exclusive interview:
Project
Pitchfork - Im Schutz der Geister
Über Project Pitchfork braucht man eigentlich kaum noch
Worte zu verlieren, sind die Hamburger mittlerweile seit über einem
Jahrzehnt aus der heimischen Elektroszene nicht mehr wegzudenken. Daß der
Erfolg einer Band häufig Neider auf den Plan ruft, hat kaum eine andere
Band dabei so sehr zu spüren bekommen, wie die "Pitchies", wie sie von
ihren Fans liebevoll genannt werden. Trotz aller Vorbehalte, Kritik und
Vorwürfen der Kommerzialisierung sind Project Pitchfork unbeirrt stets
ihren eigenen Weg gegangen und der Erfolg gibt ihnen recht. Die Notwendigkeit,
sich neue Fans zu erspielen, ohne die alten zu vergrätzen, ist ein
schmaler Grat, der nicht nur das Fortbestehen jeder Band sichert, sondern auch
die Kreativität und die Bereitschaft innerhalb einer Band, sich neuen
Einflüssen hinzu-, nicht aber zu ergeben, fördert. Jüngstes
Beispiel für diese These ist das unlängst erschienene neue Album
"Daimonium", ein weiterer kreativer Meilenstein in der Geschichte der Band.
Daß Project Pitchfork mittlerweile selbst für das Fernsehen
eine gefragte Band sind, bewies die Einladung des alt ehrwürdigen
"Rockpalasts", der die Band für eines seiner "Bootleg"-Konzerte im Rahmen
einer Clubshow nach Köln einlud. Einen Tag nach dieser Show bot sich die
Möglichkeit, die gesamte Band zu einem Interview zu treffen, so daß
zunächst einmal die Eindrücke des vorherigen Abends Gegenstand
unseres Gesprächs waren.
Peter: "Es ist schon etwas ungewöhnlich
für uns in so kleinen Clubs zu spielen, aber im Endeffekt waren wir sehr
zufrieden. Auch die Reaktionen der Leute waren ganz gut, auch wenn es schon
etwas gewöhnungsbedürftig war, im Gegensatz zu den großen
Bühnen, die wir sonst so gewohnt sind." Jürgen: "Die Kameraleute fallen einem
während des Konzertes gar nicht auf. Das hat nur beim Soundcheck genervt."
Trotzdem war, zumindest bei den ersten
Stücken, eine gewisse Nervosität nicht übersehbar, die sich mit
zunehmender Dauer des Konzertes jedoch schnell legte, auch wenn die Performance
der Band sicherlich sehr viel bewußter ablief, als eine "normale"
Show.
Peter: "Ja,
zweifelsfrei. Hinzu kam aber auch, daß die neuen Stücke da erst seit
knapp einer Woche fertig waren und von daher alles sehr kurzfristig gewesen
ist. Wir hatten praktisch keine Vorbereitungszeit."
Jürgen: "Eigentlich war das Konzert eine
öffentliche Probe. Das muß man einfach so hart sagen, denn wir
hatten keine Zeit, die Stücke noch zu proben."
Noch wenige Tage zuvor haben sich Pitchfork durch die Teilnahme
am Leipziger Festival "Gegen rechte Gewalt" gegen Fremdenhaß und dumpfe
nationalsozialistische Parolen ausgesprochen, was das Angenehme, sprich die
politische Meinungsäußerung, mit dem Nützlichen, also der
Präsentation des von VIVA unterstützten Festivals im Fernsehen,
verband. Um nur keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: das politische
und soziale Engagement der Hamburger ist allen Bandmitgliedern ein dringendes
inneres Bedürfnis, und nicht wohl kalkuliertes Promotion-Kalkül.
Peter: "Um ganz ehrlich zu
sein, muß man schon sagen, daß wir da zwei Fliegen mit einer Klappe
geschlagen haben. Wir sind einfach gegen "rechts", was aber jetzt nicht
automatisch heißt, daß wir "links" sind", was Dirk nachfolgend
ergänzt. "Wir sind einfach gegen Unvernunft."
"Daimonium", das neue Album der Hamburger, setzt im Vergleich
zu seinen Vorgängern deutlich mehr Akzente im Hinblick auf Peter's Gesang.
