exclusive interview:

Project Pitchfork
- Im Schutz der Geister

Peter Spilles

Über Project Pitchfork braucht man eigentlich kaum noch Worte zu verlieren, sind die Hamburger mittlerweile seit über einem Jahrzehnt aus der heimischen Elektroszene nicht mehr wegzudenken. Daß der Erfolg einer Band häufig Neider auf den Plan ruft, hat kaum eine andere Band dabei so sehr zu spüren bekommen, wie die "Pitchies", wie sie von ihren Fans liebevoll genannt werden. Trotz aller Vorbehalte, Kritik und Vorwürfen der Kommerzialisierung sind Project Pitchfork unbeirrt stets ihren eigenen Weg gegangen und der Erfolg gibt ihnen recht. Die Notwendigkeit, sich neue Fans zu erspielen, ohne die alten zu vergrätzen, ist ein schmaler Grat, der nicht nur das Fortbestehen jeder Band sichert, sondern auch die Kreativität und die Bereitschaft innerhalb einer Band, sich neuen Einflüssen hinzu-, nicht aber zu ergeben, fördert. Jüngstes Beispiel für diese These ist das unlängst erschienene neue Album "Daimonium", ein weiterer kreativer Meilenstein in der Geschichte der Band.

Daß Project Pitchfork mittlerweile selbst für das Fernsehen eine gefragte Band sind, bewies die Einladung des alt ehrwürdigen "Rockpalasts", der die Band für eines seiner "Bootleg"-Konzerte im Rahmen einer Clubshow nach Köln einlud. Einen Tag nach dieser Show bot sich die Möglichkeit, die gesamte Band zu einem Interview zu treffen, so daß zunächst einmal die Eindrücke des vorherigen Abends Gegenstand unseres Gesprächs waren.



Peter: "Es ist schon etwas ungewöhnlich für uns in so kleinen Clubs zu spielen, aber im Endeffekt waren wir sehr zufrieden. Auch die Reaktionen der Leute waren ganz gut, auch wenn es schon etwas gewöhnungsbedürftig war, im Gegensatz zu den großen Bühnen, die wir sonst so gewohnt sind."
Jürgen: "Die Kameraleute fallen einem während des Konzertes gar nicht auf. Das hat nur beim Soundcheck genervt."

Trotzdem war, zumindest bei den ersten Stücken, eine gewisse Nervosität nicht übersehbar, die sich mit zunehmender Dauer des Konzertes jedoch schnell legte, auch wenn die Performance der Band sicherlich sehr viel bewußter ablief, als eine "normale" Show.

Peter: "Ja, zweifelsfrei. Hinzu kam aber auch, daß die neuen Stücke da erst seit knapp einer Woche fertig waren und von daher alles sehr kurzfristig gewesen ist. Wir hatten praktisch keine Vorbereitungszeit."

Jürgen: "Eigentlich war das Konzert eine öffentliche Probe. Das muß man einfach so hart sagen, denn wir hatten keine Zeit, die Stücke noch zu proben."

Noch wenige Tage zuvor haben sich Pitchfork durch die Teilnahme am Leipziger Festival "Gegen rechte Gewalt" gegen Fremdenhaß und dumpfe nationalsozialistische Parolen ausgesprochen, was das Angenehme, sprich die politische Meinungsäußerung, mit dem Nützlichen, also der Präsentation des von VIVA unterstützten Festivals im Fernsehen, verband. Um nur keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: das politische und soziale Engagement der Hamburger ist allen Bandmitgliedern ein dringendes inneres Bedürfnis, und nicht wohl kalkuliertes Promotion-Kalkül.

Peter: "Um ganz ehrlich zu sein, muß man schon sagen, daß wir da zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen haben. Wir sind einfach gegen "rechts", was aber jetzt nicht automatisch heißt, daß wir "links" sind", was Dirk nachfolgend ergänzt. "Wir sind einfach gegen Unvernunft."

"Daimonium", das neue Album der Hamburger, setzt im Vergleich zu seinen Vorgängern deutlich mehr Akzente im Hinblick auf Peter's Gesang. Vorbei sind die Zeiten, in denen Peter agressiv geschrien hat. Stattdessen haben Pitchfork und insbesondere Peter intensiv am Ausdruck gearbeitet, was sich als bewußte Entscheidung der Band darstellt.

