interview:

CANAAN
"Dem psychischen Kollaps nahe"

Canaan Ein neues Canaan-Album bedeutet immer auch die Auseinandersetzung mit seinen eigenen Ängsten und abgrundtief düsteren Gefühlen, denn kaum einer anderen Band gelingt es dermassen intensiv und beeindruckend, dem Zuhörer den Spiegel vorzuhalten und den der Welt inherenten (vermeintlichen) Humanismus zu hinterfragen. Dass die Alben Canaans dabei nicht das Produkt wohldurchdachten Kalküls sind, dafür sorgt die Authenzität, mit der Mauro Berchi und seine Band ihr künstlerisches Schaffen und ihre Berufung verstehen.

Die Verarbeitung der eigenen Ängste und Befürchtungen stehen im Mittelpunkt, fernab jeglicher kommerzieller Zwänge und Notwendigkeiten. Dies macht auch "A Calling To Weakness" wieder sehr deutlich, stellt es in der musikalischen Historie Berchis, Vorläufer Ras Algethi und die Gothic-Formation Weltschmerz eingeschlossen, doch das mit Abstand düsterste Album dar.
Entwaffnend dabei ist nicht nur die Offenheit, mit der Canaan ihre Ängste auf künstlerische Art und Weise verarbeiten, sondern auch die Offenheit in der Beantwortung von Interviews, von denen das nachfolgende ein beeindruckendes Zeugnis gibt.


CanaanGW: Nach all den Interviews, die wir nicht nur für Canaan sondern auch für Weltschmerz, dein musikalisches Nebenprojekt, geführt haben, frage ich mich, ob deine Einstellung dem Leben und den negativen Aspekten des Lebens gegenüber nicht aus einem sehr humanistischen Weltbild erwachsen. Natürlich beziehen sich Canaan immer wieder auf die düsteren Themen, die diese Welt beherrschen, aber gibt es hinter dieser Fassade nicht doch irgendwo den Mauro Berchi, der sich nach einer besseren Welt und einer besseren menschlichen Zivilisation sehnt?
Mauro: Nein. Ich denke wirklich nicht so. Anzunehmen, ich würde einen humanistischen Standpunkt vertreten würde unterstellen, dass ich - bis zu einem gewissen Grade - einen Zugang zu den Themen konstruieren würde, mit denen ich mich bei Canaan auseinandersetze. Das ist vollkommen falsch. Lass mich ein für allemal klarstellen, dass ich niemals und zu keiner Zeit eine Rolle spiele oder eine Maske trage. Alles, was du durch Canaans Musik und die Texte fühlst und erlebst, ist die ehrliche und aufrichtige Widergabe dessen, was ich innerlich fühle. Und das, was ich in mir trage, ist weit entfernt von dem Konzept dessen, was man gemeinhin mit der "Normalität" verbindet. Die Welt, in der ich lebe, könnte mir nicht weniger bedeuten. Mir spukt schon genug im Kopf herum, da muss ich nicht noch nach anderen Geistern Ausschau halten. Ich verspüre auch keinen Drang, mich in der Gesellschaft einer Menschenmenge besser zu fühlen, da ich mich schon in der Gegenwart von zwei oder drei Leuten unwohl fühle. Häufig ist selbst ein Mensch mehr als genug…
Weißt du, es ist schwer dies jemandem zu vermitteln, den man nie persönlich in seinem Leben getroffen hat. Wenn du jemals die Möglichkeit hättest, mich persönlich zu treffen, deine Zweifel wären sofort verflogen. Ich muss diese Frage also verneinen. Ich versuche lediglich einen Weg zu finden, auf dem ich meine Balance halten kann. Wenn die anderen dabei fallen, so ist es mir vollkommen gleichgültig.

