interview:

SUBWAY TO SALLY
"Konfrontation mit der Gegenwart"
Subway To Sally

Subway to Sally, das machen gleich die ersten Takte des neuen Albums "Engelskrieger" deutlich, haben sich musikalisch verändert. Auch wenn das metallische Element im Sound der Band von je her seinen festen Platz hatte, so überrascht die beinahe schon an Rammstein erinnernde Härte, mit der Subway to Sally auf dem neuen Album zu Werke gehen, schon ein wenig. Auch wenn sich Subway to Sally selbst nie als Mittelalterband im klassischen Sinne verstanden haben, der Verzicht auf Dudelsack und Schalmei kam schon unerwartet und lässt die Band in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Ergänzend zu dieser musikalischen Kurskorrektur greifen auch textliche Veränderungen, denn die Direktheit und der Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen war auch sprachlich noch nie so deutlich, wie auf "Engelskrieger".

All dies zusammen genommen stellt einen mutigen Schritt seitens der Band dar, bei dem abzuwarten bleibt, ob die Fans diesen neu eingeschlagenen Kurs akzeptieren und begleiten werden.
Wo aber liegt der Grund für diesen harten Stilbruch innerhalb des Bandlagers?
Von Klausurtagung und Sinnkrise innerhalb der Band war hinter vorgehaltener Hand die Rede, auch wenn Sänger Eric diese Gerüchte im nachfolgenden Interview nicht endgültig zu entkräften weiss.



Eric: Ich würde nicht den Begriff des harten Stilbruchs wählen. Für mich ist es eine neue Ära. Den Begriff des harten Stilbruchs habe ich bei den letzten drei Platten immer schon gehört, obwohl dieser Begriff dieses Mal wahrscheinlich noch berechtigter ist, als noch zu "Hochzeit…" oder "Herzblut". Ich kann darauf nur antworten, dass es an der dafür Zeit war. Wir haben nach der "Herzblut"-Tour angefangen darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll.

Subway To Sally


GW: Das klingt fast so, als ob sich Subway to Sally in einer Sinnkrise befunden hätten.
Eric: Sinnkrise ist Quatsch, aber mit "Herzblut" war das Thema Schalmei, Dudelsack und Flöte endgültig gegessen. Wir hatten Lust auf was neues, etwas frisches und vor allem auf etwas modernes. Modern meint eine Platte, die fest in der heutigen Zeit wurzelt. Wir sind also in Klausur gegeangen und haben uns untereinandern ganz schonungslos einmal selbst befragt. Unter dem Strich standen eine Reihe von Themen, auf die wir Bock hatten. Themen, die in uns sieben drin steckten und über die wir geredet und über die wir unbedingt singen mussten. Auf der anderen Seite gab es auch so ein paar Eckpunkte, was wir nicht mehr so unbedingt machen und weglassen wollten. So hat sich das über einen eigentlich relativ langen Zeitraum von einem Jahr entwickelt und wir haben uns vorgenommen über Themen und Themenkomplexe geschrieben, die in der Band diskutiert wurden und die keine Alleingänge eines Texters waren. Das war ein sehr produktiver Austausch untereinander. Als Ergebnis steht da nun ein Album, bei dem wir uns total einig sind und wo wir im tiefen Frieden mit uns selbst sind. Da kann kommen was will - und wer will -, mit dieser Platte haben wir wirklich eine neue Dimsension des Selbstbewusstseins erreicht. Wir stellen uns wirklich hin und sagen "hey, das ist das Geilste was es gibt, also zeigt uns eine Band, die vielleicht noch mehr zu sagen hat als wir".

GW: Dennoch muss die Frage erlaubt sein, dass ihr durch diesen Stilwechsel nicht all die Dinge in Frage stellt, die ihr all die Jahre vorher gemacht habt und die euch so erfolgreich haben werden lassen.
Eric: Hineinhorchen in sich selbst, das hat nichts damit zu tun, dass wir das, was wir vorher gemacht haben, jetzt verleugnen würden. Die Alben waren für die Zeit, in der sie entstanden sind, völlig okay. Das waren auch immer die Alben, die wir zu diesem Zeitpunkt machen wollten. Das heisst ja auch nicht, dass wir ins Studio gegangen sind und nicht vorhatten, die Songs wieder mit Schalmeien und Dudelsäcken zu unterlegen. Das war nicht von Anfang an geplant, es ist nur so gekommen. Ich hatte so ein Studioerlebnis als der erste Basistrack fertig war. Also nur Bass, Gitarre und Schlagzeug. Ich habe dann darüber gesungen, wir haben uns hingesetzt und den Track angehört und waren alle der Meinung, das es reicht. Mehr brauchte der Song einfach nicht. Alles, was da noch mit Schalmeien, Flöten und Dudelsäcken geplant war, war einfach überflüssig. In diesem Kontext ist die Produktion dann verlaufen und so sind dann auch die brachialen Songs entstanden.