Peter: "Ja, das war ganz bewußt so. Wir haben noch nie so auf den Gesang geachtet, wie bei diesem Album. Viele der neueren Elektro-Bands klingen halt so, wie ich mal geklungen habe: Uns ist wichtig, uns weiter zu entwickeln.v

"Daimonium" (griechisch für Schutzgeist) ist zum ersten Mal in der langen Geschichte der Band ein Album, das ohne ein tiefergreifendes Konzept auskommt, auch wenn der Titel des Albums anderes vermuten läßt.

Peter: "Das Konzept hinter der Platte ist, daß es eigentlich eine recht konzeptlose Platte ist. Warum "Daimonium"? Ein Titel mußte her und die Essenz der Botschaft auf dieser Platte könnte lauten, daß alles etwas direkter ist, von den Texten vor allem. Eine andere Möglichkeit wäre, daß es halt die warnende innere Stimme ist. Darum geht es."

Eine warnende Stimme, die sich bereits in der Vergangenheit häufig erhob, wenn es darum ging, die Art und Weise, wie wir Menschen Raubbau an unserem Lebensraum Erde betreiben, zu kritisieren.

Peter: "Das ist für mich überhaupt der Grund Texte zu schreiben. Ich denke, und das war auch von Anfang an das Ziel, mit Pitchfork eine Plattform zu schaffen, um Sachen und Dinge zu verändern und zu bewegen, um Menschen zu beeinflussen."

Mit dem erhobenen Zeigefinger, oder lieber durch Anregungen und Denkanstöße?

Peter: "Das kommt ganz darauf an. Bei Sachen wie mit Landminen ist es absolut gerechtfertigt den erhobenen Zeigefinger zu zeigen. Dann gibt's andere Texte, wo es halt nicht so extrem ist."

In diesem Zusammenhang kann man nicht umhin, auf ein Zitat Jürgen's zu verweisen, wonach "Noten sprechen müssen". Vor allem bei der Erschaffung elektronischer Musik, der häufig - im übrigen vollkommen zu unrecht - Emotionslosigkeit und Gefühlskälte nachgesagt wird.

Peter: "Das hat einfach damit zu tun, daß jeder Klang Gefühle erwecken kann. Nicht muß, aber kann. Es gibt halt Musik, vor allem im Mainstreambereich, wo die Noten halt so gewählt werden, daß sie nichtssagend ist. Wo die Musik leer und eigentlich nur eine leere Hülle ist. Wir versuchen genau das Gegenteil, indem wir Musik machen, die sehr mollbasiert ist und ins Herz geht."

Und wie erreicht man das?

Peter: "Wie macht man das? Das ist halt eine Kombination von Tönen. Im Grunde genommen eine Sprache. Es wird ja auch immer darauf verwiesen, daß Musik eine universelle, eine Weltsprache ist, und ich denke, das stimmt. Traurigkeit oder Heiterkeit kann man durch Musik sehr gut zum Ausdruck bringen, wie auch subtilere Dinge."

Musikalisch haben sich Pitchfork im Laufe der Jahre deutlich verändert. Auch wenn Melancholie nach wie vor eines der beherrschenden Prinzipien im Antrieb des künstlerischen Schaffens der Band ist, so haben sich die Zeiten des EBM hin zu einer rockigeren Variante des Pitchfork-Sounds gewandelt, der neben dem häufig geäußerten Vorwurf der Kommerzialisierung die Vermutung nahe legt, daß sich die Sichtweise der Musiker auf die Musik grundlegend verändert hat.

Peter: "Die Sichtweise auf die Musik ist immer noch die Gleiche. Man kann halt willentlich etwas anders machen um etwas zu erreichen, zum Beispiel kommerziellen Erfolg, allerdings nehmen wir bei Pitchfork davon Abstand. Natürlich gibt es kommerzielle Gesichtspunkte, unter denen man die Maxi auswählt aus den bereits existierenden fertigen Songs, aber es ist nicht so, daß bei der Entstehung der Songs darauf hingearbeitet wird, daß das jetzt eine Maxi wird. Von daher höre ich diesen Vorwurf zwar hin und wieder, fühle mich aber absolut frei davon. Das geht mir am Arsch vorbei, weil ich genau weiß, daß es bei uns nicht so ist."

