interview:

STENDAL BLAST
- Wir kriegen ja auch nicht so viele Mädels ab ...

GW: Hallo Kaaja!
Kommen wir am besten gleich zur CD.
Irgendwie habe ich den Eindruck man könnte dem Album auch den Untertitel "Tagebuch aus einer psychatrischen Klinik" geben. Am Anfang steht das leicht arrogante Bekenntnis "ich bin der Sänger von Stendal Blast" dann schlagt ihr den Bogen über doch recht nachdenkliche Songs, Fragen nach dem Sinn, nach dem Halt, über ein zynisches Kinderlied hin zu "Hinter den Fenster", dass ja nun eindeutig eine Nacht in einer "Irrenanstalt" beschreibt.


Kaaja: (Lacht!) Der Eindruck ist nicht unbedingt falsch. Gerade ist "Hinter den Fenstern" ein Song der ja nun eindeutig in einer psychatrischen Anstalt spielt. Wobei das Ganze, gerade bei dem Titel natürlich auch nen Parabelcharakter hat. Zunächst mal gibt es einen Blick auf diese Krankenschwester, die einen verflucht harten Arbeitstag hat. Auf der anderen Seite gibt es aber auch diese Patienten die da sind. Wo man sich halt fragen muss wie sind die eigentlich dahin gekommen. Und darüber versuche ich natürlich auch schon die Frage, nach der Situation des Einzelnen in der Gesellschaft herzustellen. Was in seinem persönlichen Lebenslauf führt ihn eigentlich für diese Zeit in diese Klinik? Bei "Fette Beute" ist es so, dass es natürlich eine gewisse Arroganz ist, aber es ist halt auch ein gewisses Selbstbewusstsein! Worum es halt geht, der Titel ist ja grundsätzlich der Leitfaden durchs Album... worum es mir dabei ging war, zu sagen: Es gibt dich da oben lieber Gott, du Guter und es gibt dich da unten, böser Teufel, du schlechter!

GW: Aber eigentlich seit ihr mir beide scheiß egal!

Kaaja: Genau! (Lachen) Übrigens es gibt noch einen Dritten!! Das bin ich!! Damit meine ich ja jetzt nicht Kaaja Hoyda persönlich, sondern jeden einzelnen. Also jeder der in der Lage ist freie und eigene Entscheidungen zu treffen. Der in der Lage ist eine eigene Meinung zu haben. Und der sich nicht abhängig macht von irgendwelchen Instanzen! Ich finde das nicht krankhaft, sondern finde das gesund wenn das mehr so laufen würde...

GW:Nur wird es im allgemeinen ja doch eher als "krankhaft", "unnormal" oder gar "verrückt" eingestuft, wenn man seinen eigenen Weg geht und es wagt, Gott und dem Teufel gleichzeitig die Stirn zu bieten. Was ich dann besonders schön finde ist: Das ihr gleich in der ersten Strophe den Teufel angreift, der ja gerade in der sogenannten "schwarzen Szene" als Sinnbild für totalen Individualismus gilt, wo man doch eher gegen Gott und das Christentum, die Kirche mit all ihren Regeln und Dogmen ist. In diesem Sinn ist gerade diese Strophe ein schöner Tiefschlag, so nach dem Motto: Ok, der Teufel ist uns aber auch egal!

Kaaja: Ja! Aus der "Hardcore-Gothicszene" ist es sicherlich schon so, dass es dem einen oder anderen nicht so gefällt.

GW: Das finde ich aber gerade auch sehr schön daran. Das mit den Klischees gespielt wird um diese dann zu durchbrechen.

Kaaja: Natürlich ist dieser Titel auch das totale Klischee. Wobei es ja dann noch son bisschen versimpelt wird, "da kriegt man Flügel an den Rücken gepappt..." Das ist ja auch noch ein bisschen desillusionierend. Und ich bin schon der Meinung das man sich weder von der einen, noch von der anderen Instanz einnehmen lassen sollte. Sondern das man in der Lage sein muss, sein eigenes Ding zu drehen.

