interview:

SOPOR AETERNUS
"Und die Wahrheit ist (...) ohnehin das Letzte,
das die Menschen dir glauben."

Anna-VarneyKaum eine Künstlerin hat es in den letzten Jahren geschafft, so eindringliche, bedrückende, wie gleichermassen faszinierende Werke zu erschaffen wie Anna-Varney. Sie hat es dem Hörer nie leicht gemacht, obwohl ich der Meinung bin, das eigentlich ein offenes Ohr (Herz) oft genug gereicht hätte, um sie und ihre Arbeit besser zu verstehen. In diesem Zusammenhang, konnte ich es auch verstehen, das sich Anna-Varney oft genug Interviews gegenüber ablehnend verhielt.

Darum versuchte ich, die Gelegenheit welche sich ergab, zu nutzen und vielleicht ein Interview zu schaffen, das von all den anderen Fragen abweicht und für beide Seiten fruchtbar ist. Ich denke es ist mir (wieder einmal! In aller Bescheidenheit!*g*) gelungen.... aber lest selbst!



GW: Nehmen wir das aktuelle Album zum Anlaß:
Es ist ja eigentlich die Vollendung von etwas, daß Du bereits 1989 begonnen hast. Zeit also, um vielleicht auch ein Stück Resümee zu ziehen. (Denn jede einzelne Note und/oder Textzeile möchte ich nicht auseinander nehmen!)
Was mir zuerst auffällt: Die Kassette "Es reiten die Toten so schnell" erschien 1989. Die erste CD 1994.
Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?

Anna-Varney: Daran kann ich mich kaum noch erinnern, da ich die meiste Zeit irgendwo schlafend im Dunkeln verbrachte ...

GW: Wie gestalteten sich eigentlich die ganz profanen und sicherlich sehr anstrengenden Probleme der Suche nach einer Plattenfirma? Bevor Du TRISOL oder TRISOL Dich gefunden hat.
Anna-Varney: Ich habe eigentlich nie nach einer Plattenfirma gesucht, da APOCALYPTIC VISION im Grunde speziell für uns gegründet wurde. Dies ist übrigens unsere Plattenfirma, nicht Trisol.

GW: Zurück zur neuen Platte: Wenn Du jetzt Resümee ziehst ..., inwieweit würdest Du selbst sagen, das sich Deine Musik/Dein Leben (da ja gerade bei Dir beides in sehr engem Zusammenhang steht) verändert hat?
Anna-Varney: Hmm ...,
vorsichtig ausgedrückt, würde ich vielleicht sagen, daß ich jetzt so langsam anfange zu leben.
Mein jetziger "Zustand" läßt sich mit meinen damaligen in nichts vergleichen ... - nicht einmal annähernd. Früher war absolut alles mit Schmerz erfüllt, es gab nicht anderes; Schmerz und Dunkelheit waren allgegenwärtig ... und allesverzehrend! Es gab keine Erlösung, keine Befreiung ... nur ein Pendel, daß von einem schmerzvollen Zustand in einen anderen, ein noch größeres Extrem schwang ..., und in deren Mitte sich lediglich ein furchtbares Nichts befand ... - was in gewisser Weise noch viel schlimmer war. All das ging über Jahre hinweg; mit Fünf oder Sechs fing es so langsam an ..., mit Zwölf dachte ich das erste Mal über Suizid nach ... und mit Sechzehn/Siebzehn wurde es dann wirklich bitter. Wenn ich so zurückblicke, bin ich wirklich überrascht, wie ich das alles überstanden habe. Schon lustig ..., irgendwie.

Anna-VarneyGW: Die Herangehensweise an das neue Album war ja wohl doch eine andere als vorher. Andere Themen die Dich bewegen ... Inwieweit, denkst Du, hat sich Deine Arbeit, auch durch den Ausflug mit Constance bei NENIA, geändert, wo Du ja zum ersten Mal mit der Musik und den Texten von jemand Anderem gearbeitet hast.
Anna-Varney: Ich glaube, alles in allem hat es über fünf Jahre gedauert, bis ich tatsächlich mit NENIA C'ALLADHAN anfangen konnte. Die Idee zu dem Projekt kam damals von meinem Label ...; Alex hatte Constance irgendwann, irgendwo einmal spielen gehört und meinte, daß es doch möglicherweise eine gute Idee sei, wenn wir vielleicht mal etwas zusammen machen würden. Obwohl mir manche Stücke sofort wirklich gut gefielen - besonders die Melodie von "An die Sterne" mochte ich schon immer gern - , so bekam ich doch jedesmal entsetzliche Migräne und Depressionen, wann immer ich auch nur den Versuch wagte, eines der Stücke zu arrangieren. Damit war klar, daß ich erst meine eigenen Sachen erledigen mußte, bevor ich auch nur daran denken durfte, irgend etwas zu machen, daß eigentlich keinen wirklichen Bezug zu mir hat.