Und würde bei den Gesetzmäßigkeiten des Marktes vielleicht einmal funktionieren, nicht aber bei solch einer langen Karriere, die Pitchfork mittlerweile aufweisen können und deren Geheimnis sich ganz einfach ergründen läßt, wie Peter amüsiert feststellt. "Wir sind halt scheiße gut."

"Project Pitchfork als die perfekte Fusion aus Technik und Philosophie." Was sich im Info der Plattenfirma recht vollmundig liest und zunächst einmal nur abstrakte Begriffe sind, muß bei der kompositorischen Arbeit mit Leben gefüllt werden. Was sich vielleicht durch Texte leichter bewerkstelligen läßt, wirft beim Komponieren der Songs die Problematik auf, sich nicht in den zur Verfügung stehenden technischen Mitteln zu verlieren und die Tracks zu überladen, denn gerade elektronische Musik bietet eine ungeahnte Fülle an unterschiedlichen Ausdrucksformen.

Peter: "Hmm, also wenn ich in einem Pitchfork-Text etwas sagen möchte, mach ich das meistens so, daß ich mir den Kern der Aussage bildlich vorstelle und durch meine Worte versuche, Bilder zu erwecken, um die ohnehin schon vorhandenen Bilder, die die Musik erweckt, zu verstärken."
Jürgen ergänzt: "Die Gefahr sich zu verlieren besteht immer, gerade von der technischen Seite her. Aber dafür sind wir, denke ich, lange genug dabei, um das einschätzen und den richtigen Weg einschlagen zu können. Wenn wir den erst mal eingeschlagen haben, kommen wir eigentlich meist immer recht schnell auf den Punkt, so wie wir es haben wollen."

Peter wird im Info mit "Love is what I believe in and freedom is what I need" zitiert, so daß sich die Frage aufdrängt, ob die Liebe die Antwort auf all die unterschiedlichen Probleme unserer Zeit darstellt, doch Peter verneint. "Nein. Die Liebe ist der Sinn. Die Antworten kriegt man woanders."

Pitchfork versuchen also, mit ihren Texten mögliche Antworten zu geben?

Peter: "Ja, und das ist auch die einzige Verbindung zwischen Pitchfork und mir als Privatperson."

Skepsis scheint jedoch angebracht, ob man es durch die Texte einer Band schafft, die Welt zu verändern, wie Peter weiterhin im Info zitiert wird.

Peter: "Ja. Aber nicht in dem Maße, wie es Politiker tun. Deswegen ist Musik halt Kunst, und nicht Politik. Es funktioniert in jedem Fall. Den Beweis dafür, daß wir keinen Bullshit erzählen, gibt es im Internet, wo von dem betreffeden Webmaster gefragt wurde, ob Pitchfork das Leben von einigen Leuten verändert hätten, und da haben siebzig Prozent mit "ja" geäußert. Deutschland hat sich dadurch zwar nicht verändert, aber für diese Menschen."

Dazu Jürgen: "Es ist auch schwer den Erfolg zu messen, den man da hat. Jede einzelne Person, die durch die Musik und die Texte angeregt wird besser zu sein, das ist Erfolg, oder das, was wir als Erfolg bezeichnen."

In der Vergangenheit gab es immer wieder Projekte der "Pitchies" mit anderen Musikern. R.E.C., Aurora oder die gemeinsame CD von Jürgen und Peter seien in diesem Zusammenhang erwähnt. Wird es in absehbarer Zukunft weitere Kollaborationen dieser Art geben?

Jürgen: "Diese Projekte waren eigentlich alle nicht geplant. Bei R.E.C. haben wir uns einfach mit Yorck (Love Like Blood, d.Verf.) getroffen und die Jansen Spilles-CD hat sich so ergeben, als ich den Peter kennengelernt habe. Eigentlich war das als Urlaub nach Dänemark geplant, aus dem dann ein Album geworden ist. Auszuschließen ist es nicht, daß so etwas wieder passiert, aber geplant ist da auch nichts."

