interview:

DRONNING MAUD LAND
"... ich will Gitarren!"

Dronning Maud LandMit DRONNING MAUD LAND meldet sich nach Jahren der selbstgewählten Szene-Abstinenz eine der besten deustchen Gothic Bands wieder auf der Bildfläche zurück, die mit Bands wie Love Like Blood, The House of Usher, den frühen Secret Discovery oder auch Catatstrophe Ballet die deutsche Goth-Szene entscheidend mitgeprägt haben.

"Bedlam", so das neue Album der Formation um den um keine Antwort verlegenen Sänger Carsten Schneider, schliesst dabei nahtlos an das 1994 veröffentlicht "Maelstrom" an und bietet zeitlosen und vor allem sehr kraftvollen Gothic Rock, frei jeglicher Einflüsse aus Metal oder Elektronik, und vor allem unverfälscht ehrlich. So offen und ehrlich die Musik der Bonner Formation, so offen und für manchen sicherlich auch kontrovers die Antworten Carstens in Bezug auf die derzeitige Düsterszene, die dominiert wird von Elektronik oder, wie er es nennt, Bon Jovi-Goth.


Dronning Maud LandGW: Das "Bedlam" -wie der Name es vermuten lässt - kein musikalisches "Tollhaus" geworden ist, überrascht dabei neben der Leichtigkeit, mit der die neuen Songs Dronning Maud Land von der Hand gegangen sind, dann doch ein wenig, vor allem wenn man bedenkt, das man jahrelang keine Songs zusammen geschrieben hat.
Was aber gab den entscheidendem Anstoss, Dronning Maud Land überhaut wieder zu reformieren oder, wie es auf der Homepage der Band heisst, neu zu erfinden?
Was also ist neu an Dronning Maud Land, Herr Schneider?

Carsten: Den Anstoß hat Stephan gegeben, der sich gewünscht hat, das wir auf seiner Hochzeit spielen. Das hat den entscheidenden Kick gegeben, schon beim Proben war klar, das wir es noch einmal versuchen würden. Da wir mit Dronning Maud Land fünf Jahre nichts gemacht haben, haben wir im Prinzip bei Null angefangen. Wenn Du so lange weg bist, erinnert sich keiner mehr an dich. Daher "neu". Nebenbei entwickelt man sich in fünf Jahren auch musikalisch weiter, wir klingen einfach nicht mehr so wie wir ausklangen damals, sind offener, vielschichtiger.

GW: Woran liegst es, dass sich immer mehr de früheren Szene-Bands reformieren? Ich denke da an The Fair Sex, Eternal Afflict, Cyber Axis oder auch Secret Discovery.
Carsten: Vielleicht sind wir alle so beschränkt, das wir fünf Jahre benötigen, zu verstehen, an was uns wirklich etwas liegt. Außerdem ist es einfach, die ganze Zeit nur auf den akustischen Müll zu schimpfen ohne aktiv gegen den ganzen Dreck anzugehen. Diese ganze Elektroscheisse geht mir auf die Nerven, ich will Gitarren!

Dronning Maud LandGW: Was habt ihr in der Dronning Maud Land-losen Zeit gemacht? Gab es andere musikalische Projekte, an denen ihr mitgewirkt habt?
Carsten: Freddy hat viel gemacht, unter anderem mit Andre Feller (Dreadful Shadows) bei Coma51 bzw. Electric Eleven. Ingo und Stephan haben auch bei anderen Combos mitgewirkt, ich selber hatte lange die Schnauze voll und habe meine musikalischen Aktivitäten rein auf das Kaufen von CDs beschränkt.

GW: Würdest du mir zustimmen,
dass Dronning Maud Land in einer Szene, die sich in den letzten Jahren immer mehr zu einer Electroszene entwickelt hat, beinahe so etwas wie einen Exotenbonus besitzen? Wie siehst du diese Entwicklung, weg von "handgemachter Musik" zu computergenerierten Tönen?

Carsten: Manche nennen es Exotenbonus, andere altbacken. Es gibt Leute, die sagen, wir machen Metal, weil sie zwei Gitarren sehen. Ich spiele ja auch nicht Sitar nur weil ich ´nen Nasenring habe. Ich habe nichts gegen Electro Kram, wenn das aber dazu führt, das man musikalisch völlig beschränkt wird, kann ich nichts gutes mehr daran finden. Wenn du auf eine Gothic Party in einen Club gehst, kommst du dir manchmal vor wie auf einem Technoevent ohne bunt. Das ist nix für mich. Die Ursprünge des Goth liegen im Punk und Punk ohne Gitarre geht nicht. Abgesehen davon ist es uns egal, ob wir szenekonform sind oder nicht. Wir machen was wir wollen, und wem es gefällt - um so besser.

