exclusive interview:
Diorama
- Emotionelle Reflektionen
Ein DIORAMA ist ein altenglisches Wort für einen
Schaukasten, in dem Dinge aus der Realität verkleinert abgebildet und
dargestellt werden. Bezogen auf Torben Wendt und sein Projekt spiegelt DIORAMA
das Abbild der selbst erfahrenen, aber auch der, in unserer Gesellschaft
beobachteten Emotionslosigkeit seines Protagonisten wider.
"Pale", das vor anderthalb Jahren veröffentlichte
Debüt, war dabei eine Zustandsbeschreibung einer inneren
Gefühlskälte, die sich mit dem neuen Album "Her
Liquid Arms" zwar in Ansätzen noch nachvollvollziehen
läßt, sich bisweilen jedoch ins Gegenteil verkehrt hat und bei aller
noch vorhandenen Melancholie auch musikalisch und einer deutlich tanzbareren
Ausrichtung der zehn Stücke ihren Niederschlag gefunden hat.
Die
Gründe hierfür mögen vielseitig sein, wobei die Zusammenarbeit
mit Diary of Dreams, die gemeinsamen Tourneen durch Europa und Südafrika
und die dabei gemachten Erfahrungen sowie die vorübergehende Verlegung
seines Wohnsitzes nach Düsseldorf ihre Spuren hinterlassen
haben.
Vielmehr noch als diese
Erfahrungen verblüfft jedoch die Tatsache, daß "Her Liquid Arms"
innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes entstand und das Album sich als eine
Einheit präsentiert, die nicht nur kompositorisch sondern auch
produktionstechnisch einen deutlichen Vorwärtsschritt in der Geschichte
Diorama's markiert und zunächst vor allem die Frage aufwirft, wann die
Songs entstanden sind.
Torben: "Etwa die Hälfte der Stücke
habe ich in Ansätzen schon vor meinem Weggang aus Düsseldorf fertig
gehabt. Es gab zwei, drei Stücke, die waren ganz alt und stammen so aus
meiner Frühphase. Die andere Hälfte der Stücke hab ich ab
September zuhause im Schnelldurchgang "runtergerattert". Ich habe ja auch eine
ziemliche lange Pause drin gehabt, was das Musik machen anging. Als ich in
Düsseldorf war, habe ich ja ein halbes Jahr pausiert und nicht vor meinem
eigenen Equipment sitzen und kreativ werden können. Das mußte raus,
und was man auf dem Album hört sind zum Teil auch die Reflektionen und die
Gefühle, die sich in meiner Düsseldorfer Zeit angestaut haben."
Musik ist, sowohl für Torben, als auch
für Adrian Hates, ein Ausdruck des jeweiligen Gemütszustandes vor und
während der Aufnahmen zu einem neuen Album. Musikalisch betrachtet scheint
sich für Torben in seiner Gefühlswelt etwas zum Positiven gewendet zu
haben, vorausgesetzt man setzt die, im Vergleich zum Debüt "Pale",
deutlich stärker vorhandene Tanzbarkeit des Albums mit einer positiveren,
vielleicht auch fröhlicheren Grundstimmung gleich.
Torben: "An meinem Gemütszustand haben
sich sicherlich einige Dinge verändert. Im Rahmen einer ganz normalen
charakterlichen Entwicklung, auch im Rahmen des Heranwachsens und des
Heranreifens... "
Diorama, sprich Torben, ist
also erwachsen geworden?
Torben: "...nein, aber ich habe sicherlich
einen Schritt auch in diese Richtung getan. Ich habe sicherlich auch einige
neue Erlebnisse gehabt, die ich jetzt verarbeitet habe, die ich vorher in
dieser Form noch nicht hatte. Es ist ja mehr als langweilig immer den selben
Gemüts- und Ereignisstand zu haben und diesen immer wieder
auszudrücken, als sich der Entwicklung seines Lebens dann auch musikalisch
anzupassen. Insofern hat sich sicherlich etwas verändert. Die
Gleichsetzung mit "fröhlicher" ist sicher nur zum Teil schlüssig. Die
melancholische Grundstimmung ist immer noch da und auch sehr wichtig.