Als "Songs from the inverted Womb" dann endlich fertig aufgenommen war - das inhaltlich bis dahin mit Sicherheit komplexeste, schwerste und daher auch "machtvollste" SOPOR AETERNUS-Album [für mich, wohlgemerkt]- , fühlte ich mich ziemlich erschöpft und wollte als nächstes unbedingt etwas leichteres, einfach zugängliches machen. Irgend etwas, daß so gar nichts mit mir zu tun hat ..., etwas, mit dessen Inhalt für mich keinerlei Schmerz verbunden war ... - das aber trotzdem "gehaltvoll" sein sollte. Ja, man könnte eigentlich sagen, daß ich in gewisser Weise Popmusik machen wollte, wenn Du verstehst, was ich meine. Wenn ich meine heutige Arbeitsweise mit meiner früheren vergleiche, so besteht der einzige - aber dafür fundamentale - Unterschied eigentlich nur in der Tatsache, daß ich, was immer durch die Anrufung auch [herein-]kommen/erscheinen mag, nun durchaus selektiere und [nachträglich eventuell] eine neue Richtung gebe.

GW: Womit Du eine Frage beantwortet hast, die ich gar nicht gestellt habe! (Inwieweit die Herangehensweise an das neue Album ein wenig der von Dir früher oft erwähnten "Anrufung" ohne Einfluss Deinerseits widerspricht. Danke!)
Was war der Grund dafür, den Produzenten John A. Rivers zu wählen und nicht mehr mit Tobias Hahn zu arbeiten? War dies nur für das aktuelle Album ein notwendiger Schritt, oder ist es ein Schritt in eine mögliche Zukunft?

Anna-Varney: Wie üblich waren es bis zu einem gewissen Grad Synchronizitäten, die zu dem Wechsel führten. Um ehrlich zu sein, hatte ich die Nase auch wirklich gestrichen voll, und allein die Vorstellung, noch eine weitere Platte in Nachtschicht-Studio aufnehmen zu müssen, war wirklich das allerletzte, was ich wollte. Es war einfach mal wieder allerhöchste Zeit für eine [positive] Veränderung.
In der Tat wollte mein Label schon vor einigen Jahren, daß ich im Woodbine Studio aufnehmen sollte, aber damals war ich einfach noch nicht bereit dazu ... - nun, aus offensichtlichen Gründen. Als dann Tobias auch noch verkündete, sein Studio schließen zu wollen, um in Zukunft nur noch eigene Sachen zu produzieren, war ich irgendwie direkt erleichtert, da mir die Entscheidung damit eigentlich abgenommen wurde.
Der Unterschied war dann auch tatsächlich wie Tag und Nacht. John A. Rivers ist nicht nur ein überaus gutaussehender Mann - was die Arbeit natürlich zu einer zusätzlichen Freude macht - sondern auch ein begnadeter Tontechniker und erfahrener Produzent. Er hat nebenbei auch das perfekte Gehör und er widmet sich - was für mich bis dahin gänzlich ungewohnt war - wirklich zu 100% einem Projekt.
Wie sich während der Arbeit herausstellte, war die Entscheidung, in ein wirklich professionelles Studio mit einem erfahrenen Team zu wechseln, absolut essentiell, da manche unserer Stücke, mit ihren bis zu 8 oder 9 Bassinstrumenten - die natürlich, wie sollte es auch anders sein, alle gleichzeitig spielen - , wirklich extrem schwer abzumischen waren.

Anna-VarneyGW: Ist die Rückkehr zu einer lange zurückliegenden Sache vielleicht sowieso so eine Art Abschluß und dann kommt etwas (ganz) Neues?
Anna-Varney: Hmm .., vielleicht.