Dronning Maud LandGW: Wie siehst du die heutige Gothic-Szene und Bands wie Scream Silence, Golden Apes oder andere, neuere Gitarrenbands? Was denkst du z.B. über die letzte Fields of the Nephilim-CD? Gibt es noch einen Markt für diese Musik?
Carsten: Scream Silence kenne ich jetzt nicht so gut, das ich mir ein Urteil drüber erlauben könnte. "Fallen" war ein völliger sell out, schon wieder "Trees Come Down", und das mit einer Produktion, die schon mal überhaupt nicht geht. Alles unreif und unausgegoren, nichts klingt fertig. Ab-fallen. Einen Markt gibt es sicherlich, die Frage ist nur, wie groß der ist. Aber wie du ja schon anmerktest ist da schon eine Trendwende zu spüren, zurück zu traditionellem Gothic Kram. Oder im extrem dann so Bon Jovi-Goth wie HIM. Pfui Deibel! Traurig ist auch, das der ganze Elektrokram teurere Produktionen ausrottet. Das Label spart Produktionskosten, weil alles zu Hause am Rechner gemacht wird, Konzerte sind auch nicht aufwendig weil alles "live" von Band läuft. Kost nix, kann aber nix. Richtige "Bands" will kaum noch einer signen.

GW: Wie schwer war es für Dronning Maud Land, sich wieder neu zu finden und zusammen Songs zu schreiben, die eurem eigenen Anspruch und der Erwartungshaltung der Fans gerecht werden? Wann oder über welchen Zeitraum wurden die Songs zum neuen Album geschrieben?
Carsten: Das war überhaupt nicht schwer. Stell dir vor, du gehst fünf Jahre nicht aufs Klo und verschaffst dir dann Erleichterung. "Bedlam" ist in zwei Monaten komponiert worden, bei uns hat sich so viel angesammelt und wir waren dermassen komponiergeil, das wir jede Woche zwei Songs geschrieben haben. Die wurden archiviert, tauchten dann wieder auf, wurden umgeschrieben, weggeworfen, kombiniert, fertig gemacht. Wieder angefangen haben wir in erster Linie aus Spaß an der Sache, wir wollten was tun, was uns gefällt. Wir machen das was wir machen unter anderem daher, weil wir wollen, das es so etwas gibt, was so klingt. Das ist wie sich seine Traumfrau zu basteln. So gesehen haben wir auch nie dran gedacht, ob das Material fantauglich ist oder nicht. Wir sind ja nicht Linkin Park.

GW: Im Interview mit dem "Gothic"-Magazin sagst du, dass "´Bedlam´ eigentlich ein Abgesang auf den unaufhaltbaren Irrsinn…" ist. Nun ist "Bedlam" ein Begriff für ein Irren- oder Tollhaus, und verglichen mit früheren Jahren finde ich nicht, dass die Welt schlechter oder irrsinniger geworden ist. Ich finde, die Reaktionen der Menschen auf diesen täglichen Wahnsinn, sei es politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Natur, ist einfach nur apathischer und weniger tanteilnehmend geworden. Vielleicht als Folge der über Jahre erfahrenen Ohnmacht, Dinge ohnehin nicht verändern zu können, oder fehlt uns vielleicht eine zweite 68er Generation, die eindeutig Stellung bezieht und sich auch traut zu protestieren und auf die Strasse zu gehen?
Carsten: Ich finde schon, das wir immer schneller auf die Mauer zu rasen, die wir tagtäglich errichten. Das ist ja gerade das Fatale, die Resignation an der du erstickst, weil du eben machtlos bist. Die Leute wollen einfach nichts mehr sehen. Ich will ja nicht rumheulen, wie schlecht die Welt doch ist, aber ich finde es erschreckend, was man von 20:00 bis 20:15 Uhr sieht und spätestens bei der nackten Trimradfahrerin auf Eurosport wieder vergessen hat. Es gibt Dinge, von denen kaum einer weiß, und vielleicht ist das auch gut so. Aber wie blind manche durch das Leben eiern und für Ihre 35 Std.- Woche auf die Barrikaden gehen, da wird mir übel. Wir sind eine Nation ignoranter Heulsusen. "Bedlam" ist ein Synonym für diese Ohnmacht. Stell dir vor, du bist - unschuldig oder nicht - Gefangener auf Guantanamo Bay. Rien va plus. Da geht nichts mehr. Da bist du die Ausgeburt der Apathie. Da ist tot sein cooler.

GW: Wie entstand überhaupt die Idee, das Album "Bedlam" zu nennen?
Carsten: Ich bin im Studium auf das Sanatorium "St. Priory of St. Betlehem" oder den "Narrenturm" gestossen. Diese Vorstellung, da eingekerkert zu sein, fand ich sehr bewegend und intensiv. Die ganze Platte handelt viel von Macht und Ohnmacht.