"Beschwingt und rhythmisch" ist vielleicht darauf zurückzuführen,
daß ich viel unterwegs war, viel erlebt habe und es eine stürmische
und erlebnisreiche Zeit war. Es ist aber nicht so, daß ich jetzt weniger
Melancholie in mir habe. Ich habe durch das erste Album sicherlich nicht all
meine inneren Dämonen exorziert. Die sind sicher noch zum großen
Teil gegeben."
"Pale", so Torben, bezeichnete
den "Zustand der Gefühlslosigkeit". Einen Zustand, der gekennzeichnet war,
"Emotionen, welcher Art auch immer, nicht empfinden zu können". Vergleicht
man "Her Liquid Arms" nun mit "Pale", so scheint das neue Album durch seine
musikalisch etwas offenere Grundstimmung einen Teil dieser Emotionen wieder
hervorgerufen zu haben.
Torben: "Dieser direkte Vergleich zwischen den
Alben ist sicherlich sehr schwierig, um da eine konkrete Entwicklung festmachen
zu können, da sie sich zum Teil auch in sehr unterschiedlichen Thematiken
bewegen. "Her Liquid Arms" zielt aber in eine ähnliche Richtung, den
Albumtitel und die Philosophie, die sich dahinter verbirgt, betreffend. "Pale"
bezeichnete den Zustand der inneren Gefühllosigkeit, der inneren Bleiche.
"Her Liquid Arms" hat auch damit zu tun, daß man sich nach etwa sehnt,
was einen auffängt und einem Geborgenheit schenkt, einen vielleicht
erlöst oder aus einer Entwicklung herausholt, und man dabei feststellen
muß, daß diese Arme, die man sich da herbei sehnt oder in die man
sich fallen lassen möchte, einen nicht auffangen können, weil sie
flüssig sind und man einfach durch sie hindurchgleitet und in seinem Fall
keineswegs gebremst oder irgendwie erlöst wird. Das ist eine ähnliche
Grundhaltung wie bei "Pale"."
Und so stellt
sich die Frage, was für Diorama die Faszination dieser Thematik ausmacht,
Liebe, Gefühle und Emotionen zu empfinden, sie zu empfangen, und diese
Gefühle auf der anderen Seite auch zu erwidern, daß sie sich
mittlerweile über zwei Alben erstreckt.
Torben: "Was die Liebe angeht, so ist das
sicherlich ein Element von vielen, aber nicht das Kernelement. Dies mit
körperlicher Liebe und dem Sehnen nach einer Partnerin gleichzusetzen ist
sicherlich nicht das, was ich damit aussagen möchte. Es ist vager, beruht
eher auf Visionen und beinhaltet überhaupt das Sehnen nach einer
Gefühlswelt oder das Erlangen von Glücklichkeit. Liebe ist für
mich ein Begriff, an dem ich mich sehr gerne aufhänge; ein sehr profaner,
banaler, nichtssagender und leerer Begriff. "
Eine auf "Her Liquid Arms" häufig verwendete Metapher ist
die des Meeres oder des Wassers allgemein. Wasser als Synonym für den
Fluß des Lebens und den Lauf der Dinge, aber auch als Synonym für
das Leben an sich. Die Gründe für die Verwendung dieser
symbolträchtige Metapher sind vielseitig.
Torben: "Der erste Grund ist der, daß
ich bei vielen Songs einfach unheimlich durch das Meer inspiriert wurde. Ich
liebe das Meer über alles und finde es faszinierend und gigantisch,
einfach überwältigend. Am Meer zu sitzen und einfach nur den Moment
zu genießen. Aus manchen dieser Erlebnisse heraus stammen einige
Textzeilen. Wenn du nachts am Meer sitzt, in die Wellen und dann am besten noch
in die Sterne schaust, kommen einfach die besten Ideen. Du fühlst dich
dann so, als ob du mit dir selbst im reinen bist. Sicherlich hat das Meer einen
bestimmten Anteil daran, der nicht genau definierbar ist. Das Meer ist
friedlich, schön, glatt, perfekt...es hat eine Wirkung auf uns, die wir
Menschen einfach nicht greifen können."
Dies ist jedoch nur eine Seite des Meeres. Was ist mit der
entfesselten Naturgewalt einer sturmgepeitschten See oder der
unergründlichen und unerforschten Tiefe, die unsere Ängste zu
nähren in der Lage ist und die uns Menschen die eigene Nichtigkeit vor
Augen führt?