GW: Eine Frage, die mich schon seit langem persönlich interessiert. In Deiner Arbeit spielt der Tod als Thema ja oft eine sehr intensive Rolle. Sicher kennst Du die Ausstellung "Körperwelten", die im letzten Jahr für Schlagzeilen gesorgt hat? Hast Du sie gesehen?
Anna-Varney: Nein ... - d.h., ein Bekannter von mir war da, und hat sich von dort ein Buch mitgebracht, das ich bei ihm mal durchgeblätterte. Es war soweit ganz witzig und auch recht interessant, letztendlich aber nicht wirklich mein Stil.

GW: Wie ist Deine Meinung zu dieser Ausstellung? Wie empfindest Du die Herangehensweise an die menschliche Vergänglichkeit, den Tod, den die Macher dieser "Show" ja irgendwo praktizieren?
Anna-Varney: Nun, ich kenne Herrn Prof. von Hagens, der ja schließlich auch keinen Hehl aus seiner "Geldgier" - wie er es nennt - macht, nicht persönlich. Klar, es ist eine Show ..., aber da es mich nicht wirklich interessiert, ist es mir eigentlich auch ziemlich egal. Tut mir leid, aber ich habe keine wirkliche Meinung zu dem Thema.

GW: In einem älteren Interview habe ich entdeckt, daß Du den Roman "Cabal" von Clive Barker erwähnst. Darin geht es ja unter anderem um den Ort "Midian". Einen Ort, an dem (im normalen, menschlichen Auge) nur Monster und Freaks leben, die sich aber als die "Guten" und "Schönen" in der Geschichte herausstellen, während Barker die Menschen für ihr Verhalten zu Monstern stilisiert. Da sie alles, was sie nicht kennen, was ihnen fremd erscheint, was sie nicht verstehen, vernichten müssen. Außerdem beschreibt Clive Barker "Midian" als "... einen Ort der Zuflucht, an dem einem die eingebildeten und begangenen Sünden vergeben werden, einem Talisman an dem sich alle festhalten, die leiden, einen Schutzwall gegen die Welt". Gibt es für Dich ein "Midian"? Wäre nicht gerade dieser im Roman beschriebene Ort ein Ort an dem Du leben wolltest?
Anna-Varney: Oh, früher habe ich mich tatsächlich lange nach solch einer Zuflucht gesehnt ..., bis mir nach vielen Jahren dann endlich klar wurde, wo genau ich danach zu suchen hatte. Als mir schließlich der Zugang gewährt wurde, wurde alles plötzlich so viel leichter. Allerdings gibt es da noch eine Sache, die Du hierbei außer Acht gelassen hast - zumal es im Buch auch nicht wirklich erwähnt wird, glaube ich - , nämlich den Umstand, daß Du ohne den richtigen ... hmm, wie soll ich es nennen ... "Schlüssel", diesen Ort niemals betreten kannst ... - und wenn Du es doch versuchst, dabei vernichtet wirst.

GW: Er schreibt zumindest, das DIE welche nicht REIF, nicht AUSERWÄHLT sind, vernichtet werden. (Wobei aber auch nie so richtig klar wird, was man denn nun tun/werden muß, um in MIDIAN aufgenommen zu werden.) In einem anderen Werk ("Gyre") beschreibt Barker die Figur der Zauberin Immacolata. (Grob übersetzt die Makellose) Eine Frau von überirdischer Schönheit, die ständig von den Geistern ihrer zwei toten Schwestern begleitet wird und gerade in der optischen Erscheinung - abrasierte Augenbrauen, Haaransatz um zwei Zentimeter zurück rasiert - hatte ich sofort das Bild Anna-Varneys vor Augen. Hast Du dieses Buch damals gelesen? Gibt es Parallelen? Inspirationen?
Anna-Varney: Nein, tut mir leid, habe ich leider nie gelesen ... - allerdings hast Du recht: "überirdische Schönheit" trifft wirklich genau auf mich zu!