GW: Würdest du mir zustimmen, dass dunkle und melancholische Gefühle ihre Entsprechung im tiefsten Inneren der menschlichen Seele erfahren? Wo verstecken sich deine eintsprechenden Gefühle? Woher nimmst du jeden Tag auf´s neue die Kraft in einer Welt zu leben, die du in ihren fundamentalen Werten ablehnst?
Mauro: Das ist eine gute Frage, eine verdammt gute. Ich leben jeden Tag meines Lebens gerade so, als ob ich eine Reisender wäre, der in der Mitte des Nichts gestrandet ist. Wie ein Paralytiker der den Leuten zusieht, die an ihm vorbeirennen. Dabei verspüre ich ein Gefühl des Neids für all die, die die Kraft und die Energie aufbringen, positiv auf die Dinge zu reagieren, die einem zustossen und mit denen man sich auseinandersetzen muss. Meine Energiereserven schwinden meist sehr schnell, was immer ich auch versuche, sie zu erneuern. Meistens bin ich überhaupt nicht in der Lage sie zu erneuern. Ausserdem habe ich stets - und das gilt für wirklich jede Minute meines Lebens - das Gefühl, dass, sobald diese Energien verbraucht sind, etwas furchtbares passieren wird. Ich weiss nicht genau was es sein wird, aber dieses Bewusstsein ist ein schlechter Begleiter meines Lebens.

GW: Welche Bedeutung besitzt der Begriff der Humanität für dich?
Mauro: Zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten mir überhaupt nichts. All das, was einem in der Kindheit, in der Schule oder am Arbeitsplatz gelehrt wird in Ehren zu halten, bedeutet mir nichts. Alles, von dem man vermuten würde, es wäre wert unterstützt und geliebt zu werden (Erfolg, soziale Ziele, persönliche Beziehungen) hat für mich keine Bedeutung. Ich lebe mein eigenes Leben, das eines blinden und tauben Menschen, der sich in der Menge bewegt. Die meiste Zeit sehe ich nicht einmal die Dinge, die um mich herum passieren, während ich andererseits häufig direkt in sie hinein renne. Mir bleibt nichts anderes übrig als mitzurennen, während sich alle meine Energien darauf reduzieren, so lange einen Schritt vor den nächsten zu setzen, bis der letzte Schritt getan ist.

GW: Die Welt steht am Vorabend eines Krieges (mittlerweile hat er ja auch begonnen, Anm. d.Verf.) und ich frage mich, ob der fortschreitende Verfall humanistischer Werte seinen Ausdruck nicht nur überall der Welt findet, sondern auch in der Musik Canaans. Ist dieser Verfall einer der Gründe dafür, dass "A Calling To Weakness" das bislang düsterste Album in der Bandgeschichte ist? Welche anderen Gründe würdest du anführen?
Mauro: Canaans Musik repräsentiert unser Inneres und als solches funktioniert sie wie ein Schwamm, der all unsere Ängste, Sehnsüchte und Impulse in sich aufsaugt. Manche davon beruhen auf äusseren Einflüssen, andere wiederum nicht. Ich habe Canaan nie als Hobby gesehen, sondern als integrativer Bestandteil meiner Persönlichkeit, so dass alles was, was ich tue, seinen Niederschlag in der Musik findet. Der Zerfall an sich ist ein inhaltlich für mich sehr interessantes Konzept, und auch wenn ich sagen würde, dass mich mein eigener psychischer Kollaps viel stärker beschäftigt als der äussere Verfall, so komme ich doch nicht umhin einzuräumen, dass wir in einer sehr düsteren Zeit leben. Einer sehr schlimmen Zeit sogar. Nicht nur in einer Zeit der Veränderungen, sondern etwas viel schlimmerem: das Verlangen nach Krieg wird uns früher oder später alle in eine sehr unbequeme Lage bringen. Vielleicht bin ich anmassend, aber ich finde, Canaans Musik gibt einen guten Soundtrack für diese Zeit.

GW: Schmerz und die Auseinandersetzung mit Schmerz ist eines der Themen, die Canaan immer wieder behandeln. Unterscheidest du zwischen verschiedenen Formen des Schmerz und würdest du sogar so weit gehen, dass Canaan das Empfinden von Schmerz auf künstlerische Art und Weise kultiviert haben?
Mauro: Ich sehe sehr deutliche Unterschiede zwischen dem physischen und dem psychischen Schmerz. Der physische Schmerz kann kontrolliert, gelindert und selbst geheilt werden. Für den psychischen Schmerz gibt es keine Heilung und ist sogar noch schlimmer da er meist versteckt und nur sehr schwer zu identifizieren ist.. So fühlt man sich, als ob man gegen einen unsichtbaren Feind ankämpfen muss. Ausserdem muss ich unterstreichen, dass ich, hätte ich die Wahl, mich dafür entscheiden würde, wieder zu leiden noch den Schmerz, so wie ich es leider tue, als eine Art Schutzschild zu benutzen. Nachdem ich erkennen musste, dass ich diesem Zustand nicht entfliehen kann, habe ich lernen müssen, diesen konstanten Verlust an Antriebskraft in etwas Positives zu verwandeln, oder zumindest unter Kontrolle zu halten. Dabei hilft mir die Band als ausgleichendes Ventil ungemein. Vor allem darin, diese negativen Impulse auf kreative Art und Weise zu kanalisieren, anstatt ihrem destruktiven Charakter freien Lauf zu lassen. Obendrein bin ich der Meinung, dass es sehr gefährlich ist, die Schönheit des Schmerzes zu geniessen, denn die Grenze zwischen Genuss und etwas sehr Dummen ist sehr schmal. Um wirklich hinter den Schleier des Schmerzes zu sehen, muss man schon eine sehr geschickte und trainierte Person sein. Dieses Status zu erreichen ist sehr schwierig.