Vorbei sind die Zeiten, in denen Peter agressiv geschrien hat. Stattdessen
haben Pitchfork und insbesondere Peter intensiv am Ausdruck gearbeitet, was
sich als bewußte Entscheidung der Band darstellt.
Peter: "Ja, das war ganz bewußt so. Wir
haben noch nie so auf den Gesang geachtet, wie bei diesem Album. Viele der
neueren Elektro-Bands klingen halt so, wie ich mal geklungen habe: Uns ist
wichtig, uns weiter zu entwickeln.v
"Daimonium"
(griechisch für Schutzgeist) ist zum ersten Mal in der langen Geschichte
der Band ein Album, das ohne ein tiefergreifendes Konzept auskommt, auch wenn
der Titel des Albums anderes vermuten läßt.
Peter: "Das Konzept hinter der Platte ist,
daß es eigentlich eine recht konzeptlose Platte ist. Warum "Daimonium"?
Ein Titel mußte her und die Essenz der Botschaft auf dieser Platte
könnte lauten, daß alles etwas direkter ist, von den Texten vor
allem. Eine andere Möglichkeit wäre, daß es halt die warnende
innere Stimme ist. Darum geht es."
Eine warnende
Stimme, die sich bereits in der Vergangenheit häufig erhob, wenn es darum
ging, die Art und Weise, wie wir Menschen Raubbau an unserem Lebensraum Erde
betreiben, zu kritisieren.
Peter: "Das ist für mich überhaupt der
Grund Texte zu schreiben. Ich denke, und das war auch von Anfang an das Ziel,
mit Pitchfork eine Plattform zu schaffen, um Sachen und Dinge zu verändern
und zu bewegen, um Menschen zu beeinflussen."
Mit
dem erhobenen Zeigefinger, oder lieber durch Anregungen und
Denkanstöße?
Peter: "Das kommt ganz darauf an. Bei Sachen wie
mit Landminen ist es absolut gerechtfertigt den erhobenen Zeigefinger zu
zeigen. Dann gibt's andere Texte, wo es halt nicht so extrem ist."
In diesem Zusammenhang kann man nicht umhin, auf
ein Zitat Jürgen's zu verweisen, wonach "Noten sprechen müssen". Vor
allem bei der Erschaffung elektronischer Musik, der häufig - im
übrigen vollkommen zu unrecht - Emotionslosigkeit und
Gefühlskälte nachgesagt wird.
Peter: "Das hat einfach damit zu tun, daß
jeder Klang Gefühle erwecken kann. Nicht muß, aber kann. Es gibt
halt Musik, vor allem im Mainstreambereich, wo die Noten halt so gewählt
werden, daß sie nichtssagend ist. Wo die Musik leer und eigentlich nur
eine leere Hülle ist. Wir versuchen genau das Gegenteil, indem wir Musik
machen, die sehr mollbasiert ist und ins Herz geht."
Und wie erreicht man das?
Peter: "Wie macht man das? Das ist halt eine
Kombination von Tönen. Im Grunde genommen eine Sprache. Es wird ja auch
immer darauf verwiesen, daß Musik eine universelle, eine Weltsprache ist,
und ich denke, das stimmt. Traurigkeit oder Heiterkeit kann man durch Musik
sehr gut zum Ausdruck bringen, wie auch subtilere Dinge."
Musikalisch haben sich Pitchfork im Laufe der Jahre deutlich
verändert. Auch wenn Melancholie nach wie vor eines der beherrschenden
Prinzipien im Antrieb des künstlerischen Schaffens der Band ist, so haben
sich die Zeiten des EBM hin zu einer rockigeren Variante des Pitchfork-Sounds
gewandelt, der neben dem häufig geäußerten Vorwurf der
Kommerzialisierung die Vermutung nahe legt, daß sich die Sichtweise der
Musiker auf die Musik grundlegend verändert hat.
Peter: "Die Sichtweise auf die Musik ist immer
noch die Gleiche. Man kann halt willentlich etwas anders machen um etwas zu
erreichen, zum Beispiel kommerziellen Erfolg, allerdings nehmen wir bei
Pitchfork davon Abstand. Natürlich gibt es kommerzielle Gesichtspunkte,
unter denen man die Maxi auswählt aus den bereits existierenden fertigen
Songs, aber es ist nicht so, daß bei der Entstehung der Songs darauf
hingearbeitet wird, daß das jetzt eine Maxi wird. Von daher höre ich
diesen Vorwurf zwar hin und wieder, fühle mich aber absolut frei davon.