GW: Es ist ja nun schon hundertmal durchgekaut worden, das ein Teil Deines Namens, die Figur eines Vampirs aus einer alten "Groschenheftserie" ist. Wie betrachtest Du selbst den, wie ich finde, sehr erotischen Mythos der Vampire? Weil Du diesen Mythos ja jetzt auch wieder aufgreifst. Wenn vielleicht auch etwas anders als "normal".
Anna-Varney: Oh, bitte ... - verschone mich mit diesem völlig neurotischen Mist, von wegen sagenhafter erotischer Anziehungskraft ... und nach Möglichkeit noch inhärenter Göttlichkeit. Ja? Du meine Güte!
Laß uns hier mal eins von vorne herein klarstellen: ein Vampyr ist nichts weiter als ein Parasit ... - Punkt. Er ist der Archetyp des Jägers und Vergewaltigers. Kein Mitleid, kein Gewissen. Alles andere ist lediglich die schöngeredete Projektion seiner potentieller Opfer, von denen es hier offensichtlich mehr als genug gibt.

Ich weiß, daß ich mich wiederhole, aber offensichtlich ist es immer noch bitter nötig: Es ist beinahe so, als würden die meisten Menschen heutzutage mit einem riesigen Neonschild über dem Kopf herumlaufen, auf dem in fetten, weithin leuchtenden Letter die Einladung verkündet wird:

"Oh, bitte komm' und mißbrauche mich ...
- so, wie ich mich selbst mißbrauche!"


Welcher Vergewaltiger könnte einer solchen Einladung widerstehen? Denn eines solltet Ihr wissen: der Jäger wird seine Beute immer als solche erkennen!!! Und, so leid es mir tut, aber wenn ich mich hier so umschaue, scheinen die kleinen Opfer wirklich Schlange zu stehen.

Insofern ist die verwendete Symbolik also durchaus im traditionellen - "normalen" - Sinne zu verstehen, denn, wie gesagt, der Vampyr ist in der Tat ein Archetyp. Und indem hier von uns die altbekannten, wenn auch mittlerweile zu Klischees verkommenen Bilder aufgegriffen werden [und freudig mit ihnen jongliert wird], so geben wir dem Suchenden - zugegebenermaßen auf relativ subtile Weise, wenn auch nicht sonderlich verschleiert - die Instrumente zu seiner eigenen Befreiung an die Hand.

Mit dem Untertitel "The Vampyre sucking at his own Vein" wird wirklich geradezu mit dem Zaunpfahl darauf hingewiesen, daß sich das eigentliche Drama im Grunde nicht im Außen abspielt, sondern daß die dargestellten Szenen vielmehr Hinweise auf im Inneren ablaufende Zustände und Programmierungen sind. Die eigentliche Gefahr droht also nicht von dem äußeren Angreifer - der so gesehen nichts weiter als lediglich das Symptom einer Krankheit ist - , sondern besteht vielmehr in dem verhängnisvollen, da nicht erkannten, oder schlichtweg verleugneten Verlangen nach der eigenen Vernichtung. Daher lautet die zentrale Frage des Albums auch:

"Would you bare your neck to the walking dead,
secretly, at least, within the safety of your head?"


GW: In dieser radikalen Betrachtungsweise schon wieder sehr ironisch. Aber Du hast recht!. Es lohnt sich zumindest für mich, jetzt einige Ansichten zu überdenken. Mir eben o.g. Frage zu stellen! Was in diesem Vampirmythos ja auch einfließt ist "Blut". Das Blut als mystische, magische Kraft, als Lebensenergie? Gerade auch im o.g. Roman von Clive Barker, wird die Kraft, der sich die Zauberin bedient, als Menstruum beschrieben, was ja nicht von ungefähr den selben Klang, wie die Mondblutung einer Frau hat. Jahrhundertelang galt ja gerade diese besondere Eigenschaft der Frauen als sehr magisch und geheimnisvoll ...
Anna-Varney: Wohl eher als verderbt und schlecht ...
- als der Fluch der Frau, der Unreinen. Schon vergessen?!

