interview:

WEENA MORLOCH
"Dieses Land hat keinerlei Bezug mehr zur Realität des Todes."

Weena Morloch


GW: Kommen wir gleich zur neuen WEENA MORLOCH Platte "KadaverKomplex". Die bestimmenden Themen sind Gewalt, Hass, Aggression - kurzum Terror in seinen vielfältigen Facetten.
Alexander Kaschte: Das kann man so nicht sagen. "KadaverKomplex" ist ausschließlich politisch zu verstehen, da sie sich hauptsächlich mit der alten "RAF"-Thematik und dem Verhältnis "Staat:Mensch" beschäftigt.

GW: Wie bist du zu diesem Thema gekommen?
Alexander Kaschte: Eigentlich aufgrund meiner eigenen Situation. Mir wurden zu viele Steine in den Weg gelegt; das letzte Beispiel betrifft die Ausübung meines Gewerbes, der Musik.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wieviel sich Deutschland für dich einfallen lassen kann, wenn du dich selbständig machst. Jeder Idiot, der einen Socken-Laden eröffnen will, bekommt Kohle in den Arsch geblasen; sobald es aber um Tonstudios und Musik geht, interessiert sich für dich und deine Situation kein Schwein.

Schuld an "KadaverKomplex" trägt des weiteren der weltweite Kapitalismus/(Kultur)Imperialismus. Ich bekomme regelmäßig Brechreize, wenn ich die Glotze anmache - das ist doch nur noch eine einzige Horrorshow. Es wird immer schrecklicher, ekliger, beängstigender. Es war für mich ein toller Tag, als Herr Schröder keine Toleranz für Faulenzer gefordert hat. Ich habe mich gefühlt, als würde ich auf der Abschußliste stehen. Ich bin Soziopath und habe Angst vor einem möglichen sozialem Abstieg. Wenn sich irgendwann meine Musik nicht mehr verkauft, steht meine Existenz auf dem Spiel, da ich auf Grund meines Krankheitsbildes nicht in der Lage dazu bin, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten bzw. den Weg einer regulären Ausbildung einzuschlagen.

GW: Ich würde jetzt gerne noch etwas zum Stück "Kugel Im Gesicht (9MM)" wissen...
Alexander Kaschte: Du spielst auf Erfurt an...

GW: Genau.
Weena MorlochAlexander Kaschte: Ich denke, daß verhältnismäßig wenige tote Lehrer allemal besser als 1000 tote Palästinenser sind. Dieses Statement ist nicht wörtlich zu verstehen: wenn man Erfurt in einem weltpolitischen Kontext betrachtet, hat es nichts zu bedeuten.

Natürlich war dieser Amoklauf schrecklich und der Täter labil und im pathologischen Sinne krank. Der Druck war anscheinend zu viel für ihn und er mußte ausbrechen. Ich habe ausgesprochenes Mitleid mit den Angehörigen der Opfer, aber trotzdem überrascht mich der Vorfall nicht im geringsten. Ich habe schon viel früher mit einem solchen Vorkommnis gerechnet. Deutschland trägt die Schuld daran, wenn es seine Menschen kaputt macht.

Was mich jetzt besonders stört ist die Berichterstattung, die Art und Weise wie in den Medien damit umgegangen wird. Da steht ein dicker Mann mit gerötetem Gesicht in einer teuren Jacke und erzählt fassungslos, wie traurig das Ganze ist. Fette Wohlstandsdeutsche wie er haben keinen Bezug zur Realität und zum wahren Leben mehr. Nimm als bestes Beispiel die Tagesschau. Da wird direkt nach einem Bericht über dem Amoklauf in Erfurt ein Beitrag über den geplanten Einmarsch der US Amerikaner in den Irak ausgestrahlt. Interessiert das denn noch jemanden ? Die Leute weinen sich die Augen aus, wenn Menschen vor der eigenen Haustür sterben, aber wenn es irgendwo anders ist, z.B. im Irak oder in Afghanistan: da weint keiner mehr. Dieses Land hat keinerlei Bezug mehr zur Realität des Todes.

Einer der ersten Gedanken, als ich von dem Attentat erfuhr, war, daß mich möglicherweise Mitschuld an dem Amoklauf treffen könnte; daß dieser Mensch meine Platten gehört und meine Texte falsch verstanden haben könnte. Gerade "Kugel im Gesicht", "Dies ist kein Traum" oder "Und wenn sie erst gestorben sind..." können sehr leicht mißverstanden werden. Zum Glück hat die Polizei nicht meine, sondern SLIPKNOT-Platten gefunden.

