Live-Review: ZILLO-Festival
12.-14.07. Flugplatz Hahn "... it can't rain all the
time!"
Kleiner,
feiner?
Nach dem, wie jedes Jahr ziemlich umwerfenden, Massenumlauf in
Leipzig trifft sich ein Teil der "Szene" nun zum Zillo-Festival in
Hahn.
Vielleicht war es für die Aufteilung der Massen, gar nicht
mal so eine schlechte Idee, dass das Woodstage parallel dazu den Osten der
Republik versammelte, während sich der Westteil in eben Hahn aufhielt. Das
Programm war weitestgehend ähnlich. Aber bleiben wir bei den Tatsachen und
lassen die Vermutungen sein.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln
doch eher umständlich zu erreichen, traten die meisten die Hinreise am
Freitag 12.07.02 an, was schon recht früh für einige Verwirrung auf
den ausgewiesenen Zeltmöglichkeiten sorgte. Schnell wurden Gatter
geschlossen, Zufahrten verweigert, welche dann am Abend aber wieder freigegeben
wurde, so das man sich noch relativ in Ruhe einen Platz für seine vier
Zeltwände aussuchen konnte. Den liebgewordenen PKW natürlich in der
Nähe, was schon am nächsten Vormittag für Tetris-ähnliche
Bewegungen sorgte, da der eine dort hin, der andere dort hin wollte, man eben
mal den Wagen beiseite schieben sollte u.s.w. Ungünstig sicher
für die vielen enthusiastischen und idealistischen Newcomer, welche sich
ab 21:30 auf der gleichnamigen Bühne zum gleichnamigen Contest dem
Publikum stellten. Welches ja meist noch mit Parkplatzsuche, Zeltaufbau,
Mitmenschenbegrüßen und schon mal Warmtrinken beschäftigt war.
Gleich am Anfang des Festivalgeländes erhob sich ein Discozelt,
witzigerweise mit "Wasser WC" werbend, welches aber, soweit beim
Vorrübergehen zu hören, ziemlich gute Musik in den Äther blies.
Die erste Nacht also, wie üblich bei solchen Events, sehr unruhig,
zwischen Dixieklosuche, nervenden Neuankömmlingen und lauten Trinkern und
zu guter Letzt auch noch den ersten Ausläufern des nervenden
Festivalbegleiters schlechthin, verbracht - dem Regen!
13.07.02
Nun beginnt der offizielle Teil. Bändchen besorgen, die ersten
lustigen Leibesvisitationen und dann das Gelände erkundet. Die
obligatorischen Stände, mit Schmuck, Klamotten, Räucherware, welche
man schon fast wie alte Bekannte begrüßt. Die Begeisterung über
doch recht zahlreiche "Wasser-WC's", das Antesten der diversen Imbiß- und
Getränkestände, wobei hier der mit "Frühstück" werbende
Stand an der Zufahrt "Mainzer Tor" als äußerst lobend zu
erwähnen ist. Schon mal weil er mit seinen Bänken, als einer der
Wenigen die Möglichkeit zum Hinsetzen bot.
Um 14:40 dann das erste Highlight. Komm noch
vorzustellen, und für mich sowieso inzwischen, absolutes Pflichtprogramm,
die fröhlichen Frauen und ein Mann um den Amerikaner Rogue, besser bekannt
als THE CRÜXSHADOWS. Man merkte ihnen zwar anfänglich die
langsam durchdringende Müdigkeit an, immerhin sind sie seit Mitte Mai in
Europa unterwegs und waren tags zu vor noch in Great Britain zugange... Auch
konnte das geneigte Ohr an Rogues Stimme erkennen das dem quirligen Sänger
langsam die Puste ausgeht, er schlicht und ergreifend fertig war... Trotz allem
boten die Crüxshadows eine wie immer recht beeindruckende Performance.
Auch hier hielt es Rogue nicht lange auf der Bühne, immer wieder wurde der
Fotograben durchschwommen, der Zaun übersprungen, verschwand er in den
Massen, stellte sich auf die Schultern freundlicher Fans und erklomm einen der
Lichtmaste, bis in die schwindelerregende Höhe knapp unter der Decke. Das
alles wie immer sehr zur Freude der Securityleute, von denen Zwei, versuchten
ihn ständig zu begleiten, was aber nur bedingt gelang. So schafften es die
Amis dann doch, trotz der frühen Stunde und ihres eigenen erschöpften
Zustandes, das Publikum zu tosendem Applaus hinzureißen. Dann begann
eigentlich der Abend der alten Helden.
Nächster Akt, die kleine
Kurzhaarblondine und welterste Rezitationskünstlerin ANNE CLARK die
Bretter. Begleitet von einer Bassistin, einem Gitarristen und einem Keyboarder,
bot sie recht Techno-Trancelastiges Material, das einem eigentlich nicht so
recht vom Hocker riß, wäre da nicht ihre unvergleichliche Art des
Vortrages gewesen, der trotz des eigentlichen Sprechens, schon eher an Gesang
erinnerte. So durften natürlich alte Hits wie "Our darkness" oder "Sleeper
in Metropolis" nicht fehlen, auch wenn sie dem aktuellen Sound angepasst
wurden, also ordentlich knallten und dröhnten. Ob sie auf der gleichzeitig
in Berlin stattfindenden "Love Parade" besser aufgehoben gewesen wäre?