GW: Vorrangig in der christlichen Religion! Die ja mehr als nur einmal alte Mythen und Kräfte zerschlagen hat, da sie ihr ... nicht ins Weltbild passten. Ist das (Ur)Weibliche für Dich etwas besonderes? Magisches? Die Tatsache, daß Frauen Leben schaffen können, das in ihnen etwas wächst? Eine Thematik, die man ja auch im Titel und einigen Texten/Elementen Deines vorletzten Albums entdecken kann. ("Songs from the inverted Womb" obwohl ich den Titel eher als geniales englisches Wortspiel empfinde! Die Gebärmutter [ engl.: Womb], als der Ort, aus dem wir kommen, und Tomb [Grab], der Ort zu dem wir gehen! Aber auch solche Elemente, wie die Ultraschallgeräusche einer Schwangeren....)
Anna-Varney: Was soll ich dazu sagen? Ich bin keine biologische Frau, und ich habe und werde auch niemals Kinder bekommen. Folglich bin ich wirklich die letzte Person, die hier eine qualifizierte Anwort geben könnte. Auch bin ich glücklicherweise schon lange darüber hinweg, mir noch über irgendwelche vermeintlichen Aspekte von Männlich- oder Weiblichkeit den Kopf zu zerbrechen. Was "Songs from the inverted Womb" angeht, so ging es bei diesem Album um die [erfolgreiche] Wiederbelebung des kleinen Leichnams eines sechsjährigen Kindes, und - daran führt kein Weg vorbei - der Auflösung eine Anima-Besessenheit.

GW: In einem anderen Gespräch erwähntest Du die Navajo-Legende der fünf Geschlechter. Mann, Frau, der Frau-Mann, die Mann-Frau und eben, ich zitiere Dich "das fünfte Geschlecht, Menschen so wie Du". (Oder haben sich das die "Schreiberlinge" mal selber wieder ausgedacht?) Bedeutet das fünfte Geschlecht, weder noch, kein Geschlecht, alle Geschlechter... also Engel? Die ersten Wesen? Die Schönen, die Überbringer von Nachrichten und Strafen?
Anna-Varney: "Menschen, so wie ich", ist mit Sicherheit keine Formulierung die ich verwendet habe. Auch beschreibt die Legende der Navajo lediglich vier Geschlechter. In der Tat würde ich mich aber bis zu einem gewissen Grad dem Fünften Geschlecht zurechnen, wie im Grunde alle Freien KriegerInnen der Neutralen Zone ...
Und da wir gerade bei KriegerInnen sind ..., um nochmal auf das Thema Geburt zurück zu kommen. Es gibt bei der ganzen Sache einen Aspekt, der mich wirklich fasziniert ..., oder sagen wir, eine Frage, die sich jede Frau, die eine Geburt erfolgreich hinter sich gebracht hat, irgendwann vielleicht stellen sollte [diese Frage ist allerdings nicht auf meinem Mist gewachsen]:

"Warum sollte ich mich noch vor irgend etwas fürchten,
nachdem ich das alles durchgestanden habe?"


GW: Ich kenne diesen Ausspruch in einer etwas anderen Form. Stimme dem aber vollends zu, weil es etwas ist, das ich als Mann nicht erleben kann, mich aber in meiner Ansicht bestärkt, das Schmerz in seiner endlichen Konsequenz durchaus etwas positives schaffen kann.

Etwas Profanes: Ebenfalls in einem Interview, hast Du auf die Frage nach Deiner Arbeit gesagt, daß Du sehr wohl arbeitest, da Musik machen ja wohl Arbeit ist. Richtig! Ich glaube auch nicht, daß der Fragende die Frage so gemeint hatte. Was nur in Gesprächen mit anderen Musikern mir aufgefallen ist... Es gibt z.B. zwei CDs von Dir, die als absolut rar gelten, bei ebay für 70,00€ verkauft werden, da sie "nur" in einer Auflage von 3000 Stück erschienen sind. 3000 das ist eine Zahl, von der viele andere Musiker nur träumen können. Bei Anna-Varney ist das eine "limited edition". Kannst du also von Deiner Arbeit als Künstlerin leben, oder mußt Du trotzdem einem sogenannten "normalen" Job nachgehen? Ersteres ist ja auch eine Sache, die man erst einmal erreichen muß.

Anna-Varney: Die Arbeit, der ich neben SOPOR nachgehe, würdest Du bestimmt nicht als normal bezeichnen.