GW: Wo du gerade das schöne Wort simpel gebraucht hast... Schubladen hin und her, es gibt ja doch einige Parallelen zu anderen Bands, im Gegensatz zu denen sind eure Texte aber eher anspruchsvoll denn plakativ.

Kaaja: Ich sage mal so. Bei dem Album haben wir eine A und eine B Seite. Die A Seite sind so die ersten fünft Titel sind Gitarrenorientiert und die anderen Titel sind eher elektronisch orientiert. Ich will mich auch gar nicht so gegen diese Schubladen wehren.. ich identifiziere mich nicht sehr mit Ooomph oder Rammstein oder Witt oder so...

GW: Die Frage die sich für mich gerade in diesem Bereich immer stellt ist: Warum haben es gerade Rammstein geschafft und all die anderen Bands die es zum Teil schon länger gab, wie eben Stendal Blast oder auch Ooomph nicht geschafft. Und diese dann prötzlich auch noch als die Nachzügler dastehen.

Kaaja: Das ist die alte Frage, warum sich das schlechtere VHS System sich gegen Video 2000 und gegen Beta Max durchgesetzt hat!

GW: Ein sehr schöner Vergleich!!! Darf ich den zitieren? (Lachen)

Kaaja: (noch mehr Lachen!) Klar, dafür machen wir das doch hier!

GW: War auch eher nen Scherz! Ist halt nur ein schöner Satz!

Kaaja: Ja aber so ist es doch!!!

GW: Ok lassen wir den Vergleich einfach im Raum stehen. Eine andere Sache! Wenn wir mal davon ausgehen, jemand kennt Stendal Blast nicht! Und sieht dann dieses Cover und den Titel "Fette Beute"... dann könnte man ja fast denken: "Jo man, ne geile Hip Hop Scheibe"! Ist das Zufall, oder doch ein wenig das Publikum aufs Glatteis führen?

Kaaja: Nö! Stöhn! Ächz! Überleg! Nee! Wir haben halt zum ersten Mal versucht unsere Gesichter zu zeigen. Wir haben drei Platten gemacht, da waren wir sehr, sehr versteckt. Als Person! Und wir haben dann jetzt mal gedacht: Mensch jetzt lasst uns dieser Band auch endlich mal ein paar Gesichter geben! Wir sind zwar nicht schön, aber wir sind auch zumindest so hässlich, dass es interessant ist! Dann haben wir überlegt: Wie macht man das? Und im Zusammenhang mit der Tatsache das ich etwas übergewichtig bin, finde ich halt mein Gesicht mit dem Stempel "Fette Beute" auf der Stirn sehr amüsant. Ansonsten ist es nicht so dass wir die Leute aufs Glatteis führen wollen. Wir wollten aber eben auch nicht ein "Szeneorientiertes Cover" machen. Ich finde immer noch Stendal Blast ist ne Band für alle! Und ich bin nicht daran interessiert zu sagen: Diese Band gehört nur einer Szene! D.H. ich wollte ein möglichst völlig neutrales Cover machen. Und ich finde das neue Cover ziemlich neutral. Ein Cover das alle anspicht und vor allem uns endlich ein Gesicht gibt.

GW: Was mir dabei noch auffällt ist das Foto auf der Rückseite. Das verstärkt ja nun doch noch ein bisschen den Psychatrie-Eindruck. Wobei die Frage ist, ob die Hände wegen dem letzten, erfolglosen Suizidversuch fehlen, oder ob es doch ein Statement ist, das gerade die rechten Hände fehlen.

Kaaja: Das ist natürlich auch ein bisschen drin. Gerade sich die rechte Hand abzumachen, ist natürlich doch...

GW: Eindeutig?

Kaaja: Doppeldeutig!! Wir haben uns halt auch immer als Band verstanden, die sich zwar nicht links positioniert... die sich aber deutlich NICHT rechts positioniert. Ich bin halt immer noch der Ansicht, das man als Band durchaus sagen kann, dass man eine antifaschistische Band ist.. und ich denke das Stendal Blast eine antifaschistische Band ist! Nicht als Programm, aber auch in dem Versuch uns nicht vereinnahmen zu lassen!