Nein! Denn trotz fehlender Geigen und Klarinetten oder Saxophone ist Anne Clark
immer noch eine der new/Dark Wave Ikonen der letzten zwanzig Jahre, die ihre
Qualitäten und ihre Faszination noch lange nicht verloren hat.
Die
danach auftretenden und sich nach Insiderinformationen vordrängelnden
IN STRICT CONFIDENCE, (eigentlich sollten die Crüxshadwos
eigentlich erst jetzt spielen) habe ich verpasst, da es Zeit war, Kaffe zu
trinken, etwas zu essen und ein wenig zu shoppen. Außerdem nette Leute zu
treffen und kennen zu lernen. An dieser Stelle einen Gruß an Felix und
Frank (18 Summers), nebst Freundinnen, welche als Gäste anwesend waren und
für einen kurzen, amüsanten Smalltalk sorgten. ''''(Das
Interview folgt Felix!! Du entkommst uns nicht!!!!)
Um ca 19:00, leider eine halbe Stunde früher als
geplant, starteten dann die zweiten, lebenden Legenden des Abends: THE
MISSION. Nach dem ich sie in Leipzig verpasst hatte, nutzte ich hier
die Chance, eine der Bands endlich live zu sehen, welche meine Jugend
massgeblich beeinflusst hatte. Ein sichtlich gutgelaunter, kurz und
rotgefärbter Wayne Hussie, im schwarzen Anzug und mit Sonnenbrille,
präsentierte mit perfekt agierender Musikerunterstützung, neuere und
alte Songs, in einer vielleicht etwas härteren Gangart als vielleicht
gewohnt. Natürlich durften auch hier Songs wie "Wasteland" nicht fehlen,
insgesamt bewiesen The Mission aber, das sie noch lange nicht zum alten Eisen
gehören, und man im Rock'n Roll ehrwürdig altern kann, ohne sich
lächerlich zu machen.
Danach verließ ich die
Hauptbühne, da mich die Finnen um MADRUGADA (wie sichtbar viele
Besucher) nicht so sehr interessierten, es Zeit war ein/zwei Biere zu trinken
und außerdem sollte in der Zeltbühne, einer der "schönsten
Jünglinge" der deutschsprachigen Gothicszene aufspielen. Hier stellte sich
der Berliner Sven Friedrich mit seinem neuen Projekt ZERAPHINE dem
kritischen Publikum, welches sich aber angesichts, des gut gespielten,
melancholischen Goth-Rocks und der wie immer sehr beeindruckenden, tiefen
Stimme, schnell zu Begeisterung hinreißen ließ. Selbst die
deutschen und eher anspruchsvollen Texte waren gut zu verstehen, und Zeraphine
stellten für mich zum ersten Mal an diesem Wochenende die Frage: Warum
einige auf der kleineren Bühne spielen mussten und andere auf der
Großen spielen durften?
Nach den Berlinern war noch Zeit sich
endlich doch einen Schirm zu besorgen, da der immer mehr vertraut werdende
Regen, schon recht massiv anwesend war. Zum Glück goss es nie in
Strömen, eher ein nervender, gleichbleibender und vor allem doch recht
kühler Nieselregen. Auf jeden Fall waren die Dead-Schirme am Zillo-Stand
zu diesem Zeitpunkt schön längst ausverkauft.
Gegen 22:45 war es dann soweit! Die nächste Legende betrat
die Bühne. Inmitten einer bombastischen Lightshow, umgeben von
Gastmusikern, tauche der pummelige Robert Smith im Nebel auf um die Massen bis
ca 0.30 zu verzaubern. THE CURE waren da.
Boten ein wirlich
perfektes Programm aus über zwanzig Jahren Bandgeschichte, die ewiglangen
Songs, mit den flirrenden Gitarrensolies, den verträumten Intros und der
melancholischen Stimme des Meisters. Sehr psychedelisch und mich imemr wieder
an ein altes Zitat eines Kritikers erinnernd, welcher schon zu "Disintegration"
Zeiten The Cure als die Pink Floyd der Achtziger bezeichnete. Aber insgesamt
doch ein recht schönes, beschauliches Konzert und ein überraschender
Robert Smith, der sich immerhin zu drei!! Sehr langen Zugaben hinreißen
ließ. Glücklich und zufrieden, konnte man sich danach, dann die
Kälte/Nässe aus den Gliedern tanzen oder einfach im Zelt verschwinden
und noch einen "Roten" leeren. Trotz miesem Wetters also ein netter Tag
gewesen.
