interview:

ARTROSIS
- "Der Prophet im eigenen Lande..."
Artrosis

…zählt im Ausland leider wenig.
Das haben Artrosis, Gothic Metal-Band aus Polen, mehrfach am eigenen Leib erfahren müssen. In ihrem Heimatland viel umjubelt und Garant für erstklassige Alben, die bei entsprechendem Vertrieb auch international mehr als konkurrenzfähig wären, haben Artrosis außerhalb ihres Heimatlandes kaum ein Bein auf den Boden bekommen. Erschien "Hidden Dimensions" in Deutschland noch auf Tilo Wolff´s Label "Hall of Sermon", so fielen sämtliche nachfolgenden Veröffentlichungen leider durch und waren, wenn überhaupt, nur als seltene Importe erhältlich.

Dabei verfügen die Polen in Keyboarder Maciej Niedzielski und Sängerin Medeah über MusikerInnen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, denen eine entsprechende Anerkennung auch außerhalb ihrer Landesgrenzen mehr als zu gönnen wäre. "Fetish", das neueste und wiederum beeindruckende Album der Polen ist, wie das gesamte Backprogramm der Band, nun über Rising Sun erhältlich und so zielte meine erste Frage an Medeah und Maciej erst einmal auf die Hintergründe des Verlustes des Vertriebsdeales mit Hall of Sermon ab.

Medeah: >> Wir haben das Label in Polen gewechselt und unser neues Label vertrat die Auffassung, keinen neuen Kontrakt mit Tilo zu unterzeichnen. Sie versprachen uns besser zu arbeiten, da sie über gute Kontakte verfügen würden und mit vielen Labels kooperieren würden. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das dies ein Fehler war. Wir haben mehr Erfahrung gewonnen und sehe heute viele Dinge ganz anders. Am Anfang wollten wir nur live auftreten und Platten aufnehmen. Sonst nichts. Erst später beginnt man dann damit, sich mit den Verträgen, einer guten Promotion und einem guten Vertrieb auseinanderzusetzen. Als wir noch bei Hall of Sermon waren, gaben wir viele Interviews für all die großen Magazine in Deutschland. Davon ist heute leider nicht mehr viel übrig geblieben. Jetzt haben wir reichlich Erfahrung mit den Plattenfirmen und wissen, wie das Ganze wirklich funktioniert. <<

GW: Manchmal ist es nicht gerade einfach den Überblick über all die verschiedenen Veröffentlichungen Artrosis´ zu behalten, erscheinen doch alle Alben neben der muttersprachlichen Version auch noch einmal in Englisch. Dabei fällt auf, daß viel von der melancholischen Schönheit der polnischen Sprache durch die Übertragung ins Englische verloren geht.

Medeah: >> Für mich ist es einfacher in Polnisch zu singen. Daher schreibe ich alle meine Texte zunächst in meiner Muttersprache. Es gibt aber viele Menschen, die sich nicht damit anfreunden können, wenn sie nicht verstehen, worüber der Künstler singt. Englisch ist nunmal die gebräuchlichste Sprache um Songs aufzunehmen. Und jeder hat sich daran gewöhnt, daher nehmen wir immer zwei verschiedene Versionen auf. <<

GW: Während Artrosis in ihrem Heimatland zu den erfolgreichsten Bands ihres Genres zählen, ist die Band außerhalb Polens leider kaum bekannt und demzurfolge auch wenig beachtet. Worin liegen die Gründe für diesen Zustand?

Maciej: >> Promotion. MMP, Metal Mind Productions, ist das größte Metallabel in Polen und wir zählen zu ihren bestverkaufendsten Bands. Von daher kümmern sie sich sehr intensiv um uns. Wir haben bereits mehrmals auf dem "Metalmania"-Festival, dem größen seiner Art in Polen, gespielt, haben mehrere Headliner-Tourneen sowie eine Support-Tour für Anathema bestritten. Wir geben viele Interviews und so weiter. Es scheint also alles in bester Ordnung zu sein, so lange wir Polen nicht verlassen. Wahrscheinlich werden wir uns aber mal mit MMP, Hall of Sermon oder anderen Firmen über unsere Zukunft unterhalten müssen. <<

GW: Haben Artrosis bislang überhaupt die Möglichkeit erhalten einmal außerhalb ihres Heimatlandes aufzutreten?