GW: Wenn ich mir Deine musikalische/textliche Entwicklung ansehe, habe ich das Gefühl, daß Du in den letzten Jahren mehr zu Dir selbst gefunden hast. In Dir selbst geschlossener und auch gelassener, nicht mehr ganz so verletzlich und zerrissen wirkst. So als hätte auch Deine Arbeit als Künstlerin sehr viel dazu beigetragen, Dich mit vielen Dingen, die einst schmerzhaft für Dich waren, zu versöhnen. Gerade auch durch die zauberhafte, fast märchenhafte NENIA C'ALLADHAN CD.
Anna-Varney: Ist das denn so überraschend? Schließlich ist gerade das ja Sinn und Zweck unserer Arbeit ... - Selbstheilung.

GW: Nein, überraschend ist es nicht!
Bist Du inzwischen glücklich? Welche Träume träumst Du noch? Welche Wünsche? (Mir hat mal jemand geschrieben, daß er mir viel Glück und Erfolg für meine Arbeit wünscht, daß alle meine Wünsche in Erfüllung gehen sollen... bis auf einen! Damit immer noch etwas bleibt, wovon ich träumen kann, damit ich immer noch etwas habe woran ich festhalten kann, was mich vorwärtstreibt. Was ich sehr schön fand! Verstehst Du die Frage?)

Anna-Varney: Natürlich verstehe ich die Frage, und eigentlich habe ich sie auch schon längst beantwortet.

GW: Etwas ganz anderes: Ist Dir eigentlich der Sommer näher als der Winter? (Blöde Frage? Ich versuche es zu erklären: Ich stelle mir Anna-Varney ja gerne Tee trinkend, in einem lichtdurchfluteten, von Pflanzen überwucherten Garten, mit einer Katze auf dem Schoß vor! Warum Katzen? Sie würden einfach zu Dir passen.)
Anna-Varney: Ach, ja. Projektionen sind was Schönes ...

GW: Sind sie das nicht immer? Wie Du selber mal gesagt hast, liegt die Interpretation eines künstlerischen Werkes ja auch immer (nur) im "Auge" des Betrachters. Die Frage ist halt nur: Wieviel Du davon (als einzige[r], der den "Schlüssel" in der Hand hält) preis geben möchtest! War auch mehr der Versuch, einmal mehr NICHT dem Bild zu entsprechen, das sich die meisten Menschen (die Dich nicht kennen!) von Dir machen. Dieses Bild, Anna-Varney würde zwischen Knochen in einer Gruft leben...
Anna-Varney: Na, die Zeiten sind ehrlich gesagt vorbei ... - schließlich werde ich ja auch nicht jünger, und mit den Jahren beginnt es wirklich, die Gesundheit zu beeinträchtigen.

GW: Was mich dann doch noch zu einer Frage bringt. Wie bei kaum einer anderen KünstlerIn, habe ich bei Dir das Gefühl, daß die Medien Deine Musik ausschließlich auf Deine Person, und die nie [logischerweise nicht!] zu begreifenden "Attitüden" [im Sinne von "Äußerlichkeiten"] reduzieren. Besonders, wenn es dabei um [negative] Kritik geht.

Ist dies der Preis, den man bezahlen muss, wenn man sich so offen gibt wie Du? Oder ist es der Trick, gerade mit dieser Offenheit den Eindruck zu erwecken, man wäre eigentlich gar nicht offen, man verberge sich hinter einem Geheimnis? (Klingt kompliziert? Ich denke, Du verstehst was ich meine!)

Anna-Varney: Ach, weißt Du, das sind so Dinge, über die ich mir wirklich nicht den Kopf zerbreche. Der Punkt ist auch eigentlich der, daß Du Dich als KünstlerIn irgendwann fragen mußt, was denn eigentlich genau Deine Motivation ist, Deine Arbeiten - in unserem Fall eben Musik, Wort & Bild - nach Fertigstellung tatsächlich auch zu veröffentlichen.

Wenn Du schlichten Pop [im Sinne einer wie auch immer gearteten Unterhaltungsmusik] machst, dessen einziges Ziel/Berechtigung es ist, die Leute zum Tanzen zu bringen, oder sie auf andere Art eine gute Zeit verleben zu lassen, dann stellt sich diese Frage vermutlich nicht wirklich ... - oder vielleicht mit verändertem Vorzeichen. Wenn es aber Dein Anspruch ist, eine Kunst zu erschaffen, welche nicht nur persönlich "eingefärbt" ist, sondern vielmehr ihr gesamter Gehalt in der Tat zu 110% auf der KünstlerIn selbst basiert, ausschließlich sie ihr konzeptioneller Inhalt ist ... - Kunst, die letztendlich auch heilen soll[!] - , dann bleibt Dir garnichts anderes übrig, als die Wahrhaftigkeit zum allesbestimmenden Zentrum Deiner Arbeit - Deines Lebens[!] - zu machen.