Will man eine Band würdigen, die innerhalb der deutschen Elektroszene eine Vorreiterposition eingenommen hat, fällt natürlich immer wieder der Name Pitchfork's. Daß dies natürlich auch Nachahmer hervorruft, liegt in der Natur der Dinge, wobei die Meinung der Hamburger über die deutsche Elektroszene ohnehin eher abschätziger Natur ist.

Peter: "Ich weiß nicht, wie es nach dem Erscheinen unseres Albums um die Szene bestellt sein wird (lacht), aber im Moment, finde ich, geht es den Bach runter. Ich kenne zumindest keine Band, die erwähnenswert wäre."
Was sich im Großen und Ganzen mit Äußerungen von Bruno Kramm (Das Ich) deckt.
Jürgen: "Der gehört dazu... (großes Gelächter)."

Der Erfolg Projeckt Pitchfork's beschränkt sich weitestgehend auf Deutschland und das angrenzende Ausland, ein durchschlagender und dauerhafter Erfolg im Ausland ist bislang jedoch verwehrt geblieben. Schaut man sich die Popularität innerhalb Deutschlands genauer an, so ist der Status der Hamburger in den neuen Ausländern noch einmal sehr viel höher angesiedelt, als in den alten Bundesländern und dementsprechend ausgeprägt sind auch die Tourneen der Band im "Wilden Osten".

Jürgen: "Die Trennung ist spürbar, nach wie vor. Es ist jetzt nicht so, daß links gar keiner kommt und rechts alle kommen, aber es sind im Osten schon ein paar mehr. Es gibt eine Reihe von Bands, bei denen das so ist. Die einzige Erklärung, die ich mir vorstellen könnte, ist die, daß wir aus einer Generation kommen die angefangen haben Musik zu machen, als die Mauer fiel und die Leute halt heiß auf neue Sachen waren. Vor sieben, acht Jahren, und das ist teilweise auch heute noch so, waren die Leute glücklicher, das überhaupt jemand kommt. In Städten wie Hamburg oder Köln, wo jeden Tag 'zig Konzerte sind, sind die Leute natürlich auch durch."
Peter fügt hinzu: "Ich finde, man erntet das, was man sät, und in dieser Hinsicht hat sich das Publikum in manchen Gegenden auch dementsprechend verhalten. Wenn sich eine Band aussuchen kann, wo sie spielt, dann ist das irgendwann gut und keiner spielt mehr dort. Normalerweise ist es ja so, daß, wenn eine Stadt oder ein ganzes Gebiet für eine Weile brach liegt und eine Band sich wieder mal traut dort zu spielen, das Publikum ausgehungert ist und es dann meistens auch gut wird."

Immer wieder sind Project Pitchfork Anfeindungen und Vorwürfen der Kommerzialität aus den eigenen Reihen, sprich der "schwarzen Szene", ausgesetzt. Einer Szene, in der die persönlichen Wurzeln der Band liegen und die sich zusehends von der Band distanziert, so zumindest der Eindruck von Jürgen bei unserem ersten Interview vor ein paar Jahren. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, doch geändert hat sich an dieser engstirnigen Geisteshaltung so manchen "Fans" anscheinend herzlich wenig.

Peter: "Es gibt in der schwarzen Szene zu viele Leute, die Angst vor Veränderung haben, und ich glaube, diesen Leuten sind wir ein Dorn im Auge. In Hamburg hat sich die Szene garantiert verändert, und nicht unbedingt zum Positiven. Positiv ist, daß mehr Leute da sind, negativ ist, daß die Leute unglaublich oberflächlich geworden sind und großtenteils nur noch auf die Klamotten und ihren Ruf achten. Als ich angefangen habe zur schwarzen Szene zu gehören, war das anders. Es war auf jeden Fall lustiger."



Michael Kuhlen (OBLVION) für GOTHICWORLD
 

Das CD-Review zu "Daimonion" gibts hier !


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