GW: Lyrisch stellt ihr auf "Engelskrieger" wahrscheinlich mehr Dinge in Frage als jemals zuvor. Ihr thematisiert unter anderem die Sterbehilfe, hinterfragt die Moral von Kirche und Gesellschaft, äussert massive Kritik an der sogenannten MTV-Generation und befasst euch mit Themen wie Autoaggression und ihren Ursachen. Ihr seid als Band die meiste Zeit das Jahres unterwegs und nur selten zuhause. Erlebt ihr während dieser kurzen Zeit zuhause das Leben und die Probleme intensiver?
Eric: Nein, das denke ich nicht. Die Themen, die du angesprochen hast oder auch Themen wie Terror oder Autoaggression stehen in den Zeitungen oder wir nehmen sie über das Radio auf. Das ist eher eine Frage, worauf man seine Antenne eingestellt hat und wie weit man innerlich bereit ist, bestimmte Dinge aufzunehmen und zu reflektieren, oder nicht. Daran scheiden sich die Geister. Vielleicht hat sich vieles von dem so lange in uns angesammelt, dass es nun an der Zeit war, darüber zu singen. Es ist ja nicht so, dass wir mit den alten Alben keine Sachen thematisiert haben, die nicht streitbar gewesen wären. Wir haben es vielleicht halt nur nie so auf den Punkt gebracht. Das war unsere klare Absicht, die Dinge so schonungslos auszusprechen, wie sie sind. Der Anspruch war eigentlich der, einen Aufschrei zu machen. Ich glaube nicht, dass die Platte, so toll sie musikalisch und inhaltlich auch sein mag, wirklich etwas direkt ändern kann, aber ich finde schon, dass man irgendwann auch den ersten Schritt tun und den Mut und das Selbstbewusstsein enwickeln muss um zu sagen, dass hier jemand ist, der weiss, dass er eine Stimme hat, dass er gehört wird und dass daraus auch eine gewisse Verantwortung erwächst, der man sich nicht entziehen kann.

Subway To Sally


GW: Ihr besitzt eine unglaublich breite Fanbasis, angefangen bei Metalheads über die Goth-Szene bis hin zur Fraktion der Mittelalterfans. Denkt st du, dass eure Fans die textlichen Aussagen, auch die der Vergangenheit, immer richtig verstanden haben, oder ist diese direktere textliche Ansprache auf dem neuen Album die Folge mangelnden Textverständnisses?
Eric: Ich traue unserer Fanbase jede Menge zu und ich weiss auch, das lehrt mich die Erfahrung unserer Konzerte, dass auch unsere älteren Texte, die in ihrer Aussage vielleicht nicht immer ganz so deutlich waren, in diesem Sinne verstanden werden. Diese Platte richtet sich aber an viel mehr Leute. Sie richtet sich an alle, an die gesamte Gesellschaft, und da liegt auch die Antwort auf die Frage, ob dies so notwendig sei. "Ja, verdammt nochmal, ja". Guck´ dir doch an, was in den letzten Jahren passiert ist. Ein rasend schnelle Verflachung der Kultur und der Gesellschaft, all dessen, was man Kultur nennen kann. Ich glaube, Jack London hat mal gesagt, "Kultur ist die Nahrung für die Seele". Die armen Seelen also auf dieser Welt, vor allem in diesem unserem Land, die sind ja am verhungern. Was hier an "Nahrung" kolportiert wird ist genung zum Verhungern und zu wenig zum Leben. Das fordert geradezu heraus sich hinzustellen und zu fragen, was hier eigentlich ist. Was bringt zig Millionen Menschen dazu, diesen Kack auf RTL zu gucken? Was soll aus zehn- bis sechzehnjährigen werden, die keine Möglichkeit haben, zu wählen, die zugeschüttet werden mit belanglosem und sinnlosem Zeug, wenn´s geht auch noch in Englisch? Die haben gar keine Alternative ihren Geschmack zu entwickeln. Wo kommt denn das her? Wo ist die Differenzierung? Wo ist die Politik, die sagt, dass die Erziehung auch über das hinausgeht, was im Elternhaus auf die Menschen einwirkt?