Torben:
"Das spielt natürlich auch mit. Wenn man darüber nachdenkt kommen
einem natürlich auch die Gedanken, daß es einem, neben dem Heil,
auch das Verderben bringen kann. In seiner Riesigkeit den Menschen in allen
Belangen übertrifft und der Mensch im Angesicht des Meeres zu etwas ganz
kleinem schrumpft und ganz locker vom Meer aufgesogen werden könnte. Diese
ganze Flüssigkeits-Metaphorik beruht auf einigen Bildern, die ich jetzt
gar nicht so genau konkretisieren kann. Das kann ein schöner Wasserfall
sein, mit dem man etwas verbindet, oder eine wabbernde Flüssigkeit, die
man vor seinem geistigen Auge sieht."
"Das
Meer" ist der erste veröffentlichte und vertonte Text Dioramas in
deutscher Sprache. Ein Text voller Poesie, ohne leere Worthülsen oder
peinliche Formulierungen, ohne die Banalitäten des Schlager-Genres oder
eine überzogene, intellektuelle Sprachgewalt, der in dieser Form
sicherlich nur schwer zu erarbeiten war, und doch bereits im Alter von sechzehn
Jahren als Gedicht entstand.
Torben: "Das ist für mich das
Hauptproblem an der deutschen Sprache in Songs generell. Man will ja etwas
aussagekräftiges formulieren, ohne dabei polemisch oder theatralisch zu
wirken. Man will aber auch nicht stumpfsinnig sein und nur Metaphern dreschen.
Das ist eine unheimliche Gratwanderung, denn sobald man etwas
tiefgründiger und tiefsinniger wird, kriegt das ganz leicht den Hang zur
Polemik. Deswegen habe ich eigentlich auch immer ein bißchen Schiß
davor gehabt."
"Time Doesn't Heal Your Wounds
At All" mag eine der Zeilen sein, die auf den ersten Blick banal klingt. So wie
ein Sprichwort sagt, daß die Teit alle Wunden heilt, so dokumentiert
dieses Textfragment aus "Times Galore" eine tiefgreifende Auseinandersetzung
Torben's mit dem Umgang und der Verarbeitung des erlebten und gefühlten
Schmerzes über einen längeren Zeitraum.
Torben: "Das muß man jetzt wieder im
Gesamtkontext, auch im Gesamtkontext des gesamten Refrains sehen. Das ist
jemand, der da steht und seine Wut und seinen Unmut über die Zeit an sich
äußert, daß man die Zeit nicht anhalten kann und vor der Zeit
alle gleich sind. Daß die Zeit keine Unterschiede macht und der Gedanke
der Endlichkeit, des Todes, der vor niemandem halt macht, erwächst. Auch
das Bild des Engels, die ebenfalls der Zeit unterworfen sind. Es ist nicht die
Zeit selber, die die Wunden heilt, sondern die eigene Persönlichkeit, die
irgendwann genug Kraft oder Auswege findet, um etwas zu vergessen oder zu
verarbeiten."
Künstlern wird häufig
nachgesagt, sich intensiver mit dem Leben und all den Problemen, die das
Miteinander verschiedener Kulturen und Lebensformen mit sich bringt,
auseinanderzusetzen und diese Auseinandersetzung in Form von Liedern,
Literatur, Bildern oder sonstigen künstlerischen Ausdrucksformen zu
manifestieren. Eine These, die es zu bestätigen gilt.
Torben: "Es ist schwierig diese Frage zu
beantworten und dabei nicht wertend zu wirken. Künstler haben, wenn man
das mal generell und klischeemäßig betrachtet, sicherlich eine
andere Form des Erlebens und des Auffassens von Dingen, weil sie es sich in
ihrer Kunst, egal ob es nun Malerei, Bildhauerei oder die Musik ist, einfach zu
ihrer Eigenart gemacht haben, dieses anders zu verarbeiten. Über die
Tiefgründigkeiten des Lebens denken Künstler und auch
Kunstinteressierte, Menschen, die an Kunst teilhaben und sie genießen,
doch vielleicht intensiver oder zu einem höheren Anteil nach."
Sind Künstler demnach sensiblere
Menschen?
Torben: "Ja,
mag sein. Vielleicht gefühlsbetonter als die Allgemeinheit. Aber was ist
die Allgemeinheit? Ich würde folgende These in den Raum stellen. "Ein
08/15-Talkshow-Zombie hat sicherlich einen wesentlich geringeren Bedarf an
intellektueller Reflektion über die Tiefe des Lebens, als ein Mitglied
unseres Musikgenres". Sei es jetzt ein Künstler oder ein Konsument."
