderung in Eurem Leben, sowohl als Bürger als auch als Musiker nach dem Untergang des Kommunismus?
AP: Die Menschen lebten wie in einer Muschelschale, in süßer Ignoranz und jeder wollte raus. Es hat sich gezeigt, dass viele negative Dinge mit der Freiheit einhergehen und manche Leute können damit nicht umgehen, bis heute.

GW: Ihr habt Euer Album "Die Liebe stirbt" (Milovat je umirat) genannt. Eine sehr persönliche Frage: Können zwei Menschen zusammen leben? Existieren Liebe und Freundschaft überhaupt?
AP: Ja, aber in selbstsüchtigen Zeiten wie diesen sollten solch unwahrscheinlich wertvolle Dinge wie Liebe und Freundschaft auf das Sorgfältigste geschützt werden. (Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. disorder)

GW: Zum Abschluss noch die obligatorische Frage: Was habt Ihr in nächster Zukunft vor?
AP: Derzeit arbeiten wir an einer neuen CD, die im Herbst nächsten Jahres veröffentlicht werden soll, zum 10-jährigen Bestehen der Band. Und danach planen wir eine Tour.


disorder (debil - das Magazin für neue deutsche Lightkultur) für GOTHICWORLD

Zum Review: "Milovat Je Umírat"

Bandpage: http://alvarezperez.zde.cz