Maciej: >> Wir haben ein paar kleine Shows außerhalb Polens gespielt, zuletzt in Belgien. Da wir aber keine Kontakte außerhalb Polens haben, ist es schwer für uns, eine Show zu arrangieren. Natürlich würden wir es sehr begrüßen einen Manager in Deutschland zu haben, der sich um unsere Belange kümmert, mit Veranstaltern spricht und versucht, uns nach Deutschland zu holen. <<

GW: Mit Fetisch oder dem Fetischismus bringt man heutzutage in erster Linie die sexuelle Vorliebe für Lack, Leder oder Gummi in Verbindung, auch wenn die eigentliche Bedeutung des Begriffes weit darüber hinaus geht und faktisch jeden Gegenstand bezeichnen kann, abhängig vom jeweiligen Fetischisten und seinen Interessen. Was hat euch dazu bewogen, das Album "Fetish" zu nennen?

Maciej: >> Es geht nicht um die Nackheit oder um Lack und Leder, sondern um leblose Objekte von denen man annimmt, daß sie eine magische Kraft besitzen. Das kann für den Einen der Computer, für den Anderen der Fernseher sein. Wir können ohne diese Dinge nicht leben und betrachten sie als unsere Götter. <<

GW: Verglichen mit älteren Alben der Band gilt festzuhalten, daß Artrosis sich musikalisch gewandelt und sich durch die verstärkte Integration elektronischer Stilelemente neuen Klangdimensionen geöffnet haben. Geschah dies bewußt oder war es eher eine natürliche Entwicklung im Laufe der Zeit?

Maciej: >> Artrosis standen immer an der Schwelle zu Metal, Gothic und anderen Dingen. Unser erstes Album war sehr roh, ohne daß wir eine klare Vorstellung von dem hatten, was wir eigentlich machen wollten. Das ist heutzutage anders. Wir verändern unsere Sichtweise sehr gerne und haben uns entschlossen, dies nun zu tun. "Fetish" ist deutlich weiter entwickelt und besitzt viel mehr Gefühl. Es ist sicherlich kein Metal-Album, aber fraglos ein gutes Album geworden. Es gibt wundervolle elektronische Sounds, die dem Album einen industriellen Anstrich verpassen und Artrosis frischen Wind gebracht haben. Wir werden bestimmt nicht die nächsten zwanzig Jahre "Eemerald Night" spielen. Wir müssen weiter nach vorne blicken und unseren Horizont erweitern. <<

GW: Ausgehend von unserem ersten Interview erinnere ich mich, daß Maciej einen großen Faible für Symphonic Rock hatte. Lassen sich heute noch Spuren dieser Vorliebe im Sound von Artrosis wiederfinden?

Maciej: >> "Suita" und "Fetish" sind eine gemeinsame Symphonie, aber in der Tat, die anderen Sounds sind weniger "natürlich". Es gibt ein paar Geigen aber der Großteil ist deutlich krachiger. <<

GW: Was hat den Anstoß und die Inspiration für einen Text wie "Fetish" gegeben?

Medeah: >> "Fetish" handelt über Dinge, die für jeden als heilig angesehen werden. Die Wahrheit seiht jedoch anders aus. Dieses "Ding" ist nur ein Gegenstand, nicht mehr. Dieser Song erklärt den Titel des Albums. Wir haben uns daran gewöhnt, bestimmte Dinge oder Menschen wie einen Gott zu behandeln. Als ich den Text geschrieben habe, habe ich an Rockmusiker gedacht, die von ihren Fans als Götter betrachtet werden. Sicher ist es ein schönes Gefühl, treue und ergebene Fans zu haben, aber für ihr eigenes Heil ist es doch besser, die Musiker als Künstler und nicht als Götter zu betrachten. <<

GW: Wie schwierig ist es, durch die Übersetzung vom Polnischen ins Englische nicht zuviel von der Eigenart der polnischen Sprache und der Aussage der jeweiligen Texte zu verlieren?