GW: Bezugnehmend auf das beiliegende Presseinfo, wo "A Calling To Weakness" als ein negatives Album beschrieben wird, das offen lässt, wie das nächste Canaan-Album klingen wird, frage ich mich, wie ihr diese Negativität definiert?
Mauro: Unsere Musik ist sicherlich nicht positiv, soviel ist sicher. Wir versuchen immer sie so negativ wie nur irgend möglich zu gestalten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie nicht als Unterhaltung im herkömmlichen Sinne agiert. Momentan fühle ich, dass die Band einen sehr ernsthaften Prozess der Reife und der Mutation durchläuft. Ich bin selbst sehr gespannt zu sehen, wohin uns diese Entwicklung führen wird, sobald wir mit dem Komponieren begonnen haben. Ich merke, wie die Chemie unter uns fünfen als Menschen ein unbeschreibliches Level an Komplexität erreicht, von der ich hoffe, dass Canaans Musik davon profitieren wird. Zieht man nun noch in Betracht, dass wir alle keine sonderlich positiv gestimmten Personen sind, so kann ich nur erahnen, wie das nächste Album klingen wird. Die Zeit wird es zeigen. Ich hoffe nur, wir wären einmal in unserem Leben in der Lage genug Geld aufzutreiben, um die Dinge mit Ruhe und ohne Zeitnot zu erledigen. Ich fürchte nur, dass wird ein unerfüllter Wunsch für uns bleiben.

GW: Einer der bewegendsten Songs des Album ist "A Last Lullaby", der, so vermute ich, auf einem traditionellem jüdischen Lied basiert. Da wir uns der jüdischen Geschichte und dem Leiden des jüdischen Volkes alle sehr wohl bewusst sind, frage ich mich, ob die Melancholie, das Leiden und die Trauer, die traditionelle jüdische Musik beinhaltet, überhaupt noch übertroffen werden kann. Fühlst du dich dem, unter humanistischen Gesichtspunkten, in diesen Liedern beschriebenen Leid auf irgendeine Art und Weise verbunden?
Mauro: Exzellente Frage, auf die ich keine passende Antwort parat habe. Als Andrej diese Melodie vor sich hinpfiff wussten wir sofort, dass dies perfekt zu der Stimmung von "A Calling To Weakness" passen würde und begannen dementsprechend daran zu arbeiten und unseren Bedürfnissen nach zu arrangieren. Erst später bemerkten wir, dass dies eine traditionelle Melodie war, mit all den zusätzlichen Bedeutungen, die sich dahinter verbergen würden. Generell würde ich sagen, dass Schmerz und die Reaktionen auf diesen Schmerz sich auch auf den Menschen übertragen lassen. Daher ist es für mich nicht sonderlich überraschend, dass diese Melodie eine sehr grosse Trauer und ein sehr grosses Leid beinhalten, selbst nachdem wir sie in eine Canaan-Version verwandelt haben. Ich bin nicht sonderlich gut mit jüdischer Musik vertraut, aber ich denke, es würde sich lohnen, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Ich vermute, dass sich die turbulente und leidvolle Geschichte in der Kultur dieses Volkes maifestiert. Ja, ich glaube, ich sollte mich wirklich eingehender mit dieser Musik beschäftigen.

GW: Welches sind deine Favoriten auf "A Calling To Weakness"?
Mauro: Ich bin sehr stolz auf alle Tracks des Album, aber wenn du mir so die Pistole auf die Brust setzst, würde ich "Everything You Say", "Mercury" und "Essere Nulla" nennen. "Prayer For Nothing" ist auch einer meines Favoriten, aber generell gibt es nicht einen Track auf dem Album, zu dem ich keine besondere Beziehung habe. Wer sich für die Texte interessiert, der kann sie auf unser neu überarbeiteten Website http://www.canaan.iut nachlesen.