GW: Das ist natürlich dann auch ein eindeutiges Signal an alle, die deutschen Gesang, mit rollendem "R" gleich als teutonisch, oder gar "neue nationales Rechtsbewusstsein" abstempeln.

Kaaja: Klar!!

GW: Ok! Auf die folgende Frage hast du jetzt bestimmt schon die ganze Zeit gewartet! Titel Nr. 5?

Kaaja: Titel Nummer fünf?

GW: "Sind so kleine Hände"!

Kaaja: (Lautes Lachen!!)

GW: Dazu muß ich sagen, dass ich den in Eurer Version sehr genial finde. Weil ich finde das Original ist eigentlich grottenschlecht. Nur traut sich das niemand zu sagen, weil es ja ein so betroffen machender Test ist, das man den Song ja nicht schlecht machen darf...

Kaaja: DOCH!!!

GW: Eure Version erinnert mich schon stark an LAIBACH! Nicht nur weil du dabei so tief singst, sondern weil es gerade die Qualität von LAIBACH ist, eigentlich schlechte Songs so zu covern, das sie schon wieder richtig gut werden. Um das noch ein wenig auf die Spitze zu treiben, ertönt ja gleich im Anschluss "Auf der Mauer auf der Lauer..." was ja nun garantiert kein Zufall ist!

Kaaja: Nein! (lacht) Das ist garantiert kein Zufall. Zunächst mal vielen Dank für das Lob! Also ich traue mich das zu sagen! Ich traue mich zu sagen, das ich "Sind so kleine Hände" in der Originalversion deswegen... nicht so gut finde;... weil es mir ein "Gutmenschentum" aufzwingt dem ich überhaupt nicht entspreche! Es ist so hochmoralisch, dass schon fast JEDEN auf dieser Welt verurteilt. Das musste natürlich auf ein Album das sich um Gut und Böse dreht dringend drauf! Übrigens ist die Reaktion, so wie du sie hast, ähnlich den Anderen, so das ich das Gefühl habe, der Song wird so wie wir ihn gemacht haben auch verstanden. Es ist ja nicht so, dass ich die Grundintention nicht unterstütze! Natürlich will ich nicht das Kinder gequält werden und natürlich will ich nicht das Kindern das Rückgrad gebrochen wird. Aber ich will auch nicht zu jemandem gemacht werden, der zwangsläufig eine Gefahr darstellt. Nur weil ich im Bus mal denke: Mensch kannst Du jetzt nicht mal die Klappe halten!!!! Nur weil die Kids nicht aufhören zu brüllen.

GW: So! Die nächste Frage, die Du jetzt auch schon tausendmal gehört hast. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Alexander Veljanow. Obwohl die Antwort ja fast auf der Hand liegt, da ihr ja bei den Lakaien im Vorprogramm gespielt habt. Aber tun wir mal so, als wüsste das niemand.

Kaaja: Ja, wobei das mit der Lakaien-Tour nach der Aufnahme kam. Es ist halt so das Alexander und ich uns schon seit drei vier Jahren kennen, und irgendwann mal festgestellt haben, dass wir über die gleichen Leute und die gleichen Sachen amüsieren können. Aber auch aufregen können. Darüber ist so ein regelmäßiger Kontakt und auch ne Freundschaft entstanden. Und ich habe ihn dann in irgendeiner weinseligen Nacht angerufen und gefragt ob er Lust auf ein Duett hätte und er hat "Ja" gelallt.

Wir haben uns dann über ein Thema unterhalten, und es war klar das ich ihm jetzt nicht irgend so einen Witztext geben kann und es war auch klar das ich ihm jetzt nicht irgend so einen abgedrehten Text geben kann. Weil ich ja weiß das er von der Szene viel mehr beobachtet wird als wir. Und dann sind wir so auf dieses Thema "lebe den Augenblick und genieße den Augenblick" und auf die Frage ob man einmal getroffene Entscheidungen wieder gut machen kann. Wir haben also beide an Text und Musik gearbeitet. Und haben das dann einfach so aufgenommen. Es war also eine freundschaftliche Zusammenarbeit, die viel Spaß gemacht hat und die überdies ja auch noch gut ankommt.