Dronning Maud LandGW: Würdest Du als Konsequenz meiner vorletzten Frage und deiner Antwort im vorgenannten Interview heraus sagen, dass Dronning Maud Land bis zu einem gewissen Grad sogar eine politische Band sind, oder war und ist Politik nie ein Thema für euch? Man darf dabei ja nicht vergessen, dass Gothic aus dem Postpunk bzw. der Punk-Bewegung entstand, und dass die politisch motiviert war, ist ja wohl unstrittig.
Carsten: Als Menschen sind wir schon politisch, als Band nicht. Das einzige, wo ich stellvertretend für die Band einen Standpunkt markieren würde, ist bezüglich des ganzen rechten Unrates in der Szene. Die ganze Nazischeisse geht mir mächtig auf die Nerven. Ich wurde auch schon mal gefragt, ob wir den Führer verehren, weil es in Dronning Maud Land ja ein unterirdisches System gegeben hätte, das Adolf Hitler als letzte Zufluchtsstätte gedient habe. Junge Junge, was für Amöben!

GW: Hat sich, verglichen mit z.B. einem Album wie "Maelstrom" die Inspiration für die Texte verändert? Was inspiriert dich zu Texten wie beispielsweise "Delusions", "When It All Ends" oder "Limit Zero"?
Carsten: Ich weiß selber gar nicht so genau, woher ich meine Inspiration nehme. Ich finde, das man mit Texten gute Bilder malen kann, ich packe Stimmungen in Wörter, die als Text genommen, begleitet von der Musik, diese Stimmung wieder freisetzen sollen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, ich glaube daher gibt es auch Kunst, weil es leichter ist, etwas mit Farben oder Bildgewaltigen Worten auszudrücken, als darüber zu reden. Auf der anderen Seite kannst du so auch fünfe gerade sein lassen, du lässt dem Betrachter oder Zuhörer mehr Spielraum. "And the music that they constantly play - it says nothing about me, about my life". Wenn ich Musik höre, möchte ich irgendwas spüren.

GW: Was hat sich musikalisch für Euch mit "Bedlam" verändert, vor allem im direkten Vergleich zu eurer musikalischen Vergangenheit? Du gestattest mir die Anmerkung, dass ich "Bedlam" für eines der besten Gothic-Alben seit langem halte?
Carsten: Wie gesagt finde ich den Großteil des Musikalischen Austosses aus der "Szene" eher bedauerlich. Da ich selber auch auflege, bin ich gezwungenermaßen dazu genötigt, mich mit den unterschiedlichsten Stilrichtungen auseinanderzusetzen. Ich denke, "Bedlam" ist das Produkt der unterschiedlichsten Einflüsse aus jeglichen Bereichen des Alltags. So hat sich für uns auch nichts geändert mit "Bedlam" - beziehungsweise stärkt die durchweg positive Resonanz den Rücken und ermutigt, weiter zu machen, und nicht schon wieder aufzugeben.

Dronning Maud LandGW: Es war auch die Rede von einer Reihe von Wiederveröffentlichungen. Wann werden diese nun erscheinen und in welcher Form? Gibt es von Dronning Maud Land auch Bildmaterial vielleicht als Bonus für die anstehenden Wiederveröffentlichungen?
Carsten: Da beide Alben vergriffen sind, haben wir geplant, das Material auf zwei Compilations namens "The Essence of A Decade" neu rauszubringen. Das Artwork ist schon lange fertig, geplant war die Veröffentlichung für Ende 2003, momentan konzentrieren wir uns natürlich erst mal auf die Promo von "Bedlam", alles weitere wird sich zeigen. An Bildmaterial hatten wir dabei nicht gedacht. Bandphotos sind meistens ziemlich affig, auf der anderen Seite wollen die Zeitschriften auch meistens "keine Kunst". Dementsprechend sieht´s dann auch aus…

GW: Gibt es Tourpläne für die anstehenden Monate oder beschränkt ihr euch lieber auf einzelne Festivalgigs?
Carsten: Es ist mittlerweile gar nicht mehr so leicht, vernünftige Sachen zu buchen, die Veranstalter übertragen das gesamte Risiko auf die Band. So was machen wir einfach nicht mehr, ich zahle doch nicht dafür, auf der Bühne stehen zu können. Auf der anderen Seite stehen wir gerne auf der Bühne, wir sind eine Vollblut Live Band und nehmen prinzipiell jede Show mit, die sich uns bietet. Zu Touren wäre ganz weit vorne, diesbezüglich ist aber leider noch nichts geplant.

GW: Was sind die weiteren Pläne für Dronning Maud Land?
Carsten: Wir wollen uns bald wieder hinsetzten und an neuem Material arbeiten. Am 15.Novemver ist das Label- Festival in der Moritzbastei, da freuen wir uns schon sehr drauf!



Michael Kuhlen (Obliveon) für GOTHICWORLD


Homepage: www.dronning-maud-land.de