GW: Also das Versagen der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit?
Eric: Wir stellen uns jetzt nicht hin, heben den Zeigefinger und sind die Einzigen, die Klartext reden, das ist ja Quatsch, aber eben aus diesem Bewusstsein heraus sagen wir den Leuten schon, was wir denken.

GW: Was ist deiner Definition nach unter einem Engelskrieger zu verstehen? Der Gegensatz des in seinem Wesen friedlichen Engels und dem wütenden Krieger liegt ja auf der Hand.
Eric: "Engelskrieger" ist in erster Linie der Titel für das Album. Es war ein harter Kampf, zu diesem Titel zu kommen. Je mehr die Produktion der Platte voranschritt, desto mehr schien dieser Titel am Ende derjenige zu sein, der dieses Werk, sage ich mal, umklammert und bündelt. Wenn jemand, der diese Platte hört, sich fragt, was denn nun ein Engelskrieger ist, dann ist das genau das, was wir erreichen wollten. Die Frage, was ein Engelskrieger nun ist, wird durch die Musik auf der Platte dann auch beantwortet. Ein Engelskrieger ist nicht irgend jemand, der etwas tut oder es lässt, sondern es ist eine Haltung. Eine Haltung, die durch die Musik und die Inahlte beschrieben wird und die dazu führen soll, dass man sich am Ende fragt, ob man jemand ist, der diese Haltung vertreten und einnehmen kann.

GW: Manche der Texte auf "Engelskrieger" schockieren in ihrer Direktheit, regen aber zum intensiven Nachdenken an. "Narben" zum Beispiel, ein Text über Autoaggression und den Zwang, sich durch eine Rasierklinge oder andere scharfe Gegenstände selbst Narben zuzufügen. Woher stammt die Idee für solch einen Text?
Eric: Ich möchte eigentlich nicht zu intensiv auf die Herkunft mancher Themen eingehen, aber du kannst davon ausgehen, dass entweder sehr persönliche Initiationen dieser Idee vorliegen oder sehr gründliche Recherchen zu dem entsprechenden Thema vorausgehen. Gespräche, sich zu kümmern, Zeitungen lesen oder im Internet zu surfen, um sich sehr umfangreich zu informieren. Das haben wir getan und ist alles sehr unterlegt mit Dingen, die wir gelesen und in Erfahrung gebracht haben, und zwar so weit, dass ich sagen würde, dass ich jemanden, der mich auf solch ein Thema hin anschreiben würde, auch eine Antwort geben könnte. Ich singe also schon über Dinge, von denen ich eine Ahnung habe.

GW: Und die sicherlich auch aus eurem Fankreis an euch herangetragen werden, wo manche Fans sich ihren Idolen gegenüber mehr zu öffnen trauen, als der Familie oder den Freunden.
Eric: So ist es.

GW: In diesem Moment besitzt ihr den Fans gegenüber eine wichtige Verantwortung, um ihnen mit Rat und Tat helfend zu Seite stehen zu können. Habt ihr das Gefühl, dieser Verantwortung immer gerecht werden zu können?
Eric: Ja, dieses Gefühl habe ich. Ich bin auch immer wieder sehr von Bodenski als Texter überzeugt, weil ich sehe, wie er arbeitet, wie er um die Texte kämpft und sich als erster um die Recherche bemüht, wenn er ein Thema entdeckt oder an ihn herangetragen wurde. Das hat alles Hand und Fuss.

Subway To Sally


GW: Der Einfluss des aktuellen politischen Weltgeschehens findet sich in "Geist des Krieges" wieder und ist in dieser Direktheit seitens der Band bislang ebenfalls noch nicht geäusserrt worden.
Eric: Das ist das Grundthema und eigentlich auch der Aufhänger. Wir haben zu diesem Stück extra einen Begleittext herausgesucht, der das Thema 11. September auf eine einzelne Person, also ein ganz normales Schicksal, reduziert. Diese Person kommt genau an den Punkt, wo er durch die persönliche Erfahrung und die persönliche Verzweiflung bereit ist, unmenschliches zu tun. Also die Schwelle zu überschreiten und Dinge zu tun, die uns unmöglich und unbegreiflich erscheinen. Letztendlich kann man dieses Thema, wenn man es zu Ende denkt, darauf reduzieren.

GW: Und dies vor dem Hintergrund eines bevorstehenden kriegerischen Konfliktes zwischen dem vermeintlich Guten, den USA, und der Inkarnation des vermeintlich Bösen, dem Irak und seinem Herrscher Saddam Hussein.
Eric: Ein Krieg, wo wahrscheinlich wieder mehr Terroristen produziert als getötet werden.

Dem ist wohl leider nichts mehr hinzuzufügen.


Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GOTHICWORLD


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