Wenn Du darüber hinaus vielleicht sogar noch den tiefempfundenen [wenn auch geheimen] Wunsch in Dir trägst, durch die bloße Schilderung des Leide[n]s, wie natürlich auch durch dessen erfolgreiche Überwindung, anderen Menschenkindern zu helfen, die möglicherweise - bis zu einem gewissen Grad - im Ansatz ähnliche Situationen erlitten haben könnten, dann wird offenkundig, daß Du tatsächlich nun der Wahrhaftigkeit verpflichtet bist.

Doch da SOPOR AETERNUS eben eine Form von introvertiertem "Exhibitionismus" ist, hat es mit der Offenheit dann natürlich auch irgendwo seine Grenzen, zumal der bloße Charakter mancher [Interview-]Fragen bereits ganz klar verrät, daß die entsprechende Antwort ohnehin nicht wirklich verstanden werden würde. Es ist dabei völlig in Ordnung - und auch absolut berechtigt - von uns zu erwarten, daß wir unsere Arbeit aufrichtig und mit großer Ernsthaftigkeit erledigen ... - aber es ist gewiß nicht unsere Aufgabe, die Leute eben hiervon auch zu überzeugen. Die Dinge sind nunmal , wie sie sind ..., und die Wahrheit ist in den meisten Fällen ohnehin das Letzte, daß die Menschen Dir glauben. Was soll also die ganze Aufregung?!

GW: Interessieren Dich Kritiken [negative und positive!], wenn sie denn solche sind?
Anna-Varney: Nun ... - ja und nein. Wenn man soviel Zeit und Energie in [z.B.] ein Album investiert hat, und man aufrichtig mit dem Ergebnis zufrieden ist, dann hofft man am Ende natürlich inständig, daß alle, die es später hören, dann [mindestens] ebenso empfinden werden ... - das ist doch ganz natürlich. Auch wollen wir letztendlich alle geliebt werden ... [und dabei möglichst viele Platten verkaufen!], und ein freundliches Feedback ist selbstverständlich immer etwas Schönen! Daran gibt es garnichts zu rütteln. Insofern ist eine positive Kritik natürlich stets etwas äußerst Wünschenswertes.

Anna-VarneyDoch darüber hinaus verhält es sich mit [negativen] Kritiken wie mit allem im Leben .. - sie sind relativ. Sie treffen entweder zu ... oder auch nicht. Entsprechen sie der Wahrheit, so gibt es keinerlei Grund, über sie in Wut zu geraten [oder sich sonstwie zu ereifern] ..., und tun sie es nicht, so macht es sogar noch viel weniger Sinn.

Das einzige, was mich zuweilen wirklich verärgert, ist eine verschwendete Rezension. Jene selbstgefällige Art von masturbatorischem Geschwafel, bei dessen Lektüre man am Ende noch nicht einmal erfährt, ob es sich bei der besprochenen Platte denn nun um HipHop, Punk, Klassik, Reggae oder sonstwas handelt. Aber ... letztendlich ... ist vermutlich auch das relativ.

GW: Dann bleibt mir eigentlich nichts weiter, als das zum Schluss obligatorische "Danke für das Interview" zu sagen. Obwohl ich es in Deinem Fall wirklich ernst meine. Dann das Interview hat mich in einem Punkt weitergebracht, genau wie es Deine Musik/Texte bei mir immer getan hat. Es hat mich auf jeden Fall zum (Nach)denken angeregt.
In diesem Sinne wünsche ich Dir (und damit uns!) noch etliche, viele wundervolle Alben, die sich auch weiterhin nicht zum reinen Konsumieren eignen. Und das sich der/Dein Prozess der "Selbstheilung" weiterhin so positiv für Dich - und damit so fruchtbar für uns - gestaltet.

Anna-Varney: Vielen Dank.


Thomas Sabottka für GOTHICWORLD


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