GW: Liegt da aber auch nicht ein bisschen die Gefahr, das gerade aktuell ja Männerduette doch sehr beliebt sind? Wenn man daran denkt das Peter Heppner über all nur nicht bei Wolfsheim singt.

Kaaja: (Lachen!) Jaaaa, aber ehrlich gesagt habe ich mich damit nicht befasst. Das war mir egal! Mir war wichtig das ich weiß das Alexander eben nicht inflationär überall mit singt. Meines Wissens hat seit Jahren keine Duette mehr gemacht und sucht sich seine Partner schon sehr genau aus. Mir ging es um Alexander und nicht darum irgendeine bekannte Stimme dabei zu haben.

Na klar ist der Nebeneffekt das diese Frage häufig gestellt wird. Klar ist auch das viele Lakaien Fans jetzt diese Scheibe kaufen werden. Aber mir ging es nie darum, damit Stendal Blast bekannter zu machen. Es ist einfach ne gute Nummer und nen schönes Lied und dem Kalkülvorwurf wirken wir alleine schon dadurch entgegen, das es die Single nur als limited Edition gibt. Die wird es gar nicht schaffen sich hunderttausendmal zu verkaufen da es nur anderthalb bzw. zweitausend Stück gibt.

GW: Es ist halt nen Song für die Mädels!

Kaaja: Jaaa! (Lacht!) Klar!

GW: Ist doch so! Die Mädels stehn so auf die Typen wie Christian Pohl oder eben Alexander...

Kaaja: Klar! Wir kriegen ja auch nicht so viele Mädels ab und haben jetzt eben mal in den Mädchentopf gegriffen. Es ist halt ne schöne Nummer und wenn sie uns dann auch noch ein wenig bekannter macht haben wir alle nichts dagegen. Auch Alexander nicht.

GW: Soooo! Habe ich alles gefragt?

Kaaja: Das musst Du wissen. (lacht) Aber ich hab schon den Eindruck das die wichtigsten Sachen gesagt sind und es bisher ein sehr ausgewogenes Gespräch war.

GW: Ok! Dann och so ein paar obligatorische Dinge zum Schluss! Wie sieht Eure Zukunft aus? Was ist mit live? Spielt ihr in Leipzig?...

Kaaja: Also, die Zukunft? Über die Zukunft kann ich dir auch wenig sagen! Ich war neulich auf ner Kirmes da gab es ne Wahrsagerin aber ich habe mich nicht reingetraut. Aber natürlich promoten wir jetzt erst mal ganz kräftig dieses Album und dann im Herbst auf Tour gehen. Wir sind aber auch in Leipzig auf dem WGT. Wir spielen am Freitag um halbzehn in der Moritzbastei. Und freuen uns sehr drauf weil wir wissen das deutschlandweit die Stendal Blast Fans zusammenkommen werden und ne ordentliche Partie abziehen werden...

GW: Sprich also, alle 25000 die Pfingsten in Leipzig sind, sind nur wegen Stendal Blast da?

Kaaja: (Lacht!) Nein! Aber zumindest die fünfhundert Hardcore Fans die werden sich das nicht entgehen lassen. Ich würde mich freuen Euch alle begrüßen zu können und wenn Du es schaffst, würde ich mich natürlich auch freuen.

GW: Ich versuche es, aber mein Terminplan ist für Leipzig auch schon ziemlich dicht. Interviews, Konzerte gucken... Aber einer so freundlichen Einladung muß ich ja eigentlich Folge leisten.

Kaaja: Mich würde es freuen! Wir singen dann zusammen "Sind so kleine Hände"! (Gemeinsames Lachen!!!)

GW: Ok! Bin ich dabei!! Ein gemeinsames Lied aus der frühen Jugend!!!

Kaaja: Ja genau deswegen!

GW: In diesem Sinne... Danke für das Interview, alles Gute in der Zukunft und bis demnächst!!!

Kaaja: Ja danke Dir auch und machs gut!


Thomas Sabottka für die GOTHICWORLD

zum CD-Review von "Fette Beute"
Homepage: www.stendalblast.de