Das geht mir am Arsch vorbei, weil ich genau weiß, daß es bei uns
nicht so ist."
Und würde bei den
Gesetzmäßigkeiten des Marktes vielleicht einmal funktionieren, nicht
aber bei solch einer langen Karriere, die Pitchfork mittlerweile aufweisen
können und deren Geheimnis sich ganz einfach ergründen
läßt, wie Peter amüsiert feststellt. "Wir sind halt
scheiße gut."
"Project Pitchfork als die
perfekte Fusion aus Technik und Philosophie." Was sich im Info der Plattenfirma
recht vollmundig liest und zunächst einmal nur abstrakte Begriffe sind,
muß bei der kompositorischen Arbeit mit Leben gefüllt werden. Was
sich vielleicht durch Texte leichter bewerkstelligen läßt, wirft
beim Komponieren der Songs die Problematik auf, sich nicht in den zur
Verfügung stehenden technischen Mitteln zu verlieren und die Tracks zu
überladen, denn gerade elektronische Musik bietet eine ungeahnte
Fülle an unterschiedlichen Ausdrucksformen.
Peter: "Hmm, also wenn ich in einem
Pitchfork-Text etwas sagen möchte, mach ich das meistens so, daß ich
mir den Kern der Aussage bildlich vorstelle und durch meine Worte versuche,
Bilder zu erwecken, um die ohnehin schon vorhandenen Bilder, die die Musik
erweckt, zu verstärken." Jürgen
ergänzt: "Die Gefahr sich zu verlieren besteht immer, gerade
von der technischen Seite her. Aber dafür sind wir, denke ich, lange genug
dabei, um das einschätzen und den richtigen Weg einschlagen zu
können. Wenn wir den erst mal eingeschlagen haben, kommen wir eigentlich
meist immer recht schnell auf den Punkt, so wie wir es haben wollen."
Peter wird im Info mit "Love is what I believe in
and freedom is what I need" zitiert, so daß sich die Frage
aufdrängt, ob die Liebe die Antwort auf all die unterschiedlichen Probleme
unserer Zeit darstellt, doch Peter verneint. "Nein. Die Liebe ist der
Sinn. Die Antworten kriegt man woanders."
Pitchfork versuchen also, mit ihren Texten mögliche
Antworten zu geben?
Peter:
"Ja, und das ist auch die einzige Verbindung zwischen Pitchfork und mir als
Privatperson."
Skepsis scheint jedoch angebracht,
ob man es durch die Texte einer Band schafft, die Welt zu verändern, wie
Peter weiterhin im Info zitiert wird.
Peter: "Ja. Aber nicht in dem Maße, wie es
Politiker tun. Deswegen ist Musik halt Kunst, und nicht Politik. Es
funktioniert in jedem Fall. Den Beweis dafür, daß wir keinen
Bullshit erzählen, gibt es im Internet, wo von dem betreffeden Webmaster
gefragt wurde, ob Pitchfork das Leben von einigen Leuten verändert
hätten, und da haben siebzig Prozent mit "ja" geäußert.
Deutschland hat sich dadurch zwar nicht verändert, aber für diese
Menschen."
Dazu Jürgen: "Es ist auch schwer den Erfolg zu messen,
den man da hat. Jede einzelne Person, die durch die Musik und die Texte
angeregt wird besser zu sein, das ist Erfolg, oder das, was wir als Erfolg
bezeichnen."
In der Vergangenheit gab es immer
wieder Projekte der "Pitchies" mit anderen Musikern. R.E.C., Aurora oder die
gemeinsame CD von Jürgen und Peter seien in diesem Zusammenhang
erwähnt. Wird es in absehbarer Zukunft weitere Kollaborationen dieser Art
geben?
Jürgen: "Diese Projekte waren eigentlich alle nicht
geplant. Bei R.E.C. haben wir uns einfach mit Yorck (Love Like Blood, d.Verf.)
getroffen und die Jansen Spilles-CD hat sich so ergeben, als ich den Peter
kennengelernt habe. Eigentlich war das als Urlaub nach Dänemark geplant,
aus dem dann ein Album geworden ist. Auszuschließen ist es nicht,
daß so etwas wieder passiert, aber geplant ist da auch
nichts."