Maciej: >> Die Texte werden von meiner Freundin Umbra ins Englische übersetzt. Sie macht Dark Electro Gothic und weiß daher, was sich in dieser Musik so abspielt. Unsere Zusammenarbeit ist perfekt und sie wird uns auch beim nächsten Album helfen. <<

GW: Betrachtet man die Bandphotos und das Artwork der neuen CD, so scheint es, als ob sich auch die Mitglieder der Band imagemäßig deutlich gewandelt haben und nun ein stärkeres Image verkörpern, als zuvor.

Maciej: >> Das ist schwer zu beurteilen. Unseer Booklet wurde von verschiedenen Leuten gemacht. Zuerst war das Cover eines Buches, das über einen alten polnischen Friedhof in Polen handelte. Der Rest wurde von anderen Künstlern gestaltet, worüber wir sehr froh sind, denn auch wenn das Artwork immer wieder unterschiedlich ist, so lassen sich doch Gemeinsamkeiten feststellen. Es ist wichtig für uns, uns nicht zu wiederholen. Das bezieht sich sowohl auf die Musik, als auch auf das Artwork. Das Artwork für "Fetish" finde ich exzellent, zumal es auch eng mit dem Inhalt der CD verbunden ist. Das Bild zeigt einen wichtigen Aspekt. Maschinen sind machmal meschlicher als Menschen, und ein Mensch ist manchmal mechanischer, als eine Maschine. Das ist wie eine Kreuzung zweier Kreaturen, genau so wie unsere Musik. Die Musik von Artrosis ist unsere Musik, die ohne die Maschinen, in diesem Falle die Keyboards, nicht existieren könnte und eine wichtige Rolle auf "Fetish" spielt. <<

GW: Artrosis haben nach wie vor mit der schlechten wirtschaftlichen Lage in Polen zu kämpfen, die unter anderem auch dazu führt, daß die Anzahl an Bootleg CD´s unüberschaubar ist und den Bands somit Einnahmen entgehen, die ihnen von Rechts wegen eigentlich zustehen. Abgesehen davon, wie stellt sich die polnische Szene generell dar, denn auch Bands wie Moonlight, Delight oder Batallion D´amour konnten in letzter Zeit aufhorchen lassen?

Maciej: >> Die ökonomische Situation in Polen ist sehr schlecht. Das hat natürlich einen sehr großen Einfluß auf unsere Szene. Die Leute verfügen einfach nicht über die finanziellen Mittel, sich CD´s oder Eintrittskarten zu kaufen. Auf der anderen Seite haben Bands wie Artrosis keine Möglichkeit, sich in den kommerziellen Medien zu promoten. In Polen ist nur scheiß Musik populär. Ich würde das noch nicht mal als Pop-Musik bezeichnen - es ist noch viel schlimmer. Der Schwarzmarkt in Polen ist ebenfalls eine Plage. Man kann problemlos CD´s für einen Viertel des wirklichen Preises kaufen. Der einzige Lichtblick ist das "Castle"-Festival, wo wir jedes Jahr auftreten. Da treffen sich jedes Jahr tausende von Goth-Fans. <<

GW: Was denkst du aus heutiger Sicht über euer Video "Live in Krakow", das Artrosis auf der Bühne als sehr statische Band ausweist?

Maciej: >> Was soll ich sagen, dies war eine unserer schlechtesten Shows überhaupt. Die Fans waren durch die langen Pausen zwischen den Bands - unter anderem spielten auch Theatre of Tragedy dort - bereits sehr müde und gelangweilt. Es wäre besser gewesen, das Video an einem anderen Ort aufzunehmen. <<

GW: Gibt es noch etwas, was ihr loswerden möchtet?

Maciej: >> Wir würden sehr gerne anch Deutschland kommen um ein paar Shows zu spielen, also...Tour-Manager, wo seid ihr? ;-) <<

GW: Okay Jungs, Ihr habt den Aufruf gehört, also meldet Euch.


Michael Kuhlen ( Obliveon ) für die GOTHICWORLD



http://artrosis.rockmetal.art.pl

zum CD-Review von "Fetish"