14.07.02
Während normal
Sterbliche noch ihr mageres Frühstück runterwürgen, sich auf der
Suche nach frischem Kaffee schon wie die Siedler im Wilden Westen benehmen,
dröhnt ZOMBIE JOE seinen melodisch-chaotischen Blackmetal von der
Hauptbühne. Nur um danach, gut gelaunt, laut und wild von den
Mittelaltermannen und Rock'n Roll-Spielleuten um SCHANDMAUL und
SUBWAY TO SALLY abgelöst zu werden. Kaum verwunderlich das diese
Bands trotz Kälte und sich langsam als Dauergast einstellenden Regen, die
Leute aufheizten.
Für mich aber eher zum Anlass nehmend, mich in
die Zeltbühne zu verkriechen und mir zum ersten Mal MILA MAR live
anzutun. Was ich auch nicht bereute. Haben sie mich auf CD eigentlich nie
so recht vom Hocker gehauen, war ihre Mischung aus flächendeckenden
Trommeln, elektronisch-ethnologischen Flächen, mystischen Stimmungen und
verwirrenden Melodien doch recht bezaubernd. Vor allem die Sängerin
überzeugte, durch ihre wahnsinnig, vielfältige und fast schon genial
zu nennende Stimme, welche sie perfekt mit Gestik und Mimik kombinierte, so
eine ziemliche Portion Sinnlichkeit, ja Erotik verbreitete und sich mir zum
ersten Mal der von Mila Mar propagierte Begriff "Elfensex" erschloss.
Das ist die Band, welche ich mir als Livebegleitung für die nächste
Aufführung von "Shakespeares Sommernachtstraum" wünsche. Und ich
möchte im Wald verloren gehen und von Elfen gef... werden!!!!!!
Mein Kompliment wird noch dadurch verstärkt, das Mila Mar mit
ihren eher ruhigen Songs, gegen einen mächtig und wütend bis laut
marodierenden WITT auf der Hauptbühne ankämpfen mussten. Von
eben jenem sah ich dann doch noch die letzten drei Titel, welche mein Urteil
endgültig festigten. Zwar hat er nun mit seinem neuen Bassisten, den
Gitarristen Ritchie Barton und Uwe Haßbecker, die wohl besten Musiker der
deutschen Szene und einzig legitimen, weil wirklich guten "Ostlegende" Silly um
sich versammelt, welche dann auch mächtig losrockten... Aber Witt selbst
wird langsam lächerlich. War sein Comeback vor drei Jahren noch recht
überraschend und auch gut, versucht er mit dem neuen Material an alte
"Herbergsvater"-Zeiten anzuknüpfen. Textlich und auch von der
Attitüde her wirkt Hr. Witt eher aufgesetzt und albern, so das seine
Beschimpfungen des Publikums, wie immer tief und mit rollendem "R" vorgetragen
auch nicht mehr lustig sind, auf Grund ihrer unfreiwiligen Ironie aber auch
nicht mal für Zorn sorgten. Schade. Wo "Die Flut" noch genial war, ist
"... und super versaut" nur noch peinlich. Hier hat das mit dem in Würde
altern nicht geklappt.
Zeit und Muße
genug, sich einen Platz im Regen zu suchen und sich auf den folgenden Act
einzustellen. Ebenfalls für mich eine Live-Premiere und bis her auf CD
eigentlich nie so richtig als gut befunden. Doch auf der Bühne sind die
vier Finnen, wie sie headbangend und über die Bretter preschend ihre
Cellis bearbeiten wirklich ein Erlebnis. APOCALYPTICA spielen ihren
Sound wirklich wie die Teufel, als ginge es um ihr Leben. Wild, agressiv. Laut,
dann wieder leise und melancholisch um im nächsten Moment wieder hart und
schräg los zu donnern. Schnell war der Regen und die Kälte vergessen,
Apocalyptica zeigten was man aus vier Cellis so herausholen kann und versetzten
das Publikum in einen wahren Rausch, der leider viel zu schnell endete.
Obwohl ich sie gerne noch gesehen hätte, zwang mich meine
"Alterschwäche" (*ggg*), die Kälte und das miese Wetter, dann doch zu
der Entscheidung, die Abend-Headliner APOPTYBMA BERZERK und DEINE
LAKAIEN nicht zu sehen und statt dessen den Heimweg anzutreten. Schade,
aber wie gesagt...
Fazit: Das Zillo-Festival ist kleiner,
beschaulicher und geruhsamer als das übermächtige WGT. Trotzdem aber
eine gelungene Veranstaltung, bei der nicht nur "schwarzes Publikum" vor Ort
war, was mich sehr begeisterte. Aber immer noch ein Szenetreff, der mit einem
guten Live-Programm aufwarten konnte, und vor allem hier das diesjährige
WGT um Längen schlug. Insgesamt also ein wunderbares Wochenende, mit
viel guter Musik, netten Leuten und das Wetter?
Was soll's Leute?
Wie heißt es so schön in unser aller Lieblings-Gruftie-Film "The
Crow"? "... it can't rain all the time!" Und das wird es auch nicht!
Bis nächstes Jahr!!
Thomas Sabottka für
GOTHICWORLD
Photos: HC Luvcraft (massig mehr davon auf
www.schwarzeseiten.de)
Umfrage zum Festival mit
Gewinnmöglichkeiten gibts aktuell unter
www.zillo.de
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