Will man eine Band würdigen, die
innerhalb der deutschen Elektroszene eine Vorreiterposition eingenommen hat,
fällt natürlich immer wieder der Name Pitchfork's. Daß dies
natürlich auch Nachahmer hervorruft, liegt in der Natur der Dinge, wobei
die Meinung der Hamburger über die deutsche Elektroszene ohnehin eher
abschätziger Natur ist.
Peter: "Ich weiß nicht, wie es nach dem
Erscheinen unseres Albums um die Szene bestellt sein wird (lacht), aber im
Moment, finde ich, geht es den Bach runter. Ich kenne zumindest keine Band, die
erwähnenswert wäre." Was sich im
Großen und Ganzen mit Äußerungen von Bruno Kramm (Das Ich)
deckt. Jürgen: "Der
gehört dazu... (großes Gelächter)."
Der Erfolg Projeckt Pitchfork's beschränkt sich
weitestgehend auf Deutschland und das angrenzende Ausland, ein durchschlagender
und dauerhafter Erfolg im Ausland ist bislang jedoch verwehrt geblieben. Schaut
man sich die Popularität innerhalb Deutschlands genauer an, so ist der
Status der Hamburger in den neuen Ausländern noch einmal sehr viel
höher angesiedelt, als in den alten Bundesländern und dementsprechend
ausgeprägt sind auch die Tourneen der Band im "Wilden Osten".
Jürgen: "Die Trennung
ist spürbar, nach wie vor. Es ist jetzt nicht so, daß links gar
keiner kommt und rechts alle kommen, aber es sind im Osten schon ein paar mehr.
Es gibt eine Reihe von Bands, bei denen das so ist. Die einzige Erklärung,
die ich mir vorstellen könnte, ist die, daß wir aus einer Generation
kommen die angefangen haben Musik zu machen, als die Mauer fiel und die Leute
halt heiß auf neue Sachen waren. Vor sieben, acht Jahren, und das ist
teilweise auch heute noch so, waren die Leute glücklicher, das
überhaupt jemand kommt. In Städten wie Hamburg oder Köln, wo
jeden Tag 'zig Konzerte sind, sind die Leute natürlich auch durch."
Peter fügt hinzu: "Ich finde, man
erntet das, was man sät, und in dieser Hinsicht hat sich das Publikum in
manchen Gegenden auch dementsprechend verhalten. Wenn sich eine Band aussuchen
kann, wo sie spielt, dann ist das irgendwann gut und keiner spielt mehr dort.
Normalerweise ist es ja so, daß, wenn eine Stadt oder ein ganzes Gebiet
für eine Weile brach liegt und eine Band sich wieder mal traut dort zu
spielen, das Publikum ausgehungert ist und es dann meistens auch gut
wird."
Immer wieder sind Project Pitchfork
Anfeindungen und Vorwürfen der Kommerzialität aus den eigenen Reihen,
sprich der "schwarzen Szene", ausgesetzt. Einer Szene, in der die
persönlichen Wurzeln der Band liegen und die sich zusehends von der Band
distanziert, so zumindest der Eindruck von Jürgen bei unserem ersten
Interview vor ein paar Jahren. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, doch
geändert hat sich an dieser engstirnigen Geisteshaltung so manchen "Fans"
anscheinend herzlich wenig.
Peter: "Es gibt in der schwarzen Szene zu viele
Leute, die Angst vor Veränderung haben, und ich glaube, diesen Leuten sind
wir ein Dorn im Auge. In Hamburg hat sich die Szene garantiert verändert,
und nicht unbedingt zum Positiven. Positiv ist, daß mehr Leute da sind,
negativ ist, daß die Leute unglaublich oberflächlich geworden sind
und großtenteils nur noch auf die Klamotten und ihren Ruf achten. Als ich
angefangen habe zur schwarzen Szene zu gehören, war das anders. Es war auf
jeden Fall lustiger."
Michael
Kuhlen (OBLVION) für
GOTHICWORLD
Das CD-Review zu "Daimonion" gibts
hier !
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