Diese Reflektion zeigt sich vor allem in
einem Lied wie "Photo", das eingeleitet wird durch ein, für die Tiefe des
Textes bedeutsames Sample über einen Galleriebesucher, der, an einer
Brüstung lehnend, seinen Blick über die Gallerie und die sich dort
befindlichen Menschen schweifen und seine Gedanken kreisen
läßt.
Torben:
""Photo" ist eine Beobachtung, eine Überlegung oder einfach auch nur eine
Ansammlung von Gedanken über die menschliche Existenz. Keine umfassende
Analyse, aber einfach Gedanken wie: "warum sind wir hier, was tun wir hier, wo
gehen wir hin und wo kommen wir her". Da schwingen auch biblische Motive mit,
ganz so, als ob jemand die menschliche Geschichte von Anfang an bis heute
verfolgt und sich ein Urteil darüber bildet oder Phrasen drischt."
Neben der bereits erwähnten Reflektion
des Lebens gibt es die ebenfalls angesprochene biblische Komponente des Textes,
eines religiösen Motives, das auf eine christliche Erzeihung und eine
umfassende Reflektion von Religion allgemein schließen läßt.
Torben: "Diese biblische
Motiv bei "Photo" mit der Schöpfung und der Vertreibung aus dem Paradies
beruht auf der Tatsache, daß dies ein ganz griffiges und
veranschaulichendes Bild ist, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Ich
bin weder religiös erzogen worden, noch bin ich in irgend einer Form
religiös. Ich bin nicht mal jemand der von sich sagt, er hätte seine
eigene Religion gefunden. Mich tangiert das überhaupt nicht. Deshalb bin
ich nun auch keiner, der die Bibel interpretiert und nach schlüssigen
Ansätzen für sich sucht. Ich habe eine sehr liberale, aber auch eine
sehr indifferente Einstellung zur Religion."
Wer Diorama im Vorprogramm der letztjährigen Tournee mit
Diary of Dreams gesehen hat, weiß um die ungewöhnliche und mutige
Präsentation der Stücke vom "Pale"-Abum in ihrer akustischen, nur
durch ein Klavier und den Gesang vorgetragenen, beinahe fragilen
Präsentation, die nicht nur dem Künstler selbst, sondern auch seinem
Publikum sehr viel abverlangte und dementsprechend auch honoriert
wurde.
Torben: "Das war
wirklich etwas ganz neues und jedem Fall ein Experiment. Ich hatte keine
Ahnung, wie die Leute es annehmen würden, zumal etliche ja auch noch gar
nicht mit Diorama in Berührung gekommen sind und sich überhaupt nicht
vorstellen konnten, was sie jetzt erwartet. Generell war ich aber von den
Reaktionen überwältigt. Es kam durchweg überall sehr positiv an,
die Leute haben in den allermeisten Fällen sehr gut zugehört und sich
wirklich versucht, dem Vortrag zu öffnen. "
So gelungen sich dieses Experiment auch letztendlich
dargestellt hat, die Umsetzung der Stücke, so wie man sie von den Alben
her kennt, läßt weiter auf sich warten, auch wenn Torben bereits
daran arbeitet Musiker zu finden und zum Teil bereits gefunden hat, die eine
adäquate Live-Präsentation für die Zukunft gewährleisten.
Doch zunächst gilt es, private Verpflichtungen zu erfüllen, so
daß eine ausgedehnte Diorama-Tour noch eine Weile auf sich warten lassen
muß.
Torben: "Also,
eine Diary of Dreams-Tour gibt es zusammen mit Das Ich im Oktober oder
November. Ich bin ab August allerdings weg, da ich mindestens für ein
halbes Jahr im Rahmen meiner Ausbildung und meines Studiums nach Toronto
verschwinden werde. Da führt kein Weg dran vorbei und wird einen kleinen
Knacks in der Diorama-Geschichte verursachen. Aber ich werde danach auf jeden
Fall mit "doppelter Gewalt" wieder zurückkommen."
Michael Kuhlen (OBLVION) für
GOTHICWORLD
Weitere Informationen gibt es unter:
www.diorama-music.com
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