Nach Erfurt erscheint "KadaverKomplex" in einem völlig neuem Licht.
Es ist unfassbar, daß Robert sein "letztes Spiel" einen Tag nach meinem Abgabetermin bei der Plattenfirma gespielt hat. Ich ging davon aus, daß man die Veröffentlichung abblasen würde. Ich wollte ursprünglich Sätze wie "Diese Platte hören unsere Jungs in Afghanistan" oder "Diese Platte muß in Deinem Walkman laufen, wenn Du Amok läufst" ins Booklet schreiben. Das mußten wir leider bleiben lassen. Hätte ich diese Sätze stehen lassen, wäre ich wohl geschmackloser als Marilyn Manson gewesen.

GW: Erzähle doch mal etwas über die Entstehung dieser Platte.
Alexander Kaschte: Am Anfang war einfach nichts. Der Jahresplan 2002 war von der Labelseite her sehr straff gespannt. Am 20. März wurde mir in einem Meeting mitgeteilt, daß, wenn ich vor dem nächsten SAMSAS TRAUM Album noch etwas veröffentlichen wollte, es eine WEENA MORLOCH CD zu sein hat. Ich hatte bis zum 21. April Zeit. Nach einigen Überlegungen habe ich diese zeitliche Herausforderung angenommen und einen Monat durchgearbeitet. Ich bin am Stichtag sogar persönlich zu meiner Plattenfirma gefahren, um das Master abzugeben, damit ich die Nacht vorher noch daran arbeiten konnte. Zuerst sollte es wieder eine Krachskulptur wie "KUNST-X=?" werden, aber diese Jam-Session konnte ich nicht wiederholen. Dieses Event war nicht zu reproduzieren.

GW: Und dann hast du ein Konzept ausgearbeitet?
Alexander Kaschte: Ja. Es sollten Songs mit Struktur werden, nicht wie vorher Krachimprovisationen. Viele Drums, minimales Beiwerk. Also eine Art Schlagzeugmusik. Mir schwebten ultraverzerrte Schlagzeugsoli vor. Auch das Layout war von vornherein klar. Ich wollte die Photos aus der "Kunst-X Zeit" benutzen, da dieser Tonträger einfach untergegangen sind. Keiner hat über diese Platte berichtet, da sie niemandem gefallen hat, sie hat sich auch nur sehr schlecht verkauft. Deshalb hat auch niemand die Fotos abgedruckt oder verwendet.

GW: Ist denn das Risiko nicht hoch, dass sich nun auch die neue Platte schlecht verkauft?
Alexander Kaschte: Wenn sich diese Platte schlechter verkaufen sollte als die erste WEENA MORLOCHM, will ich von nun an Judas heissen. Die Verkaufszahlen von "Kunst-X=?" kann man nicht unterbieten !
"KadaverKomplex" ist sehr abwechslungsreicher Popindustrial geworden. Es gibt auf der Platte mindestens zwei Tracks, die das Potential zu Clubhits haben.

GW: Was hast du für Pläne mit WEENA MORLOCH?
Alexander Kaschte: Ich habe was WM betrifft nie Pläne.
Wenn ich Lust habe, eine Platte zu machen, mache ich etwas, wenn nicht, nicht.

Weena MorlochWEENA MORLOCH ist konzeptionell nicht so durchgestylt wie SAMSAS TRAUM. Ich will jetzt mit WEENA MORLOCH musikalisch mehr in die "FOETUS-Richtung" gehen, weg von dem Noise, hin zur Musik. Industrial ist sehr weit gefächert, mal sehen, wo ich ende. Aber es bleibt Industrial.

Natürlich möchte ich auch live spielen, einfach auf der Bühne stehen. Das ist für WEENA MORLOCH recht einfach, da ich keine Band wie bei SANSAS TRAUM brauche, es ist ungezwungener und ich kann viel improvisieren. Sagt mir wo und wann ich auftreten soll und ich bin dabei!

GW: Dann bedanke ich mich für dieses interessante Interview.
Alexander Kaschte: Nichts zu danken, alte Krachsau !
Und nicht vergessen: ein drohender Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan stellt keine Bedrohung für amerikanische Soldaten dar!


Stephan Urbach für GOTHICWORLD


Review zu "KadaverKomplex"

WEENA MORLOCH www.weena-morloch.de
SAMSAS TRAUM www.www.utopia-ist-ueberall.de

Label www.trisol.de
Photos von Thorsten Richter