GW: "A Calling To Weakness" ist das mittlerweile vierte Album Canaans und ich frage mich, wo du die Band im heutigen Musikgeschäft siehst. Da du gleichzeitig auch Labelboss von Eibon bist stellt sich unweigerlich die Frage, ob du zwischen Mauro Berchi, dem Musiker, und Mauro Berchi, dem Labelchef, der für die Promotion und das Marketing der bei Eibon unter Vertrag stehenden Bands, unterscheidet.
Mauro: Da ich nur meine eigene Befriedigung spiele, ist die Antwort auf deine erste Frage: "Ich weiss es nicht und eigentlich ist es mir auch egal, wo Canaan eigentlich im Musikgeschäft stehen. Ich habe die Schnauze von dem allgemeinen Gehabe im Musikgeschäft wirklich voll. Die Promotion siegt über die Qualität, mit Geld erkauft man sich gute Reviews, Werbung ist wichtiger als die Qualität der Musik und gutes Ausshehen bewirkt mehr als eine gute Platte. Von daher bewege ich mich abseits dieses "Geschäfts". Ich ziehe es vor im Stillen zu arbeiten, in Ruhe und im Hintergrund, die Dinge auf die Art und Weise und mit der Zeit erledigend, so wie ich es will. Es ist mir egal wenn ich dafür in Kauf nehmen muss weniger zu verkaufen. Daher spreche ich auch immer sehr deutlich mit den Bands, die bei Eibon unter Vertrag stehen, um Missverständnisse und Ärger zu vermeiden. Ich bin mir der Tatsache sehr wohl bewusst in einem sehr kleinen Markt für ein sehr kleines Publikum zu produzieren. Daher gibt es für mich auch weder einen Grund Eibon als "Music For Nations" oder ein anderes x-beliebiges Label zu verkaufen, noch vorzugeben, ich würde irgendwelchen geschäftlichen Regeln folgen. Es wäre ziemlich lächerlich, wenn ich mich und die Eibon Veröffentlichungen aus kommerziellen Erwägungen verbiegen würde, nur um anstatt 800 Kopien vielleicht 1500 Kopien zu verkaufen. Das interessiert mich einfach nicht und wird mich auch zukünftig nicht interessieren. So lange ich Musik veröffentlichen kann, die mir gefällt, so werde ich auf diese Art und Weise weiter arbeiten. Sollte aus irgendeinem Grunde meine Leidenschaft schwinden, so wird Eibon ganz einfach verschwinden. In Ruhe, und für immer. Ich werde das Label niemals für irgendwelchen Mist missbrauchen und nicht eine Art "Schuhverkäufermentalität" verfallen, die Musik wie Kondome betrachtet. Das ist weder mein Wunsch noch mein Verlangen, zumal es bereits genug Labels gibt, die künstliche Musik für die Massen veröffentlichen.

GW: Die letzte und beinahe schon traditionelle Frage nach Live-Auftritten in der Band, die du in der Vergangenheit ja immer wieder negiert hast. Denkst du nicht, dass, sofern die technischen Voraussetzungen und die Location stimmen und auch das entsprechende Publikum zugegen wäre, wie zum Beispiel auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig, ein Auftritt denkbar wäre?
Mauro: Ich weiss es wirklich nicht. Wir haben im Laufe der Jahre immer wieder Angebote bekommen live aufzutreten, aber wir haben, um ehrlich zu sein, nie eine Notwendigkeit verspürt, live zu spielen, was fraglos eine Grundvoraussetzung für eine zufriedenstellende Live Performance wäre. Hinzu kommt, dass einige der Mitglieder der Band weit weeg von Mailand wohnen und unsere Bandproben noch seltener als ohnehin schon in der Vergangenheit geworden sind. Was also eine "normale" Beteiligung und Hingabe wäre, mündet in die Tatsache einer im herkömmlichen Sinne kaum existenten Band. Daher muss ich dich also wieder einmal enttäuschen. Ich denke, wir sollten Canaan als reines Studioprojekt betrachten. Ein Studio ist der Ort, in dem wir uns fühlen.

NOTHING. NEVER. NOWHERE.



Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GOTHICWORLD


Zum Review "A Calling To Weakness"
Homepage: http://www.canaan.it